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Früchte des Zorns

In den Flüchtlingslagern des Libanon haben die Radikalen Zulauf.
aus DER SPIEGEL 22/2007

Mehr als hundert Menschen sind schon ums Leben gekommen, doch Scheich Mohammed al-Bakri, der nur ein paar Straßen vom Schlachtfeld wohnt, zieht eine Erfolgsbilanz. »Reihenweise laufen uns die jungen Leute in den Palästinenserlagern zu«, sagt der Prediger aus Tripoli im Nordlibanon. »So mächtig wie heute waren wir Salafisten noch nie.«

Kurz unterbricht ihn das Artilleriefeuer aus dem nahegelegenen Nahr-al-Barid-Camp, dann zählt er auf: Fatah al-Islam, die Gruppe, die sich am Stadtrand von Tripoli gerade ein blutiges Gefecht mit der libanesischen Armee liefert, sei nur eine der militant-islamistischen Bewegungen im Libanon. »Wir haben noch viele andere: den Dschund al-Scham, den Dschund al-Islam, die Usbat al-Anfar - manche gibt es seit Jahrzehnten, manche, wie Fatah al-Islam, sind erst kürzlich entstanden.«

Drei Millionen zählt die Gemeinde der palästinensischen Flüchtlinge und ihrer Nachkommen im Nahen Osten. 400 000 von ihnen leben im Libanon, das sind mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Verhältnisse in den Lagern sind trostlos, die sanitären Bedingungen skandalös, die Aussichten der jungen Leute deprimierend. Da weder die Regierungen des Libanon noch die säkularen Palästinenserführer je etwas für sie getan haben, ernten nun Radikal-Islamisten vom Schlage Scheich Mohammeds die Früchte des Zorns: Was in den besetzten Gebieten die Hamas, sind in den libanesischen Camps Gruppen wie Fatah al-Islam.

Deren Ziele sind inzwischen ganz andere als die der Hamas, geschweige denn die der alten PLO von Jassir Arafat. »Uns interessieren die künstlichen Grenzen im Nahen Osten nicht«, sagt der Islamisten-Scheich: »Was ist schon der ,Libanon', was ist ,Syrien'?« Der Kampf dieser Gruppen sei ein Kampf für die Umma, die Nation der Gläubigen. Wenn schon ein geografischer Name hermüsse, dann kämpfe man für den »Bilad al-Scham« - so hieß zu Kalifatszeiten die osmanische Provinz am östlichen Mittelmeer.

Vorbei sind die Zeiten, in denen linkes, sozialistisches Gedankengut die Palästinenser befeuerte. »Solidarität«, »Opfer« und »Märtyrertum« sind heute ausschließlich religiöse Begriffe. Selbst die Fatah, Arafats Bewegung, verbrämt die Selbstmordattentate ihrer Aksa-Brigaden längst mit religiöser Symbolik. Die Ideologien haben gewechselt, mit Genugtuung registrieren die Fundamentalisten den langsamen Tod des alten Nationalismus.

Fatah al-Intifada - »Eroberung des Aufstands« - hieß die führende Kraft im Camp Nahr al-Barid, bevor sich im November Schakir al-Absi, ein Freund des getöteten Qaida-Führers Abu Mussab al-Sarkawi, ihrer annahm. Heute heißt sie Fatah al-Islam. »Die Bewegung ist erfolgreich von den Salafisten gekapert worden«, sagt Scheich Mohammed al-Bakri, »so wird es auch den anderen Gruppen ergehen.«

Sein erstes Ziel, hatte Absi im März proklamiert, sei es, die palästinensische Gemeinde im Libanon nach islamischem Recht zu formen. Erst dann sei sie vorbereitet für die zweite, die eigentliche Mission - den Kampf gegen Israel. BERNHARD ZAND

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