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ERZIEHUNG / POLYTECHNISCHER UNTERRICHT Frühe Saat

aus DER SPIEGEL 20/1969

Westdeutsche Pädagogen könnten von ihren DDR-Kollegen vieles lernen. Doch zwei Hindernisse stehen dem entgegen: Die westdeutschen Lehrer wollen vom ostdeutschen Lehrkörper nichts lernen; die DDR-Lehrer, umgekehrt, dürfen sie nichts lehren.

Das etwa ist das Fazit einer Studie über den neuesten Stand des polytechnischen Unterrichts in der DDR, die der West-Berliner Pädagoge Willi Voelmy, 41, jetzt veröffentlicht hat*.

Die Methoden, mit denen Voelmy, Dozent an der Pädagogischen Hochschule und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungsforschung in Berlin, sein Material gewann, veranschaulichen das Ausmaß deutscher Spaltung: Da die DDR keinem westdeutschen Lehrer oder Wissenschaftler erlaubt, das System ihres polytechnischen Unterrichts hinter der Mauer zu studieren, und da sie selber nur karge Angaben darüber veröffentlicht, mußte Voelmy das SED-Zentralblatt »Neues Deutschland« und andere allgemein zugängliche Publikationen einer »quantitativen systematischen Inhaltsanalyse« unterziehen, wie er es nennt.

Dieses Verfahren der Tatsachengewinnung ist neu und ungewöhnlich -zumindest bei erziehungswissenschaftlichen Studien. Doch die Zuverlässigkeit dieser analytischen Methode ist seit nahezu einem Vierteljahrhundert unbestritten: US-Wissenschaftler filterten damit im Zweiten Weltkrieg

* Willi Voelmy: »Polytechnischer Unterricht in der zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule der DDR seit 1964«. Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt; 184 Selten; 12,80 Mark.

den Tatsachengehalt aus deutscher und japanischer Propaganda heraus, der ihnen dann zutreffende Voraussagen erlaubte.

Nun hatten die Propagandisten des Führers und des Tennos durchaus triftige Gründe, vieles zu verschleiern. Warum aber die DDR eine ihrer beachtlichsten Errungenschaften nicht jedermann offen darlegt, bleibt das Geheimnis ihrer Führer.

Denn die Voelmy-Studie beweist, daß zehn Jahre polytechnischer Unterricht die DDR-Schüler keineswegs zu sozialistischen Robotern abgestumpft haben. Die jungen Ostdeutschen sind vielmehr ihren westdeutschen Altersgenossen weit voraus: Sie besitzen mehr schöpferische Initiative und Selbständigkeit, die sie befähigen, im Berufsleben wendiger zu agieren und zu reagieren.

So rät denn auch Autor Voelmy, bundesdeutsche Pädagogen sollten »zumindest akzeptieren, daß der polytechnische Unterricht in Ostdeutschland gegenwärtig einen Entwicklungsstand erreicht hat, der verschiedenen westdeutschen Bildungspolitikern als ... Fernziel vor Augen schwebt«.

Bislang wird in der Bundesrepublik immer noch ein »vorberuflicher Unterricht« meist nur geplant -- öfter unter der Bezeichnung »Arbeitslehre« und selten als »Hinführung zur Berufs-, Arbeits- und Wirtschaftswelt«. Die Vokabel »polytechnisch« ist verpönt, weil sie von Karl Marx stammt.

Die Sowjet-Union erhob schon bald nach ihrer Gründung den Begriff »polytechnische Bildung« zur bildungspolitischen Weltanschauung -- als »einen Zustand innerer Geprägtheit des Individuums« (Voelmy). Die DDR übernahm die sowjetische Definition und versteht nun unter »polytechnischer Bildung und Erziehung« ein breitgefächertes Programm.

Allen DDR-Schülern schreibt die Einheitspartei den Besuch der Einheitsschule vor. Es ist die »zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule«, die auf einen vorschulischen Kindergarten aufbaut. Erst nach Ende der zehnjährigen Schulpflicht teilen sich die Wege aller Absolventen: Die einen kommen über berufsausbildende Einrichtungen weiter, die anderen gelangen über die zweiklassige »Erweiterte Oberschule« zur Hochschulreife,

Alle Jugendlichen aber erhalten, ob sie später Schlosser oder Arzt werden, denselben beruflichen Unterricht. Er dient, so das DDR-Schulgesetz von 1965, der »Vermittlung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten«, die der »Mensch in der sozialistischen Gesellschaft« braucht, um »sich in der wissenschaftlich und gesellschaftlich veränderten Praxis zu bewähren«.

Diese Erziehung setzt bereits im Kindergarten ein, wo die Drei- bis Sechsjährigen mit Tischdecken und Bettenmachen allmählich an polytechnische Prinzipien gewöhnt werden.

Von der ersten Klasse an wird dann allen Schülern der Unter- und Mittelstufe das Werken beigebracht: Sie lernen die Bearbeitung verschiedener Werkstoffe wie Papier, Pappe, Folien, Kunstleder, Holz und Metall. Sie üben mit technischen Baukästen und basteln elektrotechnische Modelle.

Im Schulgartenunterricht (pro Schüler drei bis vier Quadratmeter Nutzfläche) erfahren sie bei praktischer Gartenarbeit die Grundbegriffe der Landwirtschaft: Sie legen Beete an, säen, gießen, jäten und schützen das Angebaute vor Vogelfraß durch »Aufhängen von Schreckmitteln« (DDR-Lehrplan>. Sie ernten und sortieren die Erträge und berechnen die Einnahmen nach Mark und Pfennig.

Aber erst in der Oberstufe beginnt der planmäßige polytechnische Unterricht mit den Fächern Einführung in die sozialistische Produktion, Technisches Zeichnen sowie Produktionsarbeit der Schüler. Diese Ausbildung beansprucht etwa 14 Prozent des gesamten Unterrichts. Folge: In der zehnten Klasse stehen dem Deutschunterricht nur vier Wochenstunden zur Verfügung, dem polytechnischen Unterricht und der Mathematik aber je eine Stunde mehr.

Für die Oberstufen-Schüler ist Polytechnisches auch nicht mehr auf den Schulbereich beschränkt. Wöchentlich einmal gehen sie mit ihrem polytechnischen Fachlehrer in Fabriken oder landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften. Dort hantieren sie mit Schraubenschlüsseln und Feilen, bedienen Drehbänke oder fahren Traktoren.

Voelmy stieß hei seiner Analyse auf »keinen Beweis für die Behauptung, daß alles unterrichtliche Geschehen vornehmlich von politischen Motiven her begründet und gesteuert wird«. Vielmehr fand er heraus, daß der polytechnische Unterricht in der DDR »immer mehr die Form eines vorberuflichen Unterrichts annimmt mit dem Ziel, die Jugendlichen besser auf ihren Eintritt in die Berufs- und Arbeitswelt vorzubereiten und sie zu befähigen, die künftige Entwicklung der modernen Industriegesellschaft qualifiziert und verantwortungsbewußt mitzugestalten«.

Das Erreichte läßt sich errechnen: Jeder 13jährige DDR-Schüler hat bereits so viele berufs- und wirtschaftskundliche Erfahrungen, wie sie heute in der Bundesrepublik nicht einmal ein Abiturient besitzt.

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