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»Früher war alles besser«

In fast allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion regiert jetzt die zweite Garnitur der einstigen KP-Nomenklatura - mit dem alten Apparat. Viele hoffen auf eine Restauration der Sowjetzeit. Auch in den anderen Ländern des vormaligen Ostblocks finden die Kräfte von gestern wieder Zuspruch, müssen die Reformer zurückstecken.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Ihr Leben hatte Alewtina Fedulowa der Partei gewidmet. Mit 17 kümmerte sich die Laborantin um die Partei-Kinderorganisation, mit 23 trat sie der Partei bei und machte im Jugendbund Komsomol Karriere bis zur hauptberuflichen ZK-Sekretärin - fortan geachtetes Mitglied der herrschenden Klasse, zum Preis vollkommener Ergebenheit.

Mit 44 übernahm Alewtina Fedulowa das Friedenskomitee der UdSSR, das ihr die Chance zu Auslandsreisen bot. Unter Gorbatschow wurde sie Erste Vizechefin des Frauenkomitees und ZK-Mitglied. Dann war alles zu Ende: mit 51 arbeitslos und aller Privilegien ledig.

Auf lebenslangen Pfründen hatten sich die Regierungskommunisten im Lande Lenins eingerichtet. Über Nacht und völlig unverhofft, verloren sie den Boden - ihre einträgliche Partei, ihren allumfassenden Staat mit seinen teuren Streitkräften sowie das erhebende Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Weltmacht.

Ein Trostwort geht unter den Enteigneten um: Wir kommen wieder, wartet nur ein Weilchen. Und viele sind schon wieder da.

Alewtina Fedulowa half, eine parteifreie »Russische Frauen-Union« zu gründen. Zur Vorsitzenden wurde Galina Galkina vom früheren Frauenkomitee gewählt, und die verzichtete einfach zugunsten der Fedulowa. Begeisterten Applaus erhielt sie von der ersten Kosmonautin, Walentina Tereschkowa, selbst langjährige Vorsitzende der sowjetischen »Freundschaftsgesellschaften«, die nun, noch immer Reisekader, für ihren Wohnort Jaroslawl Spenden in der Partnerstadt Kassel sammelt.

Alte Kämpferinnen und Kämpfer werden gebraucht. Sie regieren sämtliche Nachfolgestaaten der dahingeschiedenen Sowjetunion, ausgenommen die drei Baltenrepubliken, Aserbaidschan - seit zwei Wochen - und Armenien (wo zwei US-Bürger Minister wurden).

In Rußland herrscht Boris Jelzin, der bis 1987 als Kandidat dem Politbüro der KPdSU angehörte. Rußlands Parlament - noch immer nicht frei gewählt - lehnte es jüngst förmlich ab, dem Untergang der UdSSR zuzustimmen. Die Deputierten wollen weiter in einem staatsrechtlichen Leichnam leben, auf dessen Auferstehung sie inbrünstig hoffen.

In der Ukraine bestimmt Leonid Krawtschuk, der noch 1990 als Zweiter Parteisekretär in Kiew wirkte. Nursultan Nasarbajew, Präsident von Kasachstan, war bis zum Putsch-August 1991 Parteichef ebendort.

Allerorts im GUS-Land hat jetzt die zweite Garnitur der alten KP-Bürokratie das Sagen. Nur im fernen Kyrgystan regiert ein Technikprofessor, Askar Akajew (der sich auch als KP-Mitglied, so sagt er, stets als »Sozialdemokrat« fühlte), und in Belorußland amtiert das Ex-Parteimitglied Stanislaw Schuschkewitsch als Vorsitzender eines Obersten Sowjet, von dessen 328 Abgeordneten 289 einst Kommunisten waren. Allmorgendlich läßt sich Ex-Parteichef Sokolow Rapport erstatten, ob die am Vortage im Parlament aufgetretenen Genossen auch nicht »bei der Durchführung der Parteilinie« geschwankt haben.

Ansonsten schaltet und waltet in früheren Sowjetlanden eine Seilschaft von Genossen unter neuen Emblemen in gewohnter Art. Zuweilen gelang es ihnen sogar, die ganze Perestroika-Zeit Gorbatschows zu überspringen - wie in Tadschikistan in den Bergen des Pamir.

Dort gewann 1991 ein Mann die Präsidentenwahl, der schon 1985, also noch in sowjetischer Steinzeit, als nicht mehr tragbarer Korruptionär pensioniert worden war: Rachman Nabijew, 61, der in seiner Republik im Januar sogar die KP mit altem Namen wieder installierte. Die Opposition - Demokraten und Moslems - belagerte ihn vor seinem Amtssitz in Duschanbe, er ließ schießen (108 Tote). Nabijew opferte seinen Parlamentschef - und ernannte ihn zum Chef der Geheimpolizei. Erst als seine Leibgarde Mitte Mai die Front wechselte, nahm der Altkommunist Oppositionelle in seine Regierung auf.

In Turkmenien ist ebenfalls der neue Präsident, Saparmurad Nijasow, 51, der alte Parteiboß. Seine Demokratische Partei ist die einzige Partei im Land. Auch die Methoden blieben: Als unlängst US-Außenminister James Baker die Republik an der iranischen Grenze besuchte, wurden Regierungsgegner unter Hausarrest gestellt.

Moldawiens Präsident, Mircea Snegur, war vorher ZK-Sekretär. Über Usbekistan herrscht der frühere Parteichef Islam Karimow als Präsident und Premier in Personalunion.

Verworrener gestaltet sich die Machtfrage im Kaukasus. In Aserbaidschan stürzte der zum Präsidenten avancierte Ex-Parteichef Mutalibow und putschte gegen seinen Nachfolger, einen altbewährten Genossen, was nun zur Wahl eines Nichtkommunisten führte.

Doch im Landesteil Nachitschewan herrscht weiter der berüchtigte Gejdar Alijew, einst KGB-Chef in Aserbaidschan und in Moskau Politbüro-Mitglied. In Georgien wurde der gewählte Ex-Dissident Gamsachurdia aus seinem Präsidentenpalast gebombt. Ihm folgte der einstige Parteichef der Republik, der zum Reformsozialisten geläuterte Eduard Schewardnadse. Seither wurden 16 Abgeordnete und Dutzende Demonstranten verhaftet.

Ansonsten, wohin das Auge blickt - Towarischtschi, Genossen. Sie halten die Posten in den Lokalverwaltungen und im Behördenmittelbau. »Wir müssen auch das letzte Erbe der totalitären Herrschaft überwinden«, verkündete Moskaus neuer Oberbürgermeister, Jurij Luschkow: »die allmächtigen Sowjets aller Ebenen«. Und Pawel Woschtschanow, bis vor kurzem Sprecher Jelzins, urteilt: »Die kriminelle Partei ist gegangen, aber der von ihr geschaffene kriminelle Staat ist geblieben.«

Vier Polizeigenerale, frühere Vize-Innenminister der UdSSR, fungieren heute als Vize-Innenminister Rußlands. In der Armee wirken die Politruks weiter als Personalberater. Der letzte UdSSR-Premier, Rüstungsfachmann Iwan Silajew, vertritt Rußland bei der EG. Moskaus Bevollmächtigter in Afghanistan von 1979 bis 1986, Botschafter Tabejew, leitet den Russischen Fonds für Bundesvermögen.

Zu russischen Vizepremiers avancierten jetzt der Rüstungsdirektor Chischa und der neue Minister für Brennstoffe und Energie, Tschernomyrdin, der schon vor der Gorbatschow-Ära Minister für Gasindustrie war. Die Berufung des radikalen Marktwirtschaftlers Jegor Gaidar zum amtierenden Premier in Rußland unmittelbar vor Jelzins USA-Besuch wertete die Nesawissimaja gaseta lediglich als »Demonstration für den ausländischen Zuschauer«.

Die einst allmächtige Planungsbehörde Gosplan, die über Jahrzehnte die so reiche Sowjetunion ruinierte, plant unter neuem Namen (Amt für strategische Prognostizierung) munter weiter in die Marktwirtschaft a la russe hinein.

Privatisierung bedeutet oft lediglich Übernahme des Betriebs durch den bisherigen, vom Staat berufenen Direktor als neuem Chef. Parteifunktionäre machen sich mit Parteigeldern als Unternehmer selbständig; Komsomolführer engagieren sich in den neuen Großbanken, Ex-Vorsitzender Pastuchow wurde russischer Vize-Außenminister. KGB-Agenten mit Auslandserfahrung agieren als Teilhaber bei Joint-ventures.

Sie alle entdecken ganz neue Chancen der Bereicherung und Chancen, die ihnen nicht einmal die Partei bot: ein Leben wie im Westen. Dabei gewährt auch Jelzin per Ukas höheren Amtsträgern neben dem Gehalt »materiell-alltägliche und medizinische Betreuung«.

Sie machen weiter, die Zensoren sitzen noch in den Redaktionen, auch wenn die Redakteure sie ignorieren. Die Auslandsabteilung des KGB spioniert nun als »Auslandsaufklärungsdienst«. Die Inlandsabteilungen haben ihre Spitzelei nur eingeschränkt, sie nennen sich jetzt »Sicherheitsdienste«.

Niemand wird für Verbrechen der Vergangenheit zur Verantwortung gezogen, bruchlos schaffte die Bürokratie den Übergang in ein neues Regime - wie denn auch die Bolschewiki nach ihrem Putsch von 1917 den zaristischen Apparat übernommen hatten.

Woher auch sollte damals wie heute neues Personal kommen? So bleibt die Schicksalsfrage der GUS, wieweit sich die Stützen des alten Regimes gewandelten Verhältnissen anpassen.

Demokratische Parolen schmücken allemal bei dem Unterfangen, weiter Subventionen aus dem Westen zu akquirieren. Doch als US-Finanzminister Nicholas Brady die nächsten 24 Milliarden Dollar für gefährdet erklärte, stornierte der russische Volkskongreß seinen Widerstand gegen die Wirtschaftsreform. Die geht bislang ohnehin kaum über das hinaus, was Lenin im Jahr 1921 konzedierte - bis Stalin kam.

Einen neuen Stalin, der Remedur schafft, erwarten Enttäuschte und Entmachtete auf den Ruinen der UdSSR - oder doch wenigstens einen Lenin. Plakate beider Sowjetheiliger begleiteten den Umzug Zehntausender Gestriger am 1. Mai auf dem Roten Platz.

Im Kiewer Staatskomitee für Presse, das den Krawtschuk-Kurs zu propagieren hat, äußerte Vizechef Wassilij Schamrai vor einem goldgerahmten Lenin-Bild: »Lenin war der größte Sowjetpolitiker, und solange ich in diesem Büro arbeite, bleibt er hier hängen.«

Lenin war ein Demokrat, befand der Barde, »Gorbatschow ist ein Verräter, mit ihm begann der Niedergang«. Sein Gast, ein Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, hörte offene Worte: »Die Union hätte erhalten bleiben müssen. Früher war alles besser, schöner, sauberer, billiger, moralischer. Ohne die Partei wäre dieses Land nie so groß geworden. Wir haben den Faschismus besiegt, den Krieg gewonnen, damals herrschte Zucht und Ordnung, jawohl!«

So denken sie, die Überläufer in eine neue Zeit: »Seit 1991 befinden wir uns in dem Zustand, als ob die Sowjetunion eine Niederlage in einem dritten Weltkrieg erlitten hätte - eine ebenso vernichtende wie Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg«, zieht Iwan Jerochin, Professor für Wehrkunde, eine verzweifelte Parallele. Immerhin: »Man muß sich wenigstens beim Schicksal bedanken, daß dies unblutig geschah.«

Jerochins seltsamer Vergleich im Militärbulletin Wojenny westnik (das als Erscheinungsort auch 1992 noch »Moskau, UdSSR« angibt): *___Ende der Existenz eines Staates - damals des Dritten ____Reichs, heute der UdSSR; *___Abtrennung eines Teils des Territoriums - damals ____Ostdeutschland, heute die baltischen Republiken; *___Aufteilung des übriggebliebenen Gebiets - vier ____Besatzungszonen in Deutschland, zwölf souveräne Staaten ____in der UdSSR; *___Ende einer einheitlichen Militärorganisation - der ____deutschen Wehrmacht, der Streitkräfte der UdSSR.

Weil Deutschland es geschafft habe, wieder nach oben zu kommen, so tröstet sich der Militärwissenschaftler, werde es auch Rußland gelingen - genauso wie nach 1917, als nach dem Zerfall des Zarenreiches die Bolschewiki den Wiederaufstieg besorgten: »Fast alle die zahlreich entstandenen Splitter-Republiken, die sich mit ihrer Souveränität insgesamt lediglich ein Jahrfünft lang abgespalten hatten - ausgenommen Finnland und Polen, die sich völlig abtrennten -, vereinigten sich im Dezember 1922 erneut zu einem einheitlichen Staat: der UdSSR.«

Diese Sowjetunion, das neue Völkergefängnis, war Stalins Werk. Nach fünf bitteren Jahren ohne Hammer und Sichel wäre es demnach jetzt soweit, die rote Fahne wieder aufzuziehen. Daran wird gearbeitet. Rußlands Außenminister Andrej Kosyrew: »Die Nomenklatura nimmt Revanche.«

Voriges Jahr, noch unter Gorbatschow, scheiterte die Rückeroberung der Macht über Litauen, hernach der Staatsstreich in Moskau, aber in Georgien brachte ein Gewaltakt den Machthaber der Breschnew-Zeit zurück.

Und was das verlorengegangene Glacis in Ost- und Südosteuropa betrifft, regieren bewährte Konfidenten immerhin noch in Belgrad und in Bukarest. In Polen wurde ein ehemaliger KP-Sympathisant am 5. Juni Ministerpräsident. Fast ein Drittel seiner Bürger wünscht eine Wiederkehr der Kommunisten, laut Umfragen denken so in Ungarn und Bulgarien 32 Prozent der Einwohner - in Ost-Berlin laut Wahl 29,7 Prozent.

Doch 52 Prozent der Polen wenden sich gegen die gescheiterte Staatspartei. Rußlands Jelzin setzt denn auch, wie er es als Kommunist gelernt hat, auf historische Gesetze: Die treiben nicht mehr zum Sieg des Sozialismus, sondern zum Durchbruch westlicher Lebensformen. »Rußland ist aufgerüttelt, es ist auf dem Weg in die Marktwirtschaft, zu einem normalen, vollwertigen Leben«, verabschiedete Jelzin im April seinen renitenten Volkskongreß. »Der Gang der Geschichte ist nicht mehr aufzuhalten.«

Der zu 86 Prozent aus ehemaligen Kommunisten zusammengesetzte Kongreß spiegelt nicht die öffentliche Meinung wider, die sich in Rußland mit 57,3 Prozent in direkter Wahl für den gewendeten Kommunisten Jelzin entschied. Für eine Majorität ehemaliger Sowjetuntertanen haben die Kommunisten endgültig ausgespielt; das aufgeklärtere Volk, das nicht mehr wie 1917 mehrheitlich aus Analphabeten besteht, fordert die Demokratie, notfalls mit Entschlossenheit wie jüngst in Tadschikistan.

»Ich bin zu 90 Prozent optimistisch, denn in Rußland leben heute geistig befreite Menschen«, urteilt der Atomphysiker Jurij Orlow, der als Regimekritiker 1978 für acht Jahre ins Lager kam.

Doch nirgendwo im GUS-Gebiet haben bisher freie Wahlen zu parlamentarischen Gremien stattgefunden. Noch fehlen große, landesweit organisierte Parteien, derweil die - verbotene - KPdSU schon wieder eine ZK-Sitzung zustande brachte, auf der zunächst einmal das Mitglied Michail Gorbatschow aus der Partei ausgeschlossen wurde.

Freigeist Orlow nennt gleichwohl Indizien für die Irreversibilität des Wandels: »Wir haben inzwischen funktionierende demokratische Institutionen, es gibt mehr als 100 politische Parteien, Gewerkschaften und Bürgerkomitees, das russische Volk hat seine Demokratiefähigkeit längst bewiesen. Wer daran zweifelt, verletzt unseren Stolz.«

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