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ESTLAND Frustrierte Großmacht

Mart Laar, 47, Ex-Premier und Parlamentsabgeordneter in Tallinn, über den Konflikt seines Landes mit Russland
aus DER SPIEGEL 19/2007

SPIEGEL: Die Versetzung des sowjetischen Soldatendenkmals in Tallinn hat das Verhältnis zwischen Esten und Russen dramatisch verschlechtert. Ist es wirklich die in Ihrem Land lebende russische Minderheit, die hinter den wütenden Protesten in der estnischen Hauptstadt und in Moskau steckt?

Laar: Es ist nur eine Minderheit jener Minderheit. Rund ein Drittel der 1,4 Millionen Einwohner ist russischer Herkunft - randaliert haben aber nur knapp 2000 junge Leute. Trotzdem haben viele Russen Angst, dass die Esten sie nach den Straßenschlachten jetzt alle für Marodeure halten.

SPIEGEL: Hat Moskau die Proteste angestiftet?

Laar: Wir haben ganz klare Hinweise darauf, dass es Kontakte der russischen Botschaft mit den radikalen jungen Russen gab. Die Ausschreitungen sind eindeutig von der Putin-Regierung gewollt.

SPIEGEL: Welchen Sinn macht es für Moskau, in Ihrem Land Unruhe zu stiften?

Laar: Dahinter steckt frustriertes, altes Großmacht-Denken. Viele in Russland können kaum aushalten, dass Länder, über die Moskau früher herrschte, jetzt selbständig sind und eine eigenständige Politik betreiben. Das russische Nationalbewusstsein ist dafür zu schwach ausgeprägt, es braucht dringend einen äußeren Feind. Den gibt Putin seinen Landsleuten. Mal sind es die Ukrainer, mal die Polen, mal die Georgier. Im Moment sind wir dran.

SPIEGEL: Ihr Land ist in der EU und in der Nato. Muss Estland den großen Nachbarn ernsthaft fürchten?

Laar: Was Moskau bleibt, sind Wirtschaftsblockaden und Schikanen an der Grenze. Der georgische Wein zum Beispiel gewinnt auf internationalen Messen Goldmedaillen - aber die Russen behaupten, er entspräche nicht ihren Hygienevorschriften, deshalb lassen sie ihn nicht ins Land. Solche Art von Boykotts kann es auch gegenüber Estland geben.

SPIEGEL: Nimmt die EU die Probleme ihrer östlichen Mitglieder ernst genug?

Laar: Sie hat viel dazugelernt, aber das hat eine Weile gedauert, wir sind zufrieden mit Brüssel. Russland versucht, einen Keil in die Europäische Union zu treiben. Der Konflikt zeigt: Wir brauchen dringend eine gemeinsame EU-Außenpolitik.

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