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Slowenien Führender Reformstaat

aus DER SPIEGEL 29/1994

Drei Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit hat sich die nördlichste Republik des ehemaligen Jugoslawien in die Reformstaaten Mittel- und Osteuropas eingereiht - und liegt vorn. Fast 90 Prozent des Handels wickelt Slowenien mit westlichen Partnern ab, der heimische Tolar hat sich gegenüber westlichen Währungen stabilisiert, die Leistungsbilanz ist, anders als in Polen oder Ungarn, fast ausgeglichen. Erstmals wird für dieses Jahr, ähnlich wie in Tschechien, ein Wirtschaftswachstum erwartet. Eine große Koalitionsregierung sitzt fest im Sattel, ein politisches Comeback der Postkommunisten wie anderswo in Osteuropa ist nicht in Sicht.

Einziger Ärger der Slowenen: Seitdem die neofaschistische Sozialbewegung MSI in der neuen Rechtsregierung Italiens mitbestimmt, heizen Mussolinis Erben ein altes nationales Thema wieder an, das durch den Osimo-Vertrag vor 19 Jahren endgültig erledigt schien. Damals regelten Italien und Jugoslawien ihre offenen Grenzfragen über das Gebiet im Hinterland von Triest. Belgrad verpflichtete sich später, 110 Millionen Dollar Entschädigung für jene Italiener zu zahlen, die aus Istrien in den ersten Nachkriegsjahren vertrieben wurden.

Nun fordern die italienischen Ultrarechten den Anschluß der schönen Adria-Gefilde. »Wir verlangen ja nicht ferne Länder wie Libyen oder Äthiopien zurück«, erklärt der MSI-Sprecher Fulvio Slugo, »aber Istrien war bereits ein Teil des Imperium Romanum.« Einen Vorgeschmack, wie ernst italienische Großmachtträume zu nehmen sind, bekommt die junge Alpenrepublik schon jetzt zu spüren. Rom blockiert den Assoziierungsvertrag der Europäischen Union mit Ljubljana und verlangt die Rückgabe der Grundstücke und Häuser der einst Vertriebenen.

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_109_ Slowenien u. Kroatien: Ehemals italienisches Gebiet (Karte)

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