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Protestanten Fündig bei Brüdern

In einer konzertierten Aktion setzten sich prominente Würdenträger der evangelischen Kirche in der vergangenen Woche für die Ratifizierung der Ostverträge ein.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Der Bischof und der Professor wagten als Christen, was sie sich als Kirchenmänner nicht getraut hatten: Sie nahmen Partei.

Am Donnerstag letzter Woche unterzeichneten Kirchenführer Kurt Scharf aus Berlin und der Tübinger Jurist Ludwig Raiser, Präses der evangelischen Synode, gemeinsam mit 23 anderen prominenten Protestanten eine Erklärung, die Willy Brandts Ostpolitik den Segen erteilt. Die Polit-Laien fanden, »daß die Verträge von Moskau, Warschau und Berlin jenen Beitrag zum Frieden ermöglichen, den nur die Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland leisten können und den unsere Nachbarn in Ost und West von uns erwarten dürfen«.

Vierzehn Tage zuvor, Mitte März, waren Scharf und Raiser als Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorsichtiger gewesen. Gemeinsam mit ihren Mit-Räten -- darunter der frühere Berufsprotestant und heutige Ministerkandidat im Schattenkabinett von Rainer Barzel, Richard von Weizsäcker -- hatten sich die beiden Bekenner noch mit einer flauen Formulierung abgefunden: »Es ist nicht Aufgabe der Kirche, in der notwendigen Auseinandersetzung der politischen Parteien über die Ratifizierungsfrage für oder gegen eine der beiden Seiten Stellung zu nehmen.«

Der Widerspruch zwischen Christ und Amtschrist spiegelt die gegenwärtige Situation der Evangelischen. Immer mehr Gläubige klagen über die politische Zurückhaltung ihrer Kirche, die schon 1965 mit einer offiziellen Ost-Denkschrift den geistigen Boden für »die derzeitige Bonner Entspannungspolitik bereiten half. In einem politisch entscheidenden Augenblick hülle sie sich -- so der Vorwurf -- in Schweigen. Die evangelischen Oberen -- in der Ostfrage ebenso parteipolitisch gespalten wie ihre Herde -- hingegen erschreckt die Aussicht, die Kirche könnte mit einer konsequenten Stellungnahme in den Vertragsstreit hineingezogen werden.

Auf einer Routinesitzung Mitte März in Berlin suchten die Ratsmitglieder der EKD. unter Leitung ihres Vorsitzenden, des bayrischen Landesbischofs Hermann Dietzfelbinger, und auf Betreiben des CDU-Christen Weizsäcker deshalb nach einem Ausweg.

Unverbindlich ermutigten sie »alle Politiker ... den Weg der Versöhnung mit unseren östlichen Nachbarn, den die evangelische Kirche seit langem bewußt beschritten hat, nach vorn zu gehen«. Zugleich aber dekretierte das Kollegium die strikte partei- und damit ostpolitische Neutralität ihrer Kirche: »Weder ist die Kirche über die Voraussetzung besser unterrichtet, noch ist ihr Urteil über die Folgen fundierter als das der zur Entscheidung berufenen Politiker.«

Vor sieben Jahren hatten sich die Christenmänner noch berufen gefühlt. Die »Kammer für öffentliche Verantwortung« der evangelischen Kirche hatte damals davor gewarnt, die Deutschland- und Ostpolitik ausschließlich aus juristischen Formeln abzuleiten. Eine vom Rat veröffentlichte Denkschrift plädierte schon 1965 für eine Politik der Versöhnung und des Ausgleichs mit dem Osten und verlangte von Bonns Politikern strikten Realitätsbezug: »Das formale Argument, daß nur eine künftige gesamtdeutsche Regierung zu so weittragenden Entscheidungen befugt sei, kann nicht länger rechtfertigen, die Klärung der ... Grundsatzfragen auf unbestimmte Zeit zu verschieben.«

Per Rundbrief suchten letzte Woche drei Hirten, die dem EKD-Rat nicht angehören, das politische Bekenntnis der Kirche wieder auf den alten Stand zu bringen. Helmut Hild, Kirchenpräsident von Hessen-Nassau, Karl Immer, Präses der rheinischen Kirche und der braunschweigische Bischof Gerhard Heintze warben bei »bekannten evangelischen Persönlichkeiten« (Hild) um eine eindeutigere Stellungnahme für die Ostverträge.

Mit seinem Argument, »die Verträge von Moskau und Warschau sind nur die politische Konsequenz aus den Anstößen von damals«, keilte Hild nicht nur Pastoren und Professoren wie etwa den Physiker und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker. Auch bei den Amtsbrüdern wurde er fündig: So unterschrieben neben Scharf und Raiser Eduard Lohse (Bischof in Hannover), Fritz Viering (Landessuperintendent der Lippischen Kirche) sowie die beiden Alt-Präsiden Beckmann (Rheinland) und Wilm (Westfalen).

Das klerikale Fußvolk war den Oberhirten freilich schon zuvorgekommen. Zu Beginn der Karwoche hatten 257 Vikare, Pastoren und Dekane aus Württemberg allen Abgeordneten des Deutschen Bundestages einen offenen Brief zugesandt. Ihr Kernsatz: »Darum warnen wir heute davor, durch Ablehnung der Ostverträge die Herausforderung zur Versöhnung zu versäumen.«

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