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FÜNF MÄNNER KAMEN NACH MITTERNACHT

aus DER SPIEGEL 15/1965

Der Tote lag, die Arme verrenkt,

dunkle Blutflecken am gestreiften Schlafanzug, auf dem schmutzigen Kopfsteinpflaster. So fand Karel Maxbauer, Heizer des Prager Czernin -Palastes, am 10. März 1948, kurz nach Morgengrauen, seinen Hausherrn, den Außenminister der Tschechoslowakischen Republik, Jan Masaryk.

Ein Polizeiarzt stellte mit einem Blick fest, daß der Tod sofort nach dem Aufprall des Körpers aus dem 15 Meter über der Erde gelegenen Badezimmerfenster eingetreten sei.

Das kommunistische Prager Kabinett dem Masaryk als einziger Nichtkommunist angehört hatte - benötigte für seine Diagnose sechs Stunden: Westliche Pressehetze, Krankheit und Schlaflosigkeit hätten Minister Masaryk in den Freitod getrieben.

Doch die Welt glaubte nicht an Selbstmord. In Prag hat der Fenstersturz als politische Waffe Tradition. Mit dem ersten Prager Fenstersturz im Juli 1419 begannen die grausamen Hussitenkriege. Am 23. Mai 1618 warfen protestantische Prager Bürger drei katholische kaiserliche Räte aus einem Fenster des Hradschin und lösten damit den Dreißigjährigen Krieg aus.

Mit Masaryks Ende begann in Europa der Kalte Krieg.

Erst drei Jahre vorher hatten die alliierten Großmächte gemeinsam gesiegt. Sie hatten das Hitlerreich zerstört und die Welt, scheinbar in schöner Übereinstimmung, in Interessensphären aufgeteilt. Sie hatten die Vereinten Nationen gegründet. Die Völker hofften auf Frieden, ohne Bedrohung durch neue Tyrannei.

Die Jubelstimmung war bald verflogen. Stalin griff nach den osteuropäischen Ländern und entfesselte den Bürgerkrieg in Griechenland. Aber erst als er im Februar 1948 durch einen kalten Putsch auch die CSR, ein demokratisch regiertes Land in Mitteleuropa, dem roten Riesenreich einverleibte, schlug die Stimmung im Westen gegenüber dem einstigen Kriegsverbündeten jäh und endgültig um.

Nach dem Fall von Prag und dem Fenstersturz Masaryks setzte die westliche Gegenoffensive ein. Stalin wurde gestoppt. Sein nächster Griff nach Westen - die Blockade Berlins - scheiterte. In Europa und Asien rasselte der Eiserne Vorhang nieder. Deutschland wurde geteilt und wiederaufgerüstet. Westeuropa gründete das Nordatlantische Verteidigungsbündnis.

Die Prager Krise, die den Wendepunkt der Nachkriegsgeschichte markiert, begann am 13. Februar 1948.

Die zwölf nichtkommunistischen Minister im Koalitionskabinett des KP-Premiers Clement Gottwald traten an diesem Tag aus Protest zurück, weil der kommunistische Innenminister Vaclav Nosek die letzten acht nichtkommunistischen Polizei-Bezirkschefs in Prag durch KP-Kommissare ersetzt hatte.

Die Demokraten wollten damit Neuwahlen erzwingen, aber die Kommunisten nutzten den Vorfall zum Putsch. Mit Hilfe des eilends aus Moskau angereisten Umsturz-Experten Walerian Sorin, der von ihnen beherrschten Polizei, bewaffneter KP-Miliz und der Drohung, sowjetische Truppen würden einmarschieren, zwangen sie Präsident Benesch, ein kommunistisches Kabinett zu berufen.

Einziger Nichtkommunist in der neuen Regierung war Jan Masaryk. Er blieb Außenminister, um, wie er Freunden erzählte, »von der Demokratie soviel wie möglich zu retten«. Masaryks Vater Tomas war der Gründer der Tschechoslowakischen Republik gewesen. Er selbst hatte lange Emigrationsjahre in England und Amerika verbracht, hatte eine amerikanische Frau und war im Westen als Diplomat und Staatsmann hoch angesehen.

In den Tagen zwischen dem Umsturz und Masaryks Fenstersturz kursierten in Prag Gerüchte, der Minister plane die Flucht nach dem Westen und einen Appell an die freie Welt. Schon einmal war ihm per Post ein Sprengstoffpaket ins Haus geschickt worden. Deshalb forderte Jan Papanek, der noch von der gestürzten Prager Regierung entsandte tschechische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen, eine Uno-Untersuchung des Todes von Jan Masaryk.

Aber Uno-Generalsekretär Trygve Lie entschied, Papanek sei nicht mehr akkreditierter Vertreter Prags bei der Uno. Die Untersuchung unterblieb. Die westlichen Staatskanzleien waren überzeugt, daß Masaryks angeblicher Selbstmord in Wahrheit Mord war. Doch Details blieben im dunkeln.

Erst jetzt, 17 Jahre nach dem Fenstersturz, lassen sich aus Aussagen von Überläufern, Ermittlungen westlicher Geheimdienste und den geheimen Vernehmungsprotokollen des Prager Innenministeriums, die unlängst in den Westen gelangten, die letzten 24 Stunden im Leben Jan Masaryks lückenlos rekonstruieren.

Masaryk war damals 63 Jahre alt und bei guter Gesundheit. Seit dem 18. Februar war er leicht erkältet. Sein Arzt hatte ihm Schonung auferlegt, ihm jedoch erlaubt, weiter zu arbeiten. Am 10. März hatte er zwei wichtige Verabredungen: den ersten Auftritt des neuen Kabinetts vor dem Parlament und einen Vortrag vor der Tschechisch-Polnischen Gesellschaft.

Die folgende Rekonstruktion seines letzten Lebenstages ist eidesstattlichen Erklärungen entnommen, die sich bei den Geheimakten des tschechischen Innenministeriums befinden.

Bohumil Prihoda, Masaryks Leibdiener, der 28 Jahre lang für die Familie gearbeitet hatte:

»Ich brachte dem Minister am 9. März um acht Uhr das Frühstück, eine halbe Stunde früher als gewöhnlich, weil er einige Besucher erwartete. Nach dem Frühstück rasierte ich ihn und fragte, was er anziehen wolle, da ich wußte, daß er zusammen mit dem neuen polnischen Botschafter zu Benesch mußte.

»Masaryk sagte: 'Ein schwarzer Straßenanzug, und nicht die formelle Kleidung. Wir sind ja jetzt Proletarier.'«

Dr. Pavel Kavan, Erster Sekretär der Tschechoslowakischen Botschaft in London:

»Ich suchte den Minister um 9.15 Uhr auf, wie ich es am Vortage mit seinem Sekretär abgesprochen hatte. Ich berichtete ihm über die Londoner Reaktion auf seinen Entschluß, in der kommunistisch kontrollierten Regierung zu bleiben. Ich sagte ihm, Kreise der Labour Party seien der Meinung, sein Verbleiben in der Regierung garantiere ein gewisses Maß an Demokratie. Masaryk schien darüber befriedigt und wiederholte mit ironischem Unterton: 'ein gewisses Maß'.«

Um 10 Uhr fuhr Masaryk in seinem schwarzen Packard nach Sezimovo Usti, dem privaten Landsitz des Präsidenten, wo der neue polnische Botschafter sein Beglaubigungsschreiben überreichte. Nach Verabschiedung des Botschafters hatte Masaryk eine lange Unterredung mit Präsident Benesch. Anschließend speiste er mit dem Ehepaar Benesch und kehrte gegen 14.30 Uhr in den Czernin -Palast zurück.

Dr. Josef Kubin, einer von Masaryks Privatsekretären: »Ich war um 15.15 Uhr für etwa 45 Minuten beim Minister. Er lag im Bett und hatte offenbar eine Zeitlang geschlafen. Ich gab ihm die Post und Ausschnitte der englischen und amerikanischen Presse, die sein Verbleiben in der Regierung betrafen. Er las alles kommentarlos. Bevor ich mich verabschiedete, sagte er: 'Um 17 Uhr kommt Kavan. Ich wollte ihm einen Brief an Kratochvil (den Botschafter in London) mitgeben, will es aber doch lieber nicht tun. Es ist zur Zeit besser, nichts zu schreiben.'

»'Ich werde Kavan so schnell wie möglich verabschieden, weil ich meine morgige Rede vor der Tschechisch-Polnischen Gesellschaft vorbereiten muß. Wenn ich sie heute nicht fertigkriege, werde ich es morgen nachmittag nach der Kabinettsitzung machen und sie Ihnen dann zum Abtippen 'rüberschikken.'

»Der Minister begann zu lachen. Ich sah ihn an. Josef, sollte ich nicht morgen in einem blauen Monteuranzug zur Kabinettsitzung gehen? Das wäre doch die angemessene Kleidung.'

»Der Minister sah müde aus. Offenbar hatte er sich noch nicht völlig von seiner Erkältung erholt. Sonst schien er guter Dinge zu sein. Ich konnte keine Anzeichen einer Depression oder irgend etwas Anomales wahrnehmen. Er trug mir auf, mich bei der Amerikanischen Botschaft nach einem passenden Datum für ein Essen zu erkundigen, das er zu Ehren des amerikanischen Botschafters Lawrence Steinhardt und dessen Frau geben wollte.«

Bohumil Prihoda, der Diener: »Gegen 17 Uhr brachte ich dem Minister den Tee. Er war gut gelaunt und bestellte sein Abendessen für 20 Uhr. Kurz bevor ich das Zimmer verließ, kam Dr. Kavan aus unserer Londoner Botschaft herein.«

Sekretär Kubin: »Ich suchte den Minister erneut um 18.30 Uhr auf. Er arbeitete an seiner Rede für die Tschechisch-Polnische Gesellschaft und stimmte der Zeiteinteilung für den nächsten Tag zu, die ich ihm vorlegte. Der Minister wünschte mir eine gute Nacht und bat mich, ihn am nächsten Morgen gegen 10 Uhr aufzusuchen, falls er noch irgend etwas für die Kabinettsitzung benötigen sollte.«

Diener Prihoda: »Ich brachte dem Minister das Abendessen kurz nach 20 Uhr. Er aß alles mit gutem Appetit. Wie gewöhnlich stellte ich ihm eine Flasche Bier ans Bett, zwei Flaschen Mineralwasser, dazu zwei Schlaftabletten. Er sagte: Vielen Dank, Prihoda. Ich glaube nicht, daß ich Sie heute noch benötigen werde.'

»Ich verließ sein Schlafzimmer gegen 21 Uhr. Der Minister schien normal, ruhig und gut gelaunt. Ich bemerkte nichts Ungewöhnliches.«

Masaryks Privatwohnung befand sich im zweiten Stock des Außenministeriums. Zugang war nur über einen Fahrstuhl möglich. Die Türen zum Treppenhaus waren im Parterre, dem ersten und zweiten Stock verschlossen und wurden nur für Empfänge geöffnet. Karel Maxbauer, der Heizer des Czernin -Palastes: »Um fünf Uhr morgens nahm ich den Fahrstuhlschlüssel aus dem Wachzimmer und fuhr mit meinem Schwager Pomezny zum vierten Stock hinauf. Frau Prihoda, die dort mit ihrem Mann wohnt, gab uns den Bodenschlüssel. Von dort kletterten wir auf das Dach, um die Fahne hereinzuholen, die am Vortag wegen des polnischen Nationalfeiertages aufgezogen worden war. Gegen 5.20 Uhr kamen wir wieder herunter und gaben den Schlüssel ab.

»Als wir den Flur entlang zum Fahrstuhl gingen, sah ich durchs Fenster hindurch unten im Hof einen Menschen liegen. Ich erkannte auf den ersten Blick, daß es Minister Masaryk war. Ich fuhr mit Pomezny zum Wachraum hinunter und meldete meine Entdekkung Polizeikommissar Klapka, der sofort einen Krankenwagen alarmierte.«

Josef Klapka, Polizeikommissar: »Ich hatte Innendienst im Außenministerium, zusammen mit meinem Stellvertreter Polizeimeister Emanuel Jindracek, mit Polizeimeister Filipovsky und den Wachtmeistern Stanek und Sedm. Ich ließ Sedm gegen Mitternacht nach Hause gehen, weil er über starke Zahnschmerzen klagte. Wir kontrollierten den Hof und das Erdgeschoß. Irgend etwas Verdächtiges bemerkten wir nicht.

»Maxbauer meldete sich um 5.27 Uhr bei mir und berichtete sehr aufgeregt, daß Masaryk tot im Hof liege. Ich lief sofort zum Hof und öffnete die Tür mit dem Schlüssel aus dem Wachzimmer. Ohne Zweifel war Minister Masaryk tot. Ich führte die erforderlichen Telephongespräche und beorderte Polizeimeister Jindracek in den Hof - mit der Anweisung, niemanden an die Leiche heranzulassen. Dann sagte ich Pomezny, dem zweiten Heizer, der mit Maxbauer auf dem Dach gewesen war, er solle die Leiche mit einer Decke aus dem Wachraum zudecken, ohne sie jedoch zu berühren.«

Der Polizist Filipovsky berichtete, er habe um 0.30 Uhr noch Licht im Schlafzimmer Masaryks gesehen. Aber bevor er seine Wache um 1.30 Uhr beendete, sei es in der Wohnung, des Ministers dunkel gewesen.

Vaclav Liman, Bote im Außenministerium: »Es gibt 14 Schlüssel für den Fahrstuhl. Der Minister besaß zwei, andere Familienmitglieder drei, Herr und Frau Prihoda je einen, Herr Kalousek, der Elektriker, einen, die Reinmachefrau einen. Die übrigen hingen im Wachzimmer.«

Morgens um 6.55 Uhr trafen Dr. Hora und Dr. Borkovec, beide hohe Beamte des Innenministeriums, ein. Wenige Sekunden später kamen zwölf Polizeioffiziere in drei verschiedenen Wagen. Mit ihnen Oberst Dr. Teply, der Polizeiarzt des Innenministeriums.

Dr. Jiri Hora, der Leiter der Kriminalabteilung des Innenministeriums: »Um 5.40 Uhr erreichte mich ein Anruf mit der Nachricht, Minister Masaryk sei tot und seine Leiche liege im Hof des Außenministeriums. Auf dem Wege zum Außenministerium holte ich Dr. Borkovec ab, der bereits vor seinem Haus wartete.«

Dr. Frantisek Borkovec, stellvertretender Chef des Sicherheitsdienstes im Innenministerium: »Ich traf zusammen mit Dr. Hora im Außenministerium ein. Wenige Augenblicke später kam Dr. Teply an. Ich, Dr. Hora und vier oder fünf weitere Polizeioffiziere waren anwesend, als Dr. Teply die Leiche des Ministers untersuchte. Ich war auch anwesend, als das Schlafzimmer des Ministers untersucht wurde. Ich habe keine weiteren Aussagen zu machen. Nach den Vorschriften hat dies durch den Innen-, den Informationsminister oder das Büro des Premierministers zu erfolgen.«

Dr. Jaromir Teply, der Polizeiarzt: »Ich traf im Außenministerium einige Minuten nach sieben Uhr ein und begab mich sofort in den Hof. Der Minister lag auf dem Rücken, im Pyjama und barfuß.

»Nach einer flüchtigen Untersuchung stellte ich Wunden in Magenhöhe, an Händen und Unterarmen fest, die verschmutzt waren, wahrscheinlich durch Mörtel. Auf seinem Rücken und am Schlafanzug waren Spuren von Exkrementen zu erkennen. Beide Fußknöchel waren gebrochen. Die Knochen hingen lose herab. Die Hüftknochen waren gebrochen und zum Magen hin verdreht.

»Der Minister mußte sofort nach dem Aufprall auf den Boden gestorben sein. Zeitpunkt: ungefähr 5.30 Uhr. Ich konnte an seinem Körper keine Spuren von Gewaltverbrechen finden. Nach der Untersuchung ging ich zusammen mit den anwesenden Polizeioffizieren in sein Schlafzimmer hinauf. Im Schlaf- und Badezimmer herrschte große Unordnung. Das Badezimmerfenster war weit geöffnet. Auf der Fensterbank sah ich weitere Spuren von Exkrementen.«

Gegen 7.30 Uhr waren der Innenminister Vaclav Nosek und andere hohe Regierungsbeamte eingetroffen.

Diener Prihoda: »Meine Frau weckte mich um 5.30 Uhr und erzählte mir, der Minister liege tot im Hof. Ich zog mich an und ging hinunter, aber die Polizei gestattete mir nicht, mich der Leiche zu nähern. Später führten mich die Polizisten in Masaryks Wohnung hinauf. Im Schlafzimmer herrschte ein großes Durcheinander. Die Kopfkissen waren aus dem Bett verschwunden. Das Badezimmer war ebenfalls in großer Unordnung. Das Badezimmerfenster, das immer geschlossen war, stand jetzt offen.

»Die Toilettenartikel des Ministers lagen auf dem Boden verstreut, und mehrere Gläser waren zerbrochen. Auch der Rasierspiegel lag zerbrochen auf dem Fußboden. Ich kann mir nicht erklären, wie die Kopfkissen in das Badezimmer gelangt waren. Das war noch nie vorgekommen. Ich erkläre noch einmal, daß der Minister gestern abend in guter Stimmung war. Er hatte wie immer seine Flasche Bier getrunken und die beiden kleinen Flaschen Mineralwasser, denn ich fand die leeren

Flaschen wie gewöhnlich neben dem Nachttisch. Die Schlaftabletten waren auch weg.«

Vilibald Hofman, Polizeirat: »Ich betrat das Schlafzimmer um 7.04 Uhr. Der Raum befand sich im Zustand völliger Unordnung. Das Bettlaken hatte einen großen Riß. Im Bett befanden sich keine Kissen. Auf dem Fußboden neben dem Nachttisch sah ich drei leere Flaschen. Eine Kristallvase lag zerbrochen neben der Badezimmertür. Im Badezimmer herrschte ein Chaos, die meisten Toilettengegenstände lagen zerbrochen auf dem Fußboden. Das Fenster war weit offen.

»Schon vor einer Untersuchung im Laboratorium möchte ich sagen, daß auf die Gegenstände getreten worden ist. Drei Kopfkissen lagen auf dem Boden verstreut. Auf einem glaubte ich Speichelspuren zu sehen. Auf Anweisung von Dr. Borkovec maß ich die Entfernung vom Fußboden zur Fensterbank im Schlaf- und Badezimmer. Schlafzimmer: 60 Zentimeter. Badezimmer: 130 Zentimeter.

»Auf dem Nachttisch lag eine Bibel. In drei Aschenbechern zählte ich 14 Kippen. Auf den ersten Blick würde ich sagen, daß sie verschiedenen Zigarettenmarken entstammten.«

Dr. Oscar Klinger, Masaryks Privatarzt: »Seit 1940 bin ich Privatarzt von Präsident Benesch und seit 1941 auch von Außenminister Masaryk. Ich besuchte den Minister alle zwei Tage, manchmal täglich. Der Minister war für sein Alter recht gesund.

»Geistig war er völlig normal, obgleich er in den letzten Kriegsjahren und den ersten Nachkriegsjahren sehr unter Depressionen gelitten hatte, die auf den Tod seiner beiden Neffen zurückzuführen sind*.

»Ich sah den Minister zum letztenmal am 8. März um 19.30 Uhr. Er war völlig normal, nicht deprimiert, höchstens etwas über die politische Lage besorgt. Er hatte keine Temperatur, obgleich er noch etwas unter den Folgen der eben überstandenen Erkältung litt. Der Minister nahm keine Medizin, nur gelegentlich Pillen gegen Kopfschmerzen und täglich zwei Schlaftabletten, die ich ihm verschrieben hatte. Diese Tabletten garantierten ihm fünf bis sechs Stunden ungestörten Schlaf. Es wurde mir nicht gestattet, seine Leiche zu untersuchen.«

Das waren die eidesstattlichen Erklärungen, die von 70 verschiedenen Polizeibeamten am 10. März aufgenommen wurden. Die meisten der Vernommenen waren keine Kommunisten. Es ist anzunehmen, daß sie fast alle die Wahrheit sagten. Das neue Regime war erst zwei Wochen an der Macht. Die Leute waren zwar vorsichtig, sie waren aber noch nicht, wie später, völlig eingeschüchtert. Eine formelle Autopsie wurde vorgenommen und das Ergebnis später veröffentlicht:

»Herz zerrissen, Aorta beschädigt, Leber und Blase geplatzt, Rippen gebrochen, Rückgrat gebrochen, das Bekken zerschmettert, die Eingeweide voller Blut, Beine und Knöchel gebrochen. Der Tod trat sofort ein.«

Der Autopsie-Befund war von Professor E. Hajek unterzeichnet, einem bekannten Pathologen der Karls-Universität. Professor Hajek erzählte Familienangehörigen später, er habe die Erklärung nie unterzeichnet. Er sei überhaupt nie näher als drei Meter an die Leiche herangekommen.

Die Reaktion des Volkes auf die Selbstmord-Version der Regierung mußte das Regime beunruhigen. Es kam zu Zwischenfällen, Angriffen auf Kommunisten. Die Kirchen waren mit Menschen überfüllt, die für den toten Masaryk beteten. Eine halbe Million Tschechen defilierte an der Bahre des toten Ministers.

Um ihre Version glaubhaft zu machen, gab die Regierung bekannt, Masaryk habe während seiner letzten Tage Briefe und Telegramme von Reaktionären aus dem Westen bekommen, die ihm Vorwürfe wegen seines Verbleibens im Kabinett machten und ihn Verräter hießen. Keiner dieser angeblichen Briefe wurde je im Wortlaut veröffentlicht.

In seiner Grabrede wiederholte Ministerpräsident Gottwald die Behauptung, »eine organisierte Kampagne des Westens« habe »unseren lieben Jan in den Selbstmord getrieben«. Präsident Benesch ignorierte Gottwald und das Kabinett während der Beerdigung und wechselte statt dessen mit dem amerikanischen Botschafter Lawrence Steinhardt einige Worte.

Einige Tage nachdem Masaryk an der Seite seiner Eltern in Lany zur Ruhe gebettet worden war, wies Informationsminister Vaclav Kopecky Rundfunk und, die seit dem Putsch gleichgeschaltete Presse an, den Namen des Verstorbenen nicht mehr zu erwähnen.

Innenminister Vaclav Nosek befahl der Polizei, alle weiteren Untersuchungen einzustellen, da der Selbstmord bewiesen und die Akte abgeschlossen sei.

Masaryks Tod löste eine Fluchtwelle aus. Bis Ende Mai flüchteten 60 000 Tschechen nach Deutschland.

Obgleich die CSR-Grenzen bald mit bewährtem Zubehör - Wachttürme, Stacheldraht und Minenfelder - versehen waren, ging der Verkehr weiter, in beiden Richtungen. Die amerikanische Abwehr CIC warb Agenten, die ihren Weg zusammen mit Doppelspionen, Schwarzmarkthändlern und verzweifelten Emigranten zurück in die Tschechoslowakei fanden.

Darunter waren im Sommer 1948 auch drei junge Männer, die sich in keine der genannten Kategorien einordnen ließen. Seit ihrer gemeinsamen Dienstzeit in der tschechischen Armee waren sie Freunde und nannten sich »Die Brüder«. Sie waren sicher, die Identität des Mannes zu kennen, der Jan Masaryk den Todesstoß versetzte. Und sie kehrten zurück, um ihn umzubringen.

Um zehn Uhr morgens an einem Juli-Sonntag klingelte es an der Tür einer Wohnung im Prager Bezirk Vinohrady. Sie gehörte Major Franz Schramm von der Geheimen Staatspolizei STB (Stani Bezpecnost).

Seine russische Frau öffnete die Tür. Ein blonder junger Mann in einem hellen Regenmantel fragte nach dem Major. Die Frau ließ ihn in den Flur und rief ihren Mann. Schließlich war Schramms Adresse geheim. Nur wenige höhere Offiziere kannten sie.

Schramm trat im Schlafanzug in den Flur. Der junge Mann zog einen Revolver aus der Tasche, schoß dreimal und entkam unerkannt. Schramm sank zu Boden - tot.

Franz Schramm war eine geheimnisumwitterte Person. Gebürtiger Sudetendeutscher, hatte er über 20 Jahre in der Sowjet-Union verbracht und war bei Kriegsende zusammen mit der Roten Armee in die Tschechoslowakei zurückgekehrt. Obwohl er keine Erfahrung im Polizeidienst besaß, wurde er im Dezember 1945 zum Verbindungsoffizier zwischen dem STB und einer NKWD-Einheit ernannt, die beim Abmarsch der Sowjets aus der CSR in Prag zurückgelassen worden war.

Der Aufwand, Schramms Mörder aufzuspüren, war außerordentlich. Sofort wurde ein Steckbrief erlassen. Doch in Prag gibt es viele blonde junge Männer mit hellen Regenmänteln. Dutzende wurden verhaftet. Aber auch Foltern fruchteten nichts - alle hatten ein Alibi.

Schließlich wurde eine Belohnung von 100 000 Kronen für die Ergreifung des Täters ausgesetzt. Natürlich wurde niemals angedeutet, daß Masaryks Tod etwas mit dem Mord an Schramm zu tun haben könnte.

Der Innenminister beauftragte Dr. Borkovec, der auch Masaryks Tod mituntersucht hatte, mit der Untersuchung des Verbrechens. Borkovec war kein Kommunist, sondern ein Berufspolizist mit 30jähriger Erfahrung.

Einige Tage nach dem Mord an Schramm stellte die Polizei einen weiteren jungen Mann, der zu flüchten versuchte, dabei aber angeschossen wurde. Der junge Mann, Jiri Choc, 22, wurde später in der Praxis des Arztes Dr. Jozko Provaznik verhaftet, als der ihm seine Handwunde verband. Der Arzt wurde ebenfalls festgenommen.

Choc, Jurastudent, war im Mai aus der Tschechoslowakei geflohen und im Juni als CIC-Agent aus Deutschland zurückgekehrt. Er gestand, Spion zu sein, gab aber auch nach schweren Folterungen den Mord an Schramm nicht zu.

Schramms Frau war nicht sicher, ob Choc der Mann war, der bei ihr geläutet hatte. Aber die Hausmeisterin des Schrammschen Wohnhauses, die unter den Deutschen als Gestapo-Spitzel gedient hatte, war sofort bereit, Choc als den Gesuchten zu identifizieren.

Das reichte für einen Prozeß. Aber der Kriminalbeamte Borkovec war von der raschen Aussage der Hausmeistersfrau nicht überzeugt worden. Er sah sich nach weiteren Beweisen um, während der Prozeß vorbereitet wurde.

Borkovec durchstöberte die Akten über Schramm. Es gab davon wenig genug. Aber in einigen Dossiers fand er wenigstens kleine Hinweise.

Zunächst: Schramm war in der Sowjet-Union vom NKWD ausgebildet worden und unterstand auch in Prag direkt den Russen. Seine Aufgabe war

es, im Privatleben prominenter Tschechen zu schnüffeln.

Zweitens: Schramm hatte befohlen, eine Untersuchung wegen Schwarzhandels gegen Vaclav Sedm einzustellen. Der Name kam Borkovec bekannt vor. Bald fand er heraus, daß es sich um jenen Polizisten handelte, der am Abend vor Masaryks Tod vom Wachhabenden im Czernin-Palast wegen Zahnschmerzen nach Hause geschickt worden war.

Sedm war wenige Wochen nach diesem Vorfall aus dem Polizeidienst ausgeschieden und Geschäftsführer eines verstaatlichten Juwelierladens, geworden - zweifellos eine einträglichere Stellung. Bald danach kam es zur Untersuchung wegen Schwarzhandels, die von Schramm eingestellt wurde.

Behutsam begann Borkovec nach Sedm zu suchen. Der Ex-Polizist war jedoch im Juni 1948 bei einem Autounfall umgekommen. Seine Leiche war ohne Autopsie verbrannt worden.

Borkovec vertraute sich Josef Kadlec an, einem früheren Hauptkommissar der Polizei, der bei der Machtübernahme der Kommunisten in den Ruhestand versetzt worden war. Kadlec war jahrelang Leibwächter Präsident Tomas Masaryks gewesen.

Auch Kadlec fand den Sachverhalt äußerst verdächtig und besuchte unter einem Vorwand die Familie Sedm. Er freundete sich mit Sedms Witwe an, die als Hilfsarbeiterin in einer Fabrik arbeitete. Eines Tages erzählte sie ihm, daß ihm Vaclav, wenn er noch lebte, von fünf Männern berichten könnte, die sich am Tage von Masaryks Tod in den Czernin -Palast eingeschlichen hätten.

Borkovec suchte daraufhin die Männer auf, die Masaryks Leiche gereinigt hatten. Er fand nur noch einen, der nicht gerade darauf erpicht schien zu reden. Eines holte Borkovec allerdings aus dem Mann heraus: Er hatte einen Einstich hinter dem rechten Ohr Masaryks entdeckt.

In allen Spekulationen über den Mord an Masaryk war immer wieder davon die Rede gewesen, daß der-Minister durch einen Schlag mit einem Pistolenknauf bewußtlos geschlagen worden sei. Daß er eine Injektion bekommen habe, schien weitaus wahrscheinlicher zu klingen.

Borkovec und Kadlec erinnerten sich, daß Masaryks Leiche im Außenministerium so aufgebahrt worden war, daß man nur die linke Gesichtshälfte des Toten sehen konnte.

Ein Photo von der anderen Seite des aufgebahrten Sarges zeigte einen Veilchenstrauß hinter dem rechten Ohr, der einen Teil von Masaryks Kopf verdeckte. Dieses Photo stammte von der offiziellen tschechischen Nachrichtenagentur. Sie hatte es an alle Prager Zeitungen geschickt. Aber wenige Stunden später hatte die Agentur alle Redaktionen angerufen und die Veröffentlichung dieses Bildes untersagt. Ein Bote sammelte alle Abzüge wieder ein. Eine Kopie wurde allerdings in den Westen geschmuggelt und 1949 zuerst von »Paris Match« veröffentlicht als »das Photo, von dem jeder spricht« (siehe Seite 114).

Kadlec machte den Vorschlag, das Grab Masaryks zu öffnen und die Haut hinter dem rechten Ohr von einem Experten nach einem möglichen Einstich untersuchen zu lassen. Borkovec, der unterdessen vom Fall Masaryk besessen war, stimmte dem Kadlec-Vorschlag zu, obwohl er sich der damit verbundenen Gefahren bewußt sein mußte. Doch noch bevor sie etwas unternehmen konnten, wurden die beiden Kriminalbeamten denunziert und verhaftet.

Kadlec starb beim Verhör. Borkovec zu beseitigen, war schwieriger. Er war ein integrer Beamter, den selbst die Kommunisten unter seinen Kollegen respektierten. Außerdem wußte das ganze Ministerium von seiner Verhaftung.

Ein Vorwand fand sich Ende 1948, als in der Stadt Leitmeritz eine Widerstandsgruppe Halbwüchsiger das Militärgefängnis stürmen wollte, in dem 350 Berufsoffiziere auf die Aburteilung warteten.

Die Bewaffnung der jungen Leute war vollig unzureichend. Sieben von ihnen wurden getötet, 40 verhaftet. Ohne zu ahnen warum, wurde Borkovec bald darauf unter schwerer Bewachung ins Gefängnis von Leitmeritz übergeführt.

In einem Schauprozeß, der wenig später eröffnet wurde, gestand Borkovec, der Anführer der Widerstandsgruppe von Leitmeritz gewesen zu sein. Daß er nicht einmal die Namen seiner Mit-Konspiratoren kannte oder sie ihn kannten spielte keine Rolle, Borkovec wurde ohne viele Umstände gehenkt. Er hätte sein Wissen mit ins Grab genommen, wenn er nicht vor der Überführung nach Leitmeritz seinen Zellengenossen alles anvertraut hätte.

Zwei Mitgefangenen erzählte er, es sei kein Wunder, daß selbst Gottwald und Nosek vom Mord an Masaryk überrascht worden seien. Die Operation sei von einer NKWD-Einheit unter Führung Schramms ausgeführt worden.

Nach Borkovecs Verhaftung verschwanden auch fast alle Zeugen, die am 10. März zum Tode Masaryks ausgesagt hatten: die übrigen Polizisten und das Diener-Ehepaar Prihoda. Pavel Kavan, der frühere Sekretär der Londoner Botschaft, blieb noch ein Jahr in Freiheit, wahrscheinlich, weil er in der Kommunistischen Partei sehr angesehen war. 1949 wurde auch er verhaftet, zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt und erst 1956 wieder entlassen. Wenige Wochen später starb er. Über die Masaryk -Affäre senkte sich ein Vorhang des Schweigens.

Was halten Experten von den vorhandenen Beweisen? Wie beurteilen Abwehroffiziere die verschiedenen Gerüchte und Berichte?

In den Abwehrarchiven eines größen westlichen Landes findet sich folgende Beurteilung:

»Obgleich die tschechischen Behörden eilig sämtliche Informationsquellen verschlossen, war die anfängliche Verwirrung so groß, daß die wichtigsten Tatsachen bekannt wurden und Schlüsse möglich sind.

»Es gibt zahlreiche Hinweise dafür daß es zu einem Kampf kam, bevor Masaryk einen lähmenden oder tödlichen Schlag oder eine Injektion bekam.

»Die Exkremente auf der Fensterbank und im Schlafanzug sind ein Zeichen für Todesangst. Wie Dr. Klinger, Masaryks Privatarzt, vermerkte, verspüren Selbstmörder kaum Todesangst, da sie aus freiem Willen handeln.

»Es kann für Sedm nicht schwer gewesen sein, einen Fahrstuhlschlüssel zu besorgen und die Männer hereinzulassen, bevor er weggeschickt wurde. Sie sind wahrscheinlich lange nach Mitternacht eingedrungen und haben den schlaftrunkenen Masaryk ins Badezimmer gezerrt. Die zerbrochenen Toilettenartikel deuten darauf hin, daß Masaryk sich verzweifelt wehrte, der Speichel am Kopfkissen, daß sie mit dem Kissen seine Hilferufe erstickten.«

Heute ist es schwer, in der Tschechoslowakei noch Anzeichen dafür zu finden, daß die beiden Masaryks, Vater Tomas und Sohn Jan, jemals existiert haben. Auf der Brüsseler Weltausstellung gelang den Kommunisten das Kunststück, im tschechischen Pavillon die Geschichte des Landes von 1621 bis 1959 darzustellen, ohne daß der Name Masaryk - der des Gründers und der des Märtyrers der Tschechoslowakei auch nur einmal erwähnt wurde.

* Die Brüder, Revilliod, Söhne Olga Masaryksm, waren die letzten männlichen Nachkommen der Familie. Sie waren Schweizer Staatsbürger, dienten im Kriege in der britischen Luftwaffe und fielen beide.

Aufgebohrter Masaryk: Hinter dem Ohr ein verräterischer Blumenstrauß

Masaryks Sturz*: Indizien der Todesangst

Tschechischer Premier Gottwald

»Soll ich im blauen Monteuranzug ...

... zur Kabinetts-Sitzung gehen?": Tschechische Arbeitermiliz beim KP-Putsch im Februar 1948

Minister Masaryk, Präsident Benesch, britischer Offizier Jeden Abend zwei Schlaftabletten

Masaryk-Vater Tomas Masaryk

Den Gründer und den Märtyrer ...

Masaryk-Begräbnis in Prag

... aus der Geschichte gestrichen

* Vom Badezimmerfenster in den Hof des Außenministeriums in Prag.

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