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FÜNF MINUTEN FÜR GOLGATHA

aus DER SPIEGEL 21/1962

Für den alten Mann aus Nazareth birgt Idas Marienleben keine Geheimnisse. Schließlich ist er Fremdenführer. In der kühlen Grotte der Verkündigung, an deren Gestein frommes Dekor sich wie Zuckerguß rankt, berichtet er mit durchdringender Stimme, wie alles anfing. »Hier stand Heilige Jungfrau Maria, hier bitte Erzengel Gabriel ...«

Prompt richten die Pilger aus dem Abendland ihre Belichtungsmesser dorthin, wo im Kerzenschimmer zwei Säulen jüngeren Ursprungs die angebeteten Standpunkte markieren. Neben mir steht eine Hausfrau aus München und faltet die Hände. Das möcht' ich, sagt sie, ja doch wissen, ob man es so genau wissen kann. »Sag' einer mir, woher?« Da neigt sich ein bekanntes Gesicht ihr zu, mit einem Bart, der alle Zweifel ausschließt, und Dr. Dr. Alois Hundhammer, Bayerns katholischer Landwirtschaftsminister, der mit Ehefrau und Sohn Alois, Leutnant der Reserve, an den Quellen seines Glaubens Erholung von den Staatsgeschäften sucht, sagt ihr, woher: »Tradition, Tradition, es war ja doch ein sehr großes Ereignis damals für die Menschen.«

Schon geraten alle in Bewegung zum Ausgang hin, aber ein bayrischer Jesuitenpater ruft die Deutschen zurück: »Moment, wir wollen noch schnell beten.« Schnell beten sie noch. Nach und nach bewegen die gerade anwesenden Pilger aus anderen Sprachgebieten und Reisegruppen auch ihre Lippen: eines der ungezählten schnellen Gebete, von denen die gepriesenen Stätten zwischen dem grünen Galiläa -und dem Toten Meer erfüllt sind wie von Bienengesumm.

Preßluftbohrer schlagen von oben her gegen den Fels. Über der Verkündigungsgrotte entsteht eine gewaltige Verkündigungskirche, frei schwebend auf Pfeilern, Platz genug, 6000 Christen auf einmal aufzunehmen. Falls so viele im Provinznest Nazareth je auf einmal erscheinen sollten. An Kirchenraum war dort auch bisher kein Mangel.

»Jetzt wollen wir gehen, besuchen Heilige Familie«, verkündigt der Führer mit einer Verve, wie sie an den Stätten des frühen Christentums fast nur die Diener Mohammeds entwickeln, die - tolerant und tüchtig im Geschäft - durch Bestimmtheit ersetzen, was an Gewißheit mangelt.

Erneut verschwinden die Pilger in einer der ungezählten Höhlen Nazareths, diesmal, um zu erfahren, wo Joseph sägte und Maria das Wasser speicherte, wo der Rauch ihrer Küche abzog und der Tisch gedeckt war.

Der Tisch vor allem sei ein schönes Original gewesen, höre ich, ganz aus Stein. Geblieben ist ein unansehnlicher Rest, eine winzige Bodenerhebung. Das übrige wurde leider abgekrümelt in Jahrhunderten von einer nach Greifbarem hungernden Christenheit.

»Sally! Ellis! Ihr Lieben!« alarmiert eine weiße Dame aus Oregon. USA, im Gedränge ihre Weggenossinnen. »Denkt nur, 30 Jahre hat ER hier zugebracht bei seinen Eltern im Zimmer.« Zwei Tage vorher, ich erinnere mich gut, haben die Lieben auf ihrer Reise zum Gelobten Land sich noch an Bord eines italienischen Schiffes einer Kollekte für die jüdischen Ostblockemigranten im Zwischendeck mit gütigem Kopfschütteln entzogen; abends, unweit Rhodos, haben sie mit Wattebällchen und Luftschlangen um sich geworfen beim Fest des Kapitäns. Nun lassen sie mit ebenso zufriedenen Gesichtern drei Geldstücke in die Zisterne Mariens fallen, eine Maßnahme, nach der man mit der Erfüllung von Herzenswünschen soll rechnen dürfen.

»Wird schon ein Franziskaner kommen und wird's zusammenkehren«, sagt einer der sechs Pfarrer, die mit der deutschen Gruppe wie die Familie Hundhammer per Boeing 707 hergepilgert sind. Mißmutig betrachtet er durch seine dicke Brille die Münzen im trockenen Schacht.

»Wasserreservoir für Hl. Fam.«, notiert sich eine streng frisierte Mamsell aus Baden in den Reisekalender, schüttelt den Kopf und macht der Skepsis einer alemannischen Seele Luft: »Offen g'sagt, mir erscheint's ein bissle z'groß für die eine Familie.« Doch tröstet sie sich: »Na ja, s'isch ja auch koi Dogma.«

Kreuzfahrer des Jet-Zeitalters haben den Zweifel im Reisegepäck. Aber sie tragen daran nicht schwer.

Ich merke es schon während unseres ersten gemeinsamen Mittagessens bei einem arabischen Wirt und Andenkenhändler zu Nazareth im Staate Israel: Sogar von einer so braven Gesellschaft wie dieser deutschen, in der neben dem Minister und den Pfarrern glaubensfeste Volksschullehrerinnen, eine Pfarrersköchin, ein pensionierter Postschaffner und ein schweigsamer Bauernknecht pilgern, wird der süße Weihrauch der Legende nicht mehr in vollen Zügen genossen.

Ein sanftes Management versorgt die Pilger, die für gleiche Kosten auch Ferien auf Teneriffa bekommen hätten, mit klösterlichen Quartieren, Wechselgeld, Phototips und passenden Gebeten.

Ein Singheft mit 58 Wallfahrtsliedern hat man ihnen bereits vor der Abreise an die Hand gegeben, nebst Anleitung zum käuflichen Erwerb des von Leo XIII. gestifteten Ehrenkreuzes für Pilger in drei Klassen (von 9 bis 60 Mark). Die meisten nutzen die Chance, sich zu dekorieren. Das Geld bekommen ja Franziskaner.

Der Orden des heiligen Franziskus, seit sechs Jahrhunderten im Heiligen Land mit dem Einkauf, der Pflege und Bewachung christlicher Heiligtümer im Dienste Roms betraut, läßt seine Patres dafür sorgen, daß die abendländischen Pilger möglichst wenige der im letzten Jahrhundert üppig auf Heiligem Boden angebauten Gedenkkirchen mit den süßfaden Malereien im Stil der Nazarener -Schule umgehen. Bei der Besorgung von Devotionalien versucht er sie an islamischen Quellen vorbei an katholische zu lotsen. »Sie erhalten dann«, wird uns rechtzeitig verkündet, »alten Ablaß, den man überhaupt bekommen kann.« Die Führer in der braunen Kutte bemühen sich schließlich, dein Laien das unmittelbare Erlebnis des harten Prestigekampfes zwischen den im Lande des Heils rivalisierenden christlichen Konfessionen und Sekten zu ersparen. So weit wie am letzten Weihnachtsfest in Bethlehem, als Repräsentanten der griechisch-orthodoxen Kirche auf dem Terrassendach der Geburtsbasilika, unter dem großen Neon-Stern ihren römisch-katholischen Freunden eine Bataille mit leeren Flaschen lieferten, soll es jedenfalls nicht wieder kommen.

»Die Griechen stehen an Weihnachten traditionell ganz oben«, schildert uns der Franziskaner-Pater Hyacinth Wilmes am Tatort in Bethlehem den Ablauf der unbiblischen Ereignisse auf der gestuften Kirchenterrasse, »sie haben angefangen.«

Gleich empört sich ein junger Kaplan aus Bayern, in seiner Zeitung habe er doch gelesen, es seien auch von den tiefer stehenden Franziskanern Flaschen gekommen. »Da sieht man wieder, was die Presse zusammenschmiert.« Pater Hyacinth schüttelt traurig den Kopf: »Wir Franziskaner sind ja immer alles.«

Wer, der Chronologie der Heilsgeschichte folgend, vom Verkündigungsort Nazareth zum Geburtsort Bethlehem, von den Bergen Galiläas zu denen Judäas herübergekommen ist, fünf Autostunden weit, hat Panzer, Barrikaden und MG-Posten passiert, hat die Demarkationslinie des Hasses zwischen Israel und Jordanien, Juden und Arabern, schon hinter sich und die Erkenntnis gewonnen, daß der Genius loci auch in anderer Hinsicht noch nicht zur Wirkung gekommen ist. Was bedeutet dagegen eine Balgerei von Mönchen?

In einem arabischen Omnibus, dessen Fahrer in den vielen Haarnadelkurven durch Olivenhaine und Weinberge einzig auf Allah baute, sind die Deutschen heraufgeprescht in die biblischen Gefilde der Hirten, ohne Frühstück Marienlieder singend, knipsend und den Freudenreichen Rosenkranz betend. In Hirtengrotten haben sie Frühmesse gehalten - eine wurde von Armeniern gleich wieder rein-geräuchert -, und der Minister hat ministriert.

Aber in die Geburtsgrotte können sie nicht hinein. Eine amerikanische Reisegesellschaft ist ihnen in 16 Taxis zuvorgekommen und schnell neben dem Altar der Basilika in den winzigen Raum hinabgestiegen, wo ein Silberstern auf der Marmorverkleidung verrät: justament hier vollzog sich die Geburt. Man hat das schon 326 n. Chr. so gut gewußt, daß die heilige Helena, der Legende nach auch glückliche Finderin des Heues, das Ochs und Esel im Stall erübrigten, angeblich die fünfschiffige Basilika über der Grotte stiftete. »... gehört zu jenen hl. Stätten, an deren Echtheit man nicht zweifeln kann«, verspricht das Pilgerbuch der Franziskaner, das auch bei zweifelhafteren Stätten nur schwache Bedenken vorbringt.

Als die deutsche Gruppe den zweiten Anlauf auf Bethlehems Wunder nimmt, haben sich zwar die Amerikaner verflüchtigt, nun aber beginnen die orthodoxen Griechen gerade in festlichem Gepränge ein Hochamt in der leeren Basilika. Das wäre römischen Katholiken nur nebenan, in ihrer Katharinenkirche, erlaubt. Auf Zehenspitzen schleichen die Deutschen am Altar der privilegierten Glaubensbrüder vorüber in die dämmerige Grotte hinunter, wo Führer Hyacinth die Hände beschwörend hebt: »Eigentlich müssen wir ganz leise sein, aber wenn wir's vorsichtig und nicht zu kräftig tun, könnten wir vielleicht doch noch 'Stille Nacht' singen.« Jawohl, das läßt sich machen, trotz des ungewohnten Termins.

Abends in einem Kaffeehaus von Jerusalem kann man, während die gleichen Pilger bei jordanischem Bier »Am Brunnen vor dem Tore« erklingen lassen, dankbar ermessen, wie sehr sie sich oben in Bethlehem zurückgehalten haben müssen.

Zuhörer auf der Gasse könnten den Eindruck gewinnen, Kreuzfahrer deutscher Reisebüros hätten den ersten Platz in der Besucherstatistik des Heiligen Landes nun erobert. Als ich dieser Frage wegen Mr. Lutfi Mughrabi, einen der Oberbeamten der jordanischen Touristenbehörde, aufsuche, nimmt er mir alle Illusionen: »Bei uns waren 6300 im letzten Jahr«, sagt er, »sogar die Engländer waren um 50 Prozent stärker vertreten, und natürlich ganz stark die Amerikaner mit 26 000.« Muselmane Mughrabi schlürft von seinem Mokka. »Wir wollen aber die Araber nicht vergessen! 78 000 immerhin in einem Jahr! Viele kommen als Christen, doch auch Mohammed ist ja hier in den Himmel gefahren, und schließlich verehren wir Jesus Christus als einen Propheten.«

Seit zwei Jahren entwickelt sich die Wanderung der späten Christenheit zu ihren orientalischen Ursprüngen rapid: Um runde 60 Prozent hat sich die Zahl der Pilger erhöht, die dem Fremdenverkehrs-Slogan des haschemitischen Königreiches Jordanien (englisch: Jordan) Folge leisten: »Through Jordan in HIS Footsteps.«

Natürlich nicht zu Fuß. Die Bewegung in den Fußstapfen des Herrn vollzieht sich vor allem per Taxi. Zum Jordan hinunter, in die glühende Senke des Toten Meeres, pilgert selbst meine deutsche Gruppe in Chevrolets und Buicks der neuesten Serie. Der Weg zur biblischen Taufstelle verkürzt sich für uns zu einer gutgefederten Stunde. Den »Berg der Versuchung«, der schroff hinter Jericho aufragt, betrachtet man von unten. »... der Satan zeigte ihm alle Reiche der Welt«, liest einer aus dem Matthäus-Evangelium (Kap. 4, 8).

Die Zuhörer halten schützend die Hand über die Augen. Dort hinauf geht keine gute Straße, nicht einmal der Gedanke an einen Sessellift ist bisher aufgetaucht, wie ihn rastlose Franziskaner drüben im Judenland, jenseits der Minenfelder, auf den Berg Tabor hinauflegen wollen, den touristisch bereits erschlossenen »Berg der Verklärung« (Markus 9, 2 - 9).

Grün schlängelt sich das Jordanflüßchen seinem salzigen Ziel, dem Toten Meer zu, um dort zu verdunsten. Niemand fühlt sich an diesem Tag versucht, die Stufen hinabzustteigen und in das Wasser zu fassen. Gleich links am Limonadenstand neben der Stelle, wo Johannes seinen Herrn getauft haben mag, neben der Imbißhalle aus Eisenbeton kann man es kaufen. Winzige Fläschchen, nur ein Eßlöffel voll, für 100 Fils (1,20 Mark). »Holy Water of Jordan River, where our LORD JESUS was baptized.«

Amerikaner, mittlerweile in vielen Taxis nachgerollt, kaufen das freudig, aber auch die Deutschen, obwohl auf dem Flaschenetikett gar nicht angesprochen, drängen heran. Denn der Fluß Jordan, den soviel Heiliges Wasser hinabgeflossen ist seitdem, macht keinen einladenden Eindruck auf sie. Dies Wasser in der Flasche wirkt vielleicht nicht heilig, doch jedenfalls rein. Sogar der gescheite Jesuitenpater aus Bayern will nicht zurückstehen: Für ein Kind, das Bekannte erwarten - hab's ihnen versprochen.« Die »Jordan Water Company« exportiert das begehrte Naß auch in Fässern, wohin man will.

Ähnlich wie am Jordanfluß, in den sie nicht Hand und nicht Fuß tauchen mögen, halten die Pilgersleute sich zurück, wenn es heißt, an Heiligen Quellen aus einem angeketteten Napf zu kosten. Treulich bekannter Glaube ans Wunderbare gibt ihnen doch nicht jenes letzte Zutrauen, das der Mikroben nicht kennet.

Man kann das bei Samaria, an der abgrundtiefen Wasserstelle des biblischen Jakob beobachten, an der, so glaubt man, Christus das Gespräch mit der Samariterin hatte (Johannes 4,5 - 42), auch am Marienbrunnen von Nazareth. Davon schlürfte schließlich, etwas ängstlich zwar wegen seiner schönen Seidenkrawatte, doch immerhin beispielgebend der Pilger Hundhammer, vom Blitzlicht der Mitpilger umleuchtet.

An der Straße vom Jordan nach Jerusalem machen die eiligen Nachfolger in den Fußstapfen des Nazareners gern fünf Minuten Pause bei dem Dörfchen Bethanien. Es kann geparkt werden nahe dem dunklen, niederen Tor der Gruft, in dem der wiedererweckte Lazarus erschienen sein soll, kurze Zeit vor dem Prozeß Jesu.

Orangefarben wie die Limonade, die uns ein Rudel Araberjungen in immer neuen Anläufen zu verkaufen trachtet, steht die Sonne über den Bergen von Judäa, als wir uns vor dem Grab versammeln. »Ich empfehle Ihnen nicht«, sagt Pater Hyacinth mit seiner brüchigen Stimme, »da runter zu steigen, voriges Jahr hat sich eine Frau den Arm gebrochen.« Das wirkt. Keiner steigt die 27 Stufen in den Modergeruch hinab, obwohl es unten laut Pilgerführer einen vollkommenen Ablaß zu gewinnen gibt.

Von Bethanien zum Ölberg, die erste Etappe des bitteren Weges nach Jerusalem, gelangt ein motorisierter Pilger in Minuten. Die Reifen jaulen. Zu Fuß sah ich keinen gehen.

Am Ölberg baut eine amerikanische Gesellschaft jetzt ein Luxushotel in Hufeisenform. 400 Betten. Die Zufahrtstraße an Gethsemane vorbei wird ein herrliches Stück 20. Jahrhundert in der altmodischen Bibellandschaft.

Auf halber Ölberghöhe gibt es als Zeugen neuer Baukultur bereits eine Kirche mit Namen »Dominus Flevit«. Der Herr weinte - über Jerusalem, von dem kein Stein auf dem anderen bleiben sollte. Damit man sehen kann, worüber er weinte, hat der Architekt am Altar eine Panoramascheibe eingelassen. Wenn der Priester zur Wandlung schreitet, ergibt sich der Cinemascope-Eindruck, als schwebten Kelch und Hostie über der Stadtmauer Sultan Solimans des Prächtigen.

Draußen im Garten Gethsemane unter den uralten Ölbäumen gibt es eine kleine Unruhe, genug, die hitzeschlappen Pilgersmänner vom Ernst des Ortes abzulenken. Zwei schöne Mädchen aus Ghana, ungemein schwarz und selbstbewußt, posieren zwischen wogenden Margeritenbüscheln für die Photoamateure aus vielen christlichen Ländern. Sie hüllen sich eng in blau-weiße Leibtücher, die mit dem Bild ihres Präsidenten ("Nkrumah ist unser Messias") und mit einem neuen Leitspruch des unruhigen Afrika bedruckt sind: »United we stand.«

Auf einer Kuppe des Ölbergs herrscht rechte Kirchweihstimmung. Italiener, Argentinier und Libanesen küssen dramatisch den Stein, von dem Jesus Christus in den Himmel gefahren sein soll. Mohammedanische Photographen halten es fest, Kuß um Kuß. Gelingt das nicht sogleich synchron, wiederholt man die Geste.

Mit Deutschen und Nordländern ist an diesem heiteren Ort kein Geschäft zu machen, die meisten berühren den Stein nicht einmal. Man findet sie eher auf halber Bergeshöhe an dem seit 39 Jahren vom Kuppeldach der »Kirche aller Nationen« überwölbten Gethsemane-Felsen beim Chorgebet. Ein rechteckiges Stück rauhen Urgesteins beherrscht den Altarraum. Mahnmal der Todesangst Christi. Am Portal, wie üblich, wird allerlei Tand verkauft. Remember Gethsemane - der fromme Schauder soll zu Buche schlagen.

Unermüdlich umkreisen Männer im Burnus die Frommen, sobald sie den, Kopf ins Freie stecken. »Anschau, anschau, Rosenkranz, Silberling von Judas, sechs Mark«, so fleht es auf und nieder an den Abhängen des »Mount of Olives«.

Der Devotionalienhandel im Heiligen Land nimmt sich (in Israel wie in Jordanien) in ergreifender Weise der Pilger an. Mit dem Ruf »Ich haben alles«, werden sie am Rockzipfel ergriffen, mitgezogen, getätschelt, mit Kaffee bewirtet. Von der frühchristlichen Ausgrabung ("I give you guarantee") bis zum letzten Abendmahl in Perlmutter kann sodann jeder fromme Wunsch Erfüllung finden.

Das fünffache Jerusalemkreuz der Kreuzritter, die fünf Wunden des Herrn symbolisierend - hier als Halsschmuck oder Brosche, Brieföffner oder Teelöffel. Eierbecher mit dem Heilszeichen. Die Heilige Familie im Schüttelglas mit dem sanften Flockenwirbel. Der Gute Hirt als Bettvorleger.

Und immer wieder Olivenkerne, zu Rosenkränzen aneinander gekettet, Millionen von Kernen - mehr, so schien es mir, als das tüchtige Volk der Jordanier ausspucken kann. Vor den Basaren hängen die Rosenkränze dicht wie die Schnüre eines Perlenvorhangs.

Viele Pilger, Deutsche speziell, erbosen sich erst ob des Handels mit dem Heiligsten, ehe sie kaufen, »Niet betrügen, mein Lieber, nicht betrügen«, dröhnt ein bayrischer Pfarrherr beim Erwerb eines Angebindes für die Haushälterin den mandeläugigen Geschäftspartner an, der seine Arme auseinanderwirft und allerliebst schwört: »Father, ich dein Freund.«

Freitags dann beweisen in den Straßen Jerusalems Pilger aller christlichen Nationen, daß man das Wahrzeichen des Christentums nicht nur als Souvenir, sondern auch auf der Schulter tragen kann. Handliche Kreuze werden in gewünschter Zahl von den Klöstern gestellt; in der Regel geht man ja nach Nationalitäten getrennt. Runde vierzig Pfund, Bruchteil nur vom Gewicht eines Richtkreuzes aus den Tagen des Pilatus, das mag schon genügen für den Touristen.

»Es soll nach Möglichkeit jeder mal tragen, die Frauen immer zu zweit«, instruiert Pater Hyacinth vor dem Ecce -Homo-Bogen die mittlerweile durch Zuwachs aus anderen Reisegruppen auf sechzig Köpfe angewachsene Hundhammer-Gesellschaft. Der erste, ein junger Priester mit Seemannsbart, erhebt schon das feinpolierte Pilgerkreuz, da ermahnt Pater Hyacinth noch einmal: Bedenken Sie, daß auch der Weg des Heilands wie der unsere durch Geschäftsstraßen führte, lassen Sie sich nicht beirren.«

Das Textbuch mit den Kreuzweggebeten aufgeschlagen in der Rechten, nähern sich die Pilger auf der Via Dolorosa, umbrandet von handelnden, gaffenden, eseltreibenden Arabern, Station um Station der Basilika vom Heiligen Grab. Die Meute der Photographen hastet voraus, erklimmt Mauervorsprünge, Treppen, Simse. Sie verrichtet wichtige Arbeit, will doch jeder, der mitgetragen hat, am Abend im Hospiz davon Aufnahmen erwerben.

Hinter der Pforte der ehrwürdigsten Christenkirche der Welt steht ein Muselman auf doppelt breitem Diwan. Die Wasserpfeife scheint ihm gerade nicht zu schmecken. Ohne Federlesens kassiert der Repräsentant einer hier seit 720 Jahren von zwei arabischen Familien ausgeübten Schlüsselgewalt für die Öffnung eines Torflügels hundert, für beide Flügel zweihundert Fils.

Plaudernd um ihr Kreuz geschart, erwarten die Teilnehmer der Prozession den Augenblick des Einlasses. Dann wallen sie am Diwan vorbei ins geheimnisvolle Halbdunkel des Gotteshauses, in dessen von Stahlgerüsten gestütztem Gemäuer die sinnverwirrende Zwietracht christlicher Konfessionen zum täglichen Schauspiel wird.

In chaotischem Neben- und Übereinander türmen sich Kuppeln, Gewölbe und Kapellen um den künstlich verkleinerten Felsen von Kalvaria oder das, was man seit 1600 Jahren dafür hält, die nahebei, gefundene Grabkammer und jene Grube, aus der man drei Jahrhunderte nach der Kreuzigung drei Kreuze ans Licht brachte. Pater Hyacinth sagt: »Nun wußte man nicht gleich, welches ist das richtige, aber dann wurde bei einer Probe mit dem einen eine Kranke geheilt, so hatte man Klarheit. Sie können sich die Freude der Menschen vorstellen.«

Die Pilger blicken reserviert. »Nun«, der Pater streicht sich über das weiße Haupt, »wir wollen daran denken, daß jeder sein Kreuz finden muß.«

Griechisch-Orthodoxe und römische Katholiken, Armenier und Kopten nisten in dem düsteren Glaubenslabyrinth, eifersüchtig wachend über jede Ampel, jeden Quadratzentimeter Altarraum, jede Minute der streng geregelten Folge von Meßritualen: Als sei der Proporz ihr Allerheiligstes.

Singen die Griechen zu laut oder zu früh, steigern die Franziskaner, ein paar Schritte weiter, die Kraft ihres Chorgebetes, was wiederum die griechischen Brüder in Christo zu erhöhtem Stimmaufwand spornt und so weiter bis zum Gebrüll. »Ja, das ist schlimm«, seufzt Pater Hyacinth, »aber wir Lateiner dürfen nicht nachgeben.«

Ungerührt von solcher Misere lassen sich die Pilger aus gemäßigten Glaubenszonen von Heiligtum zu Heiligtum schieben. Nirgends mehr als fünf Minuten Aufenthalt. »Hier hat der Engel auf dem Rollstein des Grabes gesessen.« Ja, ja. Glauben sie es? Die Gesichter meiner Gruppe verraten nichts als frommen Gleichmut.

»Hier durch das Loch unterm Altar können sie den Originalfelsen von Golgatha fühlen.« Einer nach dem anderen kauern sich die Pilger nieder, angeln mit dem Arm ins Dunkle, ohne Erregung, ohne Verzückung oder Ärgernis. Kreuzfahrer der Neugierde. »Rom ist eben doch was anderes«, raunt mir eine Rheinländerin zu. »Daß unser Heiland ausgerechnet in das Land hat kommen müssen.«

Vor dem spaltbreiten Eingang ins Heilige Grab steht ein Araber und klatscht rhythmisch in die Hände. Zehn Sekunden Andacht für jeden, dann, klatsch, klatsch, der nächste bitte. Für ein Vaterunser reicht es nicht, der Klatschmann wird sonst ungeduldig.

An der Rückwand des Heiligen Grabes picken unterdes schwarzgelockte Diener der koptischen Kirche in ihrer Kapelle Steinchen aus dem Fels. Souvenir...

Nicht einmal Dr. Hundhammer, der Ritter vom Heiligen Grab, -kann länger als Sekunden in der Kammer verweilen. Immerhin trifft er bei einem seiner Besuche dort seinen Münchner Regierungskollegen, den Staatssekretär Dr. Franz Heubl. CSU-Zufälle.

Für jeden Pilger persönlich hält der Franziskaner-Kustos in Jerusalem ein lateinisches Dokument bereit, eine Bescheinigung, die Stadt erreicht, die heiligen Stätten besucht zu haben. »... testamur... Jerusalem feliciter pervenisse... heißt es: glücklich erreicht.

Aber außer Alois Hundhanmmer läßt sich keiner sein Glück so recht anmerken. Seine Stimmung ist nicht zu dämpfen durch ein politisches Telegramm, das ihn im Pilgerhospiz Casa-Nova erreicht: »Feury wiedergewählt.« Mehr als die unveränderte Vorstandschaft im bayrischen Bauernverband beschäftigt ihn, daß er im weißen Mantel der Ritter vom Heiligen Grab an einer Prozession teilnehmen kann.

»Beim Papa ist es wirklich noch echt«, versichert Alois junior. Ihm zu Gefallen verläßt Ritter Alois einmal sogar die Pilgergruppe, um den Badestrand am Toten Meer zu besuchen. Kaum schwimmt er vor den Sonnensegeln des komfortablen »Dead Sea«-Hotels oben auf der Salzsuppe, schon erhebt sich eine Stimme: »Jetzt weiß i net, sind Sie's oder sind Sie's' net?« Freundlich reckt sich der Erkannte aus dem nach Schwefel riechenden Wasser und gibt dem bayrischen Wähler Gewißheit: »Ja, i bin's... »

Eines Abends ergreift er im Casa -Nova sein Glas milden Franziskaner -Weins mit auffallend abgespreiztem Ringfinger. Daran funkelt ein in Jerusalem erworbener Siegelring mit dem Symbol der Kreuzritter. »Ich denke«, sagt der Minister, »als Ritter vom Heiligen Grab kann ich das tragen.«

Da tritt der Hospiz-Diener Luigi an den Tisch und lenkt die Blicke der Hungrigen von der Hand des Ritters auf die große Suppenterrine. »Nudel essen gutt«, brüllt er, »macht Pilger stark.« Die Nudeln, wie immer, sind ungenießbar.

Pilger-Taxis auf der Fahrt nach Bethlehem: Drei Münzen im Brunnen

Pilger-Prozession in Jerusalem*: Kreuz in drei Klassen

Pilger in der Geburtsgrotte zu Bethlehem: Der Zweifel im Gepäck wiegt leicht

Pilger auf der Via Dolorosa in Jerusalem: Der Klatschmann wird ungeduldig

* Vorn rechts: Pater Hyacinth Wilmes; links hinter ihm: Dr. Alois Hundhammer,

Peter Brügge
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