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MEERSBURG Fünf oder mehr

aus DER SPIEGEL 46/1965

Das erste Viertel »Weißherbst« oder

»Silvaner« schlürft er im Rathaus morgens um zehn. Bis zum Abend genehmigt sich Meersburgs Bürgermeister Franz Gern, 58, stets noch ein paar Viertel hinzu. Gern: »Manchmal werdens schon so vier bis fünf am Tag. Oder mehr.«

Er tut's, meint er, aus dienstlichen Gründen und für die Repräsentation seines Reiches. Denn: »Ich kann doch als Bürgermeister der größten Weinbaugemeinde am Bodensee keinen Sprudel trinken.«

Genau 50 Prozent der Meersburger Wähler scheinen gleicher Meinung: Sie übertrugen ihrem katholischen Orts-Oberen, der bereits acht Jahre erfolgreich amtiert, jetzt erneut - und diesmal für zwölf Jahre - die Leitung der Kommunalgeschäfte im Rathaus.

Der weinselige Stadtvater merkt, wie er beteuert, »genau, wann ich Schluß machen muß«. Was er und seine Freunde als »harmlose Trinkfreudigkeit« empfinden, erlebten gelegentlich auch hohe Meersburg-Besucher mit. Als im März dieses Jahres im Meersburger Neuen Schloß Ministerpräsident Kiesingen Staatsoberhaupt Lübke zu Tisch einlud, entging weder Landes- noch Bundesvater, wie gern CDU-Parteifreund Gern dem Wein zuspricht.

Und als im vorigen Monat die Bürgermeister-Neuwahl anstand, wurde Gerns Vierteles-Vorliebe zum Wahlkampf-Thema. Des Bürgermeisters Kritiker interpretierten Gerns Liebe zum Wein als »fortgeschrittenen, chronischen Alkoholismus« und forderten, ein anderer, ein Mann ohne Fahne, müsse aufs Rathaus.

Meersburgs Gemeinderat und die politischen Parteien formierten sich zu einer Einheitsfront gegen Gern. Sie bauten einen Gegenkandidaten auf und versahen die Stellenausschreibung für den Bürgermeisterposten mit einer Fußangel, in der sich Gern verfangen sollte: Jeder Bewerber müsse, so wurde vorgeschrieben, durch Vorlage eines amtsärztlichen Zeugnisses beim Wahlausschuß seine volle Dienstfähigkeit belegen.

Der populäre Weintrinker aber ging zwar zum Doktor, behielt jedoch das Attest in der Schublade und den Inhalt für sich. Gern: »Ich habe den normalen Gesundheitszustand eines 58jährigen; nur die Leber ist ganz leicht angeschlagen.«

Am Wahlsonntag punktete Gern den Allparteien-Gegenkandidaten sowie einen weiteren Mitbewerber aus und gewann die erforderliche Stimmenmehrheit für eine neue Amtszeit. Der Sieger: »In Wirklichkeit stehen nicht bloß 50, sondern 70 Prozent der Meersburger hinter mir.«

Bürgermeister-Stellvertreter Christoph Zenger jedoch, Wortführer der nüchternen Anti-Gern-Bewegung, focht die Bürgermeisterwahl an. Da der erfolgreiche Kandidat dem Wahlausschuß das Arzt-Attest vorenthalten habe, sei das Wahlvolk über das Ausmaß der Gernschen Dienstfähigkeit »getäuscht« worden.

Großherzig bot Meersburgs Vize dem Wein-Geist an, die Wahlanfechtung werde zurückgenommen, sofern der Bürgermeister Gern innerhalb der nächsten sieben Monate eine Alkohol-Entziehungskur mache.

Gern will keine Kur: »Ich bin voll dienstfähig. Ich bleibe im Amt. Und ich werde weiterhin meine zwei oder drei Viertel am Tag trinken - das geht die Herren einen Scheibenhonig an.«

Meersburger Bürgermeister Gern

Freude am Wein

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