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»Für 100 Jahre und mehr verwüstet«

Übertriebene Aufzucht von Rehen und Hirschen ruiniert die Wälder *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Die Wälder sterben, sagen die Experten. Aber noch ist reichlich Leben in ihnen - vielfach mehr, als der Forstwirtschaft lieb sein kann.

Nicht nur der saure Regen nämlich macht den Bäumen zu schaffen: In den deutschen Wäldern gedeihen zu viele Hirsche und Rehe. Sie richten Jahr für Jahr Millionenschäden an - mit zum Teil fatalen Spätfolgen - und verhindern die dringend erforderliche Aufforstung weiter Gebiete.

Rund 120 000 Stück Rot- und Damwild zählte der Deutsche Jagdschutz-Verband (DJV), hinzu kommen noch einmal 1,6 Millionen Stück Rehwild.

Forstwirtschaftlich, meint der Göttinger Wildbiologe Eberhard Schneider, sei dieser Bestand verheerend, ökologisch unverantwortlich. Denn die Hirsche scheuern - fegen, sagt der Weidmann - mit ihrem Geweih die Rinde von den Bäumen, schälen sie mit den Zähnen herunter und fressen neue Triebe der Bäume oder junge Pflanzen (Verbiß).

Überall in den Wäldern, privaten wie staatlichen, wachsen die Wildschäden in dreistellige Millionenhöhe. Im Tegernseer Tal zum Beispiel wurde das Wild so zur Plage, daß elf Waldbauern, finanziell vom Bund für Umwelt und Naturschutz unterstützt, gegen den Freistaat prozessieren. Wo es nach dem bayrischen Jagdrecht höchstens zwei Stück Rotwild je 100 Hektar geben dürfte, schaben bis zu elf Hirsche den Fichten, Buchen und Eschen die Rinde vom Stamm.

Im Allgäu klagten Bauern über »katastrophale Wildschäden«. In den Staatsforsten hatten die Hirsche noch schlimmer gehaust. Links und rechts von Mosel und Rhein sei die Wilddichte, fand der Freiburger Forst-Professor Gerhard Speidel, schon »über Jahre hinweg wesentlich zu hoch«. Die Folgen sind aktenkundig: Ein erboster Waldbesitzer in der Eifel verklagte das Land Rheinland-Pfalz wegen der in seinen Forsten angerichteten Zerstörung.

Wegen Wildschäden in »einem nicht mehr tragbaren Ausmaß« verurteilte das Oberlandesgericht Koblenz das Land zum Schadenersatz. Für Regierungschef Bernhard Vogel ist das Urteil besonders peinlich: Er ist Präsident der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und Initiator der Stiftung Wald in Not.

Das Land hätte für eine »schnellstmögliche Verminderung« des »außerordentlich überhöhten Wildbestandes« durch Abschuß sorgen müssen, urteilten die Oberlandesrichter. Statt dessen aber hatten die Mainzer Behörden die Abschußquote noch vermindert - für die Richter eine klare »Verletzung der Amtspflicht«.

Bislang mußte die Mainzer Staatskasse bereits gut drei Millionen Mark an die Arenberg-Düsseldorf GmbH, der die verwüsteten Wälder gehören, überweisen. Außerdem hat Rheinland-Pfalz »allen weiteren noch entstehenden Schaden zu ersetzen« (Urteil).

Von »Amtspflichtverletzung«, meint dennoch der in Mainz für Wein und Wald verantwortliche Minister Otto Meyer, könne keine Rede sein. Seine »Rotwildpolitik« sei richtig.

Rot- und Rehwild wird - wie es im Amtsjargon heißt - vom Staat bewirtschaftet. Die Landesforstverwaltungen als Oberste Jagdbehörden bestimmen, wie viele Hirsche in ihren Wäldern umherlaufen dürfen. Danach haben die Oberen und Unteren Jagdbehörden die Wildbestände zu überwachen und dafür zu sorgen, daß die Abschußzahlen stimmen.

Die Hege, so schreibt es das Bundesjagdgesetz vor, dürfe die Forstwirtschaft nicht beeinträchtigen. Insbesondere sollen deren »berechtigte Ansprüche auf Schutz gegen Wildschäden voll gewahrt bleiben«.

Das aber heißt: Wenn das Wild zu gut gedeiht, muß der Weidmann verstärkt zur Büchse greifen. Die Jäger, oft wegen Schießwütigkeit geschmäht, sind tatsächlich seit einiger Zeit offenbar allzu zurückhaltend, und das bekommt weder der Natur noch der Forstwirtschaft.

Die Ökologen rufen zu den Waffen. Die »unnatürlich vielen Hirsche und Rehe«, so Hannes Mayer, Professor für Waldbau in Wien, durch radikalen Abschuß zu dezimieren sei eine Schlüsselfrage im Kampf um das Überleben des Waldes.

»Wenn das Wald-Wild-Problem nicht gelöst wird, ist kein naturnaher Waldaufbau mehr möglich«, warnt Mayer. Dann »müssen alle mitteleuropäischen

Naturwaldreste für künftige Generationen abgeschrieben werden«.

Soweit konnte es kommen, weil viele Jäger und Jagdbeamte ihre Funktion gründlich mißverstehen. Statt das Wild so zu hegen, daß die Natur im Gleichgewicht bleibt, suchen sie möglichst kapitale Hirsche heranzuziehen, um ihre eigene Eitelkeit und die ihrer Jagdgäste zu befriedigen.

»Jägerei«, so notierte der damalige Bundespräsident Theodor Heuss 1955, »ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit.«

Das ist sie mit Sicherheit nicht, aber der Trophäenkult, der in der Bundesrepublik hoch entwickelt ist, kommt dem sehr nahe.

In grotesker Weise wird das Geweih der Hirsche überbewertet. »Artenreich« soll der Wildbestand sein, bestimmt das Bundesjagdgesetz, doch gehegt werden vor allem die Träger von stattlichen, schweren und vielzackigen Trophäen, die der erfolgreiche Schütze aus dem Schädel des erlegten Wildes sägt.

Hegeziel nämlich ist, nach den Richtlinien der Jagdbehörden, ein Hirschgeweih »mit guter Auslage, starken, langen, endenreichen Stangen und in der Regel beiderseits voll ausgebildeten Kronen«. Die Zucht soll eine »möglichst große Zahl« solcher Großkopfeten bringen.

Ein stattliches Geweih an der Wand, so heißt es in einem Jagdlehrbuch, sei »Erfüllung höchster Wünsche, Quell stolzer Freude und innerer Genugtuung«. In dieser dumpfen Ideologie werden die Trophäenjäger noch von Staats wegen bestärkt.

»Mit Andacht« feiert etwa der rheinland-pfälzische Minister Meyer den Hirsch als »des Schöpfers Meisterstück, des wahren Jägers höchstes Glück«. Jedes Jahr werden in den einzelnen Bundesländern die Geweihe mit der stärksten Knochenmasse und den meisten Zacken mit Staatspreisen in Gold, Silber und Bronze ausgezeichnet.

Zu der Gefühlsduselei über des wahren Jägers höchstes Glück kommt ein wirtschaftlicher Hintergrund. In der Bundesrepublik gibt es nur etwa 40 000 Jagdreviere, aber gut 260 000 Besitzer eines Jagdscheines. Pro Hektar und Jahr werden im Schnitt 22,50 - und oft über 100 - Mark Pacht gezahlt. Da will der Pächter auch möglichst viele kapitale Trophäen haben.

»Wegen so eines Knochens an der Wand, den die Witwe später doch nur an die Knopffabrik schickt«, erbost sich Heinz Capelle, Geschäftsführer der Arenberg-Düsseldorf GmbH, »werden ganze Wälder für 100 Jahre und mehr verwüstet.«

So ein Wald, wenn er gesund ist, besteht nicht nur aus Bäumen. Zu seiner Lebensgemeinschaft gehören Sträucher, Stauden, Gräser, Kräuter, Moose, Pilze, Flechten, Algen, Bakterien und alles, was da kreucht und fleucht, Käfer und Würmer. Die stickstoffreiche Süßflora, Produzent von fruchtbarem Humus, hält den Boden locker und gesund.

Doch Rot- und Rehwild haben diese Süßflora in vielen Gebieten abgeweidet, im Wald machen sich harte Sauergräser breit, Quecken und Farne, Heidelbeeren und Heide. Die Sauerflora bildet sauren Rohhumus, der nicht den Mineralboden bereichert, sondern durch Versauerung verdirbt.

Weil sie im Wald nicht mehr genug Nahrung finden, verbeißen Hirsche und Rehe die Triebe und Knospen junger Forstpflanzen. Die gehen ein oder verkümmern: Zwanzig Jahre alte Buchen, kniehoch, sehen dann wie Unkraut aus.

Es kostet viel Geld, dem Wild über Jahrzehnte mit stinkenden Chemikalien den Appetit auf den Jungwald zu verderben oder es durch Gatter auszusperren. Da läßt der Förster, sowieso in roten Zahlen, lieber die Hirsche weiter schälen. Wenn sich die Schäden auswirken, ist er längst in Pension.

Dies sei »eine Art Erbsünde«, philosophierte Forstdirektor Hans-Joachim Weimann von der Hessischen Forsteinrichtungsanstalt _(Oben: 15jährige Tannen, deren Spitzen ) _(immer wieder vom Wild abgefressen ) _(wurden; ) _(unten: durch Rotfäule verursachter ) _(Bruch. )

in Gießen: »Die Wirkungen des heutigen Wildstandes werden der Zukunft vererbt.«

Ärger noch wird es, wenn das Wild Bäumen, die schon in mehreren Jahrzehnten gewachsen sind, an die Rinde geht. Böse Folge ist die Infektion mit dem Rotfäulepilz.

Meist vernarbt zwar die Wunde, die Borke überwallt sie, aber im Kern - von außen unsichtbar - fault der Stamm. Erst beim Einschlag nach 20 oder 80 Jahren wird der Schaden offenbar.

Dann ist der normalerweise wertvollste untere Stammabschnitt bis zu vier Meter Höhe nur noch Abfall. Meist aber brechen die durch Rotfäule geschwächten Bestände bei Belastung durch Sturm und Schnee schon viel früher zusammen.

Die Verwüstung geschieht unmerklich, schleichend, weil vieles zusammenkommt. Es fällt lange Zeit gar nicht auf, wenn die Tiere hie und da immer nur ein paar Prozent des Baumbestandes schälen, doch am Ende ist der ganze Wald zerstört.

Bei Marquartstein im Chiemgau zum Beispiel waren in einem Jungwald, 20 Jahre nach der Pflanzung, von 9000 Bäumen kaum noch 500 unbeschädigt. Von den Fichten der Altersklasse II, 21 bis 40 Jahre, fand der Forstausschuß der Regierungsbezirke Koblenz und Trier, waren 90 Prozent vom Rotwild geschält.

Ernster als der Verlust an Holzproduktion ist, in Geld kaum zu berechnen, eine andere Folge: Das massenhafte Rotwild macht es unmöglich, die Nadelholzforsten, die unter dem Einfluß des sauren Regens jetzt ökologisch kippen, in naturnahe Mischwälder umzubauen.

Der Hochwald von heute konnte im vorigen Jahrhundert unbeschädigt heranwachsen, weil es kaum noch Rotwild gab. Nach der 1848er Revolution nämlich, die ihnen eine Zeitlang das freie Jagdrecht bescherte, schossen die Grundeigentümer die Bestände zusammen.

Dann wurden die Flächen mit schnellwüchsigen Fichten rasch aufgeforstet. Das verschaffte dem Wild großflächige Einstände, Dickungen, in deren Schutz es sich ungehemmt wieder vermehren konnte. Junge Fichten, die dem Rotwild nicht besonders schmecken, kamen noch hoch, während Tannen und Laubholz, kaum angepflanzt, weggefressen wurden. Natürliche Verjüngung des Mischwaldes ist heute kaum noch möglich, Schälschäden destabilisieren die Wälder.

Der Waldbesitzer darf sich des Wildes nicht auf eigene Faust mit der Büchse erwehren. Was geschossen werden darf, knobeln die Kreisjagdausschüsse oder Hegeringe aus, die Abschußpläne bedürfen der Genehmigung der Unteren Jagdbehörde.

Nicht immer freilich wissen die Abschußplaner verläßlich, was sie tun, nur selten haben sie Nutzen und Schaden gegeneinander abgewogen. Forstbetriebswirtschaft ist nicht ihr Fach.

Schon die Zahlen über die Wilddichte, auf denen dieses Abschußsystem beruht, sind bestenfalls kühn geschätzt. Rehe und Hirsche in Feld und Wald entziehen sich jeder verläßlichen Erfassung. Die 10 000 Mark, die Hessens Forstminister bereits 1977 für ein brauchbares Wild-Zählverfahren auslobte, sind noch zu haben.

Oft sind die Zahlen frei erfunden. So wurden in einem Eifelrevier, in dem nur 15 Stück Rotwild hätten stehen dürfen, 50 Hirsche geschossen, und dann waren immer noch mehr als 15 übrig.

Im Forstrevier Riesweiler im Soonwald ergab eine Rückrechnung der Abschußzahlen einen Bestand von 80 Hirschen. Die zulässige Sollstärke: 16.

Kontrollen gibt es praktisch nicht. Per Post werden der Unteren Jagdbehörde viele Tiere - weibliche Stücke vor allem - als erlegt gemeldet, die in Wahrheit noch quicklebendig sind. »Postkartenabschüsse«

nennt das die grüne Zunft.

»Rettet den Wald vor dem Unverstand von Jagdfunktionären und dem Unvermögen der staatlichen Jagdplaner«, fordert der Münchner Forst-Professor Richard Plochmann.

Längst, meint Forstdirektor Georg Meister aus Bad Reichenhall, »müßte es unter den Forstleuten einen Aufschrei geben«. Doch die Förster schweigen im Walde, denn zumeist verstehen sie sich vor allem als »Jagdbeamte«.

Von den »richtigen Förstern«, weiß Bauernpräsident und Jäger Constantin Freiherr Heereman, werde »Wald immer noch mit i« geschrieben. Wer Wald anders buchstabiert, verfällt der Branchenfeme.

»Ein Forstmann, der es wagt, auf Wildschäden offen hinzuweisen«, klagt Forstdirektor Meister, »gilt als Außenseiter.«

»Es ist nicht angenehm, in den Ruch des Unweidmannes zu kommen«, bestätigt der hessische Forstoberrat Trutz Weber. Das mache sich dann »auch dienstlich bemerkbar, zumal die Verwaltungsspitzen im allgemeinen der Jagd wohlwollend gegenüberstehen«.

Wohl wahr. Politische Prominenz zeigt sich gern auf der Jagd - das hat sie mit Führern aus der Wirtschaft gemein.

Der frühere Bundespräsident Walter Scheel ist gern mit Büchse und Flinte dabei. Ministerpräsidenten wie Bayerns Franz Josef Strauß oder Ernst Albrecht in Niedersachsen gehen auf die Jagd. Auch Minister und höhere Beamte laden ein oder lassen sich einladen.

Der Mainzer Forstminister Meyer macht als Jäger nicht nur »die Wälder rund um sein Heimatdorf unsicher« ("FAZ"). Sein Landesjagdreferent Peter Conrad, kürzlich mit dem Staatsehrenpreis in Gold für die dickste Mufflon-Trophäe ausgezeichnet, ist Personalreferent seines Ministeriums.

Jagdbeamte wie Conrad, Landtagsabgeordnete, Regierungspräsidenten, Minister und ihre Gäste dürfen in den Staatsrevieren auf Spitzenhirsche kostenlos schießen. Das stimmt freundlich füreinander.

»Gerhard, das eine will ich dir sagen«, sprach der niedersächsische Landtagsabgeordnete August Knemeyer (CDU) beim zünftigen Tottrinken eines Staatshirschs zum hannoverschen Minister Gerhard Glup: »Du sorgst dafür, daß ich im nächsten Jahr wieder einen Hirsch in diesem Forstamt freibekomme, und ich sorge dafür, daß du auch weiterhin

Landwirtschaftsminister bleiben darfst.«

Der Hirsch, spottete Horst Stern in der Zeitschrift »Natur«, sei »die vornehmste Art der Bestechung in Politik und Wirtschaft, sein verkaufter oder verschenkter Tod das Schmierfett so manchen diskreten Handels«.

Für den Abschuß eines kapitalen »Ia-Hirsches« müßte ein Normalbürger, würde ihm die Ehre zuteil, über 4000 Mark Jagdbetriebskostenbeitrag zahlen. Bis zum Abschuß aber hat so ein zwölf Jahre alter Kronenhirsch, schätzt Heinz Capelle, für 40 000 Mark Schaden angerichtet.

Hannovers Ministerpräsident Albrecht streckte den stärksten Hirsch im Solling, sein Finanzminister Burkhard Ritz den teuersten Prunkhirsch im Harz. Wie so eine Prominentenjagd abläuft, hat Forstdirektor Hans Dieckert, Chef des Forstamts Knobben im Solling, anschaulich beschrieben.

»Um 6.30 Uhr«, so Dieckert über ein Jagdabenteuer mit Minister Glup, »waren die Schüsse gefallen. Um 7.30 Uhr wurde der Hirsch bereits auf dem Hof der Försterei verblasen. Um 8.00 Uhr lieferte ich den Minister in der Gastwirtschaft ab, wo er sich umzog, um rechtzeitig um 10.00 Uhr zu einem wichtigen Termin in der Landeshauptstadt zu sein.«

Als Gäste dürfen nur »wenige verdiente Persönlichkeiten« (Glup) so ein Stück Wild gratis in Wildbret verwandeln, etwa Josef Ertl, damals noch Bonns Bauernminister. Ertl durfte in Niedersachsens Staatsforsten auf Steuerzahlers Kosten jagen, um - so Kollege Glup - »die Wälder kennenzulernen«.

Streng wird darauf geachtet, daß nicht ein Unwürdiger sich anmaßt, was nur verdienten Persönlichkeiten zukommt. Kurz vor der Jagdsaison dieses Jahres erinnerte Minister Glup die Forstämter Niedersachsens daran, daß kapitale Hirsche »besonderen Jagdgästen« vorbehalten seien. Der Anlaß für den Glup-Erlaß: Zwei Forstbeamte hatten zwei der kostbaren Stücke erlegt.

Die Interessenverfilzung zwischen Jagdlobby und Politik schadet dem deutschen Wald: Sie liefert ihn an die Trophäensammler aus.

»Ein Forstbeamter mit einem großen Bestand an starken, mittleren und jungen Hirschen«, urteilt Karl Heinz Mayer vom Forstamt Wunsiedel im Fichtelgebirge, »ist bei einflußreichen Jagdgästen ein angesehener Mann.« Daß sein Wald durch die falsch verstandene Hege kaputtgeht, werde zunächst gar nicht bemerkt. Erst der Nachfolger erkenne die Schäden nach Jahrzehnten.

»Ein Forstbeamter dagegen, der keinen hohen Rotwildbestand, dafür aber einen gesunden Wald hat«, so Mayer, »muß Artikel schreiben und hat Feinde.«

Doch gesunden Wald gibt es kaum noch. Während inzwischen selbst Politiker das Unheil, das mit dem sauren Regen kommt, offenbar erkannt haben, werden Umfang und Folgen der Wildschäden noch immer unterschätzt.

Bauern und Gemeinden, denen fast drei Viertel der bundesdeutschen Jagdfläche gehören, sehen nur das bare Geld einer Jagdpacht. Daß der vermeintliche Vorteil weit hinter dem Schaden an Vermögenssubstanz und künftigen Ertragseinbußen zurückbleibt, erkennen sie nicht.

In den meisten Revieren werden nicht einmal die jetzt erkennbaren Wildschäden durch die jährliche Pacht samt Wildschadenpauschale ausgeglichen. So stand im Stadtwald von Eberbach am Neckar einer Schadensumme von 180 000 bis 200 000 Mark im Jahr eine Jagdeinnahme von nur 37 000 Mark gegenüber. In Simmern im Hunsrück brachte die Jagdpacht pro Hektar 60 Mark, der Rotwildschaden je Hektar Fichtenwald lag bei 200 Mark. Muß der Jagdpächter den Wildschaden voll bezahlen, dann kann - urteilte Oberforstmeister Walter Frevert aus Baden-Württemberg - »ein vernünftiger Mensch keine Rotwildjagd mehr pachten«.

Für Pacht, Steuer, Haftpflichtprämien, Ausrüstung, Jagdscheingebühr, Pflanzgut, Hegeeinrichtungen und für die Schadenpauschale wandten die deutschen Jäger im vergangenen Jahr 693 Millionen Mark auf. So nebenbei, rühmt der DJV, wurde damit eine Vielzahl von Arbeitsplätzen gesichert.

Doch die stolzen 693 Millionen Mark wirken recht bescheiden, wenn sie auf die gesamte Jagdfläche umgerechnet werden: Für jeden Hektar kommen dann nur 40,50 Mark zusammen, ein lächerlicher Betrag zumindest für Gebiete wie die Eifel, wo Rotwild und Rehwild jährlich pro Hektar Schäden von 281 Mark verursachen.

Doch solche Rechnungen konnten die Jagdfunktionäre bislang nicht überzeugen. Sie wollen sich, wie der Weinhändler Egon Anheuser, DJV-Ehrenpräsident und Vorstand der Jäger von Rheinland-Pfalz, »vor das Rotwild stellen und nicht zulassen, daß die Bestände noch weiter heruntergeschossen werden«.

Mehr Abschuß mache alles nur noch schlimmer, klagt die Jagdlobby, denn der Hirsch brauche für sein Wohlbefinden den Familienverband des großen Rudels. Durch die »Zerstörung der Sozialstruktur«, so die Jägerzeitschrift »Wild und Hund«, würden die Tiere unstet und gingen erst recht zu Schaden.

Mit ihren Klagen über zunehmende Wildschäden, argwöhnt Anheuser, wollten Kritiker den Jägern »das Weidwerk aus der Hand winden«. Er sollte es besser wissen.

Wird mehr Rot- und Rehwild geschossen, so wird künftig zwar nicht gleich ein Hirsch als Kugelfang bereitstehen, wenn der Komfortjäger am Freitagnachmittag im Revier erscheint. »Die Jagd wird etwas mühseliger«, so der Wildbiologe Schneider. Aber das sollte dem echten Weidmann nur recht sein.

Die Sonntagsjäger dagegen könnten sich notfalls so behelfen wie einst die begüterten Bürger von Tarascon. Die zogen sonntags vor die Stadt und schossen, mangels jagdbaren Wildes, nach ihren Mützen, die sie in die Luft warfen.

Wer in seiner Mütze die meisten Löcher hat, bekommt dann von Minister Otto Meyer den Staatsehrenpreis in Gold.

Oben: 15jährige Tannen, deren Spitzen immer wieder vom Wildabgefressen wurden;unten: durch Rotfäule verursachter Bruch.

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