Zur Ausgabe
Artikel 76 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Schweiz Für den Notfall

Nutzlose Alpenbunker sollen Profit bringen - als katastrophensicherer Speicher für Geschäftsdaten.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Nur fünf Minuten dauerte es, bis die Pariser Feuerwehr eintraf - zu spät, um Frankreichs größten Bankenbrand zu verhindern. Über 15 Stunden lang wüteten vor zwei Wochen die Flammen in der Zentrale des Credit Lyonnais am Boulevard des Italiens. Am Ende waren zwei Drittel des denkmalgeschützten Gebäudes zerstört.

Für Christoph Oschwald im Baseler Vorort Münchenstein kam die Pariser Feuersbrunst wie gerufen. Sein Geschäft ist die Sicherheit von Computerdaten; Feuer, Wirbelstürme, Erdbeben und Überschwemmungen sind seine überzeugendsten Kundenwerber.

»Daten«, ist Oschwald überzeugt, »sind mindestens so wertvoll wie Geld. Gehen sie verloren, kann das zum Untergang eines Unternehmens führen.«

Um sich und ihre Klientel vor Verlusten zu bewahren, sichern Geldhäuser, Versicherungen, Unternehmen und Behörden ihre Daten mehrfach - indem sie parallel mehrere Rechenzentren betreiben oder Datenkopien bei Dienstleistungsbetrieben auslagern.

Oschwald, 39, Geschäftsführer der Secure Infostore AG (Siag), bietet nun eine weitere Möglichkeit an: das »sicherste Safehouse Europas«.

Seine Siag hat in Saanen im Berner Oberland von der Armee eine aus dem Alpengneis gesprengte Kaverne gepachtet und zu einem »Fort Knox der Datensicherung« ausgebaut. Den Eingang hüten uniformierte Beamte des Festungswachtkorps, zusätzlich ist abschreckend viel Elektronik installiert.

Tief im Berg, wo die Schweizer Luftwaffe früher Kampfjets verborgen hielt, ließ die Firma zwölf Quadratmeter große Zellen einbauen, die sie für 20 000 Franken im Monat vermietet. Neben Datenbänder-Tresoren irrlichtern jetzt Speicher-Automaten. Die PTT Telecom, größter Teilhaber des Unternehmens, rüstete den Großbunker mit Anschlüssen an den Daten-Highway aus.

Geschäftsführer Oschwald ist stolz auf das Abkommen mit dem Verteidigungsministerium: Seine Firma verfügt über eine atombombensichere Anlage, für deren Bau ein privates Unternehmen weder eine Bewilligung noch das erforderliche Kapital erhielte. Und sie kann auf zuverlässige Sicherheits- und Wartungsspezialisten zählen. Die Militärs ihrerseits können im Berggebiet, wo sie als Arbeitgeber traditionell eine wichtige Rolle spielen, ihr Personal weiterbeschäftigen. Erstmals bringen Verteidigungseinrichtungen einen kommerziellen Ertrag.

Noch weiter ist die Konversion im staatlichen Rüstungsbereich fortgeschritten. Binnen fünf Jahren soll dort jeder vierte Arbeitsplatz abgebaut werden, aber die verbleibenden Jobs gelten als sicher. Die SM Schweizerische Munitionsunternehmung ist bereits an Recycling-Betrieben für Batterien und für Altautos beteiligt. Und die SW Schweizerische Unternehmung für Waffensysteme plant mit dem Stahlkonzern Von Roll eine gemeinsame Firma für Fertigungstechnik und industrielle Dienstleistungen.

Im eidgenössischen Verteidigungsministerium ist der Spardruck mittlerweile so stark, daß auch ein so unkonventionelles Projekt wie die Datensicherungsanlage in Saanen zustandekam - zunächst als Versuch. Das ist für die Siag nur von Vorteil: Weil vorläufig keine weiteren Festungswerke verpachtet werden, bleibt ihr Angebot jahrelang einzigartig.

Oschwald nutzt den Mythos des neutralen, uneinnehmbaren Alpen-Reduit _(* Zentrale des Credit Lyonnais am 5. ) _(Mai. )

als Verkaufsargument für seinen Datensicherungsservice. Der Stollen von Saanen soll sich weltweit zum erstklassigen Gütezeichen für höchste Sicherheit entwickeln. »Nur die Schweizer mit ihrem jahrhundertelangen Verfolgungswahn«, schwärmt Oschwald, »konnten so etwas bauen.« In Prospekten preist er die »Unverletzlichkeit« der »einsatzbereiten C3l-Militäreinrichtung in Friedens- und Kriegszeiten«.

Auf das martialische Getöse seines zivilen Partners reagiert das Verteidigungsministerium eher irritiert. Schriftlich bestätigt es zwar, ein Teil der Anlage diene »weiterhin militärischen Zwecken«. Mündlich versichert der Sprecher des Generalstabs jedoch das Gegenteil: »Die Anlage wird militärisch weder vom Militärdepartement noch von der Armee genutzt. Sie ist geschlossen und hat keine Zweckbestimmung.«

Die Kunden kümmern solche Feinheiten wenig. Schon verwahren 15 Firmen ihre Daten für den Notfall im »Safehouse«, mit weiteren wird verhandelt, etwa mit einem Unternehmer aus Frankfurt, den die Chemieunfälle der letzten Jahre ängstigen.

Der Zulauf wird noch stärker werden, wenn die Fachgruppe für Katastrophenvorsorge der Schweizerischen Bankiervereinigung eine Empfehlung für den Siag-Stollen abgibt. Hanspeter Unger, Fachmann für Datensicherung beim Schweizerischen Bankverein, kennt jedenfalls »nichts Besseres« als die Kaverne. Sie biete auch kleinen und mittleren Betrieben kostengünstig Sicherheit.

Zudem, so Unger, wiesen die bestehenden Sicherheitskonzepte bei allem Aufwand oft schwere Mängel auf. Die Datensicherungszentren der Zürcher Großbanken seien etwa im Fall eines Staumauer-Bruchs von Überflutung bedroht. Und das Servicezentrum von IBM stehe gefährlich nah am Zürcher Flughafen.

In den USA macht das Konzept der Siag so großen Eindruck, daß sich jetzt bedeutende Computerfirmen um eine Beteiligung bemühen. Im Kampf um den neuen Markt der Datensicherung werden psychologische Argumente eine entscheidende Rolle spielen, glauben US-Experten - eine Chance für die Siag und ihre Partner. Wer sonst könnte das Image des robusten Schweizer Soldatenmessers mit dem Ruf des diskreten Finanzplatzes verbinden?

Der abgebrannte Credit Lyonnais hätte allerdings keine Chance, den Bergbunker zu nutzen - französische Gesetze verbieten den Export von Daten aus dem Finanzbereich. Y

* Zentrale des Credit Lyonnais am 5. Mai.

Zur Ausgabe
Artikel 76 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.