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VERLAGE Für den Papierkorb

Verleger Springers Nachfolgepläne mit den Burda-Erben sind gescheitert.
aus DER SPIEGEL 2/1983

Am Ende stand der Siebzigjährige wieder ohne die »verlegerischen Erben« da, nach denen er so dringend gesucht hatte.

Dabei war die »Regelung der Nachfolge« angesagt, Zukunftssicherung des »aktiven verlegerischen Wirkens« über den Tod hinaus: Axel Springer nahm die drei Verleger-Brüder Burda aus Offenburg als Gesellschafter in seinen Pressekonzern an der Berliner Mauer auf.

Doch als der Beteiligungsvertrag am Donnerstag letzter Woche von seinem Unterhändler Christian Kracht unterschrieben war, Frieder und Hubert Burda ihn gegengezeichnet hatten (Franz junior fehlte), war Springer zwar um einen Batzen Geld reicher, aber um eine Hoffnung ärmer: Nur Teilhaber hatte er gefunden, keine Geschäftsführer und Garanten für »Welt« und »WamS«, »Bild« und »BamS«, »Hamburger Abendblatt«, »Berliner Morgenpost«, »BZ«, »Hörzu« und »Funk Uhr«.

Der Burda-Vertrag »zwingt uns«, sagt ein Springer-Mitarbeiter, »die Dinge selbst in Ordnung zu bringen«, aus eigener Kraft »die Weichen zu stellen für das 21. Jahrhundert«. Gemessen an den ursprünglichen Absichten, meint ein Branchenkenner, sei der Kontrakt »eine Lösung für den Papierkorb«.

Die eigentliche Absicht war ein Transfer von 51 Prozent der Holding, der Axel S.74 Springer Gesellschaft für Publizistik KG, an die Burdas ("Bunte«, »Freundin") gewesen - erst 26 Prozent gleich nach Genehmigung durch das Bundeskartellamt, weitere 25 Prozent zum Juni dieses Jahres.

Geworden ist daraus eine Transaktion von nur 24,9 Prozent - ein Torso, der sich auf eine reine »Finanzbeteiligung reduziert« und den Burdas »keine unternehmerischen Einflußrechte auf Springer« bringt, erläutert das Kartellamt.

Um nach dem Freitod seines Sohnes Axel junior im Januar 1980 sein Lebenswerk zu bewahren, hatte sich der Zeitungsverleger die Söhne des Illustrierten-Senators Franz Burda, 79, gewissermaßen zu eigen machen wollen, mit ihrer »soliden Bodenständigkeit« und »durablen Willenskraft« (Springer). Doch sie bekamen »nur einen Fuß in die Haustür«, spottet einer von drinnen.

Gestoppt wurden sie zuerst vom Bundeskartellamt, das ihnen im Oktober 1981 beide geplanten Beteiligungsschritte, zur Sperrminorität und zur Mehrheit, verbot. Beide Verlage zusammen, lautete die Begründung, würden auf verschiedenen Presse-Teilmärkten eine überragende bis marktbeherrschende Stellung erreichen, ein »Oligopol«.

Daraufhin wandten sich die Wunschpartner an Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff, der die Burdas doch noch bei Springer durch die Tür schieben sollte - erst einmal, so ihr reduzierter Antrag, mit »etwas mehr als 25 Prozent«. Der Freidemokrat hätte seine Ministererlaubnis ohne Rücksicht auf das Kartellamt und sein eigenes Ministerium, auch ungeachtet zahlreicher ablehnender Voten von Konkurrenten, Verbänden und der Monopolkommission, gewähren können - wenn er nur, so sieht es das Kartellgesetz vor, irgendeinen »gesamtwirtschaftlichen Vorteil« oder ein »überragendes Interesse der Allgemeinheit« erblickt hätte.

Nie zuvor hing damit vom Entscheid eines einzelnen Politikers so viel für die Zukunft des gedruckten Wortes im Lande ab. Es ging um die größte Pressefusion in der Geschichte der Bundesrepublik. Vorgesehen waren die Konzentration und der künftige geballte Einfluß zweier konservativer Blätterimperien mit Tages- und Wochenzeitungen, Publikums-, Programm- und Frauenzeitschriften, Heftroman- und Buchverlagen, Druckstätten und Vertriebsapparaten.

Bei Konkurrenten und politischen Gegnern herrschte Alarmstimmung. Die Münchner »Quick« sah »Gefahr« im Verzug, sollte »der Graf seinen goldenen Füllhalter zücken«. Der Hamburger Heinrich Bauer Verlag, dem das Blatt gehört, drohte Lambsdorff schon im voraus mit »rechtlichen Schritten einschließlich einer Klage«.

Vorstandschef Gerd Schulte-Hillen vom Konkurrenzkonzern Gruner + Jahr ("Stern") applaudierte: »Den Vorstoß des Heinrich Bauer Verlages kann ich gut verstehen.« Denn die Minister-Paraphe spräche »dem Kartellgesetz Hohn« (Schulte-Hillen).

Doch auch wenn Lambsdorff es gern gewollt hätte, konnte er die vom Gesetz verlangten Vorteile der Transaktion nirgends entdecken. Eine Ministervorlage seines Staatssekretärs Otto Schlecht kam zum gegenteiligen Ergebnis: überwiegend Nachteile.

Deshalb ließ Lambsdorff den Füllhalter stecken und rief letzte Woche noch einmal die Monopolkommission an, die im ersten Gang kein gutes Haar an der Verlagsverbindung gefunden hatte.

Springer und Burda verstanden. »Wir leben ja nicht auf dem Mond«, kommentierte Kracht und zog den Antrag ebenso wie eine gerichtliche Beschwerde gegen das Beteiligungsverbot zurück. Der Sieg des Kartellamts war perfekt. Mit der Minderheitsbeteiligung, die das Amt letzte Woche akzeptierte, sei »den Bedenken ... Rechnung getragen«, beschied sich der Springer-Verlag.

Burda mag nun auf eine konzernfreundlichere Bonner Politik hoffen. Doch selbst eine Alleinregierung der Union könnte das Fusionsverbot kaum einfach umstoßen. Bauers Drohung mit einer Klage kam nicht von ungefähr, denn durch eine Fusion darf laut Kartellgesetz »die marktwirtschaftliche Ordnung nicht gefährdet« werden. Bauer: »Hier würde das Gegenteil bewirkt.«

Bei Springer aber hat das Nachdenken über die ihm verbliebene 75,1-Prozent-Mehrheit begonnen. »Zu den Überlegungen«, sagt Holding-Geschäftsführer Kracht, »könnte auch eine Stiftungslösung gehören«, wenngleich sie »gegenwärtig nicht akut« sei.

Immerhin böte sie Axel Springer eine Reihe zeitloser Vorteile. So entspräche etwa eine Familienstiftung, wie es in einer wissenschaftlichen Studie heißt, »dem Wunsch eines Unternehmensgründers, mit 'seinem Werk' die Zeit zu überdauern«, gestatte ihm »Richtlinien« für einen »'ewigen' Stiftungszweck« und ermögliche die »Verminderung der Arbeitnehmerrechte«.

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