Zur Ausgabe
Artikel 11 / 70

NRW-WAHLKAMPF Für die Kinder

aus DER SPIEGEL 28/1966

Zu Neuenbeken bei Paderborn trat ein

heimatvertriebener Landmann aus dem deutschen Osten auf Wahlkämpfer Ludwig Erhard zu und schrie: »Kommen Sie mal in meine Wohnung, wir leben schlimmer als die Schweine.«

Ungläubig musterte der Kanzler den Flüchtlingsbauern, murmelte etwas

von Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Wohlstand und stieg dann, die Mundwinkel böse nach unten gezogen, in den von der CDU für 40 Pfennig pro Kilometer gemieteten Mercedes 600, amtliches Kennzeichen S - KE 600. Die Episode blieb ein vereinzelter

Zwischenfall. Sonst wurde der Kanzler auf seinen Wahlreisen durch Dörfer und Kleinstädte Nordrhein-Westfalens von derartigen Ausbrüchen zorniger Mitbürger verschont.

Vier Wochenende hat der Führer der Christen-Union seinen Parteifreunden im Land zwischen Rhein und Weser geopfert, um das Volk auf Schützenfesten und vor Rathaus-Freitreppen, auf Marktplätzen und vor Zwergschulen für die CDU zu gewinnen: Am 10. Juli ist Landtagswahl in Nordrhein -Westfalen. Ihr Ausgang entscheidet nicht zuletzt darüber, ob Ludwig Erhard sein Renommee als zugkräftigster Wahlkämpfer der Christdemokraten und damit als unangefochtener Parteichef behält.

Die Bauern, der CDU in Treue verbunden, machten aus den Stippvisiten des Kanzlers Volksfeste. In Meschede wurde Erhard ein 18pfündiger Schinken mit sauerländischen Schnäpsen in einen Rucksack gepackt; dem Schinkenangebinde war ein Wanderstock beigegeben. Auch der Kanzler ließ sich nicht lumpen: In Bestwig spendierte er den geduldig wartenden Zuhörern zwei Faß Freibier.

Die fröhlichen Landleute wollten den Zigarrenraucher aus Bonn - statt der gewohnten Alltagsbrasil »Schwarze Weisheit« qualmt er im Wahlkampf die Feiertags-Havanna »Herrenmarke« - ganz aus der Nähe sehen. Großväter stemmten ihre Enkel hoch, die Kinder drängten nach vorn, und alte Mütterchen winkten.

Die Bürgermeister in den SPD-regierten Städtchen waren bemüht, einen gemessenen Teil von der Kanzler-Gaudi abzubekommen.

Im westfälischen Kamen schafften die SPD-Stadtväter auf die Kunde, der Kanzler werde Besuch machen, eigens ein Goldenes Buch an. Ludwig Erhard weihte es mit fünf Zentimeter hohem Namenszug.

In der Flüchtlingssiedlung Espelkamp in Ostwestfalen erbat der SPD -Stadtdirektor zusätzlich zur Unterschrift im Goldenen Buch noch ein Kanzler-Autogranim auf sein Exemplar des Grundgesetzes sowie zwei signierte Postkarten »für die Kinder«.

Im Lippischen Lemgo gar ließ sich SPD-Bürgermeister Flohr zu einer Rede mit dieser Passage herbei: »Der Besuch des Herrn Bundeskanzlers in Lemgo ist ein geschichtliches Ereignis von erhöhter Bedeutung, da er uns für würdig befunden hat ...«

Dazu Volkskanzler Erhard: »Das ist ein guter Stil.«

Während drinnen die Stadtväter noch den frischen, blauen Kanzlernamenszug in ihrem Goldenen Buch bestaunten, entwarf Ludwig Erhard draußen vor dem Rathaus wie schon im Bundestagswahlkampf vom Herbst 1965 wieder sein Idealbild vom guten, deutschen Menschen: »Mein Vertrauen zum deutschen Volk ist unerschütterlich.« Und: »Es ist mir ein Bedürfnis, den Menschen in die Augen zu sehen.« Denn: »Im Bonner Klüngel verliert man manchmal den Maßstab.«

Den verlorenen Maßstab fand Ludwig Erhard mit Volkes Hilfe stets in sich selbst wieder. Eines tiefen Akkordes mit seinem Publikum gewiß, begann er seine Rede stets mit der Wendung: »Ich brauche mich nicht vorzustellen. Jedermann weiß, wer ich bin und was ich geleistet habe.« »Auch im Wahlkampf«, so kündete er, »erhebe ich mich über jedes parteipolitische Gezänk.« So griff Ludwig Erhard den SPD-Chef Willi Brandt nicht persönlich an, sondern die »Gammler, die ja in Berlin ihr Hauptzentrum haben«. Der Kanzler nahm auch nicht Heinz Kühn, den nordrhein-westfälischen SPD-Führer, aufs Korn ("Das ist ja nur ein Maßanzug, nichts weiter"), sondern prangerte die »verstaubten Ideologien des vorigen Jahrhunderts« an.

Opposition fand nicht statt. Gelegentliche Pfiffe aus der äußersten Ecke eines Marktplatzes wirkten in diesem Rahmen deplaciert und unmoralisch. Ins Ruhrgebiet freilich, wo die Halden wachsen und die Kumpel unzufrieden sind, reist Wahlkämpfer Ludwig Erhard erst diese Woche.

Nahezu die Hälfte der nordrhein westfälischen Bevölkerung freilich weiß trotz Kanzler-Reisen nicht, worum es eigentlich geht. Die Demoskopen haben ermittelt: Nur wenig mehr als 50 Prozent der Menschen an Rhein und Ruhr ist bekannt, daß am nächsten Sonntag der Landtag gewählt wird.

CDU-Wahlkampfer Erhard, Zuhörer: Schinken im Rucksack

Zur Ausgabe
Artikel 11 / 70
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.