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GEHEIMDIENST Für feine Leute

aus DER SPIEGEL 41/1959

Mit 31 Jahren hatte es der strebsame im junge Mann, der seine Karriere als Spitzel begonnen hatte, geschafft: »Im Juni 1941 war es endlich so weit, daß ich - zunächst als stellvertretender Amtschef mit dem Rang eines Ministerialrats und SS -Standartenführers - die Dienstgeschäfte des politischen Auslandsnachrichtendienstes (Amt VI) übernehmen konnte. Damit hatte ich das Ziel, das mir von Anfang an vor Augen geschwebt hatte, erreicht.«

Der jugendliche Ministerialrat litt allerdings darunter, sich seines steilen Aufstiegs nur in kleinstem Kreise rühmen zu können: »Von dem Tage ab, als ich... die Leitung des politischen Geheimdienstes für das Ausland übernahm, hatte Heinrich Himmler als Reichsführer SS und oberster Chef der politischen Spionageabwehr das strikte Verbot erlassen, jemals mein Bild zu veröffentlichen oder auch nur meine Person in der Presse zu erwähnen. Erst nach dem Zusammenbruch Deutschlands wurde mein Name und einiges über meine Tätigkeit der Öffentlichkeit bekannt - doch ist dabei vieles unaufgeklärt und im Dunkeln geblieben.«

Der Name des jungen Mannes tauchte nach dem Kriege zunächst bei den Zeugenvernehmungen und schließlich auch - im sogenannten Wilhelmstraßen-Prozeß - auf der Anklageliste des alliierten Gerichtshofes in Nürnberg auf (Urteil: 6 Jahre Gefängnis). Im März 1952 starb der geheimnisvolle Mann in Turin; leberkrank war er ein Jahr vorher von den Amerikanern nach nicht ganz zweijähriger Strafhaft begnadigt worden.

Die letzten Monate seines Lebens - sein einst von Himmler verbotener Name war fast schon wieder vergessen - verbrachte er mit dem Abfassen der Erinnerungen an seine Karriere: Er wollte aus dem Schatten der Anonymität heraustreten, in den ihn seine Aufgaben als Geheimdienstchef verwiesen hatten.

Die Chance, Nachruhm zu ernten, weil ihm Ruhm versagt blieb, soll sich nun, sieben Jahre nach dem Tode des Karrieristen erfüllen: In diesen Wochen taucht der Name des Toten noch einmal in Deutschland auf, diesmal als Autoren-Name: Walter Schellenberg*.

Um alle etwaigen Zweifel auszuschließen, teilt Autobiograph Schellenberg im ersten Kapitel seiner posthum edierten Memoiren mit, was ihn nicht bewog, ein Erinnerungsbuch zu verfassen: »Wenn ich mich nun dazu entschließe, aus der Kulisse herauszutreten und über den Geheimdienst unter dem nationalsozialistischen Regime zu berichten, so geschieht dies nicht, um meine Person ins Scheinwerferlicht zu stellen ... Vielmehr glaube ich, (daß) meine Schilderung... einige blinde Stellen im Spiegelbild des Dritten Reiches aufzuhellen vermag.«

Ungeachtet dieser Versicherung erhellen die Memoiren dennoch vornehmlich den Werdegang des scheinwerferlichtscheuen Verfassers, wodurch sie allerdings zwangsläufig auch Einblick in Sitten und Gebräuche des NS-Regimes gewähren.

Walter Schellenberg galt als bester Mann unter den Nachwuchskräften im Apparat Himmlers und Heydrichs. Er brauchte kaum sieben Jahre, um vom Zuträger des Sicherheitsdienstes (SD) der SS zum Chef der politischen Spionage, zum Konkurrenten von Admiral Canaris, dem Leiter der militärischen Abwehr, aufzusteigen. Es heißt, Walter Schellenberg sei ausersehen gewesen, die Nachfolge Heinrich Himmlers als Chef der SS anzutreten: Der Einblick also, den Karrierist Schellenberg in seine Umwelt und Mentalität gewährt, ist ein Einblick in die Spitzengruppe der jungen Führer-Reserve des totalitären Staates.

Jurastudent Schellenberg, Sohn eines verarmten Klavierfabrikanten aus Saarbrücken, begnügte sich nicht mit der Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung, ihn trieb es zur neuen Auslese: »Unter den Gliederungen der Partei galt schon 1933 die Schutzstaffel Hitlers (SS) als eine Eliteorganisation ..., zu jener Zeit allerdings weniger im politischen als im gesellschaftlichen Rahmen . . . So bevorzugten besonders die sogenannten feinen Leute' ... die SS. Man mag rückblickend mit Recht den Stab darüber brechen, aber ich kann nicht leugnen, daß auch ich als junger Mensch empfänglich für Äußerlichkeiten war und daß dieser Hang mitbestimmend für meinen Entschluß wurde, der SS beizutreten.«

Das schnelle Avancement konnte diesen Hang nicht dämpfen. Erinnert sich Schellenberg an seine Ernennung zum Spionage -Chef: »Mit nicht geringem Stolz betrat ich meinen künftigen Arbeitsraum, der mit allen Raffinements der Technik ausgestattet war ... Die bloße Annäherung an die durch Selenfotozellen gesicherten Räume löste automatisch einen Vollalarm aus, der innerhalb von Sekunden die bewaffnete Wachmannschaft herbeirief. Mein Schreibtisch selbst war wie eine kleine Festung: in ihm waren zwei Maschinenpistolen eingebaut, deren Läufe den Raum mit Kugeln bestreuen konnten. Sobald die Tür aufging, richteten sich die Läufe automatisch auf den Eintretenden. Im Falle der Gefahr hatte ich nur auf einen Knopf zu drücken, um die beiden Waffen in Aktion zu setzen.. .

Der Schreibtisch mit eingebauten Maschinenpistolen gehörte zu den Requisiten des Geheimdienstes à la Schellenberg: Der smarte Volljurist fühlte sich, wie er bekennt, von Jugend auf zum »Zeitalter der Renaissance« hingezogen - einer Epoche, aus der Männer wie Schellenberg nicht nur ihr Recht auf politische Immoralität ableiteten ("Der Zweck heiligt die Mittel"), sondern auch ihre Vorliebe für abenteuerliche Ausschmückungen des nüchternen Büro -Alltags: »Mit einem zweiten Knopf vermochte ich gleichzeitig ein Sirenensignal auszulösen, wodurch das ganze Haus sofort von Wachtposten an allen Aus- und Eingängen blockiert wurde. Von meinem Dienstwagen aus konnte ich auf eine Entfernung von fünfundzwanzig Kilometern ... meinen Sekretärinnen fernmündlich diktieren«

Journalist Klaus Harpprecht, der dem Geheimdienstleiter Schellenberg bei der Abfassung der Memoiren behilflich war, weiß im Vorwort von den Renaissance -Menschen im Reichssicherheitshauptamt zu berichten: »Ich erinnere mich ... an Schellenbergs gespenstische Erzählung von einer Zecherei mit Heydrich und dem Gestapo -Schergen Müller, bei der er (Schellenberg) streng über einen privaten Ausflug mit Frau Heydrich verhört, bei der ihm schließlich ein Gift und nach dem Geständnis Gegengift ins Glas geträufelt wird.«

Als Walter Schellenberg gegen Kriegsende den General Gehlen, Leiter der OKH -Abteilung »Fremde Heere Ost«, besuchte, »mußte (er) dem General einräumen, daß er selbst niemals in der Lage sei, diese mit wissenschaftlicher Exaktheit betriebene Aufgabe zu übernehmen... Es war keineswegs unbegreiflich, daß Schellenberg mit Ressentiments an den klugen Gegner dachte, der im Gegensatz zu ihm jeden Hauch des Abenteuerlichen aus seiner Geheimdienstzentrale verbannt - und damit recht behalten hatte.

»In theoretischen Überlegungen hatte auch er (Schellenberg) durchaus begriffen, daß die Führung eines Spionageapparates ein trockenes, nüchternes und sprödes Handwerk ist. In der Praxis scheint er aus dieser Einsicht keine Konsequenzen gezogen zu haben. Und wie sollte er auch? Die Umgebung, in der er arbeitete und lebte, duldete solche Sachlichkeit kaum ... Sie alle scheinen ... den Krieg an der geheimen Front als ein monströses Indianerspiel verstanden zu haben.«

Begonnen hatte das große Spiel für Walter Schellenberg allerdings im kleinbürgerlichen Milieu beflissener Zuträgerei. Dem jungen SS-Mann und Studenten der Bonner Universität wurde »von dem abtrünnigen Priester Professor Dr. N » im Frühsommer 1934 nahegelegt, an der schönen Aufgabe mitzuarbeiten, »der obersten Staatsführung ... ein Bild der Volksstimmung zu vermitteln«.

Schellenberg entzog sich der Aufforderung zur patriotischen Spitzel-Pflichterfüllung nicht: Noch in seinen Memoiren schreibt er unbefangen, arglos und naiv, daß er in der Folge brav, dienstwillig und ehrenamtlich »über fachliche, politische sowie personelle Zusammenhänge an den rheinischen Universitäten« berichtet hat.

Die Beiträge des Amateur-Agenten über die Stimmung unter seinen Hochschullehrern gingen an den Sicherheitsdienst (SD) der SS. Keine zwei Jahre später wird Schellenberg aufgefordert, seine Referendarzeit im Reichsinnenministerium zu beenden - was verwaltungsmäßig die Überstellung zum Geheimen Staatspolizeiamt ermöglichte.

»Heydrich gefallen Ihre Berichte«, hörte der Anfänger, als er in den Büros des Prinz -Albrecht-Palais, der Berliner Gestapo -Zentrale, seine Antrittsverbeugungen machte. »Die Zeit, die nun begann, war für mich äußerst interessant. Immer wieder staunte ich über das geräuschlose Ineinandergreifen eines, wie mir schien, unsichtbaren Räderwerks, das mir ständig neue Türen öffnete und mich dabei wie eine willenlose Puppe hin und her schob.«

Schellenberg war dem Manne aufgefallen, der in diesen Jahren den Apparat des deutschen Polizeistaates konstruierte: Reinhard Heydrich.

Der Oberleutnant zur See Heydrich war 1931 von einem Ehrengericht - wegen Weibergeschichten - aus der Marine ausgestoßen worden. Der arbeitslose Offizier fand Anschluß an Heinrich Himmler, den Chef der SS. »Von Himmler weiß ich«, schreibt Schellenberg, »daß er den jungen Oberleutnant außer Dienst mit Schreibpapier und Federhalter versorgte und ihn einen Tag lang in Klausur steckte, um ihn einen Organisationsplan für den künftigen Sicherheitsdienst der Partei entwerfen zu lassen.«

Derlei Planspiele führten zunächst nur zum Aufbau des SS-Sicherheitsdienstes, einer von normalen staatlichen Polizei- und Abwehreinrichtungen stets unabhängigen Parteiorganisation. Nach 1933 aber bekamen Himmler und sein SD-Spezialist Heydrich Schritt für Schritt auch die wichtigsten Teile des staatlichen Polizeiapparates in ihre Hand; binnen weniger Jahre vereinigten sie dann die staatliche und die Partei-Polizei zu einer Super-Behörde, die 70 Millionen Deutsche und ein paar hundert Millionen Menschen im besetzten Europa kontrollierte.

Die Etappen: Nach dem Regierungsantritt Hitlers 1933 hatte sich Heinrich Himmler bei der Verteilung der frisch eroberten Staatspositionen zunächst mit der Leitung der politischen Polizei in Bayern begnügen müssen; das wichtigere Amt des Chefs der politischen Polizei (Geheimen Staatspolizei) in Preußen behielt sich am Anfang noch Hermann Göring vor.

Himmler und Heydrich arbeiteten unverdrossen am Aufbau des SD weiter und organisierten von Bayern aus den Neuaufbau der politischen Polizei in den kleineren deutschen Ländern. Nach einem Jahr waren die beiden SS-Leute so weit, auch die Gestapo in Preußen - und damit im ganzen Reich - übernehmen zu können. Himmler wurde (unter Göring) stellvertretender Chef des preußischen Geheimen Staatspolizeiamts; Heydrich übernahm die tatsächliche Leitung der Behörde.

Etwa zwei Jahre später wurde das Geheime Staatspolizeiamt Preußens aus dem Innenministerium praktisch herausgenommen und zu einer »Obersten Landesbehörde« erklärt: der erste Schritt, um die politische Polizei aus dem bis dahin üblichen Verwaltungsaufbau zu lösen und in jenes unkontrollierbare Zwielicht des Außerstaatlichen zu führen, in dem schon der SD operierte.

Der nächste Schritt - über die politische zur allgemeinen Polizei - kam schnell. Am 17. Juni 1936 unterzeichnete Hitler den Erlaß, der Himmler zum Fouché des sogenannten Dritten Reiches machte:

- »Zur einheitlichen Zusammenfassung

der polizeilichen Aufgaben im Reich

wird ein Chef der Deutschen Polizei

im Reichsministerium des Innern ein

gesetzt... Zum Chef der deutschen

Polizei wird Reichsführer SS Heinrich

Himmler ernannt... Der Chef der

Deutschen Polizei nimmt an den Sit

zungen des Reichskabinetts teil...«

Noch im selben Monat ergingen die Ausführungsbestimmungen zu dem Führer -Erlaß. Himmler teilte seine neue Staatsdomäne. Die Leitung der - politisch weniger interessanten - »Ordnungspolizei« (Schutzpolizei, Gendarmerie, Gemeindepolizei) wurde dem Polizeigeneral Daluege übertragen; SS-Gruppenführer Heydrich übernahm das Kommando über die sogenannte Sicherheitspolizei, zu der auch Gestapo und Kriminalpolizei gehörten.

Aus dem Sprachgebrauch der SS entlehnte Sipo Heydrich die Bezeichnung »Hauptamt« für seine neue Behörde: Bei der SS-Reichsführung bestanden sogenannte Hauptämter (etwa das Rasse- und Siedlungshauptamt); in der deutschen Staatsbürokratie hatte es diese Bezeichnung bis dahin nicht gegeben. Als SS -Lehnwort war sie immerhin logisch: Heydrich baute den Sicherheitsdienst der SS in seine staatliche Sicherheitspolizeibehörde mit ein - der Forderung nach einer möglichst innigen Verschmelzung von Partei und Staat stets eingedenk.

Heydrichs »Reichssicherheitshauptamt« umfaßte schließlich die Ämter

- I: Personalfragen (staatlich),

- II: Verwaltung (staatlich),

- III: SD-Inland (Parteiorganisation),

- IV: Gestapo (staatlich),

- V: Reichskriminalpolizei (staatlich),

- VI: SD-Ausland (Parteiorganisation),

- VII: SD-Wissenschaftliche Auswertung

(Parteiorganisation) und

- N: Technische Nachrichtenverbindun

gen (staatlich).

Heydrich selbst charakterisierte einmal (1941) das Ansehen, das sein Apparat genoß: »Geheime Staatspolizei, Kriminalpolizei und Sicherheitsdienst sind noch umwoben vom raunenden und flüsternden Geheimnis... In einer Mischung von Furcht und Gruseln, und doch im Inland mit einem ... Gefühl von Sicherheit ..., sagt man den Männern dieser Arbeit im Ausland gern Brutalität, ans Sadistische grenzende Unmenschlichkeit und Herzlosigkeit nach ... Im Inland gibt es nichts, was man nicht glaubt, bis zum kleinsten egoistischen Wunsch durch die Geheime Staatspolizei lösen zu können. Hier sind wir ... variabel vom Mädchen für alles bis zum Mülleimer des Reiches.«

Schellenberg empfand seinen Gönner Heydrich, der 1942 von tschechischen Widerständlern ermordet wurde, nicht ohne Bewunderung als »Raubtier - stets wachsam, stets Gefahr witternd und mißtrauisch gegen alles und jedes«. Er ging in seine Schule, erste Klasse: Spionageabwehr-Inland mit gelegentlichen Auslandstourneen.

Der Krieg bot dem jungen SS-Führer dann die Chance, sich für Sonderaufträge zu empfehlen, die der Vorstellungswelt höchster Würdenträger des Reiches entsprungen waren. Besonders Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop bediente sich gern des jungen Talents:

Im Juli 1940 beauftragte er Walter Schellenberg, den Herzog von Windsor, abgedankten König von England, aus Portugal zu entführen, um aus ihm eine Art von deutschfreundlichem englischem Gegenkönig zu machen. Der Minister zu Schellenberg: »Der Führer glaubt, daß man dem Duke gegebenenfalls ein Angebot machen könnte - etwa in der Weise; daß wir uns bereit erklärten, ihm im voraus eine Apanage auf zwanzig Jahre bis zu fünfzig Millionen Schweizer Franken auszusetzen.«

Schellenberg begab sich zum Kidnapping nach Spanien und Portugal, war aber aufgeklärt genug, den Herzog schließlich doch nicht zu entführen.

Ribbentrop, Chef der deutschen Außenpolitik, ließ sich allerdings durch solche Enttäuschungen nicht von weiteren Versuchen abhalten, mit originellen Ideen in den Lauf der Weltpolitik einzugreifen. 1944 bestellte er Walter Schellenberg, der inzwischen zum Chef der Auslandsspionage avanciert war*, nach Fuschl, dem ministeriellen Lustschlößchen bei Salzburg.

Schellenberg erinnert sich an den Vortrag des deutschen Außenministers: Er, Ribbentrop, betrachte Stalin als »den gefährlichsten Gegner, der nunmehr beseitigt werden müsse ... Er, Ribbentrop, habe bereits mit Hitler darüber gesprochen und diesem erklärt, er sei bereit, notfalls sein Leben dafür zu opfern... Man müsse versuchen, ihn (Stalin) an den Verhandlungstisch zu bringen und bei dieser Gelegenheit zu erschießen.

»Hitler habe zwar dazu geäußert, solches würde die Vorsehung nicht ungerächt geschehen lassen, doch dann gefragt, ... wer gegebenenfalls als Begleiter (Ribbentrops) in Betracht käme. Nun sah mich Ribbentrop starr an und sagte: 'Daraufhin habe ich dem Führer Ihren Namen genannt.'«

Kamikaze-Diplomat Ribbentrop hatte auch schon einen Plan, wie er die notwendige Waffe an den Verhandlungstisch heranbringen könnte: als Füllfederhalter, »der in Wirklichkeit den Lauf eines Revolvers enthält«.

Memoirenschreiber Schellenberg atmete noch nachträglich auf: »Ribbentrop hat (aber) mir gegenüber dieses Thema später nie mehr angeschnitten.«

Für derlei Unternehmen war Schellenberg zu zielstrebig: Sein Weg nach oben sollte nicht über ein Himmelfahrtskommando führen. Es gelang ihm auch, dem Dienst in den SD-Einsatzgruppen zu entkommen, die in Osteuropa hinter der Front vornehmlich Tausende von Juden ermordeten. Andere Nachwuchstalente des Sicherheitsdienstes - Otto Ohlendorf etwa - waren um das blutige Geschäft nicht herumgekommen.

Schellenbergs Erklärung für seine Freistellung: Der künftige Obere des SS-Ordens, der er als - inoffiziell - designierter Nachfolger Himmlers gewesen sei, habe sich die Hände nicht beschmutzen sollen.

Himmler und Heydrich konnten Schellenberg allerdings für die untergeordneten Schmutzarbeiten im Osten auch kaum freistellen: Er nahm als Chef der politischen Spionage im Machtapparat der SS-Führer jenen Platz ein, von dem aus am ehesten zur Eroberung neuen Terrains angetreten werden konnte

- zur Einverleibung des

konkurrierenden militärischen Nachrichtendienstes, der Abwehrorganisation des Admirals Canaris.

Schellenbergs Aufstieg war begleitet vom Konkurrenzkampf mit Canaris. Sosehr der Memoirenschreiber auch bemüht ist, rückblickend ein fast freundschaftliches Verhältnis mit dem militärischen Abwehr-Chef zu konstruieren: Sein Ziel - Zusammenfassung aller Nachrichtendienste in Schellenbergs Hand - trieb ihn in die Intrigantenclique um Heydrich, der in Admiral

Canaris, seinem Marinekadetten-Ausbilder, den gefährlichsten Gegner des SS -Polizeiapparats sah. Schellenbergs Behörde, das Amt VI im Reichssicherheitshauptamt, war niemals mit größerem Fleiß bei der Sache, als wenn es galt, den Apparat der militärischen Abwehr auszuspionieren: Die Spionage im Ausland trat hinter der Hausmachtpolitik stets zurück.

Der 30jährige Schellenberg formulierte sein Ziel: »Die Errichtung eines einheitlichen deutschen geheimen Meldedienstes . . . Organisatorisch muß er eine in sich geschlossene, eigenständige Position erlangen. Die neue Institution soll unmittelbar dem höchsten Regierungschef unterstehen.«

Anfang Februar 1944 wurde Canaris verabschiedet und die Dienststelle der militärischen Abwehr aufgelöst; ihre wichtigsten Aufgaben wurden dem Amt VI im Reichssicherheitshauptamt übertragen - Schellenberg hatte genügend Canaris-Dossiers über Himmler an Hitler weitergeleitet.

Der erfolgreiche junge Mann ("Ich bekleidete nunmehr den Rang eines Generalmajors der Waffen-SS und SS-Brigadeführers") über den abgehalfterten Konkurrenten: »Er war meines Erachtens eine zu sensible Natur . . . Menschlich viel zu gütig.« Die Verhaftung des Admirals nach dem Attentat vom 20. Juli nahm Walter Schellenberg vor - widerwillig, wie er in seinen Memoiren mitteilt

Das »monströse Indianerspiel« wurde nun allerdings zunehmend vom drohenden Kriegsende überschattet. Schellenberg, in zehn Jahren in eine Schlüsselposition des Polizeistaates aufgerückt, war jedoch entschlossen, auf der Sonnenseite des Lebens zu bleiben. Bei einem Besuch im Feldquartier Himmlers bezog er den Reichsführer SS in sein neues Spiel mit ein: »Darf ich so kühn sein, Reichsführer, Sie zu fragen: In welcher Ihrer Schreibtischschubladen haben Sie eine Alternativlösung zur Beendigung des Krieges?« Ein sehr patenter junger Mann auf der Suche nach einer Patentlösung, mit der eine böse Affäre noch zu einem guten Ende gebracht werden könnte.

In den letzten Kriegsmonaten vermittelte Schellenberg den Kontakt zwischen Heinrich Himmler und dem schwedischen Grafen Folke Bernadotte, zwecks Rettung skandinavischer Internierter - und Anknüpfung neuer, besserer Beziehungen zu den Westmächten.

Der Weg auf die andere Seite blieb ihm jedoch verbaut. Der deutsche Spionage -Chef war betriebsblind geworden, die politische Max-und-Moritz-Vorstellung des Agentenmilieus hatte ihn dafür verdorben, die Lage real einschätzen zu können. Noch am 22. April 1945 ließ sich Schellenberg von Himmler, der im Feldquartier Hohenlychen im Bett lag und sich krank fühlte, beauftragen, »über einen Namen für eine neue 'Alternative-Partei' nachzudenken«. Heinrich Himmler war nach langem Nachdenken bereit, mittels einer von ihm dekretierten Oppositionspartei Deutschland zu redemokratisieren, wobei ihm Walter Schellenberg gern helfen wollte.

Diese Dienstwilligkeit wurde - zum erstenmal - nicht mehr belohnt. Wenige Tage später, am 9. Mai, kam die Stunde, von welcher der strebsame junge Mann in seinen Memoiren bitter bemerkt: »Von nun an wurden meine Dienste nicht mehr benötigt.«

* Walter Schellenberg: »Memoiren** Verlag für Politik und Wirtschaft, Köln; 422 Seiten; 21,80 Mark.

* Schellenberg rückte im Juni 1942 vom stellvertretenden Leiter zum Chef des Amtes VI auf. Sein Vorgänger, SS-Brigadeführer Heinz Jost, schied bereits bei Beginn der Tätigkeit Schellenbergs im Juni 1941 aus.

Angeklagter SS-General Schellenberg: Gespenstische Erzählungen

Schellenberg-Gönner Heydrich

Mülleimer des Reiches

Schellenberg-Konkurrent Canaris: Menschlich viel zu gütig

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