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RELIGIONEN Für Gott in alle Welt

Tausende deutsche Missionare versuchen, in fernen Ländern Ungläubige zu bekehren. Während die großen Kirchen sich langsam zurückziehen, verbreiten immer mehr protestantische Sektierer ihr erzkonservatives Menschenbild.
Von Carsten Holm und Udo Ludwig
aus DER SPIEGEL 52/2003

Wild wachsende Bananenstauden säumen die schmale Teerstraße nach Djakhamno. Das 200-Seelen-Dorf in den Bergen des thailändischen Nordens liegt nur ein paar Kilometer entfernt vom Goldenen Dreieck, wo der Mekong den Regenwald teilt und lehmfarben die Grenzlinie zwischen Thailand, Burma und Laos zieht.

Dies ist das Land der Akhas und anderer Bergstämme - und es ist das Land der Geister. Wenn die Dämonen zornig werden, schicken sie den Menschen Durchfall und Denguefieber, Masern und Malaria. Dann müssen sie mit einem Opfer besänftigt werden: mit einem Huhn, einem Schwein und manchmal gar einem Büffel. Daran glauben die Menschen in den Bergen seit Jahrhunderten - und diesen Glauben versucht ihnen Lothar Sommerfeld, 46, zu nehmen.

»Hier sind zwei Drittel Animisten, die an die Macht der Geister glauben«, sagt der Missionar aus Wolfsburg und deutet auf die Hütten von Djakhamno. »Aber schon jeder Dritte folgt dem Gott der Christen.«

Dann fährt er weiter mit seinem Allradauto: Im nächsten Dorf ragt vom Dach einer kleinen, unverputzten Steinkirche das Kreuz in den Himmel - ein Siegeszeichen in Sommerfelds Kampf gegen die Geister. »Hier sind schon alle Bewohner Christen«, erzählt der Missionar.

Vor 17 Jahren, als der gelernte Augenoptiker für die Marburger Mission in den Dschungel kam, waren 5 Prozent der Akhas Christen. Heute seien es, so Sommerfeld, 40 Prozent. Der Protestant ist ein sehr erfolgreicher Missionar - und er gehört zu den so genannten Evangelikalen. Die streng bibeltreuen Protestanten wollen, ebenso wie die gleichfalls protestantische fundamentalistische Pfingstbewegung, am liebsten die ganze Welt bekehren. Alle Völker, so ihre Vorstellung, sollen an ihren Gott glauben und an das, was sie aus der Bibel ableiten.

Die Evolutionstheorie beispielsweise halten beide Gruppen für Unsinn, denn in der Bibel stehe ja, dass Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen habe. Homosexualität ist für sie Sünde, Abtreibung ebenso, vorehelicher Sex ist tabu.

Im deutschen Alltagsleben pflegen Evangelikale und Pfingstler ein Nischendasein. Anders als die mächtigen Baptisten in den USA haben sie zu ihrem Leidwesen hier zu Lande nie Einfluss auf die Politik gewonnen. Nach eigenen Angaben zählen Evangelikale rund 1,3 Millionen und die Pfingstler etwa 120 000 Anhänger. Der missionarische Eifer der »Bibeltreuen« aber ist dafür umso spektakulärer: Obwohl sie den gut 26 Millionen deutschen Katholiken zahlenmäßig weit unterlegen sind, schicken beide Freikirchler-Gruppen zusammen inzwischen weit mehr Missionare in alle Welt als die katholische Kirche.

Schon rund 5000 der etwa 8700 deutschen Missionare sind streng bibeltreu. Die Zahl katholischer deutscher Missionare schrumpfte hingegen auf rund 3000, und die gut 700 evangelisch-lutherischen betreiben ohnehin nur noch Mission light: christlich motivierte Entwicklungshilfe ohne das Ziel, ganze Länder christianisieren zu wollen.

Die Fundamentalisten hingegen missionieren, was das Zeug hält - zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Matthias und Rosemary Drochner von der baptistischen Bethelkirche in Stuttgart etwa bitten in Briefen an die Heimatgemeinde um Gebete für »Fahrten mit dem Boot«, damit sie am Ucayali-Fluss im peruanischen Amazonas-Gebiet beschützt missionieren können. Jakob Adolf, für die Hoffnungskirche aus dem nordrhein-westfälischen Herten auf Madagaskar, fliegt im Auftrag der Fluggesellschaft Mission Aviation Fellowship Menschen, Medikamente und Kirchenglocken umher.

Mit wachsendem Unbehagen beobachten Katholiken und Lutheraner, wie professionell die Gottesfürchtigen ihr vormodernes Menschen- und Gottesbild exportieren. Von einer »weltweiten Erfolgsstory« der Fundis spricht die Berliner Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). In Afrika und Lateinamerika, räumt Auslandsbischof Rolf Koppe ein, »haben Evangelikale und Pfingstler das Rennen für sich entschieden«.

Unter dem Tarnmantel der Entwicklungshilfe missionieren sie auch in Ländern, in denen Christen nicht erwünscht sind oder gar verfolgt werden. Ihr religiöser Absolutheitsanspruch steht dem Eifer muslimischer Extremisten dabei kaum nach, schließlich begründen die Missionare den Versuch, die Länder der Erde ihrem Herrn untertan zu machen, mit dem Wort Gottes: »Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern«, zitieren sie Matthäus 28, den so genannten Missionsbefehl. Der Bibelpassus deckte jahrhundertelang auch die schlimmsten Übeltaten der katholischen Kirche; die Kreuzzügler des Mittelalters beriefen sich auf das Evangelium ebenso wie die blutrünstigen Konquistadoren in Lateinamerika.

Die katholische und die evangelisch-lutherische Kirche haben aus den Sünden der Vergangenheit gelernt - und sich davon verabschiedet, die Menschheit um jeden Preis bekehren zu wollen. Das aber empfinden Bibeltreue als Hochverrat.

»Mit ihrer Zielsetzung hinken die Fundamentalisten der historischen Entwicklung hinterher«, sagt Werner Prawdzik, Provinzialoberer der katholischen Steyler Missionare für Norddeutschland. Auch die Methoden der rabiaten Konkurrenz gefallen den Katholiken nicht. So würden Bibeltreue die Nichtchristen beispielsweise »mit psychischem Druck« traktieren und damit drohen, »dass niemand das christliche Heil erreicht, der ihnen nicht folgt«.

Tatsächlich gehört es zum Standardrepertoire der Bibeltreuen, Angst zu machen. Jesus werde bei seiner Rückkehr unter die Menschen der »Retter aller derer, die an ihn glauben, aber auch ein Richter derer, die es nicht tun«, heißt es etwa in der Zeitschrift »Go!«, einer Publikation der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen, zu der 2800 Missionare gehören.

Viele der Jesus-Werber bekümmert es zudem wenig, wenn sie das friedliche Zusammenleben von Gemeinschaften zerstören. Ungerührt berichtet etwa Thomas Mühling aus dem badischen Eppingen darüber, wie er seit 1993 in der tansanischen Hafenstadt Mtwara Kinder und Jugendliche bekehrt - auf Teufel komm raus.

Jungen, bei denen er Erfolg hat, werden »von der Familie verstoßen«, weiß der Deutsche, »Mädchen, die Jesus finden, manchmal von ihrer Familie zu weit entfernten Verwandten geschickt«. Muslime, die mit ihren Eltern brechen, müssten »eine funktionierende Ersatzfamilie« in der Christengemeinde finden.

Kein Wunder, dass die Deutschen bisweilen unerwünscht sind. In der tansanischen Stadt Nanjoka etwa lehnten es neun von zehn Eltern ab, ihre Kinder an einem Teenager-Lager deutscher Pfingstler teilnehmen zu lassen. Sie fürchteten, so Missionar Marko Weiss, »dass wir die Teens klauen«. In Georgien gerieten Missionare des pfingstlerischen Aktionskomitees für verfolgte Christen mit der orthodoxen Kirche aneinander. »Wir haben seit 1500 Jahren den christlichen Glauben, was wollt ihr hier?«, riefen die Orthodoxen empört.

Die Gnadenlosigkeit mancher Botschafter des Kreuzes bringt sensibler auftretende Organisationen wie den in Hamburg residierenden Dachverband Evangelisches Missionswerk (EMW) in Rage. Das liberale EMW, dem auch die EKD angehört, lehne die »Kreuzzugsmentalität« der Fundi-Missionare ab, so Klaus Schäfer, Pastor für missionstheologische Grundsatzfragen. Das Missionswerk jedenfalls sei »nicht darauf ausgerichtet, Länder zu erobern, Religionen zu beleidigen, Kulturen zu zerstören oder die Gefühle von Menschen zu verletzen«.

Die Fundi-Missionare selbst stehen freilich zu ihren Taten. »Okay, ja, wir zerstören die Kulturen«, sagt Siegmar Göhner, 40, »aber ist das immer erhaltenswert, was wir verändern wollen?« Im Auftrag der pfingstlerischen Volksmission entschiedener Christen aus Baden-Württemberg missioniert er im Norden Ugandas nahe dem Nil. Er lebt in Lira, einer 80 000 Einwohner zählenden Stadt, seine Frau Priscilla, 38, hat dort mit Spenden aus Deutschland ein Krankenhaus mit 30 Betten aufgebaut.

Daheim auf dem Sofa der Missionarsfamilie sitzt Bernard Etem, 55, ein mit Göhners Hilfe zum Christentum konvertierter einstiger Animist. Göhner findet Kritik an seiner Arbeit »lächerlich«. Was zum Beispiel sei schlecht daran, »dass dieser Bernard vom Stamm der Karimojong sein Leben radikal geändert und es Gott übergeben hat?«, fragt der Deutsche. Jeder bekehrte Afrikaner könne sich in den Pfingstgemeinden entfalten, »singen und tanzen, wie er will« - nur Gebräuche, die biblischen Prinzipien widersprächen, »müssen weichen«.

Bernard Etem führte vor seiner Bekehrung in der Tat ein unchristliches Leben: drei Frauen, 16 Kinder, allabendlich Hirsebier bis zum Vollrausch. »Ich war nicht glücklich«, sagt er. All das fand ein abruptes Ende, »als ich von Gott gerettet wurde«. Der Afrikaner hörte Göhner predigen, krempelte sein Leben um und sagte sich vom Alkohol los. »Zerstört es afrikanische Werte, wenn Afrikaner sich taufen lassen und sich deshalb nicht mehr jeden Abend voll laufen lassen?«, fragt Göhner - als wären alle Ungetauften in Uganda Alkoholiker.

Erhebliche Fortschritte hat Etem nach den Maßstäben der Bibeltreuen zudem in seinem Intimleben gemacht. Zwei seiner Frauen verstieß er, und auch das findet Göhners Beifall. »Gott ist kein Hampelmann«, sagt Göhner, und es sei »Gottes Recht, uns Vorschriften zu machen«.

Wenn der Schwabe mit seinem Landcruiser bis zu tausend Kilometer weit fährt und in Dörfern etwa an der Grenze zum Kongo Halt macht, packt er seine Lautsprecher aus, nimmt sein Mikrofon und spricht auf Englisch über Gott. Er ist froh, wenn Zuhörer nach einer solchen Freiluft-Predigt »ihr Leben der Herrschaft Jesu übergeben« - und er erwartet, »dass diese Menschen ihr Leben dann auch ändern«.

Das tat John Dengel, 33. Er war ein gefürchteter Viehdieb und führte eine Nomadenbande an, die nachts nach Kenia zog, um dem Stamm der Turkana Rinder zu stehlen. Er genoss die Insignien seiner Macht: Frauen, Alkohol und Drogen.

Dengel schreckte vor Mord nicht zurück - bis er Göhner predigen hörte. »Ich war fasziniert«, sagt Dengel, »es war der Tag, an dem ich neu geboren wurde.« Der Viehdieb bereute seine Taten und besuchte erstmals eine Schule. Er ist jetzt Prediger der Pfingstgemeinde und will sich auf einer Bibelschule weiterbilden. »Alles ist möglich mit Gott«, sagt er.

Was aber treibt Deutsche wie Göhner, den Beruf aufzugeben und, oft unter Entbehrungen, in fernen Ländern zu leben? Lehrer verzichten auf die Sicherheit ihres Beamtendaseins, Ärzte auf Karrieren im Krankenhaus. In China, im Jemen oder in Bhutan, wo Christen verfolgt werden, arbeiten sie als Entwicklungshelfer und missionieren heimlich bei der Arbeit oder nach Feierabend - trotz teils erheblicher finanzieller Einbußen.

»Wir leben von der persönlichen Erfahrung mit Gott und mit Jesus«, sagt der gelernte Schlachter Fritz Schuler, 55. Er war Missionar in Indien und ist heute Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen. Wer Gott begegnet sei, sagt Schuler, »der kann nicht anders, als ihn möglichst vielen Menschen näher bringen zu wollen«.

Manch einer dieser Missionare will seinem Gott ziemlich direkt begegnet sein. Der Ulmer Architekt Peter Schneider, 56, etwa war für die pfingstlerische Ecclesia-Gemeinde in Kamerun, als Gott ihn an einem Februarmorgen des Jahres 1994 in der Hauptstadt Jaunde beim Gebet in der Nähe eines Eukalyptushains ansprach - »so wie ich laut mit anderen Menschen rede«. Der Hain werde Schneider gehören, sagte Gott, der Schwabe möge dort »ein Gesundheitszentrum bauen, in dem Menschen meine Liebe erfahren sollen«.

Behörden machten Schneider und seinem Gott in den Jahren danach zwar noch ein paar Schwierigkeiten. Im Frühjahr aber wird nun tatsächlich ein Bettentrakt mit Operationssaal eingeweiht. »Ganz klar ein Wunder Gottes«, sagt Schneider.

Es ist dieser unbedingte Glaube an die Wunder Gottes im Alltagsleben, der die streng Bibeltreuen eint. Zwei Deutschen gelingt es sogar, Hunderttausende mit Wundern in ihren Bann zu ziehen: dem Niedersachsen Andreas Hübner und Reinhard Bonnke, dem Gründer des in Frankfurt am Main residierenden Missionswerkes Christus für alle Nationen.

Hübner will im pakistanischen Faisalabad betend erreicht haben, dass sich bei einem Jungen ein orangengroßer Tumor »plötzlich in Luft« auflöste. Nebenbei ließ er einige Zuhörer ihre »Befreiung von den Mächten Satans« erleben.

Bonnke tritt noch selbstbewusster auf. Wie ein Popstar fährt der Deutsche etwa in der nigerianischen Stadt Ilesa im S-Klasse-Mercedes vor und lässt sich von Bodyguards schützen. »Ihr werdet alle reich sein. Alle, die blind sind, werden wieder sehen können«, schreit er von einer Bühne in ein Mikrofon. Und wenn der Weiße dann heiser »Halleluja« krächzt, fallen kranke Schwarze bisweilen in Trance.

Der Deutsche arbeitet vorzugsweise hart an der Grenze zur Scharlatanerie. An einer seiner Predigten etwa nahmen Afrikaner teil, die von der deutschen Christoffel-Blindenmission betreut werden. Der selbst ernannte Evangelist rief sie auf die Bühne, betete - und behauptete anschließend, die Blinden könnten nun wieder sehen. Zum Beweis hielt er ihnen drei Finger vor das Gesicht, die sie tatsächlich wahrnahmen. Die Masse jubelte ekstatisch.

Große Zauberkraft wurde Bonnke bei diesem Kunststück freilich nicht abverlangt: »Unsere Leute hatten eine Restsehfähigkeit von fünf bis zehn Prozent«, sagt Martin Georgi, Direktor der Blindenmission. »Damit kann man drei Finger aus der Nähe zumindest schemenhaft erkennen.«

Mitunter scheint Bonnke mit der Heilung von Menschen sogar unterfordert zu sein. So lässt er sich dafür feiern, einen Toten wieder ins Leben geholt zu haben: Im November 2001 soll, so heißt es in Bonnkes Internet-Auftritt, der evangelikale Pastor Daniel Ekechukwu nach einem Autounfall in Nigeria gestorben sein. Der Leichnam sei in eine nigerianische Kirche gebracht worden, in der Bonnke gerade predigte. Zuschauer hätten alsbald »ein leichtes Zucken in der Bauchgegend der Leiche« bemerkt. Dann sei der Tote mit den Worten »Wasser, Wasser« recht durstig ins Leben zurückgekehrt - ein seltsamer PR-Gag des Gottesmannes.

Aber: Im Krieg sind nahezu alle Tricks erlaubt, und dass sich manche der Fundi-Missionare im Krieg wähnen, zeigt die Fibel »Berufen zum Senden« des US-Missionswerks Emmaus Road International, die auch unter Deutschen Beifall findet. Chef-Missionar Neal Pirolo nimmt darin den »Feind« ins Visier: Der stehe im so genannten 10/40-Fenster, in jenem Gürtel um den Globus zwischen dem 10. und dem 40. nördlichen Breitengrad, in dem vor allem islamische, hinduistische und buddhistische Staaten liegen.

Der Teufel selbst habe, so Pirolo, »in diesem Gebiet eine Festung aufgebaut, um den Fortschritt der Guten Nachricht dort in Schranken zu halten«. Und von Subalternen des »Herrn der Heerscharen« - ein Synonym für Gott - sei »das Signal zum Kampf gekommen«. Eine »Armee von Soldaten des Kreuzes« müsse schleunigst ausziehen.

Deutsche, die sich in die Schlacht werfen wollen, treffen sich häufiger im Auslandsterminal des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens. In geheimer Mission fliegen sie nach Hongkong: Studenten, Rentnerinnen, Lehrer, Manager. Alle sind Fundi-Christen, ihre Mission: Bibeln ins kommunistische China schmuggeln, obwohl deren Einfuhr dort strikt verboten ist.

In Hongkong werden die Deutschen meistens von Mittelsmännern empfangen und am nächsten Tag mit Bibeln in chinesischer Sprache versorgt, die, in den USA, in Europa oder in Hongkong gedruckt, zu Hunderttausenden in Hallen lagern. Täglich machen sich die Bibelschmuggler dann mit je zwei Koffern auf den Fußweg zum chinesischen Festland, getarnt als Touristen. »Tüchtige tragen pro Tag 150 Bibeln, insgesamt 20 Kilogramm schwer«, sagt ein Augenzeuge. Eine zehnköpfige Gruppe aus Deutschland könne in zehn Urlaubstagen somit »glatt 15 000 Bibeln nach China schaffen«.

Die Logistik der Bibeltransporteure funktioniert nach Geheimdienstmethoden, denn werden Kuriere geschnappt, müssen sie mit Haft rechnen. Späher sondieren also die Lage und verabreden auf dem chinesischen Festland konspirative Treffpunkte. »Auf einer abgelegenen Landstraße hält manchmal ein Auto, zwei Koffer werden ausgeladen, wenig später naht ein zweites Auto, dann werden die Koffer eingeladen«, sagt ein Insider.

In Deutschland werden solche »Aktivurlaube«, so der Schmuggler-Jargon, auch von der Filiale des internationalen Missionswerks »Offene Grenzen« im hessischen Kelkheim gesteuert. Sprecher Markus Rode, 41, schweigt über Details und sagt nur, dass es »viele Wege nach China gibt« - und dass die meisten Helfer bei den jährlich 300 Vortragsabenden der Organisation rekrutiert würden.

Andächtig berichten deutsche Bibelschmuggler noch immer vom größten aller Bibelcoups, der dem Gründer des Netzwerks, dem niederländischen Bruder Andrew, 1981 mit der »Operation Perle« gelang: Ein Frachtschiff näherte sich bei Dunkelheit der südchinesischen Küste, dreimal Blinklicht von Bord, dreimal Blinklicht von Land - dann begann nahe der Stadt Shantou das Löschen der Ladung. Mehr als 2000 chinesische Christen warteten am Strand darauf, 232 Paletten mit einer Million Bibeln zu schleppen; zwei Stunden dauerte der Spuk.

Heute reisen deutsche Touristen im so genannten Ameisenverkehr mit Bibeln im Rucksack nicht nur nach China, sondern auch ins buddhistische Burma, nach Ägypten, Vietnam und in den Jemen. Eigens gecharterte Motorboote laufen Häfen in den islamischen Ländern Bahrein und Saudi-Arabien an, voll gepackt mit Bibeln.

Den Amtskirchen sind solche Piraten-Praktiken fremd. Die Katholiken haben sich während des Zweiten Vatikanischen Konzils in den sechziger Jahren vom aggressiven Missionsstil der Vergangenheit distanziert, ebenso wie die EKD zur selben Zeit: Von Ökumene, Partnerschaft und Entwicklungspolitik ist bei den Großkirchen seither vor allem die Rede, während die Bibeltreuen weiter vorrangig Seelen »erretten« wollen.

Wenn etwa der katholische Pater Ewald Dinter, 66, auf den Philippinen Heiden vom Volk der Mangyanen besucht, will er »niemanden retten und niemanden bekehren«. »Das ist doch auch theologisch

Unsinn«, sagt Dinter. Die Errettung der Welt habe schließlich »längst begonnen, mit Jesus schon«.

Dinter, der nach seinem Theologiestudium vor 36 Jahren für die Steyler Missionare nach Asien ging, kümmert sich nicht in erster Linie um das Seelenheil der Minderheit im Inselstaat, sondern um Gerechtigkeit für sie im Diesseits. So tritt er für die Mangyanen vor Gericht auf, um Betrügereien bei Pachtverträgen zu verhindern, seine Mission hilft dem Bergvolk beim Bau von Schulen und Wasserleitungen.

Nie würde der Katholik von den Animisten verlangen, christliche Rituale zu übernehmen. Als er jüngst in der Siedlung Bait ein neues Schulzentrum seiner Mission einweihte, verzichtete er sogar darauf, es bei einer Messe mit Weihwasser zu bespritzen. Ein Dörfler verscheuchte stattdessen etwa vorhandene Geister.

Respekt vor fremden Religionen ist den streng Bibeltreuen hingegen meist fremd. Evangelikalen und Pfingstlern reicht es nicht einmal, wenn Menschen zum Christengott beten - sie müssen es schon auf ihre Art tun: 83 Prozent der Filipinos etwa sind Katholiken, seit die spanischen Invasoren im 16. Jahrhundert über die Inselkette herfielen. Kein Bedarf an Christianisierung also?

Von wegen: »Vielerorts hat sich auf den Philippinen der so genannte Volks-Katholizismus ausgebreitet«, sagt die gelernte Krankenschwester Pia Möbus, 36, aus dem hessischen Nidda. Der Glaube sei für die Menschen »keine Herzensangelegenheit«, manche Katholiken würden auch noch nebenbei »an Geister glauben«.

Möbus arbeitet am Rande der Stadt Calapan in einem Slum; die evangelikale Überseeische Missionsgemeinschaft aus dem hessischen Mücke hat sie ausgesandt. Gut 2000 Familien leben in Calapan auf einem schmalen Küstenstreifen zwischen einer Ausfallstraße und dem Meer in Bretterbuden. Hin- und Rückfahrt zu den weit entfernten Schulen kosten täglich 10 Pesos, etwa 15 Cent. »Viele Eltern«, sagt Möbus, »können das nicht aufbringen.«

Die Missionarin sorgt dafür, dass immerhin 38 Kinder Geld für die Fahrt bekommen. Sie half beim Ausbau einer Apotheke im Slum und lässt Slum-Bewohner Postkarten malen, die mit Gewinn nach Deutschland exportiert werden.

Es gibt bescheidene Missionserfolge für die Evangelikalen im Slum von Calapan. Immerhin rund 30 Bewohner kommen sonntags zum Gottesdienst der Christen, ein Drittel sind Kinder.

Oft ebnen gute Taten jedoch nur den Weg für die abstrusen Botschaften der protestantischen Sektierer. Der religiöse Fundamentalismus, sagt der Augsburger Theologe Klaus Kienzler, sei Ausdruck einer »tief gehenden Protesthaltung gegen alle Errungenschaften der modernen Welt« - gegen Pluralismus, Demokratie und Wissenschaft. Die streng Bibeltreuen zögen sich »in ihre Festungen vermeintlich sicherer Gewissheiten und fester Lebenspraxis zurück«, überzeugt davon, »dass ihre Religion das Allheilmittel gegen alle Laster dieser Welt« sei.

Das Missionars-Ehepaar Theresa und Frank Fröschle etwa versucht immer wieder, den Einwohnern der peruanischen Stadt Ilo die Schöpfungsgeschichte Wort für Wort genau so nahe zu bringen, wie sie in der Bibel steht.

Die Deutschen, Missionare des pfingstlerischen Aktionskomitees Verfolgter Christen, sperrten schon einen Menschen im Gorillakostüm in einen Bambuskäfig und verteilten Flugblätter mit der Frage, »ob dieser Affe unser Urgroßvater ist oder ob wir nicht doch besser zur Bibel zurückkehren sollten«.

Immerhin lässt sich den Fundi-Christen zugute halten, dass sie tatsächlich glauben, was sie predigen. Siegmar Göhner etwa, der pfingstlerische Missionar in Uganda, weiß davon zu berichten, »wie Gott hier einmal real ins Leben eingegriffen hat«. Es begab sich demnach in Katingo, einem kleinen Dorf im ugandischen Nordosten, dass David Tallman, Superintendent der Pfingstler für diesen Distrikt, predigte und danach erheblichen Ärger bekam: Der Dorfvorsteher, ein traditioneller Animist, bedeutete dem Christen, er solle sich nie wieder blicken lassen.

Einige Tage später stand Tallman stur erneut unter einem großen Baum in der Mitte des Dorfes und pries seinen Herrn. »Außer sich vor Wut«, so Göhner, sei der Dorfvorsteher herbeigelaufen - mit einem Gewehr in der Hand.

Ohne Gott hätte es eng werden können für den Prediger Tallman. Aber als der Bewaffnete dem Missionar gegenüberstand, sei der Heide »einfach umgekippt«, erzählt Göhner, »tot umgekippt«.

CARSTEN HOLM, UDO LUDWIG

Streng bibeltreu

sind etwa 5000 der rund 8700 deutschen Missionare. Sie stammen aus den freikirchlichen protestantischen Gemeinden der 1,3 Millionen Evangelikalen und 120 000 Pfingstler in der Bundesrepublik. Die so genannten Biblizisten glauben, dass die Bibel Wort für Wort stimme; sie lehnen etwa die Evolutionstheorie ab, weil Gott Himmel und Erde in sechs Tagen erschaffen habe. Sie zweifeln auch nicht an der Jungfrauengeburt und erwarten die persönliche Wiederkehr Christi. Homosexualität, Selbstbefriedigung und Abtreibung sind für sie Sünden.

* Im Dorf Sangilen auf der philippinischen Insel Mindoro.

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