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HONGKONG Für immer

Unter Druck hat London klein beigegeben. Die Kronkolonie fällt an China zurück. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Am 1. Oktober wird Teng Hsiao-ping, 80, stolz hinter einer Balustrade auf Pekings Tienanmen-Platz stehen und den 35. Geburtstag der Volksrepublik China feiern. Die größte Parade von Menschen und Waffen seit Maos Zeiten wird den mächtigsten Mann des Landes, die graue Eminenz der KP, erheben; hochgemut aber stimmt ihn gewiß die Rückeroberung von 1063 vaterländischen Quadratkilometern, die britische Kolonialisten einst den Chinesen abgenommen hatten - Hongkong, »der parfümierte Hafen«, kehrt in 13 Jahren ins Reich der Mitte heim.

Zwei Jahre hatte es gedauert, ehe sich London und Peking auf ein Abkommen einigen konnten, dem zufolge die Briten am 1. Juli 1997 ihre Verantwortung für das gesamte Hongkong-Territorium abtreten werden an die Volksrepublik China - all seine Reichtümer und sechs Millionen Chinesen inklusive. Zwar sollen die Bürger von Hongkong, so Englands Außenminister Howe, dem Abkommen »zustimmen«, ehe es in Kraft tritt, aber die »Zustimmung« soll lediglich von einem Meinungsforschungsbüro erkundet werden.

Als beide Seiten Mitte voriger Woche den Abschluß der Verhandlungen bekanntgaben, war das Ende eines der seltsamsten Pachtverträge der Geschichte besiegelt. Die Kronkolonie in Fernost besteht aus drei Teilen, aus der Insel Hongkong, der Halbinsel Kowloon und den »Neuen Territorien«. Das chinesische Kaiserreich hatte im vorigen Jahrhundert den Briten Insel und Halbinsel »für immer« abgetreten. Das größere Hinterland indes (siehe Karte) verpachteten die Chinesen nur für 99 Jahre. Allein dieser Vertrag läuft 1997 aus.

Die Volksrepublik lehnte es freilich ab, sich um derlei Feinheiten zu kümmern, und wollte alles wiederhaben. Früher hieß es, »ein Telephonanruf aus Peking« könne das Schicksal der Kolonie zum Guten oder Schlechten wenden. Heute steht fest, daß es oft in London geklingelt haben muß, daß die Briten es aber wohl verstanden, Zeit zu schinden, um ihre eigenen Interessen zu schützen. Sie waren nur zum Teil identisch mit denen der Bürger von Hongkong.

Eine Analyse der diplomatischen Niederlage Großbritanniens in Fernost muß mit der Reise des britischen Hongkong-Gouverneurs beginnen, der 1979 in Peking von Teng empfangen wurde. Es war ein einseitiges Gespräch. Details wurden nie bekannt; fest steht indes, daß Teng für das Jahr 1997 auf der Heimkehr ganz Hongkongs beharrte.

Der Gouverneur begütigte die Bürger von Hongkong: »Kein Grund zur Aufregung.« Dann flog er nach London, um die schlechte Nachricht zu überbringen.

England, mit Übersee-»subjects« (wörtlich: Untertanen) der Kolonialepoche gesegnet, wollte einen Einwanderer-Schwall verhindern: Im Oktober 1981 verabschiedete das Unterhaus ein Staatsbürgerschaftsgesetz, das über Nacht 2,6 Millionen Hongkong-Chinesen ihres privilegierten Status, britische Bürger zu sein, beraubte. Verloren war damit ihr Recht, ohne weiteres in England zu siedeln.

Um so leichter fielen London nun die weiteren Verhandlungen über Hongkongs Zukunft. 22mal trafen sich britische mit den kommunistischen Diplomaten: Die aber rührten sich nicht. Im Gegenteil, Peking beanspruchte Mitspracherecht in Hongkongs Verwaltung bis zum Ende des Pachtvertrages.

Die Engländer gaben klein bei. Die wesentlichen Punkte des Pekinger Abkommens: *___Vom 1. Juli 1997 an fällt die Souveränität über ganz ____Hongkong an China zurück, das von da an für die ____Verteidigung und Sicherheit der Ex-Kolonie ____verantwortlich sein wird. Entscheidender Punkt: Die ____Volksbefreiungsarmee

und die chinesische Polizei werden in Hongkong einziehen. *___Die Region erhält den Status einer »autonomen Zone«, ____verwaltet von einer gewählten Stadtregierung. *___Englische und chinesische Beamte werden zusammen mit ____Abgeordneten aus Hongkong die Einhaltung aller ____Vereinbarungen bis zum Jahr 2000 überprüfen.

Viel gibt es da aber für die Briten nicht mehr zu kontrollieren. Londons Vorschlag, den 2,6 Millionen chinesischen »subjects« eine doppelte Staatsbürgerschaft zu verleihen, fand ebenfalls keine Gegenliebe.

Immerhin dürfe die Kronkolonie, ihre freie Marktwirtschaft und auch ihre Rechtsprechung nach britischem Vorbild für eine Übergangsperiode von 50 Jahren behalten. Nur - Garantien existieren in dem Abkommen, das diese Woche in Peking paraphiert wird, nicht. Der Kern des Vertrags, so Außenminister Howe, sei »Vertrauen«.

Der wahren Zukunft der Hafenstadt nahe kam womöglich ein Kolumnist des »Hongkong Standard«, als er vorhersagte, die Regierung Hongkongs werde noch lange vor 1997 von den Kommunisten »wie eine Peking-Ente geröstet«. Und ein Blick in eine kommunistische Zeitung Hongkongs mag den Pessimisten animiert haben: »Die Meinung von einer Milliarde Menschen«, heißt es dort, »ist wichtiger als die von 6,6 Millionen.«

Direkte Wahlen gar vor 1997, verzweifelte Hoffnung von 98 Hongkonger Bürgerorganisationen, wären schon heute eine Art Revolution; denn die Regierungsgewalt und die Verwaltung liegen in Hongkong immer noch in den Händen des britischen Gouverneurs. Diesen Zentralismus will Peking erben.

Und doch: »Keine amerikanische Gesellschaft hat meines Wissens Hongkong aus Zukunftsangst verlassen«, sagt der US-Generalkonsul Levin. Um Hongkongs Geschäftsgemeinde bei Laune zu halten, hat Teng seinen 40jährigen Sohn Teng Pufang jüngst zu Besuch in die Kolonie geschickt.

Rotgardisten hatten Teng jr. während der Kulturrevolution aus dem Fenster geworfen, weil er das Versteck seines »kapitalistischen Vaters«, den der revolutionäre Mob vor ein Gericht zerren wollte, nicht verriet. Seit dem Sturz ist der treue Sohn gelähmt.

Er blieb 23 Tage lang in Hongkong. Der stellvertretende Vorsitzende des chinesischen Hilfsfonds für Versehrte wurde wie ein Staatsgast durch Krankenhäuser, Fabriken und sogar zu Pferderennen transportiert. Als er die Stadt schließlich verließ, hatte er 58 Millionen Hongkong-Dollar für seinen Hilfsfonds gesammelt.

»Genauso«, sagen einige seiner Gastgeber heute, »wird China uns ausquetschen, wenn es Hongkong erst einmal wieder im Griff hat.«

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CHINA Kartenausschnitt CHINA New Territories an Großbritannien bis 1997 verpachtet Eisenbahn Hongkong-Kanton Kowloon 2,45 Millionen Einwohner LANTAO HONG-KONG Insel Hongkong 1,18 Millionen Einwohner 10 Kilometer

[GrafiktextEnde]

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