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Aussiedler »Für jeden Ami ein Russe«

Nachdem die US-Truppen aus dem rheinland-pfälzischen Hunsrück abgezogen sind, haben rund 10 000 Rußland-Aussiedler die frei gewordenen Quartiere bezogen. Trotz deutscher Pässe fühlen sich »die Russen«, wie die Zuwanderer genannt werden, ähnlich fremd wie einst im Osten, wo sie als »die Deutschen« Mißtrauen erregten.
aus DER SPIEGEL 4/1994

Manchmal beim Kochen erinnert sich Irma Herzel, 63, mit Wehmut an die aromatischen Fleischtomaten, die in den kurzen, aber heißen sibirischen Sommern auf ihrer Datscha bei Nowosibirsk heranwuchsen: »Gut schmeckten die, und groß waren sie.« Irma Herzel lächelt und formt die Hände zu einer tennisballgroßen Kugel.

Mehr als drei Jahre ist es her, daß sie selbstangebaute Tomaten in Scheiben schnitt und auf den Tisch brachte - als Beilage zu Ryba pod schuboi (Fisch im Pelz) oder Golubzy (Krautwickel mit Hackfleischfüllung).

Irma Herzel, geborene Reich, in Karl-Marx-Stadt an der Wolga aufgewachsen und kurz nach dem Krieg ohne Eltern nach Nowosibirsk verschleppt, hat keine Datscha mehr. Die Rentnerin lebt jetzt mit ihrem gleichaltrigen Mann August 5000 Kilometer weiter westlich - in einem grauen Mietblock in Sohren, einem Dorf im Hunsrück. Und dort - sie sagt es vorsichtig, als wolle sie nicht unhöflich erscheinen - wachsen nun mal »nicht so schöne Tomaten« wie in Sibirien.

Auch sonst gedeiht manches nicht so, wie die Herzels es sich vorgestellt hatten, als sie im September 1990 auf dem Frankfurter Flughafen landeten. In ihrer neuen Heimat im Hunsrück, wo sie und viele Schicksalsgenossen in die Wohnquartiere der abrückenden US-Streitkräfte eingezogen sind, werden sie als Fremde empfunden.

Der abgerüstete »Flugzeugträger der Nato«, wie Rheinland-Pfalz einst von Landespolitikern genannt wurde, hat sich zum Schauplatz einer beispiellosen demographischen Konversion entwickelt: Nirgendwo sonst in Deutschland ist mit einem Schlag eine Bevölkerungsgruppe nahezu komplett durch eine andere ersetzt worden.

Für Bernard Norris, 48, einen amerikanischen Barbesitzer im winzigen Dorf Lautzenhausen nahe dem ehemaligen US-Fliegerhorst Hahn, steht die Welt auf dem Kopf: »45 Jahre haben wir euch vor den Russen geschützt, jetzt sind unsere Jungs weg, und die sind da.«

Schon seit 30 Jahren lebt Rollstuhlfahrer Norris auf dem Hunsrück. Er blieb hängen, als Lautzenhausen noch eine Art Goldgräbersiedlung war und die US-Soldaten die Nuggets hatten. Lautzenhausen war das Dorf mit den meisten Puffs weit und breit.

Der Mann aus Baltimore ist einer der wenigen, die trotz des Abzugs der U.S. Air Force ihr Lokal noch geöffnet haben: »Ich hatte immer viele deutsche Gäste.« Aussiedler meint er damit nicht, »die gehen doch in keine Bar«.

Die strategische Bedeutung des 650 Hektar großen Fliegerhorstes war einst groß: Auf amtlichen Luftbildern war der Flughafen wegretuschiert worden, und auch auf Landkarten war der Stützpunkt ausradiert - alles aus Angst vor den Russen.

Die »Russen« sind unterdessen massenhaft gekommen: Für nahezu jeden Amerikaner, der den Flugplatz verlassen hat, ist ein deutschstämmiger Aussiedler aus Kasachstan oder Sibirien nachgerückt. Mehr als 10 000 sind in den letzten drei Jahren in den Rhein-Hunsrück-Kreis eingewandert. In einigen Dörfern spricht bereits jeder zweite Russisch.

Viele der Neubürger kennen den einst so streng geheimgehaltenen Militär-Airport mittlerweile ziemlich gut. 118 Aussiedler-Kinder gehen dort in die »Elementary School«. Der Name prangt in großen Buchstaben noch immer auf dem gepflegten orangefarbenen Gebäude, das seit einigen Monaten als Tagesinternat für Grundschüler genutzt wird.

Wo noch im Sommer 1991 Uniformierte der Air Force in Kompaniestärke zum Putzen antreten mußten, feudeln jetzt Irma und August Herzel aus Nowosibirsk. Der kleingewachsene, schlanke Mann, gelernter Schweißer, hat eine Stelle als Hausmeister in einem Aussiedler-Übergangswohnheim bekommen. Weil dort nicht soviel Arbeit anfällt, übernahm er noch die Reinigung des Tagesinternats.

Jeden Werktag fahren die beiden mit ihrem blitzblanken Golf die drei Kilometer von ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in Sohren bis hinauf zum Fliegerhorst. In der Region, wo der »Sound of Freedom« der F-16-Kampfmaschinen Anfang der achtziger Jahre noch die Dreharbeiten zu Edgar Reitz'' Fernsehserie »Heimat« überdröhnte und die Tontechniker zur Verzweiflung trieb, wollen die Herzels nun Wurzeln schlagen.

Von den 2046 Einwohnern der Gemeinde Büchenbeuren stammen mittlerweile 777 aus Kasachstan und Sibirien. Im Nachbarort Sohren, knapp 3000 Bewohner, sind es 900. Zu der Minderheit, die das aus ökonomischen Gründen gut findet, gehören die Vermieter: Kaum eine der 266 Privatwohnungen, in denen früher Amerikaner lebten, steht leer. Abschläge bei den oft drastisch überhöhten Mieten mußten nur wenige in Kauf nehmen.

Zufrieden sein können auch die Einzelhändler. Die Aussiedler kaufen eher mehr als früher die Air-Force-Soldaten - die versorgten sich lieber in ihren PX-Läden.

Wenn in den Supermärkten von Sohren oder Büchenbeuren in den Schlangen vor den Kassen vorwiegend russisch parliert wird, fühlt sich mancher Hunsrücker »wie auf einem anderen Planeten«. Schnell kommen Aggressionen hoch: »Seit die da sind, wird viel mehr geklaut.« Die Polizeistatistik bestätigt das freilich nicht.

August Herzel kann jetzt »die Türken gut verstehen, wie es denen geht« - auch wenn er gleich hinzufügt, jeder wäre in der Heimat am besten aufgehoben.

Doch die Herzels wollen nicht klagen, und nach Rußland zurück mögen sie auch nicht. Schließlich geht es den Kindern gut. Sie sind auch alle in Westdeutschland: Peter, Olga, Helene, Waldemar und Viktor. Neun Enkel gibt es schon.

Auch drei Jahre nach der Ankunft im vermeintlichen Paradies wird, wenn die ganze Familie Herzel beisammensitzt und die Seelen nach Zuspruch lechzen, meist russisch geredet. Wie auch anders: Es ist die Muttersprache der Kinder. Sie haben jahrzehntelang russisch gedacht, gesprochen und geträumt.

Russen sind auf dem Hunsrück - wie anderswo - nur dann so richtig beliebt, wenn sie singen wie Ivan Rebroff oder so schmachtend Akkordeon spielen wie die von der Familie Milz aus Kasachstan gegründete Musikgruppe, die schon bei etlichen Festen aufgetreten ist.

In seinem großzügig eingerichteten Büro im Kreisstädtchen Simmern sinniert der smarte Landrat Bertram Fleck über die Zeitenwende. »Das Fremde«, klagt der Christdemokrat, »kam schlagartig _(* Am 19. August 1991 auf dem Flugplatz ) _(Hahn. ) und unplanbar.« Klar, anfangs habe die Region von der Zuwanderung »zweifellos« Vorteile gehabt. Der Bestand an Schulen und Kindergärten konnte dadurch gesichert werden. Einige Einrichtungen hätten sonst schließen müssen, etwa die Hauptschule von Büchenbeuren/Sohren.

Auch Handwerksbetriebe hätten vom Zuzug profitiert. Wertschätzung bei ihren Arbeitgebern genießen die neuen Mitarbeiter wegen ihrer meist ausgeprägten Tugenden: Fleiß, Disziplin und Sauberkeit.

Sein großes Aber begründet der Kommunalpolitiker mit Zahlen, die nie zuvor in der Region ähnlich dramatisch waren: Die Arbeitslosenquote im Kreis ist auf 11 Prozent gestiegen, bei den Aussiedlern hat sie 30 Prozent erreicht. Die Sozialhilfekosten haben sich in einigen Gemeinden verzehnfacht. Flecks Mitarbeiter Wolfgang Stemann, einziger hauptamtlicher Aussiedler-Beauftragter im Land, seufzt: »Die irre Konzentration ist das Problem.« Die Integration der Neubürger, meint er, werde in der abgeschiedenen Region noch Jahrzehnte dauern.

Die Parolen auf den Straßenbrücken im Hunsrück werden neuerdings schärfer: »Russen raus!« Auch Irma und August Herzel kennen die schroffen Töne: »Die reden von uns als den Ausländern.« Da werden dem alten Herzel schnell die Augen feucht.

Einige halten dem Druck nicht stand. In Büchenbeuren haben in den letzten Monaten zwei Aussiedler, 19 und 29, Selbstmord begangen.

Mancher nennt die Neubürger einfach »Iwan«. Daß der »Iwan« einen deutschen Paß hat und wahlberechtigt ist, will vielen Einheimischen nicht in den Kopf. Die Zuwanderer aus den kasachischen Steppen sind ihnen so fremd wie Türken - vielleicht noch fremder, denn die Türken behaupten wenigstens nicht, Deutsche zu sein.

Emmi Schleicher ist die einzige aus der Zuwanderer-Kolonie in Sohren, die sich in die Politik einmischen will: Sie steht auf der CDU-Liste für die Kommunalwahl im Sommer. Sie weiß zwar nicht einmal, daß die Union vor Ort stärkste Partei ist. Aber was schadet das? Viele Einheimische wissen das auch nicht so genau. Und außerdem: »Die CDU ist eher für Aussiedler, die SPD eher dagegen.«

Im »Alten Kino« in Sohren, einer bei den einheimischen Jugend-Cliquen beliebten Kneipen-Disco, sind die Jungmänner unisono der Meinung: »Die Russen kapseln sich ab, die kommen ja nicht auf uns zu, was sollen wir da machen?« Selber Kontakt aufnehmen? »Nein, warum?«

Mit den Amis war eben alles einfacher. Die konnten zwar auch kaum Deutsch, waren aber - alle nicken zustimmend mit dem Kopf - »irgendwie freier«. Außerdem gaben sie eine Menge Geld aus, gingen essen, kauften viele Kuckucksuhren und zahlten ohne Murren Wuchermieten.

Während die Sohrener in ihrer Stammkneipe ausgiebig ihre Vorbehalte gegen die neuen Konkurrenten ausbreiten, geht es nur 50 Meter nebenan im »Russenschuppen« rund. Der »Russenschuppen« ist ein Container, den die Diakonie eigens für Aussiedler-Jugendliche eingerichtet hat: ein Billardtisch, Tischfußball, ein paar Stühle, eine Theke, Filmposter an den Wänden.

Keiner der Aussiedler-Jungs, die das Kicker-Gerät einem rabiaten Härtetest unterziehen, redet deutsch. Geflachst und geflucht wird auf russisch.

In der Hauptschule von Büchenbeuren/Sohren geht es nicht anders zu. Ingo Noack, ein Lehrer, dem sein Engagement für die Zuwanderer kürzlich einen rheinland-pfälzischen Orden eingetragen hat, schönt die Lage nicht: »Da fliegen schon mal die Fetzen.«

Die hartnäckig kursierenden Gerüchte über Babystrich und Russenmafia hält der quirlige Pädagoge für »völlig überzogen«. Als die Amerikaner noch den Ton angaben rund um den Hahn, seien die Probleme mit der Prostitution viel größer gewesen.

Für die Jugendlichen, kritisieren Noack und die zur Aussiedler-Betreuung eingesetzten Sozialarbeiter, gebe es viel zu wenige Angebote. Das nächste Kino, in der Kreisstadt Simmern, ist 20 Kilometer entfernt, und in der näheren Umgebung gibt es keine attraktive Disco.

Anna Bach und Eugenia Pankraz, beide 15, klagen, in Rußland seien sie »oft im Kino und in der Disco« gewesen. Und überhaupt sei es hier oben auf dem Hunsrück ziemlich ätzend. Die einheimischen Mädchen reagieren auf die attraktive Konkurrenz aus Kasachstan allergisch: »Haut ab, ihr Russenschweine.« Anna Bach würde das lieber heute als morgen: »Ich will unbedingt nach Hause.«

Irma und August Herzel jedoch wollen bleiben. Sie würde allerdings gern weiter südlich leben, in Frankenthal bei Worms. Da ist es wärmer, was auch besser für die Tomaten wäre. Vor allem aber lebt dort Sohn Waldemar mit seiner Frau: »Da in der Nähe, das wäre schön.«

Doch August Herzel hat Schwierigkeiten, die Umzugspläne seiner Frau zu teilen. »Irgendwo«, druckst er herum, »irgendwo will man doch mal zu Hause sein.« Y

[Grafiktext]

__45_ Der Rhein-Hunsrück-Kreis

[GrafiktextEnde]

* Am 19. August 1991 auf dem Flugplatz Hahn.

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