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»Für meine Nachfolger tiefes Mitgefühl«

Welches Vermächtnis hinterläßt er? Was waren die Alpträume, was die Höhepunkte seiner Amtszeit? Einen Tag bevor Amerikas Henry Kissinger, laut Präsident Gerald Ford »der beste Außenminister, den die Vereinigten Staaten je hatten«, aus seinem Amt schied, gewährte er der »New York Times« ein Interview, in dem er Bilanz zog.
aus DER SPIEGEL 6/1977

FRAGE: Dr. Kissinger, gegen Sie sind etliche ernsthafte Vorwürfe erhoben worden, der erste ist dieser: Sie hätten in einer Welt voller Ernst versucht, komisch zu sein.

KISSINGER: Auf diesem Posten hat man nur die eine oder andere Wahl -- entweder man ist absichtlich komisch, oder man ist es unfreiwillig.

FRAGE: Sind Sie zum Scherzen aufgelegt, oder meinen Sie es ernst?

KISSINGER: Offen gestanden, ich meine es eher ernst.

FRAGE: Wenn Sie alles zusammenfassen, welches Vermächtnis haben Sie hinterlassen?

KISSINGER: Bevor ich hierherkam, schrieb ich einen Artikel, in dem ich sagte, die Welt sei militärisch bipolar, politisch multipolar und wirtschaftlich zersplittert. Wenn man heute von der Weltordnung spricht, muß man all diese Realitäten berücksichtigen, wie auch den Umstand, daß die Historie dies wohl als eine der philosophischen Revolutionen der Geschichte registrieren wird.

Es liegt in der Natur der Dinge, daß diese Aufgabe nicht vollendet werden konnte -- selbst ohne Watergate nicht. Das ist das Entscheidende. Ich glaube, daß die Zukunft auf die eine oder andere Weise dauerhaft geprägt sein wird von den Beziehungen zwischen China, der Sowjet-Union, den demokratischen Industrieländern, den Vereinigten Staaten und den Entwicklungsländern. also von einem Fünf-Seiten-Aspekt.

Wir, die demokratischen Industrienationen, liefern 90 Prozent aller realen Hilfsgüter, die an die Entwicklungsländer gehen. Wenn wir es schaffen, zu einem einheitlichen Vorgehen zu kommen, können wir -- und nur wir -- einen entscheidenden Entwicklungsbeitrag leisten.

Was den Ost-West-Dialog anlangt, sO denke ich nicht daran, mich von der sowjetischen Stärke hypnotisieren zu lassen. Sie ist zwar vorhanden, ebenso vorhanden sind aber auch ganz reale Schwächen. Ich glaube, eine Kombination von Diplomatie, Verhandlung und Stärke kann das unter Kontrolle halten.

FRAGE: Wenn Sie zurückblicken, geschieht das voller Stolz, voller Trauer, im Zorn oder wie sonst?

KISSINGER: Gewiß nicht im Zorn. Ich blicke mit einem gewissen Stolz zurück. Vergleicht man die weltpolitische Situation von 1969 mit der heutigen, so kann man die Welt für friedlicher, hoffnungsvoller halten und ihr eine größere Chance für den Fortschritt einräumen. Andererseits aber blicke ich auch voller Trauer zurück angesichts der Qualen, die unser Land während dieser Zeit durchgemacht hat -- die erbitterte Diskussion über Vietnam, der Autoritätsverfall durch den Watergate-Skandal, die Zerstörung einiger Menschen, die ich gut kenne -- und auch in dem Sinne, daß man Dinge nicht ganz zu Ende führen konnte, die man gern geschafft hätte.

FRAGE: Was beispielsweise?

KISSINGER: Nun, das Salt-Abkommen hätte ich gern zum Abschluß gebracht.

FRAGE: Warum wurde. es nichts damit?

KISSINGER: Ich glaube, zum Teil lag das an der anderen Seite, zum Teil an den (Präsidentschafts-)Wahlen und auch an internen Auseinandersetzungen innerhalb der Regierung.

FRAGE: Wie beurteilen Sie die Zukunft der westlichen Zivilisation?

KISSINGER: Ich glaube, daß der Westen die materielle Stärke besitzt, mit all seinen Problemen fertigzuwerden. Er verfügt über die Mittel, den Nord-Süd-Dialog zu bestehen. Er ist militärisch in der Lage, Aggressionen zu verhindern, und er ist fähig, eine wirksame Diplomatie zu betreiben. Was er braucht, sind Phantasie, Hingabe und eine Vorstellung von der Zukunft. Das halte ich für erreichbar.

FRAGE: Halten Sie die augenblicklichen Aussichten für besser als vor zwei Jahren?

KISSINGER: Ja, weil wir Watergate hinter uns gebracht haben und weil wir bei der Verstärkung des Dialogs mit den Industriestaaten große Fortschritte erzielt haben. Denn wenn die freien Völker nicht zusammenarbeiten, werden wir weder das Ost-West-Problem noch das Nord-Süd-Problem lösen können.

FRAGE: An welche vier oder fünf Augenblicke denken Sie rückschauend mit dem größten Stolz? Gibt es etwas, was Ihnen auf der Stelle einfällt?

KISSINGER: Die Reise nach China war mit Sicherheit ein großes Erlebnis. Ein ebenfalls großes Gefühl war der Moment, als Le Duc Tho jenen Vorschlag auf den Tisch legte, von dem ich wußte, er würde den Vietnam-Krieg beenden. Nichtahnend, daß Watergate noch über uns hereinbrechen sollte, glaubte ich damals, daß das Ende des Vietnam-Kriegs das amerikanische Volk wieder einen würde. Und das lag mir, sieht man sich einmal meine Pressekonferenzen der Jahre 1969 bis 1973 an, am meisten am Herzen. Dann das Salt-Abkommen, die Unterzeichnung des Kommuniqés von Schanghai, das erste Truppenentflechtungsabkommen zwischen den Ägyptern und Israel, und komischerweise auch das erste Gipfeltreffen in Rambouillet, denn es bedeutete, daß wir wenigstens anfingen. die Industrienationen enger zusammenzuschließen. Und dann hat mich noch tief bewegt, wie Präsident Kaunda sich am Ende meiner Rede in Lusaka erhob und mich in die Arme schloß. Das war schon ein ergreifender Augenblick.

FRAGE: Ist die Afrika-Diplomatie. um die Sie sich im letzten Jahr mit so viel Nachdruck gekümmert haben, jetzt wegen der Wahlen gewissermaßen zum Stillstand gekommen, verpufft?

KISSINGER: Nun, ich glaube, die Wahlen haben die Afrika-Diplomatie ein wenig erlahmen lassen, weil alle Beteiligten abwarten, was die neue Regierung tut und ob die Richtlinien verändert werden können. Aber ich glaube, daß mit der Grundsatzrede von (Ian) Smith »die Weichen für eine Lösung gestellt waren. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie die Bedingungen genau aussehen werden, aber das ist auch nicht von so fundamentaler Bedeutung wie vielmehr die Tatsache, daß Smith auf eine Mehrheitsregierung festgelegt ist.

* vorn von links: der französische Präsident Giscard. US-Präsident Ford. Bundeskanzler Schmidt. Großbritanniens Premierminister Wilson. Japans Premier Miki. US-Außenminister Kissinger

FRAGE: Was waren die Alpträume Ihrer Amtszeit?

KISSINGER: Ein Alptraum. den ganz gewiß auch meine Nachfolger haben werden, ist, dafür zu sorgen. daß nicht irgendeine Krise in einen Atomkrieg eskaliert und wir unbedacht einen gewaltigen Weltenbrand schüren.

Der zweite Alptraum war die Sorge, unser Land könne durch den Vietnam-Krieg so sehr gespalten werden, daß eine Aussöhnung völlig unmöglich sein würde. Diesem Alptraum folgte unmittelbar der nächste. Man mußte verhindern, daß der Zusammenbruch der Regierungsautorität zu einer Herausforderung durch eine fremde Macht führte. Dann der Alptraum, eine ernste Krise im Nahen Osten zu einer Zeit zu managen, da unsere eigene Regierung unter Beschuß stand.

In der letzten Periode meiner Amtszeit schließlich bedrückte mich der Gedanke, Amerika könne sieh so sehr mit sieh selbst beschäftigen, könne puristisch und selbstkritisch werden, daß es vergessen würde, daß es der Schlüssel für die Sicherheit, den Fortschritt und die Freiheit in der Welt ist. All diese Alpträume sind meines Erachtens jetzt dabei, sich aufzulösen.

FRAGE: Und was fällt sonst noch an im Jahr 1977?

KISSINGER: Ich glaube. für 1977 haben wir einige ganz positive Aussichten. 1977 müßte, meine ich, ein Salt-Abkommen zu erreichen sein. Die objektiven Bedingungen für einen Fortschritt im Nahen Osten sind heute besser als zu wohl jeder anderen Zeit der Gründung des Staates Israel.

Ich möchte meinen Nachfolger nicht mit der Behauptung in Verlegenheit bringen, alles sei ganz einfach. Es wird vielmehr eine mörderisch schwere, komplizierte Aufgabe sein. Was ich sagen will, ist lediglich: Der Boden ist bestellt für eine heroische Anstrengung.

Dann glaube ich, daß wir in diesem Jahr in der Frage des Seerechts einen Durchbruch erzielen können. In der Frage der Nichtverbreitung von Kernwaffen haben wir meines Erachtens bereits große Fortschritte gemacht, die wir weiterhin festigen und ausbauen können. Ferner glaube ich, daß wir die Rhodesien- und Namibia-Frage dieses Jahr zum Abschluß bringen können. Sonst sehe ich für 1977 keinerlei überwältigende Krisen, es sei denn, die Entwicklung in Afrika gerät völlig außer Kontrolle. Aber damit rechne ich eigentlich nicht.

FRAGE: Sie sprachen eingangs vom engeren Zusammenrücken mit den freien Industrieländern. Wie steht es um die Energieversorgung und unsere Beziehungen vor allem zur arabischen Welt? Wir haben, dank des Preisbeschlusses Saudi-Arabiens, eine Atempause von sechs Monaten, das eigentliche Problem jedoch ist damit nicht vom Tisch.

KISSINGER: Zur Lösung des Energieproblems haben wir die Internationale Energie-Agentur geschaffen, eine überaus nützliche Institution. Innerhalb dieser Organisation haben wir eine gemeinsame Politik mit dem Ziel erarbeitet, selektive Embargo-Beschlüsse zu verhindern und die Industrieländer zu verpflichten, sich gegenseitig zu unterstützen. Die Energie-Agentur verfügt über ein gutes Programm zur Entwicklung neuer Energiequellen sowie zur Energie-Einsparung. Nur haben sich die Vereinigten Staaten leider geweigert, die im Programm vorgegebenen Energie-Sparmaßnahmen zu erfüllen. Da wir nun einmal 40 Prozent der Energievorräte aller Industrienationen verbrauchen, können noch so gute Pläne entworfen werden -- sie nützen nichts, wenn sie nicht auch angewandt werden.

Wir müssen alles tun, um zu verhindern. daß es so weitergeht wie jetzt, daß der Westen alle sechs Monate oder jedes Jahr machtlos zusieht, wie eine Gruppe von Nationen, deren Interessen sich nicht mit den seinen decken, über seine wirtschaftliche Zukunft entscheidet.

Wir haben die letzte Opec-Tagung zwar überstanden, doch solange wir die Bedingungen, die auf dem Energiesektor herrschen, nicht ändern, werden wir wieder und wieder vor demselben Problem stehen. Von ausschlaggebender Bedeutung ist für die in der Internationalen Energie-Agentur vertretenen Nationen, daß ein großangelegtes Programm für alternative Energie sowie ein Programm zur Energie-Einsparung entwickelt wird. Außerdem müssen alle anderen politischen Mittel eingesetzt werden, welche die erdölproduzierenden Länder zur Zurückhaltung anhalten. Geschieht das nicht, so ist es in der Vorausschau auf die kommenden vier oder fünf Jahre leichtfertig auszuschließen, daß eines Tages Entscheidungen getroffen werden, die sich möglicherweise katastrophal auf unsere Wirtschaft auswirken.

In diesem Jahr haben wir Glück gehabt, vielleicht haben wir auch geschickt oder gekonnt verhandelt, aber das geht nicht jedes Jahr so.

FRAGE: Stimmen Sie dem Eindruck anderer Länder zu, speziell der Dritten Welt, daß die Vereinigten Staaten und deren Führung bis vor kurzem nur wenig Interesse für ihre Probleme bewiesen hätten?

KISSINGER: Es wird heute leicht vergessen, daß wir bis Ende 1972 vorrangig mit dem Vietnam-Krieg beschäftigt waren. Beispielsweise konnten wir -- lassen wir die Dritte Welt einmal für einen Augenblick beiseite -- keine großen Fortschritte in unseren Beziehungen zu Westeuropa erzielen, solange das Vietnam-Problem in jedem westeuropäischen Land als Hinderungsgrund für engere Beziehungen mit den Vereinigten Staaten galt. Also mußte der Vietnam-Krieg erst einmal beendet werden. Es stimmt wohl, daß wir diesem Sachverhalt bis 1973 keine größere systematische Beachtung geschenkt haben.

Seit Ende 1973 aber, in den letzten drei Jahren also, stand die Dritte Welt im Mittelpunkt unserer Bemühungen. Wenn Sie sieb einmal den Themenkatalog der Verhandlungen über Nahrungsmittellieferungen und Finanzen, über Entwicklung und die Bereitstellung von Technologie ansehen, werden Sie feststellen, daß der gesamte internationale Themenkatalog von uns aufgestellt wurde. Es gibt keinen anderen.

FRAGE: Trifft das Argument zu, daß Ihre Leistungsbilanz im wesentlichen die Summe brillanter Verhandlungen sei -- taktisch sehr gut, strategisch hingegen schwach?

KISSINGER: Nun, das zu beurteilen bin ich nicht eben der Befugteste. Ich muß aber sagen, daß ich eine Welt hinterlasse, die im Frieden lebt, mehr als bei jedem vorangegangenen Regierungswechsel; eine Welt zudem, in der in allen Problembereichen Lösungen abzusehen sind, die noch nicht in jedem Fall erreicht sind, deren Rahmen aber abgesteckt ist; eine Welt, in der die Themenlisten für die meisten internationalen Verhandlungen aufgestellt worden sind. Das kann doch nicht reiner Zufall sein, auch keine Aneinanderreihung taktischer Improvisationen.

FRAGE: Zur Strategie der amerikanischen Beziehungen zu den Russen und Chinesen: Ist mit einer Wiederannäherung zwischen beiden Staaten zu rechnen? Besteht für die USA Anlaß zur Besorgnis? Oder bestehen Spannungen, die noch auszunutzen wären?

KISSINGER: Ich halte es für falsch, das chinesisch-sowjetische Verhältnis nur danach zu beurteilen, inwieweit wir ihre Differenzen ausnutzen können. Ihre Differenzen entstanden, ohne daß wir sie recht begriffen. Wir haben sie nicht geschaffen, wir können sie nicht nutzen. Wir können unsere Politik lediglich auf die Tatsache stützen, daß sich China nicht uns zu Gefallen der sowjetischen Hegemonie widersetzt.

Ich halte es für wichtig, daß die Volksrepublik China von unserem Interesse überzeugt bleibt, das Gleichgewicht in der Welt aufrechtzuerhalten. Wenn die Chinesen den Eindruck gewinnen, daß wir das Interesse daran, das Verständnis dafür oder den Willen. es aufrechtzuerhalten, verloren haben, dann werden sie unweigerlich die Konsequenzen ziehen. Das heißt, sie werden auf jede nur denkbare Abhilfe sinnen. Oder sie werden eine neue Schutzmöglichkeit anstreben -- etwa indem sie die Dritte Welt gegen uns und die Sowjet-Union mobilisieren.

Das militärische Problem mit der Sowjet-Union halte ich für lösbar. Ich glaube, daß das System der Sowjet-Union durchsetzt ist von ungeheuren Schwächen. Keinem kommunistischen Staat der Welt ist es je gelungen, die spontane Unterstützung seiner Bevölkerung zu gewinnen.

Die Staaten Osteuropas müssen an eine Art bürgerlichen Nationalismus appellieren, um ihr kleines bißchen Legitimität aufrechtzuerhalten. Mir erscheint die Vorstellung unrealistisch, daß Gesellschaften. die wohl in gewissen militärisch-technischen Bereichen Erfolg haben, die aber das Problem der Verteilung, ja selbst das der simpelsten Verwaltung nie sinnvoll gelöst haben, daß diese Gesellschaften ohne weiteres einen auf Vormachtstellung in der Welt abzielenden Kurs steuern.

Gewiß, wir müssen ausreichende militärische Kräfte aufbauen, um ihnen zu widerstehen. Dabei müssen wir aber wissen, auf welche Kräfte es ankommt. Ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich -- und auch für relativ einfach zu verhindern -, daß auf dem Gebiet der strategischen Kernwaffen eine verwendbare militärische Überlegenheit errungen werden kann. Unsere Besessenheit auf diesem Gebiet lenkt uns nur ab. Wenn es zu einem Konflikt zwischen der Sowjet-Union und uns kommen sollte, so wahrscheinlich nicht als Folge eines sowjetischen Angriffs, eines vorsätzlichen Angriffs auf ein lebenswichtiges Interesse der Vereinigten Staaten, sondern als Folge eines Konflikts. den möglicherweise keiner von uns vorhergesehen hat, in den wir vielmehr durch eine Reihe von eskalierenden Schritten hineingezogen werden.

Mit anderen Worten, der Erste Weltkrieg zeigt die Gefahren besser auf als der Zweite Weltkrieg.

FRAGE: Kann das amerikanische Volk die angestrebte Sicherheit erlangen, ohne daß beim Gegner jenes Gefühl der Unsicherheit entsteht, das für die Welt gefährlich wäre?

KISSINGER: Das ist das Wesentliche der von mir geschilderten neuen Umstände, daß keine Nation absolute Sicherheit erlangen kann. Absolute Sicherheit für eine Nation bedeutet absolute Unsicherheit für alle anderen Nationen. Derzeit müssen wir uns mit relativer Sicherheit zufriedengeben, mit einer Sicherheit, die eine Bedrohung unserer lebenswichtigen Interessen äußerst unwahrscheinlich macht, die gleichwohl in der Welt kein totales Übergewicht darstellt.

FRAGE: Hätten sich die USA auf große wirtschaftliche Abkommen mit den Russen einlassen sollen?

KISSINGER: Es ist komisch, aber als wir 1969 antraten, entwickelten wir die Theorie des Junktims. Nach ihr sollte die Sowjet-Union im Austausch für (welt-)politische Stabilisierung wirtschaftliche Zugeständnisse erhalten. Damals wurden wir deswegen kritisiert, es hieß, wir sollten die Wirtschaftsprogramme einfach anlaufen lassen, sie würden aus sich heraus als politische Stabilisatoren wirken.

Den ersten Kredit erhielt die Sowjet-Union von uns nach dem Berlin-Abkommen von 1971, und ausnahmslos alle Wirtschaftsabkommen, die wir mit der Sowjet-Union abgeschlossen haben, liefen parallel zu irgendeiner politischen Vereinbarung. Alle unsere Wirtschaftsabkommen waren an bestimmte Projekte geknüpft.

Wir haben keine generellen, ungebundenen Kredite gegeben. Insgesamt waren es etwa 400 Millionen Dollar. Diese Entwicklung wurde aber durch unsere eigenen innenpolitischen Diskussionen gestoppt. Also gewährten die Europäer und die Japaner der Sowjet-Union etwa zehn Milliarden Dollar an ungebundenen Krediten.

Die Europäer und die Japaner sind in der Frage politischer Gegenleistungen in einer weit schlechteren Ausgangsposition als wir. Es war stets meine Überzeugung, daß Wirtschaftsprogramme, die an bestimmte außenpolitische Projekte gekoppelt sind, die Möglichkeit bieten, erstens spezifische außenpolitische Abkommen auch zu treffen und zweitens Anreize zur Zusammenarbeit, Anreize zur Zurückhaltung darstellen.

FRAGE: Wie stehen Sie zu einem Junktim im Zusammenhang mit den Truppenabbau-Gesprächen in Wien?

KISSINGER: Ich will der neuen Regierung nicht vorschreiben, woran sie diese Verhandlungen koppeln sollte. Doch sie wird, wenn sie die Lage analysiert, genügend Ansatzpunkte finden. Nein, die Idee ist nicht gestorben, und ich meine, die Berlin-Frage sollte in diesem Zusammenhang aktiv verfolgt werden.

FRAGE: Unterstellt, Sie machten weiter, würden Sie dann ein weitgehendes wirtschaftliches Engagement von irgend etwas abhängig machen?

KISSINGER: Ich würde es vor allem an Zurückhaltung in Randgebieten koppeln.

FRAGE: »Absolute Sicherheit für eine Nation bedeutet absolute Unsicherheit für alle anderen Nationen.« Gilt dieser Grundsatz für den Nahen Osten im selben Maße wie für strategische Beziehungen?

KISSINGER. Das Problem im Nahen Osten besteht darin, physische Sicherheit und Legitimität gegeneinander abzuwägen. Ohne Frage ist Israels physische Sicherheit am ehesten durch eine weitestgehende Ausdehnung seiner Grenzen gewährleistet, nichts vermag Israel ein solches Ausmaß an physischer Sicherheit zu geben wie die maximale Ausweitung seines Territoriums.

Andererseits ist das Land, sollte es sich ins Unrecht setzen, in politischer und -- langfristig gesehen -- sogar in militärischer Hinsicht weniger sicher. Wie nun diese Faktoren miteinander in Einklang zu bringen sind, das ist das ganze Dilemma einer Nahost-Lösung.

FRAGE: Wie kann die Hilfe an Israel ins rechte Lot gebracht werden?

KISSINGER: Ich meine, auf militärischem Gebiet braucht Israel ein Gefühl der Sicherheit, sonst kann es nicht wirksam verhandeln. Während wir auf eine Lösung drängen, müssen wir uns hüten, Israels Überlebensgeist zu zerstören sowie seine Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen.

FRAGE: Erlauben Sie eine bewußt persönliche Frage? Was hat Ihnen die Erfahrung mit Ihrem Amt gebracht?

KISSINGER: Ich habe immer wieder gesagt, daß die meisten Außenstehenden den sportlichen Aspekt des Entscheidungsprozesses nicht begreifen, will sagen, daß man wirklich sehr schnell reagieren muß, ohne Zeit zum Nachdenken zu haben. Für meine Nachfolger habe ich tiefes Mitgefühl.

Bevor ich nach Washington kam, fand ich die Vorstellung sehr aufregend, als Berater hierhergerufen zu werden. Ich dachte mir, ich müsse die Mächtigen rupfen. Nach allem aber, was ich jetzt weiß, lasse ich das wohl lieber. Ich habe mittlerweile meine Zweifel an der Nützlichkeit von Außenseitern -- mit Sicherheit werde ich mein Äußerstes tun, meinen Nachfolgern nicht unaufgefordert Ratschläge zu geben.

Ich bin zutiefst überzeugt, daß unser Land jetzt eine Zeit der Ruhe und der Zuversicht braucht, und daß diejenigen unter uns, die die Entwicklung der letzten Jahre miterlebt haben, verpflichtet sind mitzuhelfen, diese Zuversicht herzustellen. Das ist es, was ich am liebsten tun würde.

Mit Ehefrau Nancy am letzten Tag im Amt. an dem ihm Mitarbeiter seinen Kabinettssessel zum Geschenk machten.

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