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GEMEINSAMER MARKT / WEIZEN Für Peking billiger

aus DER SPIEGEL 8/1968

Teuren Weizen aus der Ile de France, der in westdeutschen Backstuben nicht unter 417,80 Mark je Tonne zu haben ist, gibt es für Pekings Bäckermeister demnächst weit billiger: für 176,58 Mark je Tonne.

Diesen Freundschaftspreis, der noch um 55,42 Mark je Tonne unter der Weitmarkinotierung liegt, verdanken die Rotchinesen der EWG-Getreidemarktordnung vom 1. Juli 1967. Danach haben sich die sechs Mitgliedsländer der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft: verpflichtet, ihren Bauern jede Menge Weizen zum Mindestpreis von 367,33 Mark je Toner (Interventionsbasis Tours) abzunehmen.

Zum Dank für das noble Versprechen bescherten Europas Landwirte der Gemeinschaft im letzten Herbst die höchsten Weizenüberschüsse seit dem Kriege: sechs Millionen Tonnen. Allein in Frankreich, dem größten Produzenten der EWG. lagerten davon noch Anfang dieses Monats 3,8 Millionen Tonnen auf Halde.

Da die Lager noch rechtzeitig vor der neuen Ernte geräumt sein müssen. kam Frankreichs Regierung auf Drängen seiner Bauern um Rat in Brüssel ein. Seit Jahren schon verwaltet die Brüsseler EWG-Behörde einen gemeinsam finanzierten Topf (deutscher Anteil: 31 Prozent), aus dem sie Subventionen für den Export überschüssiger Butter, Schweinehaxen und Graupen finanziert. In Form sogenannter Erstattungen ersetzt die EWG Europas Agrariern großzügig den Verlust, den sie beim Verkauf ihrer teuren Überschüsse auf dem billigen Weltmarkt erleiden.

Die Pariser Ministerialbeamten erkundigten sich zur Weihnachtszeit in Brüssel, ob die Subsidien aus dem Gemeinschaftstopf auch für Weizenverkäufe nach Rotchina gewährt würden. Über ihre Botschaft in Peking hatten die Franzosen erfahren, daß Maos Außenhandelsministerium einen größeren Posten Weizen billig zu erwerben trachte.

Die EWG-Zentrale in Brüssel unterscheidet nur zwischen EWG-Ländern und sogenannten Drittländern. Deshalb kam die Antwort: Natürlich werde die EWG zahlen, da Rotchina eindeutig ein Drittland sei.

*Zur EWG gehören: Belgien, Bundesrepublik, Frankreich, Niederlande, Luxemburg, Italien.

Im Januar bemühten sich die Franzosen, das China-Geschäft perfekt zu machen: Lieferung von 500 000 Tonnen Weizen zum Weltmarktpreis von 232 Mark je Tonne. Die Chinesen stimmten unter einer Bedingung zu: Statt in bar, wollten sie mit gefrorenen Schweinehälften bezahlen.

Davon wollten die Franzosen, die selbst genügend Schweine mästen, nichts wissen. Als auch Brüssels Veterinäre -- angeblich haben Chinas Borstentiere die Pest -- Bedenken anmeldeten, drohten die Chinesen mit Abbruch der Verhandlungen.

In ihrer Not wandten sich die Franzosen abermals an die Europa-Behörde: Ob die Gemeinschaft bereit sei, den Weizenexport nach Fernost ausnahmsweise höher als normal zu subventionieren. Außer China sei zur Zeit kein Käufer auf dem übersättigten Weltmarkt aufzutreiben. Falls Brüssel nicht helfe, sehe sich Frankreich gezwungen, das Korn zu verschenken.

Mitte Januar kam der Bescheid: Die Kommission sei bereit, für jede Tonne französischen Weizens außer der üblichen Ausfuhr-Erstattung von 54,26 Dollar zusätzlich 9,64 Dollar zu zahlen. Darüber hinaus könnten Frankreichs Exporteure mit einer Umwegprämie von zwei Dollar je Tonne rechnen, solange der Suez-Kanal für die Getreideschiffe gesperrt sei.

Mit dieser EWG-Offerte im Koffer setzten sich Frankreichs Emissäre in der vergangenen Woche erneut an den Verhandlungstisch. Jetzt konnten auch die Chinesen nicht mehr widerstehen. Sie verzichteten auf die Schweineklausel und sicherten Bezahlung in harter Westwährung zu.

Die Lieferung, von der keiner weiß, ob nicht der größte Teil in Nordkorea und Nordvietnam landet, kostet die EWG 131,8 Millionen Mark Subvention. Die Bundesrepublik trägt davon fast ein Drittel: 40,9 Millionen Mark.

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