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NORWEGEN Für Spione gut

Die polaren Nachbarn Sowjet-Union und Norwegen streiten sich wegen der Barentssee und Spitzbergen. Es geht um Öl und Strategie.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Vier sowjetische Ehebetten mit dazugehörigen Ehefrauen empörten die Norweger von Longyearbyen, Spitzbergens Hauptstadt, und verdarben ihnen das Weihnachtsfest.

Mit den Betten und weiterem Hausrat waren die Damen am 23. Dezember per Aeroflot-Maschine in Longyearbyens neuem Flughafen eingetroffen. Sie umarmten vier der sechs dort stationierten Aeroflot-Männer, bezogen in deren Einzelzimmern Quartier und gehen täglich ins Hallenbad schwimmen.

Solch ehelicher Zuzug ist nicht nur vielen Einheimischen, die wegen Wohnraummangels lediglich ein Zimmer bewohnen, sondern auch den Sowjets untersagt, denen vertraglich insgesamt »vier Stück Zimmer für je eine Person« zugeteilt sind.

Doch darüber setzten sich die sowjetischen Gäste auf norwegischem Territorium hinweg -- ganz bewußt: Im November war ihr Ersuchen um Sondererlaubnis abgelehnt worden. Mitte Januar schließlich setzte Außenminister Frydenlund die Osloer Sowjet-Botschaft von Norwegens »Mißvergnügen« in Kenntnis.

Wären die Frauen nach dem Fest wieder abgereist, hätte Frydenlund ihren Auftritt wohl höchstens routinemäßig beanstandet.

Denn Kontroversen mit der Führungsmacht des Warschauer Pakts hat das kleine Nato-Land schon mehr als genug: über häufige russische Eigenmächtigkeiten auf Spitzbergen und über die Aufteilung des Barentssee-Festlandsockels, der -- wie vermutet wird -- gewaltige Erdöllager enthält.

Ob das stimmt oder nicht, für die Sowjets ist das kalte Gewässer zuerst von hohem strategischem Wert -- Vorfeld einer der größten militärischen Basen der Welt rund um Murmansk auf der Halbinsel Kola.

De facto ist die ganze Barentssee längst ein rotes Meer. Über das Dejure, die völkerrechtliche Verankerung des norwegischen Rechts auf Präsenz, reden die Russen deshalb nicht gern.

Seit 1967 strebt Norwegen an, die Teilung des Barentssee-Sockels vertraglich zu regeln. Die Russen, die auch mit Schweden schon jahrelang um ein Stück Ostsee-Sockel streiten, waren erst 1970 zum Vorgespräch, Ende 1974 zur ersten Verhandlungsrunde in Moskau bereit.

Dort pochten die Norweger auf die

Sockelteilungs-Grundregel der Genfer Seerechtskonvention von 1958. das Mittellinien-Prinzip: Ziehung einer Grenze, die von der Sowjet-Insel Nowaja Semlja und Norwegens Spitzbergen-Inseln gleich weit entfernt ist. Moskau, das die Genfer Konvention ebenfalls unterzeichnet hat, lehnte jedoch ab und zeigte so, daß es Anspruch auf mehr als die östliche Hälfte erhebt.

Norwegischen Presseberichten zufolge wollte der Kreml nach dem Sektoren-Prinzip teilen. Als Grenzen des sowjetischen Eismeersektors sollten folglich die von Rußlands nordöstlichstem Punkt (an der Beringstraße) und von seinem nordwestlichsten Punkt (beim ehemals finnischen Petsamo) zum Nordpol gezogenen Linien gelten: Ein 150 000 Quadratkilometer großes Sockelstück, das nach dem Mittellinien-Prinzip Norwegen zufiele, würde dann russisch.

Die Sowjets können argumentieren. auch die Genfer Konvention lasse eine Abweichung vom Mittellinien-Prinzip auf Grund »besonderer Umstände« zu, und behaupten, daß die Mittellinie Murmansk unzumutbar einenge.

Ihren Standpunkt erhärteten die Russen letzten Herbst -- kurz vor den nächsten Verhandlungen (in Oslo), die in der ersten Adventswoche abermals vertagt wurden -- mit scharfen Schüssen: Sie wählten das umstrittene Barentsseestück (siehe Graphik Seite 95) zum Zielgebiet einer Raketen-Übung.

Die Norweger leben mit permanenter Besorgnis über den mächtigen Nachbarn, der vor ihrer nördlichen Hintertür eine Riesenstreitmacht massiert und seinen Appetit auf Spitzbergen -- und damit auf die ganze Barentssee -- oft bekundet hat.

Seit Norwegen 1920 durch den Spitzbergen-Vertrag die Souveränität über die bis dahin herrenlosen Inseln erlangte, haben die 40 Mitunterzeichner -- von Schweden bis China -- das Recht, den demilitarisierten Archipel zu erforschen und ökonomisch zu nutzen.

Davon machen heute (von ein paar westlichen Ölsuchern abgesehen) nur noch die Sowjets Gebrauch. Sie brechen seit 1935 auf den öden Inseln mühsam Kohle, über die sie zu Hause reichlich und bequemer verfügen.

Den Norwegern mißfällt, daß auf Spitzbergen nur 1000 Landsleute, aber 2000 Russen leben, die sich per Salami-Taktik immer mehr kleine und große Freiheiten nehmen.

Sie errichten in ihrem Kohlen-Getto Barentsburg Kraftwerke und mißachten die Vorschrift, deren technische Daten beim norwegischen Inselchef registrieren zu lassen.

Trotz norwegischer Proteste tummeln sich die Sowjets mit sieben Hubschraubern, für die sie jetzt eine größere Basis bauen, beliebig im Lande.

Im bislang allein von Norwegern bewohnten Longyearbyen setzten die Sowjets eigenes Flughafenpersonal durch. Während aber die nordische SAS, die wöchentlich mindestens einmal landet, mit nur einem Bodenmann auskommt, verlangten die Russen für ihre Aeroflot, die pro Monat einmal kommt, 30 Mann, bekamen immerhin sechs, die sie jetzt um Frauen vermehrten.

Ihr nächstes Bein in der Tür wird eine Tiefkühlfischfabrik zur Versorgung ihrer Grubenarbeiter sein. Die Kapazität des Werks übersteigt den Bedarf der 2000 Sowjets bei weitem und ist offenbar auf Zuwachs geplant. Als Fabrikpersonal werden die nächsten 50 Russen auf Spitzbergen seßhaft.

Moskau verschafft sich faktisch eine Position, die es rechtlich nicht erlangen kann. Als Oslos Regierungschef 1974 Moskau besuchte, wollten die Gastgeber zweimal im Kommunique eine »gemeinsame Verantwortung« für Spitzbergen unterbringen -- die Norweger aber blieben hart.

Um so kompromißloser wird Moskau seinen Anspruch auf den Löwenanteil der Barentssee vertreten -- denn es befürchtet lästige, auf Ölsuche kommende Störenfriede im Eismeer.

Vorerst hat Oslo die Ausbeutung seines südlichen Festlandsockels durch Erdöl-Multis aus Nato-Ländern nur bis hinauf zum 62. Breitengrad konzessioniert. Aber die Russen argwöhnen, daß Norwegen mit den Multis bald auch seinen Sockel im Norden bis in die Barentssee (vor der Murmansk-Ausfahrt) mit Bohrinseln spickt -- die auch für Spione und Horchgerät gut sind.

Norwegens Parlament, das sich im Dezember mit dem Eismeer-Konflikt befaßte, scheint die Möglichkeit einer »gewissen Flexibilität« beim Mittellinien-Prinzip zu sehen -- vielleicht, wenn die Russen auf Spitzbergen zurückstecken.

Einstimmig forderten die Abgeordneten ihre Regierung auf, Norwegens Souveränität über die Inseln fortan »energischer wahrzunehmen«.

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