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BUNDESPRÄSIDENT Für starke Männer

aus DER SPIEGEL 43/1968

Energisch schritt Wilhelmine Lübke ein, als Bürgermeister Anton Klauke aus Enkhausen im Sauerland dem Bundespräsidenten zum 74. Geburtstag eine Flasche »Enker« Kornschnaps überreichte: »Das Ist nichts für Heinrich. Das müssen starke Männer trinken.«

Aber auch ein Geschenk, das der Jubilar selbst bei der Gratulations-Cour am Montag letzter Woche der Nation präsentierte, erregte keine Begeisterung: Lübke kündigte vor dem Bundeskabinett und den Spitzen der drei Bundestagsfraktionen seinen Rücktritt für den 30. Juni 1969 an.

Sogar Lübkes CDU-Freunden mißfiel der späte Termin des Rücktritts, und es ärgerte sie, daß der Präsident seinen Entschluß zunächst der Presse (mit Sperrfrist) und dann erst der Polit-Prominenz bekanntgegeben hatte.

Immerhin aber war nun der Weg frei, offiziell Kandidaten für die Nachfolge aufzustellen. Die Delegierten des CDU-Parteitages vom 4. bis 7. November in Berlin sollen den christdemokratischen Bewerber umjubeln dürfen, die Sozialdemokraten wollen schon am 1. November, ebenfalls in Berlin, ihren Mann benennen.

Bei den Christdemokraten ist als einzig ernsthafter Anwärter Verteidigungsminister Gerhard Schröder übriggeblieben. Dem zeitweiligen Interessenten Eugen Gerstenmaier ist das Amt längst zu sauer geworden: »Ich bin doch diesen Repräsentationskram schon als Bundestagspräsident satt.« Schröder hat intern seine Parteifreunde wissen lassen, daß er kandidieren werde,

Bei der SPD ist dem Bundesjustizminister Gustav Heinemann die Nominierung nahezu sicher, wenn auch am Donnerstag vorletzter Woche vor den Kameras des Zweiten Deutschen Fernsehens ein Konkurrent seinen Anspruch bekräftigte. Der Verkehrsminister und gelernte Maurer Georg Leber in einem Interview: »Es wäre für den Staat gut, wenn die Arbeiterschaft einmal einen aus ihren Reihen an der Spitze des Staates sehen würde.«

Rechtsanwalt Heinemann hat keine proletarische Vergangenheit, aber in seiner Partei großen politischen und persönlichen Kredit. Allenfalls gilt der ehemalige CDU-Innenminister und spätere Begründer der Gesamtdeutschen Volkspartei bei Genossen als nicht ganz lupenreiner Sozialdemokrat.

Schwerer wiegt für den Präsidenten-Anwärter Heinemann die Abneigung einiger FDP-Politiker, die ihm vorhalten, er habe zweimal das Hemd gewechselt. Wenn sich bei der Wahl nur 17 der insgesamt 84 Mann starken FDP-Fraktion in der Bundesversammlung -- sie besteht aus 1036 Bundestagsabgeordneten und Vertretern der Landtage -- dem SPD-Kandidaten verweigern, dann kommt für ihn die im ersten und zweiten Wahlgang verlangte absolute Mehrheit von 519 Stimmen nicht zustande.

Zwei Tage nach Lübkes Verzicht-Erklärung machte sich deshalb der stellvertretende Bundespressechef Ahlers als Makler seiner SPD-Freunde auf den Weg zu FDP-Chef Walter Scheel. Sein Auftrag: ein Gespräch zwischen Brandt und Scheel über die Kandidatenwahl zu arrangieren.

Mit ihrem Wunsch nach Unterstützung für Heinemann werden die Sozialdemokraten bei Scheel Anklang finden. Der FDP-Vorsitzende hat schon fast sein gesamtes Parteipräsidium auf den Justizminister eingeschworen. Nur noch einige konservative Präsidiumsmitglieder, darunter der frühere Fraktionschef Knut von Kühlmann-Stumm und IOS-Mende, haben Vorbehalte.

Scheel will in der FDP-Fraktion der Bundesversammlung einen Mehrheitsbeschluß über die Stimmabgabe herbeiführen, an den dann alle Wahlmänner gebunden sein sollen. Aber die Wahl ist geheim, und nichts fürchtet Scheel mehr als ein neuerliches Schauspiel von freidemokratischer Zerrissenheit. Der Parteichef setzte sich am vergangenen Dienstagabend bei einer bayrischen Brotzeit in der Bonner Beethoven-Halle zum Spanferkelschmaus demonstrativ neben Heinemann.

Die Christdemokraten werben derweil um FDP-Stimmen mit dem Argument, Gerhard Schröder sei der treueste Verfechter einer Neuauflage der Kleinen Koalition CDU/CSU-FDP. Schröder selbst zog beim Lübke-Geburtstag in der Villa Hammerschmidt den FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick beiseite und berichtete hinterher über das Gespräch: »Ich habe den Herren von der FDP erklärt, wie bedeutungsvoll ihre Rolle für die deutsche Demokratie ist und daß sie sich Immer regierungsbereit halten sollen.«

Die FDP-Spitze weiß, daß Schröders Sympathien für die Kleine Koalition ihm bei der Präsidentenwahl ungeachtet aller Fraktionsbeschlüsse FDP-Stimmen einbringen können; 17 davon könnten ihm zur absoluten Mehrheit genügen. So halten die FDP-Einpeitscher ihren eigenen Leuten vor, gerade wegen seiner Nützlichkeit für die FDP dürfe Schröder nicht aus der Regierung hinausgewählt werden.

Bei Schröder selbst suchten sie Unlust an der Kandidatur zu wecken. Über den stellvertretenden Chefredakteur der Gerstenmaler-Postille »Christ und Welt«, Ulrich Frank-Planitz, auf den Schröder hört, ließen sie den Minister wissen, daß ihm die notwendigen FDP-Stimmen keineswegs sicher seien.

Die Aussicht auf Kampfabstimmungen über mehrere Wahlgänge, so hoffen die Freidemokraten, könnte den prestige-bewußten Minister zuletzt doch noch von der Kandidatur abhalten.

Wann es in der Bundesversammlung zum Schwur kommt, darüber wollen sich CDU und SPD in Kürze einigen. CDU-Fraktionschef Rainer Barzel strebt einen Termin zu Beginn nächsten Jahres an.

Heinrich Lübke hatte andere Vorstellungen: »Wenn man bei der Tradition bleiben will, könnte mein Nachfolger Mitte April gewählt werden.«

Bei dieser Terminplanung könnte sich Lübke noch einen Abschiedswunsch erfüllen: eine letzte Präsidentenreise im Februar nächsten Jahres in die afrikanischen Länder Niger, Tschad und Somalia.

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