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PARTEIEN / NPD Für Toni

aus DER SPIEGEL 51/1968

Im Plenarsaal des bayrischen Landtags reichte der CSU-Abgeordnete Anton Staudacher, Bürgermeister von Tegernsee, am Dienstag letzter Woche eine Neuerscheinung herum, die in Münchens Buchläden noch nicht zu haben war. Auf der ersten Seite stand handschriftlich die Widmung: »Für Toni ... von Franz.«

Als der NPD-Parlamentarier und Bundeswehr-Hauptmann Wolfgang Ross das mit einem schwarzweißroten Schutzumschlag versehene Druckerzeugnis zu Gesicht bekam, »klingelte« es bei ihm -- »mit drei Glockenzeichen« (Ross).

Derlei Alarmsignale löste das Werk des Tegernseer Metzgermeisters und Millionärs Franz Florian Winter, 45, aus -- ehemals Chef der Bayern-NPD und stellvertretender NPD-Bundesvorsitzender.

In seinem Buch -- Titel: »Ich glaubte an die NPD« -- legt der abtrünnige Winter auf 128 Seiten dar, warum er an die NPD nun nicht mehr glaubt*.

Der einstige NPD-Vize über die NPD: »Die NPD wehrt sich dagegen, mit der NSDAP verglichen zu werden ... Doch handelt es sich dabei nur um taktische Manöver!«

Hauptmann Ross fragte den CSU-Kollegen Staudacher: »Kann ich das Buch mal haben?«, informierte seinen Fraktionschef, den ehemaligen Senatsrat am Bundespatentgericht Benno Herrmannsdörfer« und eilte zu einer Photokopieranstalt wo er ein Doppel anfertigen ließ. Ross: »Nach zwei Stunden hatte Toni das Ding wieder.«

Wenig später studierten NPD-Chef Adolf von Thadden, der zufällig in München war ("Ach, du lieber Gott im Himmel"), und Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Huber den Winter-Feldzug. Schnell kam der Parteiführer zu der Überzeugung: »Ein Buch, in dem ich den Uneingeweihten als absolutes Haupt- und Generalmistvieh erscheine.«

Von Thadden: »Niemals habe ich dem Winter zugetraut, daß er sich für die Produktion eines solchen Pamphlets hergeben wird«, und tatsächlich waren die nun verfeindeten Nationalen einst gute Kameraden, die voneinander zu profitieren wünschten.

Weil Katholik Winter fromm war, erschien er den Nationaldemokraten als rechter Mann, im schwarzen Bayern für die braune Bewegung zu werben. Und weil bei den Nationaldemokraten »Vaterland und Nation noch was galten« (Winter), erkannte der Wurstfabrikant, der früher erst der CSU, dann der DP angehört hatte, die NPD als »meine Partei«.

* Franz Florian Winter: »Ich glaubte an die NPD«. Von Hase & Koehler Verlag, Mainz; 128 Seiten; 12,80 Mark.

** Mitglied des NPD-Prssidiums und Göttinger Verleger rechtsradikaler Schriften.

Doch schon nach einem guten Jahr wurde der mit dem Ritterkreuz dekorierte Weltkrieg-II-Offizier und Kamikaze-Flieger, den Hitler »schon als kleinen Bub in seinen Bann gezogen hatte«, den NPD-Führern zu fromm, und dem Winter wurden die NPD-Führer mit einem Mal zu braun. »Jetzt sah ich«, so Winter, »mit welchen Kameraden ich mich eingelassen hatte.«

In einem Rundbrief an seine bayrischen Parteigenossen teilte er mit: »Ich will nicht mitverantwortlich sein, daß unsere Nation noch einmal von gottlosen Fanatikern beherrscht und ins Unglück gestürzt wird.«

Am 1. November 1966 -- 19 Tage vor der bayrischen Landtagswahl -- war der Bruch perfekt. An Allerheiligen, als Katholik Winter ahnungslos am Tegernsee spazierenging, traten in Göttingen die NPD-Spitzen zusammen und nahmen Winters frühere, aber längst zurückgenommene Austrittserklärung an. »Irgendwie ist es schon eine Erleichterung«, kommentierte Winter, der erst durch die Zeitungen von seinem Rauswurf erfuhr, »weil mich ja die Gewissenszweifel schrecklich hin und her gerissen haben.«

Gewissensnot war es dann, so erläuterte Winter -- den alte Kameraden nun »katholische Drecksau« schimpften -- seine Motive, die ihn sein Buch schreiben ließen. Winter: »Sollen wir wiederum Rattenfängern nachlaufen?«

Sofort beschloß NPD-Anwalt Huber: »Ich will das Buch lahmlegen.« Beim Landgericht München I stellte er am Mittwoch Antrag auf einstweilige Verfügung gegen Autor und Verleger. Winter sollte nicht länger ungestraft behaupten dürfen:

* »Ein latenter Antisemitismus kam in der NPD immer mehr zum Vorschein ... Mir scheint, daß dieser Antisemitismus in den Reihen der NPD in der letzten Zeit noch schärfer geworden ist und sich immer offener äußert.«

* »Die NPD-Gruppe von Südafrika unterstützt finanziell die deutsche NPD ... Es finden Treffen statt. Am Ende singt man dann »Es zittern die morschen Knochen' und »Die Fahne hoch'. Inoffiziell grüßt man sich untereinander mit »Heil Hitler'. Von Thadden und Schütz** sind die Verbindungsmänner und die Köpfe.«

* »Die zentrale Mitglieder-Kartei der NPD«, -- so laut Winter ein »Freund Thaddens« -- »,ist in den Händen des Staatssicherheitsdienstes der DDR ... Eine andere Auslegung, als daß die Kartei (gegen wieviel Honorar?) durch von Thadden dahingelangt sei, ist nicht denkbar.«

* »Die NPD hält nichts von innerparteilicher Demokratie. Das Bild der NPD wird völlig von ihrem »Führer' Adolf von Thadden geprägt. Eine innerparteiliche Demokratie gibt es nicht.«

Münchens Richter erfüllten die NPD-Wünsche nur teilweise. Am Freitag verfügten sie, das Winter-Buch dürfe nicht verbreitet werden, wenn die Sätze stehenblieben, wonach Thadden und Schütz die »Verbindungsmänner und die Köpfe« der südafrikanischen NPD-Gruppe seien und eine »andere Auslegung«, als daß die NPD-Kartei »(gegen wieviel Honorar?) durch von Thadden« in die DDR gelangte, nicht denkbar sei.

Obgleich Winter nun ein paar Sätze streichen muß, bleibt doch genügend Lesestoff, »Tausende von gutgläubigen idealistischen Menschen« (Winter) zu warnen, »die dabei sind, den gleichen Fehler zu begehen, der schon einmal soviel Elend über unser Land ... gebracht hat«. Denn auch NPD-Anwalt Huber griff, wie er selber bekundete, »nicht alle Stellen an, weil einige zu problematisch sind«.

Unangefochten und mithin im Winter-Buch über die NPD immer noch nachzulesen ist beispielsweise die »Tatsache«, daß »das »nationalsozialistische Gedankengut' in der internen Entwicklung der NPD ... immer wieder durchbricht und eine wichtige Rolle spielt«.

Winter (« Ich will versuchen, denen die Maske vom Gesicht zu reißen") darf auch weiterhin behaupten, in der NPD mache sich Antisemitismus breit und die Nationaldemokraten hielten nichts von innerparteilicher Demokratie; »ganze Kreisverbände« seien »auf undemokratische Weise aufgebaut« worden und Thadden sei nach eigenem Bekunden das »Führer-Prinzip« lieber als demokratischer Parteiaufbau.

Erhalten bleiben Mitteilungen, wonach auf NPD-Vorstandssitzungen »niemals ein Protokoll angefertigt wurde«, Thadden »eine neue, vom zweiten Parteitag in Karlsruhe ... beschlossene Satzung einfach in der Schublade verschwinden« ließ und daß von den auf einer NPD-Wahlversammlung in München gesammelten 12 000 Mark genau 8000 Mark abhanden gekommen seien.

Über den NPD-Führer von Thadden bleibt zu lesen, er könne sich »zeitweise nur noch mit Zigaretten, Alkohol und Pervitin auf den Beinen halten«, gelegentlich spreche er »völlig geistesabwesend mit glasigen Augen«. Und auf einer nächtlichen Zugfahrt von Hannover nach München habe der NPD-Chef auf die Frage seines damaligen Vize, ob er sich Morphium spritze, geantwortet, er sei »jetzt davon weg«.

Wie lange Winter derlei noch darf, ist allerdings ungewiß: Zur Zeit ist Thadden damit beschäftigt, gegen den alten Kameraden eine Strafanzeige »wegen politischer übler Nachrede und wegen Verleumdung auszuarbeiten«. Thadden: »Alle Sachen, die mich betreffen, werden im Strafverfahren geklärt werden.«

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