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WÄHRUNG / DINAR Für Touristen billiger

aus DER SPIEGEL 6/1971

Noch vor fünfeinhalb Jahren hatten Jugoslawiens Wirtschaftspolitiker die Geburt des »schweren« -- gerade abgewerteten -- Dinar gefeiert. Nun befanden sie die Währung ihres Landes abermals als zu leicht.

Am vorletzten Wochenende wertete die Beigrader Regierung den Dinar, dessen Außenwert sie im Juli 1965 um 40 Prozent gekappt hatte, erneut ab -- diesmal um 16,7 Prozent. Statt bisher 29,28 Mark sind 100 Dinar nun nur noch 24,40 Mark wert.

Mit dieser Wechselkurs-Korrektur, der fünften seit 1949, versucht die jugoslawische Regierung, den Schwund der ohnehin knappen Devisenreserven des Landes (Oktober 1970: etwa 730 Millionen Mark) zu bremsen. Denn wegen des raschen Kaufkraftverfalls des Dinar (1970: elf Prozent), der den Geldwertschwund in den wichtigsten Weithandeisländern weit übertraf, deckten sich Jugoslawiens Unternehmen in immer stärkerem Umfang mit ausländischen Gütern, vor allem aus dem kapitalistischen Westen, ein.

So schnellten die Einfuhren Im vergangenen Jahr um 36 Prozent auf 10,6 Milliarden Mark empor. Da die Exporteure des Balkanlandes ihre Warenausfuhr nur um 14 Prozent zu steigern vermochten, klafft in der Handelsbilanz 1970 ein Loch von 4,3 Milliarden Mark.

Diese Lücke konnten auch Touristen- und Gastarbeiter-Devisen (geschätzte Gastarbeiter-Überweisungen: 1,8 Milliarden Mark, Überschuß aus dem Reiseverkehr: etwa 1,1 Milliarden Mark) nicht stopfen: Das Defizit in der Zahlungsbilanz hat sieh innerhalb Jahresfrist mehr als verdreifacht

von 395 Millionen Mark 1969 auf 1,35 Milliarden Mark im vergangenen Jahr.

Durch die Paritäts-Änderung, die Importe verteuert und Exporte sowie Touristen-Reisen nach Jugoslawien verbilligt, soll nun in diesem Jahr der Fehlbetrag in der Zahlungsbilanz auf 365 Millionen Mark verringert werden. So jedenfalls hofft es der für den Außenhandel zuständige Bundesminister Toma Granfil.

Die Dinar- und Devisen-Schwindsucht zwang das Kabinett Mitis Ribicic somit zu einer Währungs-Kur, die von den meisten Regierungsmitgliedern noch vor gut zwei Monaten entschieden abgelehnt worden war, Schon damals hatte der kroatische Vizepremier der Bundesregierung, Nikola Miljanic, vergebens die Abwertung gefordert.

Aus Rücksicht auf nationale Sonderinteressen im Vielvölkerstaat Jugoslawien und aus fiskalischen Erwägungen lehnten die Kabinettskollegen die Empfehlung des Wirtschaftsexperten ab.

Erbittert hatten die Vertreter der unterentwickelten Teilrepubliken Serbien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Montenegro, die einen Importüberschuß haben, gegen die Wechselkurs-Änderung gekämpft, weil die Währungsoperation ihre Einfuhr verteuert -- Kroatiens Exportindustrie aber begünstigt -- hätte.

Zudem hätte der im Bundeshaushalt 1970 eingeplante Dinar-Betrag zur Tilgung von 1,4 Milliarden Mark öffentlicher Auslandsschulden nicht ausgereicht, die erforderlichen Devisen von der jugoslawischen Nationalbank einzukaufen.

Im Wechselkurs-Streit unterlegen, reichte Miljanic im November seinen Rücktritt ein. Premier Ribicic versuchte, Währungsverfall und Devisenschwund allein mit planwirtschaftlichen Mitteln zu bremsen.

So verhängte er einen Preisstopp für Industrieprodukte, Nahrungsmittel und die wichtigsten öffentlichen Dienstleistungen. Überdies beschnitt er den Verbrauchern die Kredite für Teilzahlungsgeschäfte und verpflichtete Jugoslawiens Importeure, 50 Prozent des Einfuhrwertes für drei Monate zinslos zu hinterlegen. Ende Dezember begrenzte er den Spielraum, bis zu dem die Löhne jährlich steigen dürfen, auf elf Prozent.

Als trotz der Importbeschränkung Jugoslawiens Unternehmen nicht aufhörten, Maschinen und andere Ausrüstungsgüter im Ausland zu kaufen, wurde die Wechselkurs-Korrektur unumgänglich. Im Ausland beschäftigte Arbeitskräfte sehen in der verzögerten Abwertung allerdings nicht etwa verspätete Einsicht, sondern lediglich ein finanzielles Kalkül der Beigrader Führungsspitze:

Die Regierung, so mutmaßen jugoslawische Gastarbeiter in der Bundesrepublik, habe zuvor noch den 300 000 im Ausland beschäftigten Jugoslawen, die zum Weihnachtsurlaub in die Heimat gereist waren, die Ersparnisse zum alten -- niedrigen -- Kurs abnehmen wollen.

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