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»Für uns ist der Tod süßer als Honig«

Chomeinis Revolutionswächter- Rückgrat der iranischen Streitkräfte *
aus DER SPIEGEL 33/1987

Ein frischer Bart, so drei bis vier Tage alt, gilt unter iranischen Männern als struppiger Beweis revolutionärer Gesinnung. Farhang, 19, trägt ihn genauso wie die anderen jungen Männer im Lager.

Die Stimmung ist schlecht. Vor wenigen Wochen noch hat sein Bataillon in einem blutigen Häuserkampf die nordirakische Stadt Mawat erobert. 200 Iraker seien damals gefallen, berichtet Farhang, 600 gefangengenommen worden - die Schlacht sei eine weitere Etappe auf dem Weg zum Endsieg« gewesen.

Doch jetzt sitzen Farhang und seine Kameraden, allesamt Pasdaran, Revolutionswächter des Schiitenführers Ajatollah Chomeini, seit vielen Tagen untätig im Lager unweit der Stadt. Sie warten ungeduldig auf neue Instruktionen aus der Teheraner Pasdaran-Zentrale.

Meistens hält sich Farhang, seit acht Monaten Mitglied der Revolutionswächter, in einem der stickigen Bunker auf - weniger aus Furcht vor den irakischen Granaten, die gelegentlich ins Camp krachen, sondern wegen der sengenden Hitze draußen in der unwirtlichen Bergwelt Kurdistans.

»Ich will nicht länger warten«, beschwert sich Farhang. »Ich möchte kämpfen, kämpfen, kämpfen.«

Fanatisch, hoch motiviert und dem greisen Imam völlig ergeben - so ist Chomeinis wohl 350000 Mann starke Prätorianergarde das militärische und ideologische Rückgrat der islamischen Revolution geworden.

Die Pasdaran in ihren olivgrünen Drillichen - Rangabzeichen sind verpönt - bewachen im Teheraner Stadtteil Dschamaran die zweistöckige graue Villa, in der Chomeini, 87, auf seinen Tod wartet.

Ihre fanatischen Sturmtruppen, geprägt durch das Sendungsbewußtsein von Gotteskriegern, stehen in vorderster Front im bald siebenjährigen Krieg gegen den Irak - von der nördlichen Provinz Kurdistan bis zu den Bohrinseln im Persischen Golf.

Chomeinis Revolutionswächter sind expansiv: Im nordlibanesischen Baalbek bilden sie seit Jahren schiitische Extremisten aus, deren Terrororganisationen für die meisten Geiselnahmen in Beirut verantwortlich zeichnen.

Doch die Pasdaran dienen ihrem Herrn nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch als clevere Verhandlungspartner mit westlichen Firmen. Sie sind eine Wirtschaftsmacht geworden, die heute ein Viertel der iranischen Industrie kontrolliert, betreiben Kunststoffabriken, Großwebereien, Pistazienanbau und Rüstungsfirmen.

Die Pasdaran, urteilt ein westlicher Diplomat in Teheran, seien zu »einem Moloch« herangewachsen. Ausgestattet mit eigener Luftwaffe, separaten Gefängnissen und einem eigenen, gut funktionierenden Geheimdienst, seien sie mittlerweile »ein Staat im Staate«. Ohne sie laufe allmählich nichts mehr im Iran. »Wenn Chomeini stirbt, werden sie über seinen Nachfolger entscheiden.«

Der rasante Aufstieg ins Machtzentrum der Chomeini-Revolution war zunächst gar nicht nach dem Geschmack des Schiitenführers gewesen. Denn die Revolutionswächter machten sich bald nach dem Schah-Sturz beim Volk ebenso verhaßt, wie es die Schergen des Kaisers gewesen waren.

In requirierten Autos, vorzugsweise geräumigen Geländewagen vom Typ Range Rover, patrouillierten die meist jungen Männer durch Teherans Straßen. Sie verhafteten ohne jede Rechtsgrundlage Passantinnen, die sich nicht an die strenge islamische Kleiderordnung hielten oder unterm Tschador gar dekadentes Make-up aufgelegt hatten. Sie drangen nächtens in Wohnungen ein und beschlagnahmten, was ihnen gefiel.

Das kriminelle Treiben dieser Anhänger zwang Chomeini im Juni 1980 zum Handeln. Er setzte den Pasdaran-Kommandanten Abu Scharif ab und ermahnte seine Truppe, nicht mehr »den Gehorsam zu verweigern oder zu plündern und sich zu bereichern«.

Der Chef stellte seine Revolutionswächter fortan unter die strenge Kontrolle eigens dazu abgeordneter Mullahs. Chomeini-treue Offiziere der regulären Armee zogen eine straffe militärische Organisation auf.

Todesmutige Kommandoaktionen an der Front, vom iranischen Fernsehen fast täglich ausführlich gewürdigt, hoben das Ansehen der Pasdaran in der Bevölkerung - und verschafften der Elitetruppe starken Zulauf von jungen Männern aus der Provinz, aber auch von Schülern und Studenten aus den Großstädten.

Allmählich übernahmen die Pasdaran, seit 1982 mit eigenem Ministerium ausgestattet und in der Verfassung verankert, im Golfkrieg die Führungsrolle anstelle der regulären Armee.

Dies ging um so leichter, als die Armee, noch vom Schah aufgestellt, vielen einflußreichen Ajatollahs bis heute als politisch unzuverlässig gilt. Das Mißtrauen geht so weit, daß inzwischen ein Bataillonskommandeur der regulären Armee keine Entscheidung fällen kann, die nicht mit einem - stets präsenten - Pasdar abgesprochen ist.

Die Revolutionswächter zahlen ihren Kämpfern einen Sold, der dreimal so hoch ist wie in der Armee. Außerdem garantiert das Pasdaran-Ministerium seinen Glaubenskriegern nach Abschluß

des Wehrdienstes einen der begehrten Studienplätze oder einen gut dotierten Job in der Behörde.

Hat den Pasdar Farhang diese attraktive Zukunftssicherung etwa mitbewogen, sich zu melden? Farhang ist empört: »Ihr Europäer seid so materialistisch eingestellt. Es geht mir nicht um Geld. Ich liebe mein Land, und ich liebe den Imam. Für beide lohnt es sich zu sterben.«

In dem Pasdaran-Lager nahe der eroberten irakischen Stadt sind auch zwei Dutzend Bassidsch - meist blutjunge Freiwillige - stationiert.

Sie sind in der menschenfressenden Maschinerie des Golfkriegs die kleinsten Teilchen, zum alsbaldigen Verschleiß bestimmt: Die Bassidsch, den Pasdaran unterstellt, tragen rote Stirnbänder mit der Aufschrift »Labbeika ja Imam Chomeini« (Ich bin zu deiner Verfügung, Imam Chomeini). Sie laufen ungeschützt durch irakische Minenfelder ins feindliche Sperrfeuer, meistens in den sicheren Märtyrertod .

Die seit Jahren angewandte iranische Strategie, mit immer größeren Menschenwellen den Feind in die Knie zu zwingen, stößt mittlerweile auch in Pasdaran-Kreisen auf Kritik - doch nicht etwa aus humanitären Gründen: Der Verschleiß an Menschen könne »langfristig unsere Verteidigungsbereitschaft schwächen«, fürchtet ein Teheraner Funktionär.

Farhang sieht das anders, er freut sich schon auf das nächste Gefecht »gegen die irakischen Hunde«.

»Wir werden sie vernichten«, sagt er, denn die Pasdaran kennen keine Angst: »Für uns ist der Tod süßer als Honig:«

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