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RHODESIEN Fürchten gelernt

Farmer schließen sich in Heimwehren zusammen und verbarrikadieren ihre Häuser. Denn Rhodesien wird Kriegsschauplatz schwarzer Guerillas.
aus DER SPIEGEL 22/1973

Salisburys Reps-Theater ist ausverkauft. Die Zuschauer klatschen begeistert Zwischenapplaus. Das Musical »Godspell« ist auch in Rhodesiens Hauptstadt ein voller Erfolg.

Plötzlich -- um 20.45 Uhr -- gehen die Lichter aus, die Schauspieler verstummen. Durchs Parkett hallen erschreckte Rufe. Ganz Salisbury ist stockdunkel. Im Zentralhospital schaltet sich das Notaggregat ein, nur so können die Ärzte eine Gehirnoperation an einem achtjährigen Mädchen beenden. Besorgte Bürger blockieren die Telephonleitungen der Polizei, der Zeitungen und des Elektrizitätswerkes.

Das geschah an einem Maiabend, als »Weiß-Rhodesien das Fürchten lernte« (Südafrikas »Pretoria News"). In Wahrheit war nur ein Hauptschalter im E-Werk durchgebrannt. Aber aufgeschreckt durch Berichte über Angriffe schwarzer Terroristen, glaubten viele Einwohner des bislang sicheren weißen Staats im Süden Afrikas, der Feind sei bis in die Hauptstadt vorgedrungen.

Die Hysterie kommt nicht von ungefähr. »Wie einst die Mau-Mau in Kenia« (so ein rhodesischer Minister) überfallen schwarze Guerillas in den nördlichen Distrikten weiße Farmen. Sie liefern Rhodesiens 40000-Mann-Armee blutige Gefechte, bei denen bis jetzt etwa 30 weiße Rhodesier fielen.

An den Victoria-Fällen, der Grenze zu Sambia, starben zwei kanadische Touristinnen durch Schüsse vom anderen Ufer. Nach Sportveranstaltungen in Salisbury und Gwelo stürzten sich am vorletzten Sonntag plötzlich Tausende Afrikaner auf Autos und Geschäfte von Weißen und verletzten zirka 30 Personen. Die Schwarzen -- so nehmen die Behörden inzwischen an -- hatten wahrscheinlich erfahren, daß Montag früh drei Terroristen gehenkt werden sollten.

Siebeneinhalb Jahre nachdem sich die Kolonie einseitig von England unabhängig erklärte, sieht sich Rhodesien einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt. Jan Smiths Minderheitregime der 250 000 Weißen, die über fünf Millionen Schwarze herrschen, hatte die von der Uno angeordneten Wirtschaftssanktionen mühelos überstanden. Denn der Boykott wurde ständig durchbrochen: Vor einigen Wochen gelangten gar drei Boeings aus dem Pleite-Nachlaß der Frankfurter Chartergesellschaft Calair nach Salisbury.

Nun aber zeigen Angriffe von Norden einfallender schwarzer Exil-Rhodesier, wie anfällig der Staat ist. Besorgt registrierten die Behörden, daß im vergangenen Jahr zehn Prozent weniger Einwanderer ins Land kamen. Die Touristen, eine der wichtigsten Einnahmequellen (jährlich über 300 000 Besucher, 80 Prozent davon Südafrikaner) kommen seltener. »Die zwanzig Hotels entlang der Grenze zu Sambia«, beklagte sich der Hotelier Gordon Bunney, »haben schätzungsweise 60 Prozent ihres Geschäfts verloren.«

Schlimmer als solche finanziellen Einbußen ist, daß Rhodesiens Weiße neuerdings »jeden vorübergehenden Afrikaner als potentiellen Feind betrachten müssen« (so der Politiker Pat Bashford). Denn die Regierung beantwortete den Kampf der Guerillas mit härterer Unterdrückung. Sie siedelte ganze Stammesgruppen um, bestrafte kollektiv Dörfer, die Fremde beherbergten, und verteilte Horrorphotos von erschossenen Guerilla-Kollaborateuren (SPIEGEL 12/1973).

Das aber bringt die Afrikaner nur noch mehr gegen die Weißen auf. Zudem, so mußte das Polizeimagazin »Outpost« zugeben, führen die einsickernden Guerillas eine »intelligente, rücksichtslose und effiziente Rekrutierungskampagne«. Sie sind besser ausgebildet, besser bewaffnet und kampfesfreudiger als früher.

In den gefährdeten Gebieten schließen sich die Weißen deshalb zu Heimwehren zusammen. Die Armee bildet Frauen als Reservistinnen aus. Farmer errichten Warnanlagen, bauen Stacheldrahtverhaue und sichern die Fenster bis in Augenhöhe mit Sandsäcken.

Der vornehme Golfklub von Centenary erließ zwei neue Spielregeln. Erstens: Ein Ball darf noch einmal gespielt werden, wenn der Spieler durch Gewehrfeuer oder eine plötzliche Explosion gestört wird. Zweitens: Das anvisierte Loch muß auf etwaige Landminen untersucht werden, ehe der Ball eingespielt werden kann.

Solche Vorsorge scheint begründet. Frans Odendaal, 58, ein ehemaliger Rugbyspieler, beschrieb einen Überfall auf seine Farm, 120 Kilometer nordöstlich von Salisbury:

»Ich hörte Schüsse und mein Hund Spoekie wurde getroffen . . . Ich stürzte zum Gewehrkabinett und nahm mein FN-Gewehr und die alte Mauser-Pistole. Und dann ging's los: Zwanzig Schüsse FN, fünf Schüsse Mauser, zwanzig Schüsse FN. fünf Schüsse Mauser ... -- Meine Frau Maria hat in echter Burentradition immer nachgeladen. zwölf Stunden lang. Erst im Morgengrauen zogen sie ab.«

Nicht immer endet ein Angriff für die weißen Rhodesier so glücklich. Einige Lokalzeitungen führen eine neue Rubrik: »Killed in Action« (Getötet im Kampf).

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