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ISRAEL Füße im See

Ein Friedensabkommen mit Syrien könnte Jerusalem die Tür zur übrigen arabischen Welt öffnen - wenn der historische Durchbruch gelingt.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Der Abend des Lichterfests begann feierlich. Aus der ägyptischen Hauptstadt übertrug das israelische Fernsehen das Anzünden der sechsten Chanukka-Kerze in der jüdischen Gemeinde von Kairo. Dann, kurz vor einer Spielshow, schaltete der Sender nach Washington. Dort verkündete US-Präsident Bill Clinton einen politischen Erfolg, der nicht nur das Leben in Israel gewaltig verändern könnte.

In wenigen Tagen, so erfuhren die Israelis aus dem Mund des amerikanischen Präsidenten, werde ihr Premier Ehud Barak mit Syrien um Frieden verhandeln. Dazu schickt der syrische Präsident Hafis al-Assad seinen Außenminister und Vertrauten Faruk al-Scharaa nach Washington. Das außergewöhnliche Ungleichgewicht der Verhandlungspartner hatte sich der syrische Führer ausbedungen, um trotz seiner Gesprächsbereitschaft die traditionelle Distanz zum Erzfeind zu wahren.

Mit dem diplomatischen Trick begann vergangene Woche das womöglich »letzte Kapitel auf dem langen Marsch zum Frieden«, wie Nobelpreisträger Schimon Peres schwärmt. Nun scheint sein Traum von einem friedlichen »Neuen Nahen Osten« dichter an die Realität herangerückt.

Ein Abkommen mit dem bisherigen Todfeind im Norden und seinem Mündel, dem Libanon, würde Israel Frieden mit den beiden letzten noch abseits stehenden arabischen Nachbarn bringen. »Zum ersten Mal in seiner Geschichte«, so Clinton, »gäbe es dann ein Israel in sichereren und anerkannten Grenzen.«

Gelingt es Barak, seine »Operation Frieden« zielstrebig durchzuziehen, könnte das Ziel erreicht werden. Der Premier, erst seit fünf Monaten im Amt, scheint jedenfalls fest entschlossen, eine Vision des Staatsgründers David Ben-Gurion endlich zu verwirklichen. Der hatte den Ausgleich mit allen arabischen Nachbarn zu einer »Grundfrage des Zionismus« er-

klärt. Die unter Barak-Vorgänger Benjamin Netanjahu unterbrochenen Verhandlungen mit den Palästinensern hat der Premier der Arbeitspartei längst wieder aufgenommen. Darin sieht sich der Ex-Militär als Erbe des ermordeten Jizchak Rabin. Doch mit dem Aufbruch nach Damaskus beginnt der einstige israelische Stabschef seinen eigenen Weg. Der Frieden mit Syrien, der Rabin nicht gelang, soll »Baraks Oslo« werden, schrieben einige Kommentatoren in der israelischen Presse. Erreicht der hochdekorierte Soldat ein Abkommen mit einem der erbittertsten Gegner Israels, dürfte Barak für seinen eigenen historischen Handschlag nach Washington reisen - und sich sogar Hoffnung auf einen Friedensnobelpreis machen. Denn tatsächlich geht es um viel mehr als ein bilaterales Abkommen.

Syrien, lange Wortführer panarabischer Feindschaft gegen das so genannte zionistische Gebilde, birgt für Israel den Schlüssel zu einer historischen Aussöhnung mit nahezu der gesamten arabischen Welt. Stimmt der einst unerbittliche Gegner nun selbst einem Friedensschluss zu, könnten andere Staaten der arabischen Liga wie-Saudi-Arabien und Kuweit, Katar, Tunesien

und Marokko folgen. »In dem Moment, in dem wir Frieden mit Syrien haben, gibt es kein feindliches arabisches Lager mehr«, glaubt Justizminister Jossi Beilin.

Um auch die anderen arabischen Staaten in den wieder anlaufenden Friedensprozess einzubinden, sorgte US-Außenministerin Madeleine Albright dafür, dass die 1996 ausgesetzten multilateralen Gespräche über regionale Kooperation mit den arabischen Staaten schon bald wieder aufgenommen werden.

Doch bevor in der gesamten Region dauerhaft Friede ausbricht, muss es eine Einigung mit Syrien geben. Und so einfach, wie es israelische Politiker im Überschwang der vorigen Woche erscheinen ließen, ist ein Abkommen mit dem eisernen syrischen Staatschef nicht erhältlich. »Machen wir uns nichts vor«, warnte der israelische Journalist Nachum Barnea, »Assad ist nicht Sadat. Die Gespräche werden kalt, anstrengend und nervenzehrend.«

Zwar scheint sich Barak längst mit der wohl unumgänglichen Rückgabe der 1967 eroberten Golan-Höhen an Syrien abgefunden zu haben. »Der Golan ist weg«, heißt es bereits bei Beratern des Ministerpräsidenten. Auf dem Hochplateau leben rund 15 000 jüdische Siedler und etwa ebenso viele Drusen.

Die Frage ist nur, wie und wann der Regierungschef das seinem Volk erklärt. Denn bevor er unterzeichnen kann, müssen seine Bürger in einem Referendum zustimmen. Jüngste Umfragen zeigen jedoch eine Mehrheit gegen die vollständige Rückgabe.

Bei den jüngsten Wahlen haben die Siedler dort mehrheitlich Barak gewählt, doch nun, wo es konkret wird, leisten sie Widerstand. »Wir werden unseren Kampf vom Golan ins Land hinabtragen«, droht Siedlerfunktionär Jehuda Harel.

In einer radikalen Umkehr der israelischen Sicherheitsdoktrin muss Barak ihnen nun klarmachen, dass man »im 21. Jahrhundert keine Hügel mehr braucht, um Sicherheit zu bekommen«, wie es sein Justizminister Beilin formuliert.

Für die Wiederaufnahme der Verhandlungen haben sich beide Seiten um das Problem der Rückgabe schlicht gedrückt - mit einem diplomatischen Kunstgriff. Verabredet ist lediglich, dass die Gespräche dort beginnen, wo sie vor fast vier Jahren endeten. Doch an welchem Punkt das genau war, darüber wurde monatelang gestritten. Damaskus behauptete, Rabin habe die Rückgabe des Golan bereits zugesagt. Dem widerspricht Israels Regierung.

Syrien braucht den Frieden, um Amerikas Wohlwollen und westliches Kapital zu bekommen. Barak will Sicherheit, die er nur mit einem militärisch geräumten Golan samt internationalen Friedenstruppen und Frühwarnstationen bekommt. Außerdem ist Israel auf das Wasser der Golan-Quellflüsse angewiesen.

Vor allem aber muss Barak einen Kompromiss in der Grenzfrage erreichen. Syrien besteht auf Rückkehr zu den Linien von 1967. Damit bekäme Syrien wieder einen Zugang zum See Genezareth. Doch Barak gehörte stets zu denen, die dafür kämpften, »dass die Syrer niemals wieder ihre Füße im See Genezareth baden«.

Falls Barak dennoch die Rückkehr zu den Grenzen von 1967 akzeptiert, würde er einen bedenklichen Präzedenzfall schaffen - auch die Palästinenser fordern ihren eigenen Staat in den Vorkriegsgrenzen.

Das hat Barak bislang stets ausgeschlossen. ANNETTE GROSSBONGARDT

* Am 15. Juli in Washington.* Am vergangenen Dienstag in Damaskus.

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