Zur Ausgabe
Artikel 16 / 38

FUNK UND DER GESTELLTE FILM ... so mag er seine Aussage vor Gott verantworten Die Tresore waren leer

aus DER SPIEGEL 18/1953

Aus Hildegard Springer: »Das Schwert auf der Waage«

Mit Genehmigung des Kurt Vowinckel Verlages, Heidelberg.

Das folgende Kapitel zeigt beste Fritzsche-Technik. Eine wahre Begebenheit wird erzählt. Der Leser wird - zu Recht - menschlich erschüttert, und nun geht es unmerklich in die Stimmungs-Kurve. Sie sieht hier so aus: ein Mann, dem ein gestelltes Film-Dokument vorgeführt wird, gesteht zwar nicht seine nicht vorhandene Schuld, aber beginnt, an sie zu glauben. Konsequenz: wo der Druck der Vergangenheit so groß und die Atmosphäre der Gegenwart so geladen ist wie in Nürnberg, ist der Angeklagte, der nicht kämpft oder sich sogar schuldig bekennt, deshalb noch lange nicht schuldig. Letzte gefühlsmäßige Konsequenz: nicht so sehr die Schuld war groß bei den Männern des ersten Nürnberger Prozesses, sondern das Schuldgefühl. Und das ehrt.

Im Kreuzverhör ging Mr. Dodd ernsthaft von der Vermutung aus, Funk sei in seinen Ämtern gar nicht so unselbständig gewesen, wie er immer behaupte, sondern habe in Wahrheit Görings Vollmachten erstrebt. Wir lächelten uns gegenseitig an ...

Plötzlich änderte sich Dodds Ton. Jede Schärfe fiel von ihm ab. Er plauderte mit dem Angeklagten über dessen Mitarbeiter, insbesondere den Reichsbankdirektor Puhl.

Funk blühte in der scheinbar verbesserten Atmosphäre förmlich auf. Ja, er halte Puhl für einen Ehrenmann.

Dodd unterhielt sich dann noch über die Goldvorräte der Reichsbank sowie deren Zu- und Abflüsse. Schließlich fragte der Amerikaner, ob der letzte Präsident der deutschen Reichsbank auch Geschäfte mit der SS machte.

»Nein, nicht daß ich wüßte.«

Der Ankläger wurde dringlicher. Funk sollte sein Gedächtnis prüfen.

Der tat es und erinnerte sich nun eines Depots, das das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS unterhielt. Dodd fiel ein: »Waren Sie gewohnt, daß Goldzähne in der Reichsbank deponiert wurden?«

»Nein.«

»Dann will ich Ihnen einen Film zeigen, der von den verbündeten Mächten aufgenommen wurde, als sie die Reichsbank betraten.«

Man führte Funk zur Box zurück. Das Licht des Saales erlosch, und nun leuchteten jene grausigen Bilder auf, die zeigten, was die Amerikaner im Tresorraum der Reichsbankhauptstelle in Frankfurt am Main vorfanden.

Die Soldaten drangen ins Haus. Sie ließen sich schwere Panzertüren öffnen. Pralle Säcke mit dem Aufdruck »Deutsche Reichsbank« kollerten auf den Boden. Mühsam wurden sie auf große Tische gehoben und ihre Plomben gelöst.

Da quoll es heraus: Ringe, Ohrgehänge, Schmuckstücke von der einfachen goldenen Nadel bis zum schweren Kollier, Münzen, Banknoten aller Art, Manschettenknöpfe, Gebisse und goldene Zähne zu Tausenden. Über diesem offensichtlichen Raubgut eines riesigen Mordes aber leuchtete immer wieder das Hoheitszeichen des Staates, dem wir alle gedient hatten, und der Aufdruck »Deutsche Reichsbank«.

Uns erstarrte das Blut in den Adern. Das Licht im Saal flammte auf. Dodd trat an das Rednerpult und bestätigte, daß dieser Film bei der Einnahme der Stadt Frankfurt am Main aufgenommen worden sei. Jedermann kann das im amtlichen Protokoll der Sitzung vom 7. Mai 1946 nachlesen.

Funk wankte wieder zum Zeugenstuhl. Er war verzweifelt. Ja, er wußte von dem Depot der SS. Mit seiner Kenntnis wurde es angelegt. Aller Einzelheiten der Vorbesprechung erinnerte er sich jetzt. Keine Ahnung aber hatte er von dem Inhalt der Einlage. Nie pflegt sich eine Bank um das zu kümmern, was ihr Kunde im gemieteten Fach verschließt. Am unerklärlichsten aber war dem Angeklagten das Vorhandensein der Säcke mit der Aufschrift »Deutsche Reichsbank«. Solche gab man niemals an Depotinhaber aus.

Da holte Dodd zum zweiten Schlage aus. Er legte ein Affidavit des Reichsbankdirektors Puhl vor, dessen Zuverlässigkeit Funk vorhin bestätigt hatte. Offensichtlich wurde es nach einer Vorführung des Films aufgenommen, den wir eben sahen.

Der Inhalt der Bekundung war mehrdeutig. Hier legte man ihn dahin aus, daß Funk die Schaffung des Depots mit der SS vereinbarte und dann seinen Vertreter anwies, sich nicht um den Inhalt zu kümmern. Puhls eidesstattliche Erklärung schien zu besagen, daß der Angeklagte die schreckliche Leichenfledderei kannte und die Verwertung ihres Ertrages organisierte.

Darüber hinaus brachte Dodd nun Unterlagen für geradezu tolle Einzelheiten. Beispielsweise ein Angebot der Reichsbankhauptkasse an die städtische Pfandleihe zu Berlin auf »bestmögliche Verwertung von Ringen, Ohrringen, Broschen, Armbändern,

Perlen, Brillanten usw.« So gegeben im Jahre 1942. Aus einem anderen Dokument ging hervor, daß diese ungeheuerlichen Geschäfte für Rechnung des Reichsfinanzministers liefen.

Dann führte Dodd den dritten Schlag. Er erinnerte Funk an den Zusammenbruch und die Weinkrämpfe, die er bei der Vernehmung im vorigen Jahr erlitt. Er hielt ihm das Geständnis von Höß vor Augen und riet ihm, sein Gewissen zu erleichtern.

Würde es zu einem Zusammenbruch dieses Angeklagten auf offener Bühne kommen? Alle, aber auch alle Vorbedingungen dafür schienen gegeben. Aber der von Natur schwache, zur Zeit noch kranke, im Augenblick auf das tiefste erschütterte und von schier überwältigendem Beweismaterial bedrohte Angeklagte brach nicht zusammen. Mit einer an ihm ungewohnten Festigkeit wiederholte er seine bisherigen Erklärungen und schloß mit ganz leiser, aber feierlicher Stimme: »Den Inhalt der Depots kannte ich nicht. Wenn Puhl etwas anderes behauptet, so mag er seine Aussage vor Gott verantworten. Sie ist nicht wahr.«

Der Verteidiger verlangte die Herbeischaffung Puhls zum Kreuzverhör. *

Vielleicht war der Angeklagte in den Augen aller Anwesenden ein geschlagener Mann, als er zu seinem Platz zurückging. Auch wir wußten nicht, wo ein Fehler in der schier lückenlosen Beweisführung Dodds liegen sollte. Aber wir erkannten, daß Funk nicht log. Nie hätte er die Belastung des eben beendeten Verhörs ohne den Rückhalt ertragen, den ihm die Wahrheit gab.

Ein paar Tage nach dem Abschluß des Falles Funk erschien Puhl als Zeuge der Anklage. Er kam als freier Mann und bestätigte sein Affidavit. Die Anklage war zufrieden.

Die Verteidigung war das durchaus nicht. Dr. Sauter, der Anwalt Funks, fragte nach dem Sinn der beschworenen Erklärung. Nun gab es eine Überraschung: Puhl hatte keineswegs behaupten wollen, daß Funk den Inhalt des Depots kannte. Der vermeintliche Widerspruch zwischen den Darstellungen der beiden hohen Beamten der Reichsbank löste sich. Je tiefer man in die Vorgeschichte und die Begleitumstände des bankmäßig begonnenen Geschäftes eindrang, um so mehr deckten sich die Angaben des Zeugen mit denen des Angeklagten.

An den Tischen der Staatsanwaltschaft herrschte bei dieser Aussage Puhls eine steigende Erregung. Der Zeuge entsprach offenbar nicht den Erwartungen, die man auf ihn setzte. Dr. Kempner schlug mehrfach auf den Tisch, fixierte Puhl und verließ dann empört den Saal.

Als ich an diesem Abend ins Gefängnis zurückkehrte, warf ich zufällig einen Blick auf die Tür meiner Nachbarzelle, der Nummer 31. Sie war unbenutzt, seit man Raeder auf die Südseite des Hauses verlegt hatte. Nun hatte sie einen neuen Bewohner. Über der Luke stand ein Namensschild: »Puhl«.

Puhl holte zu seiner Verhandlung einen Beamten der Reichsbankhauptstelle Frankfurt als Zeugen herbei. Dieser beschwor, daß im Augenblick der Besetzung durch die amerikanischen Truppen die Tresore der Frankfurter Reichsbank leer standen. Leer habe er sie übergeben.

Man fragte den Zeugen, ob er denn nichts von dem Film wisse, der nach Mr. Dodds als amtlich geltender Mitteilung »bei Besetzung der Stadt Frankfurt« als beweiskräftiges Dokument aufgenommen wurde.

Die Antwort lautete, er kenne diesen Film genau, denn er selbst sei bei den Aufnahmen zugegen gewesen.

Der Vorgang habe sich folgendermaßen abgespielt: Einige Tage nach der Besetzung Frankfurts fuhren amerikanische Lastwagen bei der dortigen Reichsbank vor.

Man forderte vom leitenden Beamten Säcke. In diese kamen Goldzähne, Schmuck und andere Gegenstände, die die Lkw mit sich führten.

Dann schaffte man das ganze Gut in die leeren Tresore, verschloß sie fest, holte die Kameramänner und begann mit der Aufnahme des Films. *

Viele empfanden diese Aussage als Sensation. Sie war es tatsächlich. Aber leider nicht in dem Sinne, den ein Deutscher erhoffen muß.

Denn es ist nun lediglich bewiesen, daß der Goldschatz nicht in Frankfurt lagerte. Er wurde nach glaubhaften Angaben in einem Ausweichlager entdeckt und dann zur Bank geschafft.

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 38
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.