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RUNDFUNK Funkhaus Titanic

Der Riese NDR hat die Hosen voll - aus Kiel funkt dem Monopolisten ein Zwergsender dazwischen. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Der Norddeutsche Rundfunk hat seine Hörer schon häufig in die Schwermut getrieben.

Sie haben, jahrzehntelang, an wichtigtuerischen Moderatoren und schwatzhaften Volkserziehern gelitten. Sie haben die Reiseberichte des preziösen Globetrottels Werner Veigel ertragen, dem Alster-August Carlo von Tiedemann die traurigsten Sottisen verziehen und nachts von Frau Dagmar Berghoff geträumt, der NDR-Madonna mit dem Charisma einer Schleiflack-Kommode.

Aus den Bleikammern des NDR kommt, beispielsweise, eine tutige »Plattenkiste«, in der Mitglieder ostfriesischer Akkordeon-Orchester oder Klöpplerinnen aus Tönning musikalische Wünsche vortragen. Da wird, am frühen Sonntagmorgen, über »die Wüste in uns selbst« doziert. Und auch die niederdeutsche Plauderei »Hör mal'n beten to« hat nicht dazu beigetragen, die Anstalt vom Ruf eines »Nölfunks« zu befreien, der - wie die Hamburger »Szene« schreibt - die Norddeutsche Tiefebene fortgesetzt mit »schlechter Stimmung« überzieht.

Seit dem 1. Juli aber ist es puppenlustig hinterm Deich, seither nämlich sitzt dem bisherigen Monopol-Griesgram NDR und seinen fünf Hörfunk-Programmen ein Konkurrent im Nacken - der sanguinische Zwergsender »Radio Schleswig-Holstein« (RSH) in Kiel, Deutschlands erster Kommerzfunk mit landesweiter Ausstrahlung.

16 schleswig-holsteinische Zeitungsverlage, Springer inklusive, die auch mit Radio-Werbung Kasse machen wollen, betreiben die Station. 30 junge Menschen produzieren ein »optimistisches, lebensbejahendes, gut gelauntes« Programm, das täglich 24 Stunden fast ausschließlich aus schmissigem und schmusigem Rock-Pop besteht. Als Zielgruppe peilt RSH, diese plattdeutsche Volksausgabe vom AFN, Hörer zwischen 15 und 45 Jahren an. Vergnügungswillige Gruftis, womöglich mit einem Hang zu den Egerländer Musikanten, haben bei RSH keinen Unterhaltungsanspruch.

Radio-Freaks, die nach vertiefender Information dürsten, sind bei den Kieler Frohsinns-Funkern ebenfalls total deplaciert. »Wir labern nicht grundlos«, sagt Programmchef Hermann Stümpert, ehemals Unterhaltungschef der Europawelle Saar. Werbewirtschaftlich wäre das auch unverantwortlich, weil der moderne Konsument - wie Demoskopen ermittelten - bei Wortbeiträgen von mehr als acht Sekunden zum Abschalten neigt. Die stündlichen News hat RSH folglich auf rund zwei kümmerliche Minuten reduziert. Bisweilen berichtet der Kanal aber auch über schädliche Schafe, die sich ökologisch verheerend durchs Deichvorland fressen. RSH-Hörer sind ihrer meerumschlungenen Heimat so eng verbunden, daß sie vom Zeitgeschehen eigentlich - wie ein Hörer schrieb - nur wissen wollen, »wenn Bauer Hansen die Scheune abbrennt«.

Die Hörer-Begeisterung über diese »Selbstverblödung des Radios« ("Die Zeit") war phänomenal. Die Macher waren »überwältig«, Gratulationen treffen »waschkörbeweise« ein, schwunghaft floriert der Verkauf von Werbezeit (Sekundenpreis: 10 Mark im Schnitt). Massenhaft offenbar läuft dem NDR die Kundschaft fort; ob im Taxi, beim Friseur, in Boutiquen oder Kneipen - überall plärrt nun die lebensbejahende journalistische Mikrowelle. Sogar in WG-Kreisen, meldet verblüfft die »taz«, gebe es »RSH-verklärte Genossen«. Und natürlich ist die Springer-Presse außer sich vor Entzücken.

Endlich sei nun Schluß »mit der Akustik-Wüste im Norden«. In Bad Segeberg konnte »Bild« eine Rentnerin aufgreifen, die ungeachtet ihres RSH-untauglichen Alters den besinnungslosen Küstenfunk emphatisch begrüßte. Traurig sah es nur im Hamburger NDR-Funkhaus aus, wo der Hörerschwund quälende Titanic-Gefühle auslöste. In den Kneipen ringsum hockten bittere Anstaltsinsassen und greinten still in ihr Holsten-Bier.

Beim Jammersender NDR jage jetzt »eine Krisensitzung die nächste«, triumphierte »Bild«. Ein Redakteur der regionalen Hamburg-Welle ächzte öffentlich: »Wenn wir uns nicht umstellen, sind wir erledigt.« Hat der Riese NDR nun tatsächlich die Hosen voll?

Lächerlich, sagt Hörfunk-Programmchef Olaf von Wrangel (CDU), doch befinde sich der Sender in einer »permanenten Debatte über die Programmstruktur«; im Klartext: wehrlos will sich die Anstalt nicht von der Waterkant stoßen lassen. Erste Reaktionen auf die Kieler Herausforderer sind schon zu verzeichnen. So hat, beispielsweise, Chefredakteur Jürgen Kellermeier die Belegschaft angewiesen, den RSH-Heuler totzuschweigen und sich keinesfalls als »Hilfsmittel für die PR-Interessen« der Konkurrenz mißbrauchen zu lassen.

In einem schriftlichen Ukas werden die Moderatoren des NDR-II-Wunschkonzerts »Plattenkiste« aufgefordert, nur noch Musik zu spielen, die »der Gesamtfarbe von NDR II« entspricht: »NDR II wird nur noch Popmusik senden.« Der Wortanteil der 50-Minuten-Sendung müsse umgehend auf »ca. 5 Minuten reduziert werden«. Die Tönninger Spitzenklöpplerinnen und die Freunde des ostfriesischen Schifferklaviers sollen das Maul halten.

Doch selbst wenn sich nun auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk zum Analphabeten verstümmelt - schwere Kundschaftsverluste bleiben dem NDR nicht erspart. Nach NDR-Schätzungen wird das Haus rund ein Drittel seiner (täglich 7,8 Millionen) Hörer an die Privaten verlieren. Auch die Einnahmen aus der Funkwerbung werden im kommenden Jahr schrumpfen, die Preise, derzeit 3500 Mark für 30 Sekunden, wurden fürs erste eingefroren. Einige lokale Kunden haben schon jetzt um Stornierung ihrer Verträge gebeten und sind zum gut zehnmal billigeren RSH übergelaufen.

1987 wird der arme alte Nölfunk vom räuberischen Kommerz noch ärger in die Zange genommen. Dann starten, in Hamburg und Hannover, insgesamt drei neue Privatstationen.

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