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Rußland FURCHT VOR DEM FUNDI

Auftrieb für Moskaus Vaterlandsfreunde: Die Wahl prorussischer Präsidenten in der Ukraine und in Belorußland läßt sie auf Großrußlands Renaissance hoffen. Einer ist im Anmarsch auf die Hauptstadt, der die Träume in durchschlagende Worte faßt: Alexander Solschenizyn. Der Moralist lehrt die Regierenden das Fürchten.
aus DER SPIEGEL 29/1994

Manchmal meldet das Staatsfernsehen, knapp vor der Wetterkarte, die allmähliche Annäherung des graubärtigen Propheten aus dem US-Exil, von dem nicht sicher ist, was er noch gilt im eigenen Lande. Fest steht nur: Er findet mehr Achtung, als vielen Amtsträgern im neuen Rußland lieb ist.

Denn dieser Mann, der - anders als die auch heute Herrschenden - den Kommunismus als Opfer erlebt hat, verbreitet die tröstende Botschaft von künftiger Größe Rußlands, unter Einschluß aller Völkerschaften, die einmal zum Reich gehörten, und mit harter Hand zentral regiert ohne solche Faxen wie Förderation oder Autonomie.

Vorige Woche, am 45. Tag seiner langsamen Heimkehr, wurde er für Sekunden sichtbar: in Tobolsk, Sammelstelle für Sträflinge und Verbannte seit Zarenzeiten rund 2400 Kilometer östlich der russischen Hauptstadt. Im schlichten Kittelhemd, die Kladde für alles beim Volk Aufgesammelte stets griffbereit, eilt der einst verbannte Nobelpreisträger von Friedhof zu Fabrik, von Kolchos zu Kulturhaus, von Wundmal zu Wundmal seiner schwierigen Heimat.

Für die Verwalter der Moskowiter Macht hätte Solschenizyn keine schlimmere Folter ersinnen können als diesen Kreuzweg mit später Spurensuche im Archipel Gulag. Wo der strenge Reisende gerade Station macht, mit wem er gesprochen, was er kritisiert hat, lassen sich Minister und Parteiführer in Lageberichten ausführlich vortragen.

»Irgend etwas Neues von Alexander Issajewitsch?« ist zu Jelzins ständiger Frühstücksfrage geworden. Ein Berater im Präsidialamt spottet bereits: »Man könnte denken, der Mann ziehe mit einem Riesenheer heran.«

Die Unbehaglichkeit im Kreml steigerte noch der Sieg der Moskau-Freunde Leonid Kutschma und Alexander Lukaschenko bei Präsidentschaftswahlen im Glacis Rußlands (siehe Seite 112).

Die Aussicht auf ein Wiedererstehen des Imperiums beflügelt alte und neue Panslawisten zwischen Bug und Beringstraße: »Es muß eine Union geben«, lautet sogar das Credo Michail Gorbatschows, auch wenn die Rückkehr zur UdSSR unrealistisch wäre. Nach den Wahlen in Belorußland und der Ukraine frohlockte der letzte Chef der Sowjetunion: »Wir gehören zusammen.«

Kaum ein Politiker oder Intellektueller in Moskau, der nicht heimlich hofft, die Union der einstmals angegliederten Nationen mit Rußland lasse sich restaurieren. Nur Chauvinisten erheben den imperialen Traum offen zum Programm. Doch selbst Boris Jelzins Sicherheitsrat verfaßte voriges Jahr eine »Außenpolitik-Konzeption«, welche die abtrünnigen Kolonien - nun »nahes Ausland« genannt - einschloß, und eine Militärdoktrin, die ebendort eine Stationierung russischer Truppen einkalkuliert.

Jelzin selbst verlangte von der Weltgemeinschaft besondere Vollmachten, auf dem ganzen Gebiet der ehemaligen UdSSR als Friedensgarant tätig zu werden. Den USA galt ohnehin die russische Ex-Supermacht als angemessener Partner, gegen die neuen, abgefallenen Republiken gab es Vorbehalte.

Solschenizyn ließ früh erkennen, daß er sie wieder eingesammelt sehen möchte und ihm die Slawen-Union nicht genügt, die Jelzin, der Ukrainer Krawtschuk und der Belorusse Schuschkewitsch im Dezember 1991 im Belowescher Wäldchen bei Brest anstelle der mächtigen Sowjetunion verabredet hatten. Den Minsker Gründungsvater stürzte im Januar eine Intrige Lukaschenkos, Krawtschuk fiel vorletzten Sonntag - ein Menetekel für Jelzin, den Dritten im Bunde.

Auch im großen Rußland wächst die Sowjetnostalgie - und die Lust auf Revanche. Bei seinen Vernehmungen als Opfer des Putschversuchs vom August 1991 sei ihm, so berichtete Gorbatschow, versichert worden: »Es kommt die Zeit, wo wir uns auch mit dem Belowescher Wäldchen beschäftigen werden.«

So erlebt Rußlands Staatsoberhaupt den Sommer vor allem als Bedrohung von den Rändern seines Reiches: im Westen die Abrechnung mit den Unionsflüchtern, die leicht auf den russischen Wähler übergreifen könnte. Von Osten her die marternd langsame Anreise des Moralisten Solschenizyn, der den Herrschenden aus der Ferne beinahe jeden Tag neue Verlustrechnungen aufmacht: *___Ehemaligen wie Gorbatschow, weil der nach »Art eines ____Schachspielers lediglich versucht« habe, eine ____"flexiblere Nomenklatura in vorteilhafte Positionen zu ____bringen«; *___später Gescheiterten wie Jelzins Reformpremier Gaidar, ____weil dessen Preisfreigabe Anfang 1992 allein »Gaunern ____und Schiebern die Freiheit gebracht« habe; schließlich *___den Wäldchen-Verschwörern wider das Großreich: Sie ____hätten im Souveränitätsrausch »falsche, Leninsche ____Grenzen anerkannt«, »nur mit dem hämischen Ziel ____gezogen, das russische Volk zu verringern«; 25 ____Millionen Landsleute seien damit »vor die Tür gesetzt ____worden wie Hunde«.

Der letzte Vorwurf wiegt besonders schwer, weil der Adressat im Kreml den Beistand des rückkehrenden Mahners bereits blind eingeplant hatte und beim Autoritätsverfall im Lande nun auch bitter nötig hätte.

Jelzins Stab hatte Solschenizyns Wiederaufbauprogramm für Rußland 1990 in Massenauflage verbreiten lassen. Der Präsident selbst beriet mit dem Moskauer Bürgermeister Luschkow die Landvergabe an den Emigranten Solschenizyn, ein Grundstück mitten in der Bonzensiedlung Troize-Lykowo, auf dem einst die Datscha des unter Stalin erschossenen Marschalls Tuchatschewski stand. Jelzin glaubte: »Alexander Issajewitsch wird auf unserer Seite stehen, das ist eine mächtige Waffe.«

Was den Schulterschluß mit dem antikommunistischen Patrioten angeht, der ohne Rücksicht auf regierende und opponierende Seilschaften »die volle Wahrheit«, freilich seine altväterliche, »über Rußland« sagen will, sieht sich der ehemalige KP-Spitzenfunktionär Jelzin nun enttäuscht. Noch gar nicht weit vom Pazifik ins Landesinnere vorgedrungen, diagnostizierte Solschenizyn bereits »Scheindemokratie« und eine »raffinierte Kreuzung von Nomenklatura-Bürokraten und raffgierigen Geschäftemachern: Sie haben sich vereint, und das ist schrecklich.«

Schon ging die Regierungsschutztruppe in den Medien auf Distanz: Das zentrale Fernsehen verhängte über den Dichter »eine regelrechte Blockade«, wie Ehefrau Natalja Dmitrijewna nicht ohne Grund klagte.

Solschenizyn hatte das vorausgesehen: »Ich sage nur, was ich für Rußland für nützlich und notwendig halte. Mir ist völlig gleichgültig, wem von den Regierenden das gefällt oder nicht«, erklärte er im Oktober. »Ich gehe davon aus, daß ich eine unerwünschte Person sein werde und man mir das Wort verbieten wird. Das nehme ich in Kauf.«

Die Nesawissimaja gaseta mäkelte, der Dichter verstehe »schon lange weder etwas von Rußland noch vom Westen«. Ähnlich ließ sich auch Wendedemokrat Oleg Kalugin vernehmen, der Ex-KGB-General: »Die Zeit Solschenizyns ist vorbei.«

Die Grabreden auf den mit seinen 75 Jahren höchst streitbaren und seinen Kritikern intellektuell weit überlegenen Russen-Fundi scheinen voreilig. Vor allem sind sie am Volk vorbei gehalten.

Neun von zehn Moskauern sind laut Umfrage über Person und Wirken Solschenizyns erstaunlich gut informiert. Das russische Sprichwort, wonach »kein heiliger Platz leer bleibt«, weist dem Reisenden das seit dem Tode Andrej Sacharows 1989 verwaiste Podest einer moralischen Führungsfigur im nachkommunistischen Wertewandel als Ziel zu.

Manche drängen weiter, sehen wie Literat Jewtuschenko im Rückkehrer eine Ein-Mann-Partei, dienen ihm für die nächste Präsidentenkür ihre Stimme an - trotz aller Solschenizyn-Erklärungen, kein hohes Staatsamt anzustreben.

Daß seine Polemik auch die russische Rechte trifft, ist aus der Umgebung des Radikalinskis Schirinowski zu hören: Kein Hitler-Vergleich im Westen habe den so hart getroffen wie die Kurzcharakteristik Solschenizyns: »Karikatur eines russischen Patrioten«.

Innerhalb nur eines Monats schaffte Solschenizyn den Sprung in der Prominentenliste einer Moskauer Zeitung von Platz 87 auf Platz 30. Nur einem Wundarzt der russischen Seele gelang eine noch bessere Plazierung, dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, Alexij II.

Entsprechend emsiger wird das Liebeswerben um den unabhängigen Dichter, als sei er der Nekrassowsche Gutsherr, der - wenn er denn kommt - »uns sagt, was Recht und Unrecht ist«.

Das russische Parlament, im ersten Anlauf noch gegen eine Anhörung Solschenizyns, schickte ihm dann doch eine artige Einladung. Der einflußreiche Vorsitzende des außenpolitischen Duma-Ausschusses, Wladimir Lukin, reiste ihm bis nach Nowosibirsk entgegen; vom Blutbad im Oktober berichtete ihm die einstige Vizechefin des Putsch-Parlaments schon in Wladiwostok und beobachtete »Verzweiflung in Solschenizyns Augen«. Vorher hatte der von einem »vollkommen unausweichlichen und gesetzmäßigen Schritt« zur »Befreiung vom Kommunismus« gesprochen.

Auch Männer des Präsidenten lassen sich von dem großen Alten faszinieren. Jelzins persönlicher Vertreter in Nowosibirsk, Anatolij Manochin, schwärmte: »Solch lebendige Augen, solch ein Interesse an sibirischen Angelegenheiten würde man gern in den Moskauer Korridoren der Macht treffen.«

Für die Korridor-Kamarilla ein Graus - einer, der nicht trinkt, sich nicht rasiert und auch noch so gefährliche Sachen sagt: »Der bürokratische Apparat ist korrumpiert, das wäre nicht möglich, wenn nicht einige Minister beteiligt wären. Davon müssen wir uns befreien.«

Oder: »Die Wahl nach Parteilisten ist eine trügerische Sache«, da »kauft der Wähler die Katze im Sack, er weiß nicht, für wen er stimmt«. Und »daß die Macht sich vor Wahlen nicht drücken kann, selbst wenn sie es gern möchte«.

Und wie sie das möchte. Schon vor den ukrainischen und belorussischen Wendesignalen war Jelzins Mann fürs Grobe, Föderationsratsvorsitzender Wladimir Schumeiko, mit der Idee vorgeprescht, den Wahltermin 1996 ausfallen zu lassen und die Vollmachten von Präsident und Parlament zu verlängern.

Von Premier Tschernomyrdin bis Präsidialamtschef Filatow fanden das alle Nutznießer einer verfassungswidrigen Verlängerung ihrer Pfründen eine interessante Sache. Solschenizyn, der Unbestechliche, könnte da stören. Schumeiko stellte den kompromißlosen Machtkritiker sogleich ins politische Abseits: Er rechne nicht »mit einem Faktor Solschenizyn; der Mensch war 20 Jahre weit weg von der Heimat und kann kaum beurteilen, was hier passiert«.

Aber er kommt. In ein paar Wochen wird er in der Hauptstadt sein. Er wird im Parlament reden, eine Bilanz seines langen Marsches nach Hause ziehen. Vollstreckt das Volk sein Urteil? Y

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