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PARTEIEN Furcht vor Enkeln

Bei der Vergabe von Wahlkreisen und Listenplätzen werden junge Kandidaten abgeblockt. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Guido Westerwelle, 24, Bundesvorsitzender der FDP-Nachwuchsorganisation Junge Liberale, kurz Julis, war vor Wochen noch ganz optimistisch. »Mindestens drei Julis«, so seine Prognose, »werden ins Parlament einziehen.«

Westerwelles Zuversicht hat sich inzwischen gelegt. Auch im nächsten Bundestag wird, realistisch gerechnet, »kein einziger Juli« (Westerwelle) vertreten sein. Erreicht die FDP ein ähnliches Wahlergebnis wie 1983 (sieben Prozent), dann sitzen im Frühjahr 1987 »die gleichen FDP-Leute wie damals« in Bonn. »nur vier Jahre älter«.

Beim Gerangel um günstige Listenplätze haben sich die altgedienten FDP-Abgeordneten, die teilweise schon Jahrzehnte im Parlament sitzen, hartnäckig geweigert, für den Parteinachwuchs auch nur einen aussichtsreichen Platz zu räumen. Westerwelle: »Eine Closed-Shop-Mentalität.«

Darüber wird nicht nur bei jungen Liberalen lamentiert. Über »Platzhirsche, die eifersüchtig ihr Revier verteidigen« und »gute Plazierungen unserer Leute verhindern«, klagt Matthias Kues von der niedersächsischen Jungen Union (JU), dessen Organisation bei der CDU-Kandidatenkür zur Landtagswahl schlecht wegkam.

»Total sauer« auf die Mutterpartei SPD sind auch Jungsozialisten. Im Bundestagswahlkreis Homburg (Saar) etwa ist der Juso-Bewerber Gregor Halmes, ein Aktivist der Friedensbewegung, gegen den amtierenden SPD-Abgeordneten Lothar Fischer »glatt durchgerasselt« (der saarländische Juso-Chef Peter Gillo).

Selbst Spitzenleute der Jugendorganisationen können sich nicht durchsetzen. Christoph Böhr, der artig glatte Bundesvorsitzende der Jungen Union aus Trier, hat wohl vergebens auf einen Bonner Abgeordnetensessel spekuliert. Der Mainzer CDU-Regierungschef Bernhard Vogel, der Böhr einen aussichtsreichen Listenplatz avisiert hatte, zog seine Zusage wieder zurück.

Auch der rheinland-pfälzische JU-Vorsitzende Helmut Schultz, der für den verstorbenen CDU-Abgeordneten Werner Marx nachgerückt war, muß sein Mandat nach 18 Monaten wieder abgeben. Direktkandidat im CDU-sicheren Wahlkreis Pirmasens wurde der Umwelt-Staatssekretär Klaus-Dieter Uelhoff.

Seine Bonner Karrierepläne zurückstellen muß wohl auch Juli-Chef Westerwelle, der im Vorfeld des Gezerres um die FDP-Liste in Nordrhein-Westfalen schon mal auf dem relativ günstigen Rang elf gehandelt wurde, inzwischen jedoch auf Position 15 abrutschte. Und Juli-Mitgründer Hans-Joachim Otto, Favorit der Parteijugend für einen vorderen Listenplatz in Hessen, kommt vermutlich gegen zwei FDP-Veteranen aus sozialliberaler Regierungszeit nicht an. Hessens Ex-Wirtschaftsminister Klaus-Jürgen Hoffie will in Bonn bleiben. der ehemalige Innenminister Ekkehard Gries, ein Wendeopfer, einen neuen Anfang machen.

Mit der Neigung der Parteien, bei der Kandidatenauswahl nach dem »Senioritäts-Prinzip« zu verfahren, sieht der Hamburger Politologe Uwe Thaysen »die Gefahr, daß unser politisches System verharscht«. Die Oldtimer seien zwar »garantiert loyal«, aber Spontaneität und Kreativität gingen verloren.

Die Parteien präsentieren sich, mit Ausnahme der Grünen, als schwer durchlässige Machtapparate, die von Funktionären mittlerer und älterer Jahrgänge zwischen 40 und 70 Jahren beherrscht, verwaltet und gegen nachdrängende

Bewerber der jüngeren Generation verteidigt werden.

Folgerichtig drohen die westdeutschen Parlamente zu geschlossenen Gesellschaften von Berufspolitikern jenseits der 50 zu werden - eine Rückentwicklung zu Verhältnissen der fünfziger und sechziger Jahre. Nach der Bundestagswahl 1961, gegen Ende der Adenauer-Ära, lag das Durchschnittsalter der Bonner Abgeordneten bei 52,3 Jahren - der älteste Bundestag, seit es die Bundesrepublik gibt.

Zwar sank der Altersschnitt bis 1972, dem Jahr der legendären »Willy-Wahl«, auf 46,6 Jahre, doch seitdem geht es wieder aufwärts. 1983, nach der letzten Bundestagswahl, wurden 48,2 Jahre errechnet.

Vor allem die Sozialdemokraten, die sich gern den Anstrich jugendlicher Frische geben, vernachlässigen den Nachwuchs. Alle 202 SPD-Abgeordneten haben das Juso-Höchstalter von 35 überschritten - »ein Defizit«, so Juso-Chef Ulf Skirke, »das sich eine lebendige Partei eigentlich nicht leisten kann«.

Dagegen sind von den 28 Abgeordneten der Grünen elf unter 35, einer davon, der Ludwigshafener Betriebswirt Willi Tatge, 27, ist derzeit jüngster Bonner Parlamentarier.

Die gravierenden Altersunterschiede erklärt Politikwissenschaftler Thaysen mit den »gegensätzlichen Parteistrukturen«. Während traditionsbeschwerte politische Gruppierungen wie die SPD über eine »in Jahrzehnten gewachsene komplizierte Logistik« verfügen, haben die Grünen als junge Alternativpartei einfach nur eine Szene. Die Anwartschaft auf eine Kandidatur werde dort nicht durch Aussitzen erworben, sondern durch »Übereinstimmung im Atmosphärischen« (Thaysen).

Hinzu kommt, daß Rotation und Diäten-Begrenzung es den Grünen nicht erlauben, in der Mandatsübernahme vorrangig eine finanzielle Absicherung zu sehen. Dagegen gehe es, so Thaysen, bei Kandidaturen der Politiker anderer Parteien häufig »schlicht um Existenzsicherung«.

Routinierte Parlamentarier setzen sich ungern anstrengenden Richtungskämpfen aus, wie sie vorwiegend von Neulingen angezettelt werden. Die gängige SPD-Praxis, junge Kandidaten auch deshalb abblitzen zu lassen, weil sie »Sand im Getriebe und kein Schmieröl« sind, wie der Juso-Vorsitzende Skirke sagt, »bedeutet, sich den eigenen Ast abzusägen«

Die Jugendlichen der etablierten Parteien sind es jedoch leid, bei Wahlkämpfen zwar als Plakatkleber und Prospektverteiler, nicht aber als Kandidaten willkommen zu sein. Rechtzeitig vor den Bundestagswahlen fordern die Nachwuchsorganisationen ihren personellen Anteil: *___die Junge Union protestierte auf einer ____Landesvorsitzenden-Konferenz gegen »zu lange ____Verweildauer von Parlamentariern bei ihrem Mandat«. *___die Jungsozialisten drängen die SPD zur Einführung ____einer Quotenrege lung, wie für Frauen auch durch die ____bei der künftigen Vergabe von Li stenplätzen eine ____"angemessene Be rücksichtigung« von Juso-Kandida ten ____garantiert werden soll; *___die Jungen Liberalen verlangen von den Freidemokraten ____in den Ländern bei der Aufstellung von Landeslisten ____auch Juli-Mitglieder »vorne, auf den guten Plätzen« zu ____plazieren.

Doch die Bereitschaft zum Machtverzicht der Alten existiert nur in den Parteiprogrammen. So verspricht die CDU zwar in ihren »Grundsätzen einer jugendorientierten Gesellschaftspolitik«, auch junge Menschen, in das gesellschaftliche Ganze« einzubeziehen und »am gesellschaftlichen Geschehen« zu beteiligen. Und die SPD ermuntert hochtrabend die »junge Generation« ihren »Teil der Verantwortung« zu tragen.

Aber in Niedersachsen, wo im Juni ein neuer Landtag gewählt wird, erweisen sich die hehren Bekundungen als hohle Phrasen.

Der einzige Kandidat der Jungen Union, Fleischermeister Hartmut Büttner aus Garbsen, wurde mit dem aussichtslosen Listenplatz 46 abgespeist - eine Abfuhr, die der JU-Landesvorsitzende Gunther von Mirbach als »skandalös« anprangert.

Ähnlich erging es dem Juso-Landeschef Matthias Wehrmeyer, der von der Niedersachsen-SPD (63 Landtagsmandate) als Listenfüller auf Platz 75 gesetzt wurde. Wehrmeyer nannte im Gegenzug den sozialdemokratischen Spitzenkandidaten und früheren Juso-Bundesvorsitzenden Gerhard Schröder einen »ganz großen Taktierer«, der vor »den Rechten in der Partei den Schwanz einzieht«.

Oft stellen sich gerade Ex-Funktionäre der Jugendorganisationen den vorwärtsstürmenden Junioren entgegen. »Die Leute, die letztendlich eine bessere Plazierung unseres Kandidaten verhindert haben«, ereifert sich der niedersächsische Jungunionist Matthias Kues, seien »alles ehemalige JUler« gewesen. Die hatten wohl »vergessen, wo sie hergekommen sind«.

Eben nicht. Denn jene Mandatsträger, die sich vor Jahren selbst mühselig aus der Parteijugend nach oben geboxt und ältere Parteimitglieder um ihre Posten gebracht haben, wissen zu genau, wie gefährlich es für die eigene Karriere sein kann, ehrgeizige junge Konkurrenten zu fördern.

Vor allem die Generation der 40- bis 45jährigen, die selbst erst seit kurzem mitbestimmen darf, reagiert auf den Ansturm der nächsten Generation überaus empfindlich Juso-Vorsitzender Skirke: »Ich fürchte mich mehr vor den Enkeln als vor den Großvätern.«

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