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POLEN Furchtbare Nachrichten

Dokumente belasten Polens damaligen KP-Chef Jaruzelski: Demnach rief er selbst 1981 sowjetische Truppen gegen die Solidarnos c zu Hilfe.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Die Soldaten kamen am Sonntag morgen noch vor der Messe. Sie zogen mit aufgepflanztem Bajonett und umgehängter Maschinenpistole vor dem Parlament und dem Flughafen auf. Techniker schalteten das zivile Telefonnetz ab. Geheimdienstler und Polizisten verhafteten mehrere tausend Solidarnos c-Aktivisten. Es war der 13. Dezember 1981 - in Polen hatte General Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht ausgerufen.

Anderthalb Jahre lang griffen Polens Kommunisten unter Führung Jaruzelskis mit eiserner Hand gegen die verbotene Gewerkschaft durch; mehrere Dutzend Gewerkschafter wurden ermordet. Solidarnos c-Führer Lech Walesa hatte höhere Löhne und politische Freiheit gefordert.

Erst 1986 wurden die letzten politischen Gefangenen entlassen. Da hatte Michail Gorbatschow bereits in Moskau die Macht übernommen und seine Reformen eingeleitet. Jaruzelski paßte sich dem neuen Kurs des großen Bruders an. Im Februar 1989, noch bevor in Berlin die Mauer fiel, gab er einen Teil der Macht an die Solidarnos c ab und öffnete Polen damit den Weg zur Demokratie.

Die Rolle Jaruzelskis ist seitdem heftig umstritten. Schon Weihnachten 1981 erklärte der General öffentlich, daß er mit dem Ausrufen des Kriegsrechts eine blutige Intervention der sowjetischen Streitkräfte vermieden habe; das Kriegsrecht sei das »kleinere Übel« gewesen.

Die meisten Polen hielten Jaruzelski trotzdem für einen Verräter. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges nahmen sie ihm seine Sicht der Geschichte ab. Auch alte Solidarnos c-Kämpfer wie Adam Michnik verziehen nun dem Militär. Das polnische Parlament Sejm amnestierte den General 1996, als er wegen der Ausrufung des Kriegsrechts vor Gericht gestellt werden sollte.

Doch inzwischen sind Zweifel an Jaruzelskis Version aufgetaucht. Sie stammen ausgerechnet von seinen ehemaligen Kameraden aus der Sowjetarmee. Anatolij Gribkow, einstiger Stabschef des Warschauer Paktes, behauptete in seinen Memoiren, Jaruzelski selbst habe um sowjetische Truppen gebeten, sei damit jedoch am Moskauer Politbüro gescheitert. Jaruzelski zeigte sich empört: »Das soll wohl ein Witz sein.«

Vor gut einem Jahr brach er fast in Tränen aus, als Sowjetmarschall Wiktor Kulikow auf einer Konferenz, die Historiker aus den USA organisiert hatten, Gribkows Version unterstützte. »Wie können Sie mir das vor den Amerikanern antun?« fauchte Jaruzelski auf russisch den Marschall an.

Nun veröffentlicht der Historiker Mark Kramer vom Woodrow Wilson International Center in Washington bisher unbekannte Aufzeichnungen des Generalleutnants Wiktor Anoschkin im Bulletin des »Cold War International History Project«. Anoschkin war Adjutant Kulikows, und was er 1981 notierte, belastet Jaruzelski schwer. Danach hat der General in den Dezembertagen 1981 mehrfach die Sowjets um die Entsendung von Truppen gebeten und war verzweifelt, als Staatschef Leonid Breschnew sie ihm verweigerte: »Jetzt ist alles verloren!«

Die Sowjets erwogen zwar eine Intervention, seit im Sommer 1980 Polens Arbeiter mit Streiks das morsche Regime der polnischen Kommunisten herausforderten. Breschnew fürchtete, die Unruhen könnten auf die DDR und den Westteil der Sowjetunion überspringen. Die sowjetische Armee zog 100 000 Reservisten ein, requirierte 15 000 Fahrzeuge und setzte die Truppen an der Grenze in volle Gefechtsbereitschaft. »Wir können und dürfen Polen einfach nicht verlieren«, erklärte Außenminister Andrej Gromyko im Politbüro.

Doch als im Dezember 1980 SED-Chef Erich Honecker darauf drängte, den polnischen Freiheitskampf mit Militärgewalt zu unterdrücken, zuckte Breschnew zurück. Das Verhältnis zum Westen war bereits durch den Krieg Moskaus in Afghanistan belastet. Die eigenen Soldaten desertierten in den Westbezirken der Sowjetunion zu Hunderten. Und ein Eingreifen in Polen drohte in einem Bürgerkrieg zu enden. Keiner aus dem polnischen Generalstab könne sagen, meldeten sowjetische Militärs nach Moskau, »auf welcher Seite Armee und Flotte Polens« stünden.

Jaruzelski hingegen wollte nicht allein die Verantwortung für die Unterdrückung der Gewerkschaftsbewegung übernehmen. Seine Verbündeten im Warschauer Pakt drängte er, gemeinsam »die Aktionen der Konterrevolution in Polen zu verurteilen«.

Vergebens bat er Breschnew um Truppen. »Wir müssen bei unserer Linie bleiben«, bekräftigte KGB-Chef Jurij Andropow am 29. Oktober im Politbüro, »wir werden keine Truppen nach Polen senden.«

Anfang Dezember waren die Vorbereitungen für Jaruzelskis »Operation X«, die Verhängung des Kriegsrechts, abgeschlossen. Der Plan ging davon aus, daß Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten bereitstünden, in Polen einzumarschieren.

Doch als Jaruzelski am 10. Dezember mit Breschnew telefonierte und ihn fragte, »ob Polen auf militärische Unterstützung durch die Sowjetunion« zählen könne, wich Breschnew aus. Kulikow teilte einige Stunden später mit: »Wir bereiten keinen Einmarsch von Truppen nach Polen vor.« Kulikows Adjutant Anoschkin notierte auch Jaruzelskis Antwort: »Die Sowjetunion distanziert sich von uns.«

Am nächsten Tag ließ Jaruzelski über den sowjetischen Botschafter erneut anfragen. Wieder lehnte Moskau ab. Anoschkin schrieb Jaruzelskis Worte auf: »Das sind furchtbare Nachrichten für uns.« 48 Stunden später schlug Jaruzelski allein los.

Heute streitet der General ab, sich so geäußert zu haben, wie es Anoschkin überlieferte. Doch am 10. Dezember tagte das Politbüro in Moskau. Und dem Protokoll zufolge gingen zumindest Außenminister Gromyko und KGB-Chef Andropow davon aus, daß Jaruzelski militärische Hilfe wünsche. Man werde keine Truppen senden, stellte Andropow kategorisch fest, »selbst wenn die Solidarnos c Polen übernimmt«.

Jaruzelski beruft sich für seine Version auf den sowjetischen Spitzengenossen Konstantin Russakow. Jaruzelski »führt uns an der Nase herum«, hatte Russakow im Politbüro am 10. Dezember ausgerufen, dessen Anfragen dienten nur als Alibi, um später sagen zu können: »Aber ich habe die Sowjetunion um Hilfe gebeten und habe keine erhalten.«

Historiker Kramer sieht sich damit keineswegs widerlegt. Denn Jaruzelskis Verweis auf Russakow kommt einem Eingeständnis gleich: Wenn er von vornherein wußte, daß die Sowjets ihm Truppen verweigerten, kann er mit der Ausrufung des Kriegsrechts eine sowjetische Intervention nicht abgewehrt haben. KLAUS WIEGREFE

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