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ZEITGESCHICHTE / BÜRGERBRÄU-ATTENTAT Furchtbarer Knall

aus DER SPIEGEL 46/1969

»Keiner von uns weiß«, philosophierte Adolf Hitler am 8. November 1939 vor seinen alten Kämpfern, »ob es ihn nicht auch bald trifft.«

Acht von ihnen traf es noch am selben Abend, an Ort und Stelle -- als um 21.20 Uhr im Münchner Bürgerbräukeller, wo Nationalsozialisten der ersten Stunde des gemeinsamen Marsches auf die Feldherrnhalle vom 9. November 1923 gedachten, die Zeitbombe des schwäbischen Möbelschreiners Georg Elser detonierte. 62 wurden verletzt.

Hitler selber aber, dem das Attentat galt, saß zu dieser Zeit bereits im fahrplanmäßigen D-Zug 71 nach Berlin (Abfahrt: 21.31 Uhr). Er hatte die Veranstaltung, auf der er sonst stets länger verweilte, diesmal schon nach kurzer Rede verlassen -- elf Minuten vor dem »furchtbaren Knall«, den Bürgerbräu-Kellnerin Maria Strobl vernahm, als sie gerade die Maßkrüge vom leeren Hitler-Stammtisch räumte.

Nur noch der Oberst von Stauffenberg kam dem Ziel so nahe wie -- vor nunmehr 30 Jahren -- der Handwerker aus Königsbronn: Die Bombe verwüstete den Saal und machte aus Hitlers Rednerpult einen Trümmerhaufen.

Keiner der Attentäter aber wurde so um den Nachruhm gebracht wie der ebenso unscheinbare wie entschlossene Elser. Und keines der Attentate ist bis heute so umstritten wie seines. Vor allem will niemand so recht glauben, daß Eiser seinen durchdachten Plan allein ersonnen und ausgeführt hat,

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels suchte das Attentat für die deutsche Kriegspropaganda zu nutzen. Für die »ruchlose Tat« machte er die britischen Geheimdienst-Offiziere Captain S. Payne Best und Major Stevens verantwortlich, die ein SS-Kommando am Tag nach dem Anschlag in der holländischen Grenzstadt Venlo gekidnappt hatte. Und auch nach dem Krieg blieb Elser ein Mann mit Hintermännern.

Historiker und Publizisten, Memoirenschreiber und Zeugen der Zeitgeschichte, die Elser in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau begegnet waren, verbreiteten ähnliche Geschichten, wie sie als erster Pastor Martin Niemöller 1946 Göttinger Studenten erzählte: In Wirklichkeit sei Elser »SS-Unterscharführer« gewesen, der »auf Hitlers persönlichen Befehl« gehandelt habe.

So berichtete der einstige Mitarbeiter des Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop und Widerständler Erich Kordt ("Nicht aus den Akten"), Hitler sei »mit von der Partie« gewesen. Der britische Agent Best ("The Venlo Incident") beschrieb Elser als gedungenen »Asozialen«, der einen »verräterischen Klüngel um Hitler« beseitigen sollte. Und 1965 vermachte der frühere SS-Unterscharführer Walter Usslepp, der den Attentäter im KZ Sachsenhausen bewacht hatte, »Panorama«-Redakteuren Elsers »Vermächtnis": Der SS-Mann Elser habe für »ein Haus und eine Staatspension« Hitlers Auftrag durchgeführt.

Vielen genügte die Tatsache, daß sich der Anschlag im Bürgerbräukeller ohne Mühe mit nationalsozialistischen Manipulationen bei Röhm-Putsch, Fritsch-Krise und dem fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz vor Kriegsausbruch vergleichen läßt. Und viele trauen Hitler, der sich nicht einmal rasieren lassen mochte, gleichwohl zu, daß er sich die Bombe aus Propagandagründen bestellte -- und dabei das Risiko einging, daß der Sprengkörper vorzeitig detonierte.

Deutsche Historiker waren nicht gründlicher. Ungeprüft behauptete beispielsweise der prominente Gerhard Ritter, es sei »kaum noch zweifelhaft«, daß »Himmlers Organe« den Anschlag inszeniert hätten. Hans Rothfels« Nestor der deutschen Zeitgeschichte, interpretiert Elsers Alleingang als »eine umstrittene und noch immer umstreitbare Frage«. Und Politologe Eugen Kogon ist noch immer überzeugt, daß Hitler ein »Scheinattentat ... gegen sich arrangiert hat« -- was das Luxemburger »Europäische Komitee zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkrieges«, dem Kogon angehört, beweisen soll, das gerade erst mit einer unqualifizierten Story vom Reichstagsbrand aufwartete (SPIEGEL 44/1969).

Die Zunft deutscher Historiker, die sich lange zierte, die Forschungsergebnisse des Amateurs Fritz Tobias in Sachen Reichstagsbrand hinzunehmen und seinen Quellen mißtraute, versäumte es auch in Sachen Elser-Attentat, selber in die Quellen zu sehen.

So blieb ein Schlüsseldokument unbeachtet, das seit Jahren in den Regalen des Koblenzer Bundesarchivs verwahrt wird und bündigen Aufschluß über den Anschlag vom 8. November 1939 gibt: das 203-Seiten-Protokoll der Vernehmung Elsers durch die Gestapo. Erst jetzt hat es der Historiker Dr. Anton Hoch, Archivleiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, entdeckt und systematisch ausgewertet*. Hoch, der außerdem noch lebende Zeugen befragte und Tat wie Täter akribisch beschrieb, kommt zu dem Schluß: »Elser war es allein.« »Den »kleinen Mann"«, so bedauert der Historiker, habe »die Eigenart seines Falles ... um die verdiente Anerkennung seiner Tat ... gebracht«.

Der kleine Mann« der im Königsbronner Orchester die Baßgeige spielte und sich am liebsten in seiner Tischlerwerkstatt verkroch, war ebenso eigensinnig wie hilfsbereit. Aber er war weder SS-Mann und Himmler-Gehilfe, wie in zeitgeschichtlichen Zeugnissen zu lesen ist, noch ideologischer Gegner des NS-Regimes. Er trug zwar das Abzeichen des Rotfrontkämpfer-Bundes unterm Revers, doch Kommunist war er nicht. Er weigerte sich, auf NS-Maikundgebungen die Hakenkreuzfahne zu grüßen, und er kannte weder Marx noch Lenin.

Aber er hatte, so Hoch, »ein sehr empfindliches Gefühl für das dem einzelnen Menschen zustehende Recht und daher auch für die Grenzen des Staates«. Dieses Gefühl trieb den 1903 im württembergischen Hermaringen geborenen Landwirtssohn zur Tat.

»Nach meiner Ansicht haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft nach der nationalen Revolution ...

* Anton Hoch: »Das Attentat auf Hitler im Münchner Bürgerbraukeller 1939«. In: vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Heft 4/1989.

verschlechtert«, gab Elser nach der Tat vor der Gestapo zu Protokoll: »Der Arbeiter kann z. B. seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will, er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder.«

Als Hitler im Herbst 1938 das Sudetenland heimführte, dämmerte dem kleinen Mann, was den meisten Deutschen verschlossen blieb -- »daß Deutschland ... sich andere Länder einverleiben wird und daß deshalb ein Krieg unvermeidlich ist«.

Fortan sammelte er Sprengstoff« zunächst 250 Preßstückchen Pulver hei der Heidenheimer Firma Waldenmaier, die ihn vorübergehend als Materialprüfer beschäftigte. Er versteckte sie in seinem Wäscheschrank.

Als Hilfsarbeiter der Königsbronner Steinbruch-Firma Vollmer verschaffte er sich dann Sprengkapseln und Sprengpatronen. Als ihm nach drei Wochen ein Steinbrocken auf den Fuß fiel und den Knöchel brach, hatte er genug beisammen.

Im Sommer 1939 unternahm der Junggeselle im elterlichen Obstgarten erste Explosionsversuche »Plötzlich gab es«, so erinnerte sich später Georgs Onkel Eugen, der in der Nähe pflügte, »einen so starken Knall, daß die Pferde hochsprangen und mir fast durchgingen.«

Schon Ostern 1939 hatte Elser in Münchens Bürgerbräukeller an der Säule hinter dem Rednerpult Maß genommen, in der er »irgendeine Vorrichtung zur richtigen Zeit zur Entzündung« bringen wollte. Noch wußte er nicht wie.

Im Sommer wußte er es. Da hatte er, wie er der Gestapo sagte, »alles zeichnerisch gelöst«. Sein Zeitzünder bestand aus zwei Uhrwerken, die zugleich drei Schlagbolzen auslösten. Und vor der Gestapo demonstrierte Elser, stolz auf sein Werk, wie er gezeichnet und gebastelt hatte.

Am 5. August reiste er nach München. Tagsüber hantierte er mit Uhrwerken, Granathülsen, Sprengkapseln und Pulverstückehen. Wenn ihn jemand fragte, was er da mache, antwortete er: »Ich arbeite an einer Erfindung.« Stets glaubte man dem Eigenbrötler, der nach Aussagen seiner Wirtinnen »nie Besuch« bekam.

Kleine Teilstücke, die er selber nicht fabrizieren konnte, ließ er von Münchner Handwerkern fertigen: vom Schlosser Solleder und vom Schreiner Brög in der Türkenstraße 59, vom Mechaniker Drechsler in der Frauenstraße 9 und vom Werkzeugmacher Niederhofer, Rumfordstraße 32.

Nachts ging er in den Bürgerbräukeller. Regelmäßig, zwischen 20 und 22 Uhr, aß er im Wirtschaftsraum zu Abend. Regelmäßig, so bestätigte der Schankkellner Jakob Mayer, trank er »ein kleines Dunkles«. Regelmäßig, »30 bis 35 Nächte«, so Elser, schlich er sich dann in den Festsaal und arbeitete kniend an der Säule.

Der Attentäter sägte ein 80 mal 80 Zentimeter großes Quadrat aus der Holzverkleidung. Geräuschvolle Arbeiten beim Mörtelaushub aus dem Pfeiler nahm er vor, wenn im Haus die automatische Toiletten-Spülung einsetzte. Mörtel und Sägemehl fing er in einem Sack auf, den er am Morgen in der Isar entleerte.

Damit das Ticken der Zeitzünder-Uhren nicht durch die Holzverkleidung dringen würde, verpackte er den Apparat in Korkplatten. Damit beim Dekorieren für eine der häufigen Feiern im Bräu seine Höllenmaschine nicht durch Nagelschlag beschädigt würde, staffierte der gründliche Schwabe die Rückseite des Holzquadrats mit dünnem Eisenblech aus.

Elser plante das perfekte Attentat. und Elser plante perfekt. »Wer möchte angesichts dieser Tatsachen«. so Historiker Hoch, »noch nach auftragsschwangeren Heinzelmännchen suchen wollen?«

Der Mann, der das Land vom Tyrannen befreien wollte, fiel niemandem auf. Als ihn der Nachtwächter einmal auf der Bürgerbräu-Galerie aufstöberte« wo Elser sich vor und nach seiner nächtlichen Arbeit versteckte und eine Weile döste, gab sich der herbeigerufene Bürgerbräu-Wirt, Anton Payerl, mit Elsers Erklärung zufrieden, er habe sich »einen Furunkel am Knie ausdrücken« wollen. Payerl besah sich das Knie, das vom langen Rutschen an der Säule wundgeschwollen war, und ließ es gut sein.

Die Tatsache, daß Elser Nacht für Nacht unbehelligt im Schein einer Taschenlampe mit Werkzeugen, die er mit Tüchern umwickelt hatte, seiner Arbeit nachgehen konnte, sehen Anhänger der Heinzelmann-Theorie noch heute als eines ihrer wichtigsten Indizien an. Sie übersehen allerdings, daß der Bürgerbräu-Saal, der alljährlich am 8. November für die alten Kämpfer hergerichtet wurde, sonst aber gemeinen Vergnügungen Platz bot, überhaupt nicht bewacht wurde. Und sogar an den 8. Novembern, so ordnete Hitler selber an, erlosch die Siche-

* Bei der zeichnerischen Rekonstruktion seines Zeitzünders vor der Gestapo. rungsaufgabe von Kripo und Gestapo »an den Saaleingängen": »In dieser Versammlung schützen mich meine alten Kämpfer.«

Am 3. und 4. November, so rekonstruierte Hoch, »wollte er dann die Uhrwerke einsetzen. Doch damit hatte er zunächst Pech«. Am 3. war das rückwärtige Tor verschlossen, durch das er sich einschleichen wollte. Am 4. stellte er fest, daß die Höhlung für den Sprengkörper von ihm zu klein bemessen worden war. Schließlich, am 5. November, einem Sonntag, klappte es. Historiker Hoch schildert das so:

»Elser ging durch den Haupteingang, löste, da an diesem Tage im Saale eine Tanzveranstaltung war, eine Eintrittskarte und schaute von der Galerie aus dem unterhaltsamen Treiben zu. Erst nach Mitternacht konnte er sein sorgsam verpacktes Mitbringsel aus dem Versteck herausholen und den Einbau vollenden. Bis ei« die Werke in Gang gebracht ... hatte, war es sechs Uhr morgens.« Bevor er dann München verließ in Richtung Schweizer Grenze, trank er am Isartor-Kiosk noch einen Kaffee. Erst als es um sein eigenes Leben ging, wurde Elser unvorsichtig: An der Grenze hielt er eine Weile inne, um die aus einem Volksempfänger laut tönende Rede des Mannes zu hören, nach dessen Leben er trachtete. So verlor er die Zöllner aus den Augen, die ihn dann, um 20.45 Uhr, in der Nähe von Konstanz stellten.

Der Mann, der sonst alle Spuren verwischt hatte, trug Zünder-Teile und eine Ansichtskarte in der Jackentasche. die wenig später der Gestapo auffiel; mittlerweile war die Attentatsmeldung durchgegeben worden. Die Karte zeigte den Festsaal des Bürgerbräukellers.

Das geschwollene Knie, das den Bürgerbräu-Wirt von Elsers Harmlosigkeit überzeugt hatte, wurde dem Attentäter nun zum Verhängnis: Der Münchner Kriminalrat Franz Josef Huber, der richtig vermutet hatte, daß der Attentäter kniend gearbeitet haben müßte, fand seinen Verdacht bestätigt.

Vom Winter 1939 bis zum Frühjahr 1945 wurde Elser als »Sonderhäftling des Führers« in Sachsenhausen und Dachau festgehalten. Er hatte dort eine Hobelbank, empfing Diät und Zigaretten und durfte das Lager-Bordell besuchen.

Eller, wie Elser nun genannt wurde, sollte womöglich noch eine Rolle spielen -- nach dem Endsieg als Kronzeuge in einem Schauprozeß gegen seine angeblichen Anstifter, die Engländer Stevens und Payne Best.

Als, am 5. April 1945, mit dem Endsieg nicht mehr zu rechnen war, erreichte den Dachauer KZ-Kommandanten Eduard Weiter per Schnellbrief der Befehl vom Reichsführer SS Heinrich Himmler: »Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München« sei »Eller« in absolut unauffälliger Weise zu liquidieren«.

Das geschah: durch Genickschuß im Dachauer Krematorium. Danach ließ sich SS-Oberscharführer Fritz Elsers Zither bringen und strich mit dem Daumen über die Saiten.

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