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HESSEN Fuß in der Tür

aus DER SPIEGEL 47/1966

Unter Luftschlangen, Überbleibseln eines Faschingsfestes vom Abend zuvor, sammelte sich eine halbe Hundertschaft Nationaldemokraten im Wiesbadener »Haus der Heimat«. An Resopaltischen tranken die Damen - streng gekleidet, kaum geschminkt - und Herren der deutschen Rechten Bier oder Wein aus dem Rheingau. Dann gab es Freisekt: Über den Bildschirm flimmerten die Ergebnisse der hessischen Landtagswahl.

300 Kilometer nordwärts, im hannoverschen Büro des NPD-Vize Adolf von Thadden, Steintorstraße 12, vollzog sich die gleiche Eskalation. Die Führer der Bewegung begannen mit Kaffee und Whisky und mündeten mit Sekt in ein - so Pressechef Richard - »munteres Besäufnis«, das der Verständigung zwischen Hessen und Niedersachsen bald hinderlich war. Thadden: »Je später es wurde, desto schwerer waren die Anrufer zu verstehen.«

Hessisches Gebabbel und norddeutsches Näseln vereinten sich zum Erntedank: An diesem Tage, dem 6. November, hatte jeder 13. Hessenwähler nationaldemokratisch gewählt. 224 534 von rund 3,5 Millionen Wahlberechtigten stimmten für die NPD, die sich zumindest akustisch auf NSDAP reimt.

Sie verhalfen der Partei zu einem Stimmanteil von 7,9 Prozent. Zum erstenmal stehen dem Parlament eines deutschen Bundesstaates damit Nationaldemokraten ins Haus - im ganzen acht. Drei davon waren NS-Parteigenossen. Die NPD habe, so fand jedenfalls Londons »Daily Mail«, »den Fuß fest in der Tür zur deutschen Politik«.

Der Ruck nach rechts war das Phänomen einer Wahl, die nach den Erwartungen der großen Parteien und nach den Voraussagen der Demoskopen ganz anders hätte ausgehen sollen:

- Die CDU, im Sog des Bonner Strudels, hatte mit beträchtlichen Einbußen gerechnet. Sie verlor nur 2,4 Prozent (Ergebnis: 26,4). Der Bonner CDU-Sprecher Arthur Rathke empfand das als geradezu tröstlich.

- Für die Freidemokraten erwiesen

sich Hoffnungen, ihr Austritt aus der Bonner Koalition werde sich an den

Wahlurnen auszahlen, als trügerisch. Sie verloren 1,1 Prozent (Ergebnis: 10,4). Landesgeschäftsführer Franz Bareiter ermunterte sich: »Die SPD war noch schockierter als wir.«

- Die Sozialdemokraten, unter deren Regiment Hessen in 16 Jahren zu einem Paradestaat gedieh, wähnten sich ihrer Verdienste im Lande und der Bonner Misere wegen eines mächtigen Stimmenanstiegs sicher. Sie behielten zwar die absolute Mehrheit, aber sie steigerten sich nur um 0,2 auf 51 Prozent.

- Die Gesamtdeutsche Partei/BHE, nur in Hessen noch in einer Landesregierung vertreten, scheiterte um 0,7 Punkte an der Fünf-Prozent-Hürde. Sie kam, obwohl jeder fünfte Hesse ein Vertriebener ist, nicht mehr ins Parlament. BHE-Landwirtschaftsminister Gustav Hacker verließ am Wahlabend weinend das Wiesbadener Innenministerium.

GDP/BHE-Fraktionschef Frank Seiboth: »Das einzige, was mich bekümmert, ist der Umstand, daß unsere Leute offenbar zur NPD gelaufen sind.« Aber das mußte nicht nur die Vertriebenen-Partei bekümmern. Die NPD fing Unzufriedene in den politischen Randzonen aller Parteien ein.

Besonders erfolgreich verlief die Offensive der hessischen NPD unter Führung des parteikundigen Heinrich Fassbender - er war mal in der FDP, mal in der DP - in den Regionen Nord- und Mittelhessens. Die Partei des 67 jährigen Händlers (siehe Interview Seite 47) erhielt in Alsfeld zwölf Prozent, im Kreis Waldeck 11,3 Prozent, im Kreis Büdingen 10,9 Prozent.

Aus diesen Landstrichen, bevölkert von Kleinbauern und Kleinbürgern, waren um die Jahrhundertwende sieben antisemitische Gefolgsleute eines »Boekkelschen Bauernvereins« in den Reichstag eingezogen. Und dort trieben braune Wähler bereits am 5. März 1933 die hessischen NSDAP-Gewinne weit über deutschen Durchschnitt auf 49,3 Prozent.

Die Neigung, radikal zu stimmen, wurde mancherorts durch Existenzängste geschürt: so im nordhessischen Bad Hersfeld (10,7 NPD-Prozente) mit einer kränkelnden Textilindustrie; so im Dillkreis (10,7), wo die Erzzechen geschlossen worden sind.

In den abgelegensten Flecken (Frankenhain: 322 Wähler, 70 NPD-Stimmen, Neunkirchen: 71 Wähler, 21 für die NPD) kamen die Nationaldemokraten

ebenso zu Achtungserfolgen wie in Universitätsstädten: In Gießen wählten 8,8 Prozent, in Darmstadt 10,4 und in Marburg 8,8 Prozent NPD. Nicht einmal die Landeshauptstadt Wiesbaden widerstand dem Sog von rechts: Die Nationaldemokraten erhielten in den drei Wahlkreisen durchschnittlich 9,8 Prozent.

Als nahezu immun hingegen erwiesen sich Hessens . Katholiken. In den Bischofsstädten Limburg und Fulda etwa fing die NPD nur 4,8 beziehungsweise drei Prozent. Und auch in den Arbeiterregionen kam die Rechtspartei nicht über ihren Landesdurchschnitt von 7,9 Prozent hinaus. Gleichwohl gab den Sozialdemokraten

schon die Tatsache Rätsel auf, woher die Nationaldemokraten im roten Offenbach - unter Genossen der »Wahlkreis Donnerkeil« - 5,9 Stimmprozent ergatterten.

Den Sozialdemokraten blieb nach alledem zwar die Gewißheit, mit der ausgebauten absoluten Mehrheit ein »stabiles Element« zu verkörpern - aber auch die Verwunderung darüber, wieso ausgerechnet im Modellstaat der Linken die Rechte zum Zuge kam.

Landesvater Georg-August Zinn, der am Wahlabend im Wiesbadener Innenministerium auf einem Sofa saß und, Zigarillos paffend, abwechselnd das Erste und Zweite Fernsehprogramm verfolgte, wollte es denn auch zunächst nicht glauben. Doch die Computer behielten recht.

Als die Sekretärinnen den Sekt servierten, hatte Sieger Zinn das Haus schon im Zorn verlassen.

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