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Fußball - Lieblingsspielzeug der Nation

aus DER SPIEGEL 21/1978

Spätestens am 1. Juni gibt es nur noch ein Thema Nummer eins, das Ehen durchkriseln, Stammtische beflügeln und Fernsehgeräte zur Dauerbeanspruchung bringen wird.

Mag die Welt noch so voller Filbingers stecken, mag es bei den Landtagswahlen um Freiheit oder Albrecht gehen -- im Juni wird Zorn, wird Angst, Hoffnung und Freude an Bonhofs Freistöße, an Sepp Maiers Paraden, an Berti Vogts' Grätschen und Abramcziks Flügelläufe geknüpft sein, so als hieße die grauenhafte Alternative Weltmeister oder Sozialismus.

Demütigung und Triumph haben sich in unser Nationalbewußtsein geritzt: 1954, als wir im Endspiel die Ungarn schlugen, 1958, als uns die Schweden in die Knochen fuhren, 1966, als uns ein sowjetischer Linienrichter um den Sieg gegen England brachte, 1970. als Italiener uns Uwe rüde stoppten. 1974, als wir in Hamburg über die DDR stolperten.

Leicht ist es, nachsichtig darüber zu lächeln. Die milden Scherze der Spielverderber und Spielverächter haben einen wahren Kern: Im Spiel- und Kampfsport steckt das Rudiment der Weigerung, erwachsen zu werden.

Die fußballkickenden Jungen auf den Hinterhöfen und Rasenfetzen stellen offensichtlich ein so stark besetztes Horden- und Rottenbildungsmoment dar, daß sich dieser Traum und dieses Trauma in der Erwachsenenwelt nur schwer verliert. Theweleit hätte hier für seine Männerphantasien ein weites Betätigungsfeld.

Man muß nur in Beckenbauers Autobiographie nachlesen, wie der junge Franz schaudernd erlebt, daß sich sein Bruder mit Mädchen einläßt, ein »Unkraut« im gleichen Beet, und man versteht, wie sehr Fußball sich zum männlichen Ersatzkrieg eignet.

Mädchenfußball, das ist in den Augen der Fans völlig anders als etwa Damenhockey oder Damenhandball, bestenfalls eine komische Varieténummer.

Warum der Frauenausschluß ausgerechnet beim Fußball? Wahrscheinlich lassen sich dafür zwei Motive habhaft machen, die beide den pubertären Zug des Fußballspiels belegen.

Einmal wird eine der ursprünglichsten Aggressionen das von den Eltern früh unter Strafe gestellte Hacken und Treten -- freigesetzt und zur Regel erhoben, die Tabuzone verschoben: Wenn sonst das Treten mit dem Fuß verboten ist, wird hier das Greifen mit den Händen ersatzweise bestraft. Das ins Spiel überführte Verbot, die Finger wegzulassen, drückt sich noch im anzüglich-drohenden Fußballerjargon aus, der einem nichtsnutzigen Dribbelkünstler befiehlt, das »Fummeln« zu lassen.

Zum andern hängt der Spielerfolg -- die Tore, die über Sieg und Niederlage entscheiden -- sehr hoch. Krasse Ergebnisse sind die Ausnahme und nähren wie der 12:0-Erfolg von Mönchengladbach über Borussia Dortmund den Manipulationsverdacht. Oder werden, fast schlimmer noch, als »Handballergehnisse« geächtet.

Das Tor ist -- durch einen Strafraum -- tabuisiert, wird verbissen verteidigt wie ein Nibelungenhort und wird, wie im Märchen die Prinzessin, von einem Hüter bewacht, der, weil er mit den Händen zulangen darf, übermitspielerische Kräfte besitzt. So wie Märchen von verzauberten Jungfrauen die Schwelle der Jungfräulichkeit mythologisieren und verschleiern, okkupiert das Fußballspiel die gleiche pubertäre Vorstellungswelt. Man muß nur in ein Stadion hineinhorchen, wenn Zuschauer ein Tor beim heimischen Verein bestöhnen, als ginge es um die eigene Tochter.

Den Zusammenhang zwischen Fußball und Sexualität, das kurzzeitige und repertierbare Zurückfallen in Knabenwelten belegen viele matte Familienscherze. Samstag gehört Vati der Bundesliga.

Erst die Verbindung Fußball/ Fernsehen hat dem Fußballsport jenen Brot- und-Spiele-Charakter eingetragen, der Kulturpessimisten auf den Spuren Oswald Spenglers das Menetekel des Abendland-Untergangs auf Anzeigetafeln der großen Fußballstadien erkennen läßt.

Fußballübertragungen -- von der Sportschau, die den allwöchentlichen Gigantenspielen der Bundesliga die Tore in Blende und Rückblende abzwingt, über die Fernseh-Hits der Furopapokalspiele bis zu den Weltmeisterschaften -- haben den Zuschauer erfolgreicher an den psychedelischen Dauernuckel genommen als noch so erfolgreiche Verschnittserien von Sheriffs, Detektiven und väterlichen Ranchern. Fast eine halbe Milliarde (soviel Menschen, wie die »Erde um 1600 bevölkerten) wird im Juni nach Argentinien starren -- zum wieder mal größten Showbiz aller Zeiten.

Der Fußball mit seiner abwechslungsreichen Choreographie aus Einzel-Aktion und Gruppendynamik scheint wie fürs Fernsehen geschaffen.

Er ist das einzige Theater ohne festgelegten Ausgang, kennt fremde Schurken und eigene Helden, Sieger und Versager, Schuld und Sühne, die allsobald von einer modernen Sparausgabe der Nemesis, einem meist gesetzten Herrn in schwarzem Jersey und schwarzen kurzen Hosen, vollstreckt wird.

Uns Deutschen, die wir uns südländisches Temperament nur angeschaudert lächelnd als Auswuchs vorstellen können, erscheint dieser Mann mit der Pfeife, zumindest solange es für uns gutgeht, wie eine Inkarnation des schulmeisterlichen Ordnungsprinzips: streng, gerecht und kleinlich.

Daß der Fußball eine Ordnungsgesellschaft ist, in der es nicht allein genügt, gut Fußball zu spielen -- dieses Ideal lebt der Deutsche Fußball-Bund, und geht dabei notfalls über die eigene Leiche. Man braucht auch in Betragen mindestens die Note gut, um die Ehre der Nation mit Füßen verteidigen zu dürfen. Man darf nicht Breitner, Stielike oder Nigbur heißen.

Hier reibt sich alte Sportlehrer- und Vereins-Ideologie, die aus proletarischen Halbstarken disziplinierte Fußball-Rekruten formte, mit einem Spiel, das die Anforderungen und Belohnungen der Leistungsgesellschaft am unverhülltesten widerspiegelt.

Einmaliges Versagen wird sofort geahndet; ein Torwart, der im falschen Moment zu weit hinausläuft oder zu schwach abwehrt, ist für Monate, wenn nicht für immer weg vom Fenster -- wie es die neuhochdeutsche Redensart so treffend umschreibt. Kafka, selbst hegeisterter Fußballfreund, sagte das so: Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt, es ist nie wiedergutzumachen.

Die Nachtglocke kann, so hat der DFB entschieden, auch ein angenommenes Auslandsangebot sein. Für deutsche Nationalspieler gilt, was andere Ländermannschaften wie Schweden oder Österreich dezimieren würde, bleibe im Lande und nähre dich redlich.

Das magische Jahr, in dem diese deutsche Fußballnation geboren wurde, war das Jahr 1954. Damals, als das deutsche Nationalbewußtsein offiziell noch Funkstille hatte, durfte man sich zum ersten Mal wieder lauthals über einen deutschen »Sieg« freuen.

Die Siegestöne glichen den zehn Jahre entbehrten Siegesfanfaren der großdeutschen Sondermeldungen. Noch dazu, da der Sieg nicht von Mammon heischenden Profis, sondern von aufopferungswilligen Amateuren auf diesem neuen Feld der Ehre errungen worden war.

Der Fußballrasen entpuppte sich als ideales Vertagungsfeld nationaler Leidenschaften. Hier war das Jubeln, Fahnenschwenken, Sprechchorschreien nie in Gefahr, dem alten deutschen Adam angelastet zu werden. Denn, erstens, schreien die andern genauso. Und, zweitens, geht es doch um eine harmlose und folgenlose Sache, nach zwei mal fünfundvierzig Minuten erledigt, deren stolzes fortwährendes Wiederkäuen schließlich niemanden bedroht.

Die deutsch-deutsche Geschichte schrieb ein nächstes Fußball-Kapitel. Denn die DDR, die psychisch schwer unter ihren Anführungszeichen litt, entdeckte im Sport ein noch größeres Verdrängungsfeld. Siebzehn Millionen preßten aus sich ein so erfolgreiches Heer von Olympioniken, daß der spürbare wirtschaftliche Vorsprung der sogenannten BRD zu Assoziationen vom unsportlich verweichlichten Speckbauch führte. So war es, lange bevor es die GSG 9 gab, der Nationalmannschaft vorbehalten, die neue Energieformel zu entwickeln: Kapitalismus plus Willen gleich (Fußball-) Sieg. Brachte es der sozialistische Mensch deutscher Prägung schneller, höher und weiter, so schoß sein in Freiheit lebender Bruder dafür mehr Tore.

Die Münchner Bayern, der international erfolgreichste deutsche Fußballverein, der mit Beckenbauer das deutsche Nachkriegsidol schlechthin produziert bat, machte der DDR, bewußt oder unbewußt, zweimal neureich deutlich, was es denn mit Fußball hüben und drüben auf sich habe.

Einmal, vor dem Pokalspiel gegen Dresden, übernachtete man nicht in einem VEB-Hotel, sondern, unter Hinweis auf den Höhenunterschied zwischen München und Dresden (welch zarte Anspielung), diesseits der Grenze. Zum zweiten Mal ließ man im roten Magdeburg brüsk das kalte Buffet der ostdeutschen Funktionäre verwelken. Man hatte sich die eigene Luxus-Verpflegung mitgebracht.

Von den zur WM '78 nicht qualifizierten und ausgeschiedenen Fußballbrüdern droht uns diesmal kein Ungemach. Die Schreckensvokabel »Sparwasser« (Star der DDR-Mannschaft) bleibt den westdeutschen Fans erspart.

Und wenn doch ein anderer gewinnt, was dann? Wie bewältigt man dann die Vergangenheit? So wie »FAZ«-Korrespondent Bohrer nach dem Sieg Liverpools über Mönchengladbach im Europapokal? Geht es, so fragte Bohrer bang, den Deutschen vielleicht doch zu gut? Gewann da, mit Liverpool, nicht ein neuer alter proletarischer Fußball, den Bohrer aus der Asche der englischen Wirtschaftskrise steigen sah? Sollten wir in Argentinien verlieren, so steht zu befürchten, daß uns manche Bohrer empfehlen werden, den Gürtel wieder enger zu schnallen (proletarischer?), damit das Lieblingsspielzeug wieder funktioniert. Da sei Berti Vogts vor!

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