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Futter für Geier und Raben

Augenzeuge Terzani bei einem »Himmelsbegräbnis« in Tibet
Von Tiziano Terzani
aus DER SPIEGEL 46/1980

Immer wieder hatten Asienkenner behauptet, daß es in Tibet noch die »Himmelsbeerdigung« gebe. In alten Büchern stand geschrieben wo: hinter den Hügeln östlich des Sera-Klosters.

Das letzte Stück Weges waren die Aasgeier meine Führer. Ich sah sie wartend auf der Spitze eines hohen Felsens hocken. Dann verschwanden sie hinter einem Hügel und kehrten wieder zurück, Beute zwischen den Klauen.

Ich kletterte den Berg hoch, bis auf den Geier-Felsen. Unten, im nächsten großen Tal neben einem silbernen Flußlauf, war das Ritual zu sehen, das die Tibeter seit Jahrhunderten kennen.

Denn in einem Land, in dem die Erde zu hart ist, als daß man Gräber ausheben könnte, und in dem es fast kein Feuerholz gibt, um Tote einzuäschern, wurde die »Himmelsbeerdigung« durch die Natur erzwungen.

Unter geschah es nun: Angehörige brachten ihre Toten zu einem riesigen flachen Stein. Sie entkleideten die leblosen Körper und legten sie, mit dem Gesicht nach unten, auf den Fels. Dann wurde der Schädel gespalten, damit die Seele ihren Weg in ein neues Leben finden kann.

Anschließend öffneten die Bestatter die Brust der Toten und gaben Herz und Leber dem größten Geier.

Danach schnitten sie weitere Stücke aus dem Körper, und nun bekamen auch die Raben was ab. Schließlich nahm ein Mann die Knochen, die übriggeblieben waren, und zerkleinerte sie mit dem Hammer zu Vogelfutter.

Am Ende blieben drei erschöpfte Männer zurück, die sich auf dem Stein von ihrer Arbeit ausruhten. Eine alte Frau brachte ihnen ein Getränk.

Der Fluß glitzerte im Tal. In der Ferne schwebte der Festungstempel Potala mit seinen Hunderten von Fenstern im Dunst. Am Himmel nur das Krächzen der Raben und das Flügelrauschen der Geier.

»Was für ein Unterschied soll da sein?« fragt ein Tibeter an diesem Abend. »Ihr laßt eure Toten von den Würmern fressen, wir von den Vögeln.«

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