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FLAGGEN G statt Herzogskrone

aus DER SPIEGEL 40/1953

Das Amtsgericht Flensburg hatte entscheiden sollen, ob der Schiffsreeder Gotthard Schwarzlose in Glücksburg (Ostsee) am Tage nach dem Wahlsieg Konrad Adenauers ein Recht dazu hatte, seiner Freude über diesen Lauf der Dinge durch das Hissen dreier Flaggen vor seiner Wohnung Ausdruck zu geben.

Besonderer Umstände wegen wird es nun zu einem solchen Urteil nicht mehr kommen, so daß die delikate Frage wird ungeklärt bleiben müssen.

Gotthard Schwarzlose hatte sich vor Kriegsende in Stettin vom Fahrensmann zum wohlhabenden Reeder emporgeschuftet, wurde dann nach Glücksburg bei Flensburg verschlagen und hier in das Haus des Kaufmannes Hans Hansen-Schmidt, des »Muster-Schmidt« - wie er firmiert - aus Göttingen, eingewiesen.

Drei Reederei-Unternehmen baute Gotthard Schwarzlose wieder neu auf, eines davon zusammen mit dem in Glücksburg residierenden Prinzen von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg.

Für diese Glücksburger Reederei (Glücksburg liegt hart an der dänischen Grenze) wählte der Prinz Holstein als Reedereiflagge die im Freiheitskampf der Schleswig-Holsteiner gegen Dänemark 1848 von den siegreichen Kriegsschiffen Schleswig-Holsteins geführte Kriegsflagge. Nur die Herzogskrone

wurde durch den Buchstaben G (Glücksburg) ersetzt.

Die übrigen beiden Schwarzlose-Reedereien behielten ihre alte Stettiner Flagge: Schwarz-Weiß-Rot mit »Sch & S« im weißen Mittelstreifen.

Als nun am Montag nach der Bundestagswahl der CDU-Sieg bekanntgeworden war, besorgte sich Reeder Schwarzlose drei Flaggenmasten und gab seinem Faktotum Tiebow den Auftrag, sie vor der Tür des Hauses, das Muster-Schmidt gehört und in dem der Reeder wohnt, aufzustellen. Drei Tage lang sollten von morgens 8 Uhr bis Sonnenuntergang an diesen Masten, einmal wegen des Wahlsieges und dann auch noch wegen der Wiederkehr des Tages der Bundesgründung, gehißt werden:

* in der Mitte die Bundesflagge Schwarz-Rot-Gold,

* links die schwarz-weiß-rote Reederei-Flagge,

* rechts die zur Reederei-Flagge abgewandelte Kriegsflagge der schleswigholsteinischen Anti-Dänen-Erhebung.

Prinz Holstein: »Ich hatte mir erst überlegt, ob wir die Flaggen nicht auf Schloß Glücksburg setzen sollten.« Mit der Bundestagswahl haben sich nämlich im deutschdänischen Grenzraum 30 000 Neu-Dänen wieder darauf besonnen, daß sie eigentlich doch Deutsche sind. Für die dänische Minderheitenpartei, den »Südschleswigschen Wählerverband« (SSW), war dieser Wahlgang eine eklatante Niederlage.

Der SSW, der 1949 noch mit 75 387 Stimmen einen Sitz im Bundestag erhielt, sackte 1953 auf 44 379 Erst- und 44 585 Zweit-Stimmen ab, die für ein Mandat

nicht mehr ausreichten, obgleich die Fünf-Prozent-Klausel des Wahlgesetzes für den SSW ausdrücklich nicht galt.

Hausbesitzer Hansen-Schmidt war nun aber zufällig von Göttingen auf Urlaub nach Glücksburg gekommen. Er schritt angesichts dieser Flaggerei mit Bitter-Miene durch das Tor seines Hauses, in dem der Reeder domiziliert. Das Haus hat Hansen-Schmidt nach seltener Art rotweiß in den Farben des Danebrog streichen lassen, und an dem Torpfeiler steht als Hausname in Stein gemeißelt »Christians-Hus«.

Noch am gleichen Tage rief bei Reeder Schwarzloses Anwalt, dem Dr. Ludwig Gerber, der Anwalt Dr. Leon Jensen im Auftrage des Hansen-Schmidt an: Anwalt Gerber möge Reeder Schwarzlose veranlassen, die leicht eingegrabenen und am Zaun mit Band festgebundenen Flaggenmasten sofort zu entfernen.

»Das sagen Sie ihm man selbst«, entgegnete Anwalt Gerber und fügte hinzu, Reeder Schwarzlose werde überhaupt nicht daran denken, die Masten wieder umzulegen.

Dr. Leon Jensen beantragte beim Amtsgericht Flensburg den Erlaß einer Einstweiligen Verfügung gegen Gotthard Schwarzlose, vor dessen Wohnung die drei deutschen Sieges-Farben weiterwehten.

Leon Jensens Antrag: »Hierdurch bitte ich, wegen der Dringlichkeit ohne Anberaumung einer mündlichen Verhandlung um Erlaß der nachfolgenden Einstweiligen Verfügung:

'Dem Antragsgegner wird bei Vermeidung einer vom Gericht festzusetzenden Geld- oder Haftstrafe für den Fall der Nichtbefolgung dieser Anordnung aufgegeben, die auf dem Grundstück des Antragsstellers an dessen Zaun errichteten Flaggenmasten sofort zu entfernen'.«

Begründung: »Der Antragsgegner hat ... verbotene Eigenmacht begangen ... Die Flaggenmasten stehen noch jetzt, und der Antragsgegner benutzt sie zum Flaggen.«

Meinte der Schwarzlose-Teilhaber Prinz Holstein: »Wie kann es überhaupt möglich sein, daß gegen die offizielle Anordnung einer allgemeinen Beflaggung durch ... rechtliche Zwangsmaßnahmen vorgegangen wird ... Im Grenzgebiet hat dieser Vorfall nicht nur Erstaunen, sondern auch Empörung hervorgerufen.«

Das Gericht in Flensburg hat inzwischen gesagt, daß der Reeder Gotthard Schwarzlose durchaus das Recht gehabt habe, Fahnenmasten auf dem von ihm ermieteten Grundstück aufzustellen, zumal dies ja auch nur für drei Tage geplant gewesen sei. Nicht nur Prinz Holstein hat herausgespürt, daß es hier offenbar weniger um die Masten als um die Beflaggung ging.

Antragsteller Hans Hansen-Schmidt muß die Kosten des Verfahrens tragen.

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