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BÜRGERRECHTLER Gärtnerin am Hang

Die Symbolfigur der DDR-Revolution hat genug von deutscher Politik. Bärbel Bohley beginnt in Kroatien ein neues Leben.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Die Luft über den dalmatinischen Bergen Kroatiens ist warm und dunstig, der Blick von der Terrasse der »Villa Bärbel« reicht weit übers Meer zu den Buchten der Insel Brac: Bärbel Bohley, 56, die ostdeutsche Bürgerrechtlerin, hat ihren neuen Lebensplatz sorgfältig gewählt.

Unten am Fuß ihres Hauses in dem kleinen Dorf Celina nahe der Hafenstadt Split verblasst auf einem Partisanendenkmal ein roter Stern; vom Eiland gegenüber wurde, ebenfalls geschichtsträchtig, für den Bau des Reichstags und des Weißen Hauses Marmor abgetragen und verschifft.

Unweit der Villa Bärbel besitzt eine Familie aus Kassel ein Haus, eine deutsche Freundin will noch nachziehen. Bohley schwebt eine Deutschen-Kolonie vor, fern der deutschen »Fun-Gesellschaft«.

Eine Rückkehr nach Berlin stand für die Symbolfigur der DDR-Revolution nach ihrem mehrjährigen Engagement in Bosnien gar nicht erst zur Diskussion. »Die deutsche Saturiertheit geht mir auf die Nerven«, sagt Bohley, während sie einen duftenden Eintopf aus selbst gezogenen Auberginen, Tomaten und Paprika auf den Küchentisch setzt.

Deutschland befinde sich in einer »geistigen Krise«, die nur verdeckt werde durch das »materielle Streben«, stellte sie bei

Stippvisiten in der Heimat fest. Ob der arme Punk, der an der U-Bahn mit seinem Hund um eine Mark bettele, oder der reiche Unternehmer, der herummosere, dass er zu viele Steuern zahle - die Deutschen seien »ein Volk von Jammerern«.

Deutsche Politik findet die Wortführerin des Wendeherbstes 1989 heute »langweilig«. Kanzler Schröder erinnere sie inzwischen an Erich Honecker: »Er geht durchs Land und verkündet.« Ob Greencard oder die Holzmann-Rettung - die eigentlich wichtigen politischen Debatten, wie eine über Einwanderung oder die Zukunft der produzierenden Industrie, fänden nicht statt: »Ich frage mich, um was geht es eigentlich, drei Prozent Wirtschaftswachstum rauf oder runter, was soll das?«

Die Konsequenz der ehemaligen Dissidentin: der Rückzug ins Private. Bärbel Bohley begann ein völlig neues Leben. Sie heiratete wieder und heißt nun Bohley-Lukic. Ihren Mann Dragan, 54, ein Bauunternehmer und früherer Abfahrtsskiläufer der jugoslawischen Nationalmannschaft aus Sarajevo, lernte sie in Bosnien kennen. Es war Liebe »auf den ersten Blick«, erzählt er gern. Sie sei ihm auf der Straße in Sarajevo entgegengekommen, und er habe gewusst: »Das ist sie.« Bohley lächelt dann viel sagend und schweigt; öffentlich romantische Gefühle zu zeigen ist nicht ihre Sache.

Gut drei Jahre lang hatte die Ost-Berlinerin im Auftrag der Europäischen Union Dächer für die im Krieg zerstörten bosnischen Häuser bauen lassen - ein Knochenjob, der die zierliche Frau fast an ihre physischen Grenzen führte. Gleichzeitig verdiente sie so viel wie nie zuvor. Von dem Geld baute sie sich zusammen mit Ehemann Dragan das Haus in Kroatien. Es wurde ein Terrassenlabyrinth mit drei kleinen Wohnetagen, einem Freiluft- und einem Mansardenatelier - falls die gelernte Kunstmalerin Bohley nach längerer Schaffenspause mal wieder arbeiten will.

Die Bewohner von Celina, allesamt Kroaten, haben sie trotz der Ehe mit einem Bosnier rasch akzeptiert. Vor wenigen Monaten wurde sie sogar zur Bürgermeisterin gewählt, obgleich sie die Landessprache nur mangelhaft beherrscht. Seit Bohley im Herbst 1999 nach Celina kam, organisierte sie in dem armen Weiler immerhin schon die Modernisierung der Straßenbeleuchtung. Als Nächstes will sie die Bürger des Ortes an einem großen Tisch versammeln - der letzte Weltkrieg hatte die beiden Familienclans von Celina in Ustascha- und Tschetnik-Anhänger entzweit.

Nach den aufreibenden Jahren in Sarajevo wollte Bohley nicht länger im unwirtlichen Bosnien bleiben: »Ich habe kein Helfersyndrom.« In Deutschland, fürchtete sie, wäre sie auf Jahre die »Sozialtante« geblieben. Bis heute schreiben ihr Opfer des SED-Regimes, die keine Genugtuung erfahren haben, und ehemalige DDR-Bürger, die sich in der neuen Republik nicht zurechtfinden, und bitten sie um Hilfe.

Doch selbst wenn sich die ehemalige Bürgerrechtlerin noch aufrichtig über den Einzelfall erregen kann - wie bei dem Bautzen-Insassen, der sich mit seiner Haftentschädigung ein Auto kaufte und deshalb seine Berechtigung auf Sozialhilfe verlor -, erscheinen ihr die Nöte und Leiden vieler Deutscher nach den Erfahrungen in Bosnien inzwischen deutlich relativiert.

Ihr Umzug nach Kroatien ist jedoch allem voran eine private Entscheidung. Das Ehepaar Bohley-Lukic mochte sich gegenseitig nicht zumuten, im jeweiligen Land des anderen als Ausländer zu gelten. Der Plan war, noch mal von vorn anzufangen, fern von Erwartungen und Vorurteilen.

Bohley wollte auch persönlich etwas Neues wagen: Als Mutter eines heute 30jährigen Sohnes hatte sie während ihrer siebenjährigen Ehe mit einem Maler aus Halle nie mit ihrem Mann zusammengelebt. »Und jetzt klappt das überraschend gut«, sagt sie und berichtet, wie sie erstmals im Leben so etwas wie ein Hausfrauendasein führt: Gärtnern am Hang, Hausarbeiten und Spaziergänge mit dem jungen Labrador-Hund Celo.

Das Ehepaar hat häufig Besuch aus Deutschland oder Bosnien. Sonst vergehen die Tage hier in Celina eher ereignislos. Gemeinsames Teetrinken morgens um 7 Uhr, Mittagessen um 13 Uhr, abends sehen sie die Nachrichten, jeder seine - Lukic bosnisches Fernsehen, Bohley die Tagesschau. Die Verständigung untereinander scheint auch ohne viele Worte zu funktionieren - Dragan versteht sich auf das Deutsche etwa ebenso gut wie Bohley auf das Serbokroatische.

Vorläufig scheint Bohley angekommen. Warum nicht den Rest des Lebens hier verbringen? »Ich konnte schon immer gut nichts tun und einfach nur vor mich hingucken«, sagt Bohley.

Weder die Distanz von tausend Kilometern noch die wiedergefundene Gelassenheit haben ihr jedoch die Lust genommen, die gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland auf die ihr eigene Weise kühl zu sezieren. Immer noch pflegt sie jenes ultimative Urteil, das viele nervt und von Betroffenen oft nicht leicht auszuhalten ist.

Langjährigen Weggefährten wie den Unions-Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld, 48, und Arnold Vaatz, 45, kreidet Bohley an, die CDU, unter deren Mechanismen und Zwängen sie offensichtlich litten, nicht längst wieder verlassen zu haben - aus »Angst vor dem Bedeutungsverlust«. Schon die SED-Genossen, sagt Bohley, habe sie damals nicht dafür kritisiert, dass sie »reinen Herzens« Mitglieder der Partei wurden, sondern dafür, dass sie, als sie mit deren Praxis nicht mehr einverstanden waren, »nicht mehr hinausgegangen« seien.

Bei der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel frage sie sich, welche Grundmentalität jemand mitbringe, der »zehn Jahre hin-

ter Helmut Kohl herlaufe«, und welcher »Ehrgeiz« sie treibe, »dieses Leiden«, das mit dem Amt verbunden sei, »auf sich zu nehmen«.

Schlimmer als bei den Christdemokraten sei es jedoch bei den Grünen, wo es quasi zum Parteiprogramm gehöre, den Mitgliedern Meinungsfreiheit vorzuspiegeln: »Es ist wahrscheinlich leichter, bei der CDU als Christ authentisch zu bleiben denn als Idealist bei den Grünen.«

Schließlich wirft die Balkan-Erfahrene dem diplomatischen Personal der Bundesrepublik in Bosnien vor, eher an seinen Karrieren als an seinen Aufgaben interessiert zu sein. Wie der heutige Kanzler-Berater in außenpolitischen Fragen und frühere Stellvertreter des EU-Chefkoordinators in Bosnien, Michael Steiner, der sich 1997 laut Bohley habe ablösen lassen, weil er nicht zum Nachfolger von Carl Bildt berufen wurde, sähen viele Ex-Jugoslawien offenbar als »Arbeitsbeschaffungsprogramm für Karrieristen«.

Dass ihre Ansichten selten mehrheitsfähig sind, stört die Radikaldemokratin, die aus Gewohnheit keine Artikel über sich liest ("Das würde ich gar nicht aushalten"), kein bisschen. So glaubt sie fest daran, dass Volksentscheide »eine heilsame Debatte anstoßen« - selbst wenn am Ende die Einführung der Todesstrafe oder ein Ausländerstopp stünde. Oder dass die konsequente Jagd auf Kriegsverbrecher wichtig sei, »um Millionen Menschen zu zeigen, dass Gerechtigkeit etwas bedeutet«. Da müsse sogar in Kauf genommen werden, dass ein Zugriff womöglich »das Leben von 30 Spezialkräften kostet«.

Dann schenkt sie den kroatischen Rotwein in allen Gläsern nach, widmet sich den Nudeln mit Basilikum aus ihrem Garten und sagt, wie beiläufig, dass sie angesichts des »geistigen Stillstands« in Deutschland im Moment nichts erkennen könne, wofür sich ihr Einsatz lohne.

Lieber geht sie noch ein wenig hinaus in die sternenklare Nacht, um mit Dragan und Celo eine Runde zu drehen.

SUSANNE KOELBL

* Bei einer Großdemonstration für freie Wahlen in der DDR imNovember 1989 in Berlin.* In einem Restaurant in Celina.

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