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TV-PRODUKTIONEN Galaktisches Abenteuer

»Ice Planet« heißt die erste deutsche Science-Fiction-Serie nach dem Sechziger-Jahre-Klassiker »Raumpatrouille Orion«. Dem ehrgeizigen Projekt fehlen bislang noch die Abnehmer.
Von Oliver Gehrs
aus DER SPIEGEL 44/2000

Es war, als säßen plötzlich zwei Außerirdische im Büro. Ungläubig lauschten die Studiobosse in Hollywood den beiden Medienunternehmern aus Bayern, die ihnen im Herbst 1997 von einer deutschen Zukunftsserie vorschwärmten - so einer Art »Krieg der Sterne«, nur eben made in Germany.

Auf dem unwirtlichen »Ice Planet«, so erzählten Hendrik Hey und Michael Conford von der TV-Firma H5B5, solle sich eine Truppe junger Wissenschaftler dem Angriff schauriger Aliens erwehren und ganz nebenbei das Rätsel der Menschheit knacken. Mit Englisch sprechenden Schauspielern in Deutschland gedreht, verspreche die vielteilige Science-Fiction-Reihe in der ganzen Welt reißenden Absatz - ganz zu schweigen von all den Spielzeugmonstern, die die Kinderzimmer erobern sollen.

Ein kühnes Projekt, das die Amerikaner auch deshalb in Staunen versetzte, weil sie sich bisher als Monopolisten in Sachen Raumschiff-Epos wähnten - schließlich haben sie »Enterprise« ("Star Trek") und »Voyager« zur globalen Erstürmung der Fernsehmärkte entsandt. »Die haben ganz schön gestaunt«, erinnert sich Hey.

Mehr aber auch nicht. Einsteigen wollte keines der Studios - einerseits, weil 30 Millionen Dollar für einen anderthalbstündigen Pilotfilm und 22 Folgen selbst für Hollywood keine Kleinigkeit sind, andererseits weil das börsennotierte Unternehmen H5B5 nicht mal hier zu Lande mit Spielfilmproduktionen von sich reden gemacht hat. Eher schon mit aufwendigen Wissenschaftssendungen wie dem ProSieben-Magazin »Welt der Wunder«, das den Zuschauer mittels Animation erklärt, wie Windhosen und Regenbogen funktionieren.

Ermutigt durch den quotenträchtigen Umgang mit Special Effects will H5B5 nun in eine andere Dimension vorstoßen und mit »Ice Planet« erstmals seit der legendären »Raumpatrouille Orion« eine deutsche Science-Fiction-Serie produzieren. Die Reihe aus den sechziger Jahren mit Dietmar Schönherr als Commander McLane genießt bis heute Kultstatus - weniger auf Grund spannender Drehbücher oder knalliger Effekte, sondern weil auf der mit Alufolie ausgeschlagenen Kommandobrücke auch schon mal ein Bleistiftanspitzer als Steuerelement diente und ein Rowenta-Bügeleisen als Hauptschalter im Maschinenraum.

Das Bügeleisen soll auch in »Ice Planet« auftauchen, allerdings nur als filmhistorisches Zitat für Kenner. Ansonsten vertraut man auf die neueste Computertechnik, um Raumgleiter durch die Weiten des Alls zu schicken und die Darsteller lebensecht zu vereisen.

»Wir wollen zeigen, dass Deutschland in puncto Technik zur Weltspitze gehört«, sagt Hey, dem die Idee zu seiner Zukunftsserie auf einem Flug von München nach Düsseldorf gekommen ist. »Das ist das, wovon ich schon als Kind geträumt habe.«

Dass H5B5 sein ehrgeiziges Projekt nun ohne Partner realisiert, dürfte freilich nicht nur dem Spieltrieb des Chefs geschuldet sein, sondern auch dem Umstand, dass man gegenüber den Anlegern bereits zu lange damit geworben hat, sich durch »Ice Planet« zum »europäischen Marktführer im Segment Science-Fiction« aufzuschwingen. »Es wäre ein schlechtes Zeichen«, so räumt Hey ein, »wenn wir es jetzt nicht machen.«

Und so steht er nun seit Drehbeginn Ende September inmitten der 5000 Quadratmeter großen Kulisse - wie ein Junge, der sich eine viel zu große Modelleisenbahn gegönnt hat. Im futuristischen Labyrinth aus Vollplastik blinken Monitore, an denen Schauspieler hantieren, die vorwiegend aus den Vereinigten Staaten kommen - wie der Regisseur Rick Kolbe, der bereits an einigen Folgen des US-Vorbilds »Star Trek« beteiligt war. Für die Special Effects hat H5B5 immerhin einige ehemalige Mitarbeiter des »Krieg der Sterne«-Regisseurs George Lucas gewinnen können.

Der eigentliche »Ice Planet« ist eine bizarre Winterlandschaft aus verschmolzenem Plexiglas, durch die Hey gern seine Besucher führt, um ihnen vom »kosmischen Chauvinismus« zu berichten und den Möglichkeiten, durch den Vorstoß in ein neues Universum die Naturgesetze aufheben zu können.

Bislang mag ihm bei solchen Ausflügen in den kognitiven Mikrokosmos niemand so recht folgen. Zwar bekundete ProSieben schon frühzeitig Interesse an der Weltraum-Saga und steckte mehrere hunderttausend Mark in die Entwicklung - festlegen wollten sich die Programmmacher aus Unterföhring dennoch nicht. »Wir können erst entscheiden, wenn wir den Pilotfilm sehen und ein großes Network in den USA mitzieht«, sagt der Fernsehchef der ProSiebenSat.1 Media AG, Ludwig Bauer. »Ansonsten ist das finanzielle Risiko zu groß.«

»ProSieben hat uns von Anfang an ideell unterstützt«, tröstet sich Hey und verweist auf das Schicksal des »Akte X«-Erfinders Chris Carter, der bei den Sendern lange abgewiesen wurde - und dessen Mystery-Serie schließlich doch ein Welterfolg geworden ist.

Laut Firmenprospekt verspricht »Ice Planet« ein »galaktisches Abenteuer« zu werden - das gilt freilich auch finanziell. Allein die Kulisse schlägt mit sechs Millionen Mark zu Buche - der ganze Pilotfilm wird rund 18 Millionen Mark verschlingen, was nach derzeitiger Planung zum größten Teil aus den Geldern des Börsengangs bestritten wird.

Zur Refinanzierung des Projekts setzt man von vornherein auf eine lückenlose Vermarktung. Jede Kulisse wird auf ihre Videospieltauglichkeit geprüft, jede Laserpistole möglichst kindgerecht gestaltet. »Objekte, die mich nicht als Achtjährigen begeistert hätten, wird es nicht geben«, sagt Hey.

Im Januar soll der anderthalbstündige Pilotfilm fertig sein, dann wollen die Münchner Sci-Fi-Fans erneut in die USA fliegen, um finanzkräftige Abnehmer für ihr Produkt zu finden.

Die irdischen Anleger haben sie mit ihrem Trip in ferne Galaxien bislang kaum beeindrucken können. In den letzten acht Monaten rauschte der Kurs der H5B5-Aktie von einem Höchststand von 90 Euro hinab auf zuletzt 16 Euro. »Hoffentlich«, sagt ein H5B5-Mitarbeiter mit Sinn für extraterrestrische Phänomene, »wird aus dem ,Ice Planet' kein Schwarzes Loch.« OLIVER GEHRS

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