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USA / JOHNSON Galle geheim

aus DER SPIEGEL 46/1965

Lyndon B. Johnson, Amerikas ranghöchster Rekonvaleszent, brauchte Ruhe. Der Präsident sagte nach seiner Gallenblasen-Operation zu Reportern: »Wenn Sie sich mit Vietnam, Panama- und all den anderen Problemen herumschlagen und obendrein noch unters Messer müßten, dann würden auch Sie schwach werden.«

Noch nie zuvor hatte - wie erst jetzt bekannt wurde - ein US-Präsident sich und sein Volk so gründlich und gekonnt auf den Messerschnitt vorbereitet.

Als ihm nach einer Kolik Anfang September seine Leibärzte zur Operation rieten, schickte Johnson seinen Pressesekretär und Intimus Bill Moyers in die Kongreß-Bibliothek. Moyers sollte insgeheim erkunden, wie sich andere US -Präsidenten im Krankheitsfall verhalten hatten.

Moyers fand wenig. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurden schwere Erkrankungen geheimgehalten. Erst Dwight D. Eisenhower machte Schluß mit der Geheimniskrämerei. Über Herzattacke (1955), Darmerkrankung (1956) und leichten Schlaganfall (1957) ließ er die Öffentlichkeit klinisch exakt und mit Hilfe von Zeichnungen unterrichten.

Vom Ex-Patienten Eisenhower wollte Patient Johnson lernen. Drei Tage vor dem Einschnitt flog Ike in geheimer Mission nach Washington. Nach diesem Gespräch entschied sich Johnson endgültig: Die Amerikaner sollten total informiert werden.

1955 hatte die Hiobsbotschaft von Ikes Herzanfall einen Börsen-Kurssturz von durchschnittlich 31 Punkten und einen Aktien-Wertverlust in Höhe von 14 Milliarden Dollar verursacht. Johnson kündigte den bevorstehenden Messerschnitt auf Ikes Rat zehn Minuten nach Börsenschluß an. Die kluge Zeitwahl verhinderte eine Panik. Die Kurse fielen nur um 1,3 Punkte.

Um das Volk durch Informationen zu beruhigen, ließ Patient Johnson zwei Tage nach der Operation die entfernte, steinreiche Gallenblase (der kapitalste Gallenstein hatte 1,2 Zentimeter Durchmesser) für die Presse auf eine Lichtbild-Leinwand projizieren.

Danach zog er sich vor versammelten Journalisten das Hemd hoch, damit Reporter-, Kamera- und Fernsehaugen einen Blick auf die frische, 30 Zentimeter lange Operationsnarbe tun konnten. Und der zweijährigen Tochter Lynda seines Mitarbeiters Jack Valenti zeigte er - zum Dank für einen Gute -Besserungs-Kuß - den aus der Wunde heraushängenden Entlüftungsschlauch.

In einem Leserbrief an die »New York Herald Tribune« entsetzte sich eine Amerikanerin über die Narbenschau. »Hoffen wir, daß LBJ nie Hämorrhoiden bekommt.«

Johnson-Narbe

Zehn Minuten noch Börsenschluß ...

... die Operation angekündigt: Lichtbild-Projektion der Johnson-Gallenblase

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