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GENSCHER-REISE Galle im Herzen

Außenminister Genscher achtete in Peking sorgfältig darauf, sich nicht in die anti-sowjetische Kampagne seiner Gastgeber einspannen zu lassen.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Etwas verlegen, doch freundlich lächelnd und sichtlich guter Laune hatte sich Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher in der Pekinger Großen Halle des Volkes nach einem Abend mit Gauklern, Zauberern und Akrobaten auf der Bühne gemeinsam mit dem Ensemble photographieren lassen.

Kaum ins Gästehaus Nr. 5 der chinesischen Regierung zurückgekehrt, erreichten den China-Reisenden zwei unangenehme Nachrichten: Aus Bonn kam am Donnerstagabend letzter Woche die Meldung von der Entführung einer Lufthansa-Maschine, und die Chinesen teilten mit, das angestrebte Gespräch mit Teng Hsiao-ping, dem zweimal gestürzten und rehabilitierten Vize-Premier der Volksrepublik China, werde nicht zustande kommen.

Gerade auf diese Zusammenkunft aber hatte sich Genscher sorgfältig vorbereitet. Für die China-Experten im Auswärtigen Amt ist der 73jährige Teng der eigentliche Motor der chinesischen Innen- und Außenpolitik. Ihm wollte der Deutsche daher besonders gründlich die Grundzüge der Bonner Außenpolitik erklären.

Doch ließ Teng ihn abblitzen, ohne auch nur andere Verpflichtungen oder etwa Unpäßlichkeit vorzuschützen. Am Freitagmittag noch bildete ihn das Zen-

* Mit Ehefrau Barbara bei der Ankunft in Peking

tralorgan der chinesischen KP »Rote Fahne« ab, wie er strahlend den kambodschanischen KP-Vorsitzenden Pol Pot nach dessen Peking-Visite verabschiedete.

Dem Bonner Außenminister ließ er dagegen ausrichten, er sei nur für Verteidigungsfragen sowie für Wissenschaft und Kultur zuständig, nicht aber für Außenpolitik.

Tatsächlich, so vermuten Genscher. Beamte, sei Teng der Begegnung aus dem Weg gegangen, weil er ein Gespräch mit dem Deutschen für wenig sinnvoll halte. Der kleine starke Mann gilt als treibende Kraft in der chinesischen Kampagne gegen die Sowjet-Union. Genscher aber hatte schon gleich zu Beginn seines Besuchs der chinesischen Führung deutlich gemacht, daß er nicht bereit sei, wegen eines kurzen Beifalls aus Peking das Bonner Verhältnis zu Moskau aufs Spiel zu setzen.

Begonnen hatte das chinesische Trommelfeuer gegen die Sowjets schon wenige Stunden, nachdem Genscher auf dem Flughafen in Peking von seinem chinesischen Amtskollegen Huang Hua begrüßt worden war. Im Beisein der mit Genscher angereisten Journalisten forderte die chinesische Nummer vier, Vize-Premierminister und Politbüromitglied Li Hsin-nien, in der Großen Halle des Volkes die Westeuropäer auf. sich zusammenzuschließen, »um gegen den Sozial-Imperialismus« der Kreml-Führung zu kämpfen.

Abends beim Fest-Bankett hieb Li in die gleiche Kerbe. Jener Supermacht, »die die »Entspannung zum Kernpunkt der Entwicklung internationaler Beziehungen' erhebe', warf er vor, sie habe »Honig im Mund und Galle im Herzen« und betreibe »immer zügelloser ihre Aggressions- und Kriegspolitik«. Die »Kriegspläne der Hegemonisten« könnten nur »durchkreuzt« werden, wenn sich in der Welt eine »breite antihegemonistische Einheitsfront« bilde.

An Genschers Tisch brüstete sich der Chinese nach dem Toast, er habe sich noch besonders zurückgehalten, weil im Saal keine Ostblock-Diplomaten anwesend seien, die er zum Auszug hätte provozieren können.

Am Freitagnachmittag dann griff auch Parteichef Hua Kuo-feng das Pekinger Leitthema auf: Ein dritter Weltkrieg, argumentierte er fatalistisch, sei unvermeidlich, er könne durch Wachsamkeit allenfalls hinausgezögert werden.

Genscher ließ sich nicht aus der Reserve locken. Behutsam registrierte er die offensichtlichen Meinungsunterschiede zwischen Deutschen und Chinesen in der Entspannungspolitik und konterte: Ein Krieg sei sehr wohl zu vermeiden; deshalb auch habe sich die Bundesrepublik zuerst für die Nato und die europäische Einigung engagiert und dann erst die Ostpolitik eingeleitet. Entspannung habe nichts mit Beschwichtigungspolitik zu tun.

Trotz solcher Differenzen in zentralen Fragen glauben Genscher und seine Beamten, daß die bislang eher kärglichen Beziehungen zwischen dem 850-Millionen-Reich in Fernost und der Bundesrepublik Deutschland kräftig ausgebaut werden können.

Vor allem im technisch-wissenschaftlichen Bereich, so die AA-Beamten, gelte Bonn mittlerweile als erste Adresse, »weil die Chinesen sehr lernbegierig sind und nicht so gerne die Amis oder die Japaner im Lande haben wollen«.

Das Entwicklungsland China zahlt sogar bar. Während Genscher mit der chinesischen Führung konferierte, brachte Mannesmann einen Vertrag über die Lieferung von 100 000 Tonnen Röhren im Wert von etwa 140 Millionen Mark unter Dach und Fach; Krupp zog einen Auftrag über drei große Überseefrachter an Land.

Überdies sollen schon laufende Verhandlungen über die Lieferung deutscher Anlagen zum Abbau von Steinkohle im Tagebau (Wert: etwa 500 Millionen Mark) demnächst intensiver geführt werden.

Vergebens boten die Vertreter der deutschen Großbanken in Genschers Wirtschafts-Troß den Chinesen günstige Kreditfinanzierung für weitere Geschäfte mit der deutschen Industrie an. Die Chinesen beharrten darauf, sie wollten nur kaufen, was sie auch bar bezahlen könnten.

Bundesbank-Vizepräsident Otto Pöhl, ebenfalls mit von der Genscher-Partie, wunderte sich: »Dabei gelten die Chinesen als absolut kreditwürdig. Sie haben überhaupt keine Schulden.«

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