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NORWEGEN Gang durch die Hölle

Einstige »Lebensborn«-Zöglinge verklagen ihre Regierung: 55 Jahre nach Kriegsende muss sich das Land seiner schmählichen Behandlung von Besatzungskindern stellen.
aus DER SPIEGEL 8/2001

Eine echte Chance im Leben hatte Paul Hansen eigentlich nie. Seine norwegische Mutter Asta verließ ihn, kurz nachdem er am 7. April 1944 geboren wurde. Und weil es offiziell auch keinen Vater gab, blieb er gleich da, wo er zur Welt gekommen war: in einem Heim in Hurdal nördlich von Oslo.

Die Anstalt stand unter Obhut des nationalsozialistischen »Lebensborn«, denn Pauls Vater war Pilot der deutschen Luftwaffe, und mit Kindern wie ihm hatten die Nazi-Besatzer Großes vor. Nach den Wahnvorstellungen der NS-Rassenideologen waren Paul und seinesgleichen Abkömmlinge »guten nordischen Blutes« und deshalb für das »Deutschtum zu sichern«.

Das zweifelhafte Prädikat verkehrte sich schnell in einen Makel. Nach Kriegsende, Paul war gerade drei Jahre alt, wies ihn die norwegische Regierung wegen seiner Herkunft in ein Heim für Geisteskranke ein. Danach kamen Spezialschulen und Heime, mal für Schwererziehbare, mal für Behinderte, mal für Geistesgestörte. »Erst hat man mir die Kindheit genommen«, klagt Hansen heute, »dann habe ich meine Jugend verloren.«

Auch Harriet von Nickels Mutter verschwand wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter Ende September 1942. Die Pflegeeltern, bei denen das Kind Unterschlupf gefunden hatte, versuchten, ihm »den deutschen Vater auszuprügeln«. Sie sei damals Freiwild gewesen, erinnert sich Harriet von Nickel: »Ich war eine Ausgestoßene.« Als ihr betrunkene Angler mit einem rostigen Nagel ein Hakenkreuz in die Stirn ritzten, schauten andere Landsleute tatenlos zu: »Die Erinnerungen verfolgen mich wie ein Schatten«, sagt sie.

Karl-Otto Zinken kam bald nach seiner Geburt Anfang 1941 erst in ein Lebensborn-Heim in der Nähe von Bergen. Im Februar 1950, noch nicht neun Jahre alt, landete auch er in einer Hilfsschule für geistig zurückgebliebene Kinder. Den offiziellen Einweisungsgrund dafür kann er bis heute schwarz auf weiß vorweisen: »Vater ist Deutscher.« Von den Lehrern wurde er gepeinigt und geschlagen, von zwei Ärzten des Gesundheitsamts sexuell missbraucht. »Wir waren der Müll, den die Deutschen hinterlassen haben«, sagt Zinken heute, »und die norwegischen Behörden haben die Augen geschlossen und alles zugelassen.«

Doch mit ihrer Rolle als Ausgestoßene wollen sich die einstigen Besatzungskinder nicht länger abfinden. In Sammelklagen verlangen norwegische Lebensborn-Zöglinge zum ersten Mal Wiedergutmachung von der eigenen Regierung für ihr ruiniertes Leben.

Die rechtlichen Schritte zwingen das Heimatland zur Auseinandersetzung mit einem Kapitel der eigenen Geschichte, das über 50 Jahre lang sorgsam ausgeblendet wurde: dem Umgang mit einer besonderen Art von Kriegsopfern, den »Deutschenkindern«. Die Kläger wollen endlich »öffentlich machen, was ihnen widerfahren ist«, sagt die Rechtsanwältin Randi Hagen Spydevold. »Das ist ihr Hauptanliegen und schon ein Stück der Wiedergutmachung.«

Als die Juristin vor rund einem Jahr die ersten sieben Fälle auf den Tisch bekam, darunter die von Hansen und Zinken, war sie entsetzt über das, was sie von den Klägern erfuhr. »Alles, was wir in der Schule lernen, ist doch, wie tapfer wir im Widerstand gegen die Nazis waren«, so die Juristin, »aber wie wir unsere eigenen Kinder behandelt haben, durften wir nicht erfahren.«

Nun muss sich die Öffentlichkeit auf Nachhilfe durch die Justiz gefasst machen. Inzwischen sind knapp 150 Klagebegehren beim Stadtgericht in Oslo anhängig, und beinahe täglich werden es mehr. Zwischen 100 000 und 450 000 Mark verlangen die Kläger als Entschädigung. Demnächst soll der Musterprozess eröffnet, sollen auch ranghohe Politiker und Ex-Regierungsmitglieder einvernommen werden.

Hunderttausende deutscher Soldaten waren zwischen 1940 und 1945 in Norwegen stationiert. Nachdem die Regierung in Oslo vor der deutschen Übermacht kapituliert und sich ins Londoner Exil abgesetzt hatte, machten viele Norweger ihren privaten Frieden mit den Besatzern. Rund 250 000 arbeiteten für die Deutschen. Schätzungsweise 50 000 Frauen ließen sich auf Affären mit Wehrmachtssoldaten ein, auch wenn sie dafür von Landsleuten öffentlich als »Tyskertos« (Deutschenflittchen) gebrandmarkt wurden.

Mindestens 12 000 Kinder waren das Ergebnis dieser Beziehungen, vermutlich sogar mehr. Aus Scham und Angst vor Diskriminierung verheimlichten viele Mütter den Vater ihrer Kinder und gaben ihnen den eigenen norwegischen Namen.

Gemäß der Rassendoktrin des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, nach welcher der deutsche Staat »für hilfsbedürftige Mütter und Kinder guten Blutes zu sorgen« habe, nahm sich die SS in Norwegen so vieler dieser Kinder wie möglich an - »zur Erhaltung und Förderung rassisch wertvollen germanischen Erbgutes«. Nach der kruden NS-Rassenlehre galten die Norweger als »Nordgermanen« und damit als makellos arisch.

Nach der deutschen Kapitulation entlud sich die Wut auf die Besatzer an den Müttern und ihren »Kriegskindern«. Tausende Frauen wurden in Lagern interniert. »Wir brauchten nach 1945 jemanden zum Hassen«, glaubt Tor Brandacher von der Selbsthilfeorganisation »Kriegskinderverband Lebensborn«, der selbst Sohn eines österreichischen Wehrmachtssoldaten ist. Zu Tausenden wurden die Kinder zwangsweise in Pflegefamilien untergebracht oder landeten in Heimen. Etliche mussten sadistische Erzieher erdulden, erlitten Nachstellungen von Pädophilen und sind, wie Karl-Otto Zinken, bis ins Alter traumatisiert. Neuerdings spüren norwegische Historiker Informationen nach, dass etwa zehn »Kinder der Schande« später sogar militärischen Experimenten mit LSD ausgesetzt waren.

Für die Selektion in ein Leben ohne Zukunft genügte den norwegischen Behörden in den Nachkriegswirren oft bereits der Nachweis eines deutschen Vaters. Norwegische Mädchen, die mit dem Feind fraternisiert hatten, mussten schon allein deswegen geistig verwirrt sein. Ein Anstaltsleiter aus Gaustad bescheinigte dem zuständigen Ministerium 1945 denn auch offiziell, dass »ein großer Teil dieser Mädchen schwach begabt ist und sich unter ihnen asoziale Psychopathen befinden«. Kinder solcher »defekten Individuen« würden häufig »schwachsinnig werden«, gehörten also in Heime eingewiesen, so seine amtliche Diagnose.

Da bei den Besatzungskindern zudem noch ein »nicht sonderlich erwünschter deutscher Erbstoff« hinzukam, wurde die Zahl der potenziellen Psychopathen schnell auf 80 bis 90 Prozent hochgerechnet. Spätere Heilung galt als ausgeschlossen: »Keiner darf daran denken, dass diese erbschaftsmäßig minderwertigen Kinder durch gute Verpflegung wertvolle Mitbürger werden können«, hielt ein Dr. Johan Riis 1945 amtlich fest: »Da könnte man zugleich darauf hoffen, dass die Ratten im Keller sich zu Villaschweinen entwickeln.«

Schon allein das Vokabular, mit dem die unerwünschte Nachkommenschaft bedacht wurde, erinnere »furchtbar an die menschenverachtende Terminologie der Nazis«, sagt Gerd Fleischer, 58, die heute eine der größten sozialen Hilfsorganisationen in Oslo leitet.

Die Frau mit dem männlich klingenden Vornamen verlor ihren Vater, der als deutscher Soldat nahe Tromsö stationiert war, drei Jahre nach ihrer Geburt. Er verschwand spurlos. »Ich war ein Mensch zweiter Klasse, es war die Hölle«, sagt sie. »Als kultivierte Nation muss Norwegen uns endlich eine Entschuldigung geben und alle Fakten auf den Tisch legen.«

Das wird seit Jahren versäumt. Kare Olsen, Historiker im Reichsarchiv, hat die Daten vieler Lebensborn-Kinder ausgewertet. Sein Fazit ist erschreckend: »Niemand weiß, wie viele Kinder in Heimen verschwanden und wo sie danach geblieben sind, weil niemand sich darum gekümmert hat.« Und Olsen spart auch nicht mit Kritik an der eigenen Zunft: »Wir waren zu sehr an der eigenen Geschichte als Helden interessiert, wir haben versagt.«

Die sozialdemokratische Minderheitsregierung will von einer offiziellen Entschuldigung nichts hören. Die »besonders schwierige Jugend« will Gesundheitsminister Tore Tönne den Klägern gerade noch zugestehen, die Untaten an den Kriegskindern hingegen seien »verjährt«. Deshalb sei es »nach so langer Zeit schwierig zu rekonstruieren, was mit ihnen geschehen ist«.

Das häufig vorgebrachte Argument, dass ausgerechnet das Unrecht, das ihnen widerfahren war, nicht mehr geahndet werden könne, verbittert die Kläger. Noch 1999 seien norwegische Juden entschädigt worden, deren Besitz während der Besatzung requiriert worden war, sagt Rechtsanwältin Spydevold. Und überdies sei es der Regierung noch voriges Jahr möglich gewesen, norwegische Kriegsgefangene zu entschädigen.

Deshalb wollen sich die Kläger auch nicht mit außergerichtlichen Vergleichen abfinden lassen. »Keine Gesellschaft kann mit einer solchen Vergangenheit in Ruhe leben«, sagt Tor Brandacher. MANFRED ERTEL

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Der Verein Lebensborn

wurde 1935 von Heinrich Himmler gegründet, um »den Kinderreichtum in der SS« zu unterstützen und »jede Mutter guten Blutes zu schützen« - auch in eigenen Entbindungsheimen in besetzten Ländern. Ab 1941 wurden »rassisch wertvolle« Kinder aus diesen Gebieten zwangsweise eingedeutscht.

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