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VERKEHRS-POLIZEI Gang raus und bremsen

aus DER SPIEGEL 12/1954

Den Viehhändler Peter Aigster, 38, in Lutter, Kreis Neustadt am Rübenberge (Niedersachsen), quälten noch stechende Kopfschmerzen, als ihm der Besuch eines Polizeikommissars aus Hannover gemeldet wurde. Der uniformierte Besucher erkundigte sich denn auch teilnahmsvoll nach dem Befinden des kranken Viehhändlers, um schließlich unumwunden mit dem eigentlichen Zweck seines Besuchs herauszurücken: Er, der Polizeikommissar, lege größten Wert darauf, daß »diese Angelegenheit in aller Stille ausgeräumt« werde.

Mit »dieser Angelegenheit« meinte der Kommissar einen Verkehrsunfall, der durch den Biereifer zweier hannoverscher Polizisten verschuldet worden war und der dem Peter Aigster eine Gehirnerschütterung mit nachfolgenden heftigen Kopfschmerzen eingebracht hatte.

Peter Aigster hatte mit seinem Borgward-Lieferwagen eine Geschäftsfahrt nach Hildesheim gemacht; Aigsters Kraftfahrer, Leo Sieg, hatte den Wagen gesteuert. Auf dem Rückweg kamen die beiden durch Hannover-Kleefeld, wo sie über die Umleitung Schlachthausweg in Richtung Stadthalle fuhren. Das war am Sonntag, dem 21. Februar, gegen 16.45 Uhr.

Unmittelbar vor der Stadthalle traf nun den Viehhändler das Verhängnis. Ein grüner Volkswagen, der durch weiße Kotflügel als

Fahrzeug der Verkehrspolizei gekennzeichnet war, überholte den Lieferwagen und stoppte ihn.

Der Hauptwachtmeister Dennes und der Oberwachtmeister Petersen prüften Papiere und Lichtanlage. Obgleich der Borgward keinerlei Mängel aufwies und obgleich Aigster zu bedenken gab, daß der Wagen erst am Vortage in der Werkstatt überholt worden sei, genügte den beiden Polizisten der erste Augenschein nicht. Sie verlangten vielmehr, die Bremsen zu prüfen, und zwar während der Fahrt.

Für dieses Bremsmanöver befahl Hauptwachtmeister Dennes dem Peter Aigster, sich neben den Oberwachtmeister Petersen in den Volkswagen zu setzen; er, Dennes, werde zusammen mit dem Kraftfahrer Leo Sieg im Borgward fahren: »Das übrige wird sich dann schon herausstellen.«

Just zur selben Zeit, da das Brems-Exerzieren beginnen sollte, war in dem nahegelegenen Stadion des Sportvereins Arminia ein Fußballspiel zu Ende gegangen. Die abwandernden Zuschauer verstopften die Straßen. Also schoben sich die beiden Fahrzeuge - der Borgward mit Leo Sieg am Steuer und Hauptwachtmeister Dennes auf dem Nebensitz, der Volkswagen mit Oberwachtmeister Petersen am Steuer und Peter Aigster daneben - in das Gewühl des Fußballpublikums.

Nach etwa 250 Meter Fahrt kommandierte Hauptwachtmeister Dennes: »Sofort den Gang raus und bremsen!«

Kraftfahrer Leo Sieg und die Bremsen funktionierten. Es gab einen Krach, und


der dichtauffolgende Polizei-Volkswagen knallte auf den Borgward auf. Peter Aigster schlug mit dem Kopf gegen die Scheibe und wurde bewußtlos von einem Unfallwagen ins Vincenz-Stift gebracht. Befund: Gehirnerschütterung.

Erst zweieinhalb Stunden später kam der verunglückte Viehhändler wieder auf die Beine. Er rief vom Vincenz-Stift aus die Verkehrsbereitschaft der hannoverschen Polizei am Waterloo-Platz an und fragte, ob die Polizei für seinen Heimtransport nach Lutter sorgen könne. Antwort: »Sehen Sie nur zu, wie Sie nach Haus kommen!«

Um vieles höflicher war allerdings der Polizeikommissar, der den von Schmerzen gepeinigten Peter Aigster zwei Tage nach dem Unfall in Lutter besuchte. Auch die beiden Polizeibeamten, die mit dem Kraftfahrer Leo Sieg verhandelten, waren außerordentlich zuvorkommend. Ob sie ihm etwas dafür geboten haben, daß er dichthält, darüber will Leo Sieg nichts sagen. »Die waren bei dem Gespräch immerhin zu zweit«, meinte er, »und ich war allein. Und Zeugenaussagen von Polizisten haben vor Gericht ein besonderes Gewicht.«

[Grafiktext]

ALLGEMEINE WEHRPFLICHT

DafürDagegenOhne Meinung
MÄRZ 1950305515
NOVEMBER 1953503119
Männer 18-29 Jahre424315
Übrige Bevölkerung503020
Für Teilnahme an Westkoalition41
Für Neutralisierung 35
Ohne Meinung 24

[GrafiktextEnde]

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