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Gangsterkönig im Ruhestand

aus DER SPIEGEL 17/1949

Amerikas einstiger Gangsterkönig Lucky Luciano präsentierte sich in seinem eleganten Hotelzimmer an Roms Via Veneto in neuem Gewande. Luciano, der seit 1946 in Italien lebt, mimte den beleidigten Ehrenmann. Römische Zeitungen hatten behauptet, daß der geborene Sizilianer nun auch in Italien Rauschgiftschmuggel betreibe.

Ex-Gangster Lucky dementierte vor römischen Journalisten mit flammender Empörung. Er habe sich in Amerika genügend Dollar zusammengespart. Wenn er neue brauche, könne er die leichter beim Film als mit Morphium verdienen. Die Herren Journalisten sollten sich ruhig bei der Polizei davon überzeugen, daß er in jeder Beziehung o.k. sei. Der das Gespräch und die Tür schließende Fluch erinnerte an Luckys glücklichste Zeiten.

Damals, zwischen 1930 und 1936, stieg Lucky Luciano in New York zum unumstrittenen König der letzten Gangster auf. Selbst die Polizei konnte dem gerissenen Sizilianer ihre Anerkennung nicht versagen.

Allen Fallen entging er um mehr als Haaresbreite, bis ein neuer Fallensteller auf den Plan der New Yorker Unterwelt trat: Thomas Dewey. Der junge schnurrbärtige Staatsanwalt war nicht nur ebenso geschickt wie der Gangster, sondern dazu von brennendem Ehrgeiz besessen. Mit dem kostbaren Wild wollte er sich erste politische Sporen erjagen.

In mühseliger Kleinarbeit legte Dewey seine Netze aus. Bald verließ das Glück den Lucky (= der Glückliche). Dewey landete auf dem Gouverneurssessel von New York und Lucky in Sing-Sing. Zu fünfzig Jahren Gefängnis verurteilte ihn das Gericht, wegen Rauschgiftschmuggels. Zu lang schien das Register all seiner übrigen Taten, als daß er je auf Begnadigung hoffen konnte.

Doch nur scheinbar hatte das Glück ihn verlassen. Nach dem Ende des letzten Krieges öffneten sich nach nur zehn Jahren die Gefängnistore für Lucky Luciano. Die amerikanische Oeffentlichkeit staunte und schimpfte. Denn weit unbedeutendere Verbrecher saßen jahrzehntelang hinter Schloß und Riegel.

Das Justizdepartement gab ein lakonisches Kommuniqué heraus: Lucky Luciano sei wegen seiner Verdienste um den Sieg der Vereinten Nationen über die Achsenmächte begnadigt worden. Und im übrigen sei er aus dem Lande verwiesen.

Nun staunten die Amerikaner erst recht. Sie fragten sich vergeblich, wie ein Gangster in schwer bewachter Einzelzelle zum alliierten Siege beitragen konnte. Eifrige Journalisten suchten nach der geheimnisvollen Lösung des Rätsels, bis sie sie fanden und von Beamten des Justizdepartements offiziös bestätigt bekamen: Lucky hatte das sizilianische Hinterland der Invasionsfront organisiert und den Alliierten die Besetzung der Insel erleichtert.

Vierzig Jahre lebte Lucky in den Vereinigten Staaten. Doch in dieser Zeit ließ er die Verbindungen zu seiner sizilianischen Heimat nicht abreißen. Während der Invasionsvorbereitungen erinnerte sich das »Office for Strategical Services«, der amerikanische Geheimdienst während des Krieges, daran, daß kein Mensch in ganz Amerika so gute Beziehungen zu der sizilianischen Mafia hatte wie Luciano. Mussolini hatte den Insel-Separatisten den Kampf angesagt. Für die Alliierten ging es nun darum, die verbliebenen Mafia-Führer auf ihre Seite zu bringen und mit den ersten Landungsbooten auf der ganzen Insel Unruhen auszulösen.

Heimlich wurde Lucky aus der Zelle geholt. Nur leicht freiheitsbeschränkt kollaborierte er mit besten Kräften. Ganz entsprachen im Sommer 1943 die Erfolge allerdings nicht den Erwartungen. Aber einiges hatte Lucky doch erreicht, vor allem für sich selbst: die Aussicht auf Freiheit bei Kriegsende. Er verdankte sie Mussolinis Anti-Mafia-Kampf. Nur mit der Verweisung von seinem vorletzten Tätigkeitsfeld mußte er sich einverstanden erklären.

1946 kam Lucky in Genua an. Die Italiener fürchteten, mit dem großzügig geschenkten Ex-Gangsterkönig einen hohen Preis für die Befreiung zu zahlen. Jeder seiner Schritte, jedes seiner Worte wurde überwacht.

Bald fühlte Lucky sich unbehaglich in der so wenig gastfreien Heimat. Durch das kubanische Loch versuchte er, den Vorhang der amerikanischen Einwanderungsvorschriften zu durchdringen. Aber diesmal erwiesen sich die Hafenbehörden in Havanna wachsamer als ihr Ruf. Sie schoben Lucky nach Italien zurück.

Dort hat sich der heute 51jährige Ex-Gangsterkönig inzwischen mit seinem Schicksal abgefunden. Gar so schwer ist es ohnehin nicht, seit die italienische Polizei sich davon überzeugt hat, daß er ihr keine Schwierigkeiten bereitet. Hier und da macht er kleine Geschäfte. Immer im Rahmen des Erlaubten.

Manchmal sucht man auch seinen fachmännischen Rat, wie etwa der Regisseur Roberto Montero für den Film »Schmuggler im Hafen«. Niemand hätte mit ähnlichen Erfahrungen aufwarten können, nachdem Al Capone und Dillinger von der Gangsterbühne abgetreten sind. Und Lucky nahm seine filmwissenschaftliche Arbeit sehr ernst.

In Roms Straßen erkennt kaum ein Amerikaner das Gesicht, das sechs Jahre lang durch alle amerikanischen Zeitungen lief. Der distinguierte Herr im grauen Flanallanzug scheint einer der ihren zu sein, wenn er mit seinem riesigen Studebaker allsonntäglich zum Pferderennen fährt. Wenigstens dort, beim Wetten, hat ihn das Glück nicht verlassen. Auch in der Liebe nicht, wie seine charmante Braut, eine Tänzerin von der Scala, sehr augenfällig bezeugt.

Ungern nur und immer ein wenig geheimnisvoll spricht Lucky von seinem vergangenen Ruhm als Beherrscher der New Yorker Unterwelt. Als man ihn fragte, ob er wirklich, wie es die amerikanische Presse damals behauptete, seinen ärgsten Rivalen, Dutch Schultz, »ausgemerzt« habe, antwortete Lucky nur sibyllinisch: »Er bückte sich nicht tief genug, als eine Kugel ihm entgegen kam.«

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