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Briefe

GANTENBEINE
aus DER SPIEGEL 39/1964

GANTENBEINE

Mit seinem Aufsatz über Max Frischs Roman »Mein Name sei Gantenbein« hat Ihr ständiger Rezensent Reinhard Baumgart - sicher nicht nur in mir das Interesse für den Schweizer Autoren noch gesteigert Baumgarts subtile Auseinandersetzung mit dem neuen Frisch -Bestseller, in dessen Mittelpunkt der blinde, aber alles durchschauende Gantenbein steht, versöhnt mich mit vielem in Baumgarts früheren Buchbesprechungen. Wenn die SPIEGEL-Redaktion Baumgarts Ansicht, »Gantenbein« als »vertrauenswürdigeres« Werk als das Drama »Andorra« anzusehen, teilen sollte, so wäre es wohl angebracht, dieses Urteil in einer ausführlicheren Abhandlung über Frisch zu erläutern; der Schweizer Autor hätte es verdient, daß Sie ihm eine Titelseite widmen.

Berlin RUTH EBERT

Ich stelle mir vor: Ich bin nicht nackt auf der Straße. Am hellen Tag. Angezogen, nicht nur mit Brille und unter mir kein Gepengel, nicht mal ein Gependel. Also weiter, die Ellbogen so locker wie möglich. Und treffe Frisch. Er parkiert

wieder in Zürich, PS: unterm Elfuhr-Geläute. Ich starre ihn an. Hinter meinem Rücken befindet sich das Brillengeschäft; Fraumünsterstraße, nicht Feldeggstraße. Dort: Camilla Hubers Manicure - kein Massagesalon. Ich starre ihn an. In Zürich wird ein großes Talent auf gut seldwylerisch angestarrt, nicht nur angestarrt.

»Was ist denn los?« fragt er. »Leo«, sage ich -

»So sprechen Sie schon«, sagt er, »ich bitte Sie, ich weiß nicht, was los ist, ich weiß es wirklich nicht.«

Ich stelle mich vor: Als die Szene plötzlich da ist, die Gantenbein sich tausendmal ... (Seite 484)

Ich kann es ihm sagen: Ich bin's. Ohne Blindenbrille, auch mit katholischem Vornamen, von Haus aus liberal protestantisch, aus dem Rheintal. Handwerker. Dreizehntes Jahrhundert. Hm, im Dienst auch Kanonier. Und so weiter.

Ich stelle mir vor: mein Name ist Gantenbein. Aber endgültig. Warum schüttelt er den Kopf?

»Gantenbein - Sie ...« sagt Frisch (Seite 357), »so vermute ich, gehören zu den Männern, die von Frauen, wenn sie einen Kosenamen brauchen, vorzugsweise als Bär bezeichnet werden.«

Zürich LEO GANTENBEIN

Architekt

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