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DDR-Korruption Ganz absurder Kult

Ein Untersuchungsbericht belegt: Im SED-Promi-Getto Wandlitz gab es Autos, Farbfernseher - einfach alles - satt.
aus DER SPIEGEL 1/1990

Die Vergangenheitsbewältigung fand hinter verschlossenen Türen statt. Die alte Staatspartei mit dem neuen Bandwurm-Namen Sozialistische Einheitspartei Deutschlands - Partei des Demokratischen Sozialismus (SED-PDS) proklamierte auf ihrem Parteitag am vorvergangenen Wochenende zwar Perestroika, fand aber nicht gleich den Mut zu Glasnost.

Zu brisant erschien der neuen Führung der gerade fertiggestellte Bericht der Korruptionskommission, der neue Details über das süße Prominentenleben im Getto Wandlitz enthüllt. Das Papier blieb tagelang unter Verschluß. Die DDR-Medien durften es erst mit Verzögerung veröffentlichen. Über den Inhalt wurden die Delegierten in geheimer Nachtsitzung nur mündlich informiert.

Die Lage im Lande, so die Begründung, sei gefährlich genug. Je mehr das Volk über die Privilegien der einst unumschränkt herrschenden SED-Nomenklatura erfahre, desto unkalkulierbarer werde seine Wut.

Die Sorge ist nicht unbegründet, die Fakten sind empörend.

Vom 31. Mai 1960 stammt der Beschluß, dem die Prominentensiedlung Wandlitz ihr Entstehen verdankt. Bis dahin wohnte die SED-Führung überwiegend in Pankow. Eine Kasernierung, so argumentierte das Ministerium für Staatssicherheit, sei aus Sicherheitsgründen unumgänglich. »Der ganze absurde Sicherheitskult«, so klagte der ehemalige Berliner Bezirkschef Günter Schabowski jetzt vor den Berliner Delegierten, »diente als Rechtfertigung.«

Wer dem Politbüro, dem jahrzehntelang mächtigsten Führungszirkel der Partei, angehörte oder als Kandidat auf der Warteliste stand, mußte nach Wandlitz. Auch Egon Krenz beklagte sich hinter verschlossenen Parteitagstüren bei seinen Bezirksdelegierten bitter, er sei, wie viele andere, gezwungen worden, ins Getto zu ziehen - vom alten Honecker persönlich.

Dort fehlte es, wie die Kommission jetzt penibel vorrechnet, weder an Waren noch an dienstbaren Geistern: Die Bewohner der 23 Häuser des »inneren Ringes« geboten über einen Hofstaat von bis zu 600 Bediensteten. Die wohnten im »äußeren Ring« der Siedlung und erledigten alles: vom Hausputz bis zum Einkauf, von der Reparatur des Wasserhahns bis zur Gartenpflege.

Anfangs wurden noch Berliner Handwerker eingesetzt. Als die aber über den Prunk zu erzählen begannen, übernahm die Stasi-Zentrale die Regie im Getto. Alle Chauffeure, Gärtner, Pförtner und Verkäuferinnen waren Stasi-Leute. Jeder unterlag »der militärischen Befehlsgewalt« und wurde vor seiner Einstellung zur absoluten Geheimhaltung vergattert. Wer plauderte, machte sich nach DDR-Recht strafbar und verlor seinen Job.

Das Sortiment im Shopping-Center war vom Feinsten. Anfangs lag noch DDR-Ware in den Regalen. Als aber Ende der siebziger Jahre die Versorgungslage schlechter wurde, gab es fast nur noch Westliches: vom Joghurt bis zum Farbfernseher, von der Tiefkühltruhe bis zur (in der DDR lange Zeit raren) Banane.

Beliefert wurden die Wandlitzer von der Abteilung Kommerzielle Koordinierung (KoKo) des unentbehrlichen Alexander Schalck-Golodkowski. Der verscherbelte die für teure Devisen gekauften Artikel zu Sonderkonditionen: westlicher Großhandels-, also Einkaufspreis plus die Hälfte der im Westen üblichen Handelsspanne - und dies dann in Ostmark zum Kurs eins zu eins.

Ein Farbfernseher etwa, der im Großhandel für 1500 Westmark zu haben ist und für 1900 bis 2000 Mark über westliche Ladentische geht, kostete die Wandlitzer nur 1700 bis 1750 Ostmark. Ein normaler DDR-Bürger muß für ein vergleichbares Gerät 6500 Ostmark hinblättern - sechsmal soviel, wie ein Facharbeiter im Monat verdient.

Von dem Angebot wurde reichlich Gebrauch gemacht. Der frühere Oberboß der DDR-Wirtschaft, Günter Mittag, inzwischen in Haft, kaufte nach den Feststellungen der Kommission Jahr für Jahr im Durchschnitt zehn Farbfernseher zu den genannten Konditionen.

Ex-Volkskammer-Präsident Horst Sindermann ("Es war, als ob 40 Jahre Sozialismus plötzlich unter unseren Füßen wegrutschten") schaffte allein in den Monaten Oktober und November 1989 bis zu seiner Entmachtung noch schnell vier Farbfernseher an.

Auch andere Elektronik-Artikel, in der DDR begehrte Mangelware, wurden von den Obergenossen gehortet, die offenbar ganze Warenlager führten. In der Privatdatsche des früheren Ministerpräsidenten Willy Stoph fand man unter anderem sechs Kühltruhen, randvoll mit West-Delikatessen.

Im sozialistischen Schlaraffenland vor den Toren Berlins gab es West-Autos zuhauf. Jedem Wandlitzer stand ein »personengebundener Volvo mit Fahrer« zu, auch die Familienangehörigen konnten auf die schwedische Edelmarke rund um die Uhr zurückgreifen: für den Weg zum Friseur, zum Einkaufen oder in die Disco. Zwischen dem 9. Oktober und Ende November, so der Untersuchungsbericht, geschah das allein 1500mal.

Aber auch für die Privatwagen der Nomenklatura war gesorgt: Kostenloses Superbenzin gab es an einer besonderen Tankstelle in Wandlitz und einer in Ost-Berlin. Das Ehepaar Honecker allein hatte 14 Privatfahrzeuge zur Verfügung: vom Wartburg über einen japanischen Toyota, vom Range Rover bis zum aufwendig umgebauten Mercedes.

Organisiert und überwacht wurde das Versorgungsunternehmen vom Stasi-General Günter Wolf, weder verwandt noch verschwägert mit dem Ex-Spionagechef Markus Wolf, aber im Tarnen und Täuschen nicht minder begabt.

Wolf, so erfuhren die Parteitagsdelegierten, war jahrelang für die perfekte Abschirmung des Wandlitzer Gettos verantwortlich. Er inszenierte jetzt auch die »Enthüllung« des Skandals: Er sorgte dafür, daß ein DDR-Fernsehteam anrückte und filmen konnte, was noch zu filmen war. Das war zwar für DDR-Verhältnisse immer noch sehr ordentlich, aber nicht übertrieben luxuriös.

Es stimme wohl, beschied Wolf die ihn fragenden Reporter, die Regale seien schon einmal voller und die Auswahl »reichhaltiger« gewesen.

Was der schlaue General verschwieg, steht im Kommissionsbericht. Bevor das Fernsehen anrückte, hatte die Stasi Kühlschränke, Fernseher und Radios, Delikatessen und Textilien dorthin geschafft, wo niemand gesucht hätte: ins noble Palasthotel, mitten in der Stadt, gegenüber dem Palast der Republik, dem Sitz der DDR-Volkskammer.

Als die Luft wieder rein war, ließ der Stasi-Mann die Ware nach Bohnsdorf in der Nähe des Flughafens Schönefeld karren. Aber auch dort war sie vor dem Volk nicht mehr sicher. Als Mitglieder des Neuen Forums Wind von der Sache bekommen und die örtlichen Behörden alarmiert hatten, wurde das Warenlager versiegelt. Es soll jetzt »der Versorgung der Bevölkerung zugeführt« werden, wie das Neue Deutschland meldete. f

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