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»Ganz besonders zwiespältige Gefühle«

Mit protokollarischem Gepränge wird in Bonn nächste Woche der Chef des zweiten deutschen Staates begrüßt. Hymne und Flagge für Honeckers Arbeitsbesuch können Bonner Wiedervereinigungsträumer nicht beflügeln. Mutmaßlicher Gewinner der deutschdeutschen Festspiele: der DDR-Staatsratsvorsitzende. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Das Ritual ist immer gleich: Die Fahnen des Gastlandes wehen am Flughafen in Wahn, auf dem Gelände des Kanzleramtes und, im Riesenformat einträchtig neben der Bundesflagge, an der Adenauerallee direkt vor der Bonner Regierungszentrale.

Zum »Arbeitsbesuch« begrüßt der Kanzler gewöhnlich seinen Gast am Wagenschlag des Miet-Mercedes 600 auf dem rotgepflasterten Vorplatz seines zweistöckigen Amtsbaus mit militärischen Ehren und klingendem Spiel: Die Hymnen ertönen, Gast und Gastgeber verneigen sich auf dem roten Sisalteppich, wenn sie es, was vorkommt, nicht vergessen, vor der Truppenfahne des Bonner Wachbataillons der Bundeswehr.

Dann schreiten beide, Seit'' an Seit'', Helmut Kohl zur Linken, sein Besucher zur Rechten, unter den Klängen des Preußischen Defiliermarsches das Spalier der Soldaten aus den drei Waffengattungen ab.

Noch bevor dieses Staatsspektakel in der nächsten Woche zu Ehren Erich Honeckers, des Vorsitzenden des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, anhebt, weiß der CDU-Politiker Ottfried Hennig, Parlamentarischer Staatssekretär im Innerdeutschen Ministerium, schon »ganz sicher«, was in vielen Menschen an jenem Montagvormittag vorgehen wird: »Die Leute werden ganz besonders zwiespältige Gefühle haben.«

Die unguten Empfindungen sind vor allem ein Problem für Westdeutschlands Konservative. »Manche« in der Fraktion der Kanzlerpartei, behauptet ihr deutschlandpolitischer Lautsprecher Eduard Lintner (CSU), hielten es nun mal für eine »unschöne Sache«, daß zur Begrüßung des Gastes aus Ost-Berlin die Ehrenkompanie aufziehe, die DDR-Hymne gespielt und die »Spalterflagge« (CSU-MdB Lorenz Niegel) mit dem Hammer-und-Zirkel-Emblem gehißt werden solle. Der Berufsvertriebene Herbert Hupka hält die Anreise des SED-Chefs gar für einen Anlaß, »Trauerbeflaggung« zu setzen.

Helmut Kohl aber, der persönlich in der Ostpolitik bisher ohne auffällige Fortüne agierte, wollte aus dem »wichtigen Ereignis« (Kohl) anfangs eine scheinbar technische und alltägliche Begebenheit machen. Um so die murrenden Deutschnationalen in den eigenen Reihen zu beruhigen, suchte der Pfälzer die erste offizielle Visite eines ostdeutschen Staats- und Parteichefs in der Bundesrepublik zu einem »ganz normalen Arbeitsbesuch« herunterzureden.

Das ist sie, natürlich, nicht. Diese Westreise des 75jährigen Honecker ist, wie der einstige deutsch-deutsche Unterhändler Egon Bahr (SPD) befindet, ein »historischer Besuch«. Für Honecker, der mit einer 200köpfigen Delegation, Jubeljournalisten inklusive, im Interflug-Jet einschwebt, bedeutet das Ende der protokollarischen Quarantäne einen beispiellosen Triumph.

Dem schmächtigen und spröde wirkenden DDR-Vorsteher werden die westdeutschen TV-Zuschauer eine tiefe innere Bewegung nicht ansehen. Aber wenn vor dem Kanzleramt die Hymne »Auferstanden aus Ruinen . . .« des ostdeutschen Staates erklingt und er aufrechten Schrittes die Ehrenkompanie der Nato-Armee abschreitet, ist der mehrfache »Held der DDR« dort angelangt, wo er hin wollte, seit er 1971 die Führung der Sozialistischen Einheitspartei von Walter Ulbricht übernahm.

Die spektakuläre Visite kommt denn auch dem Innerdeutschen Staatssekretär Ludwig Rehlinger (CDU), einem alten Fahrensmann im mühsamen deutschlandpolitischen Geschäft, »wie ein Stempel unter die Zielvorstellungen« der

DDR-Führung vor: So spektakulär ist ihr jahrzehntelanges beharrliches und zuweilen krampfhaftes Bemühen, sich als selbständiger und gleichberechtigter Staat neben der arroganten Bundesrepublik zu präsentieren, nie zuvor honoriert worden. Der Mann, der sich der organisatorischen Meisterleistung rühmt, die Mauer in Berlin gebaut zu haben, erhält nunmehr und ja wohl unwiderruflich von den vorgeblich besseren Deutschen das Siegel der Zweistaatlichkeit.

Allianzpartner und jeweilige Gegner der beiden Deutschlands werden argwöhnisch zuschauen, ob und welche Dynamik sich entwickelt, wenn sich »die Deutschen« begegnen. Wird nun die Teilung endgültig besiegelt? Oder gehen zwei unterschiedliche Partner aufeinander zu, die bei ihren Nachbarn alte Ängste wachrufen?

Oder geht es eher um Chancen, um neue Aussichten für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Ost und West?

Die Sprachlosigkeit der Großmächte ist vorüber, ein erstes Abrüstungsabkommen über die vollständige Beseitigung der atomaren Mittelstreckenwaffen greifbar nah. Die beiden deutschen Staaten sollten sich, fordert der Ost-Experte Peter Bender, als »Lobbyisten der Entspannung« betätigen, jeder in seinem Block. Die Voraussetzungen scheinen günstig: Die Berührungsängste sind verflogen - kaum je zuvor hat es so viele deutsch-deutsche Begegnungen gegeben wie in den letzten Monaten zwischen den Familien Ost und West, zwischen Sportlern und Freunden, zwischen Ministerpräsidenten und Honecker, zwischen Sozialdemokraten und Einheitssozialisten (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 27).

Und doch: Bei keinem der bisher drei offiziellen deutsch-deutschen Gipfeltreffen, 1970 in Erfurt, 1971 in Kassel und 1981 am Werbellinsee, gab es ein solches Protokoll. Daß Honecker nun als international respektierter Partner, gewissermaßen auf Weltniveau, begrüßt wird, war selbst für den CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Alfred Dregger der »notwendige Preis«, den Bonn zu entrichten hatte.

Noch 1984, als der SED-Chef die vor sechs Jahren von Kohls Vorgänger Helmut Schmidt ausgesprochene Einladung annehmen wollte, hatte Dregger, Chef der rechten »Stahlhelmfraktion«, den Besuchswilligen mit der Bemerkung abgeschreckt, die Zukunft der Bundesrepublik hänge nicht davon ab, »daß Herr Honecker uns die Ehre seines Besuches erweist«. Und Kohl hatte alles darauf angelegt, den ungeliebten Gast, inklusive Hymnen und Fahnenschmuck, von Bonn fernzuhalten und ihn in der Provinz zu bewirten.

Nun aber gibt es kein Zurück mehr: Beim fälligen Gegenbesuch wird der amtierende Bonner Kanzler die Ehrenformation der Nationalen Volksarmee (NVA) abschreiten und der DDR-Fahne

die Reverenz erweisen. Ob das Zeremoniell dann in der von Bonn nicht anerkannten DDR-Hauptstadt Ost-Berlin über die Bühne geht oder, vermutlich noch außerhalb der Metropole, ist dann nicht mehr von Belang: Ausgerechnet die CDU, deren Kanzler Konrad Adenauer den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik erfand und deren Kanzler Kurt Georg Kiesinger in der DDR das »Phänomen« entdeckte, hat nun die westdeutsche Nachkriegslebenslüge aufgegeben. In gleicher Lage hätte es wohl eine SPD-geführte Bundesregierung ungleich schwerer gehabt - sie wäre von den Konservativen verteufelt und des nationalen Verrats bezichtigt worden, hätte sie sich so pragmatisch wie jetzt die christliberale Koalition über Tabus hinweggesetzt.

Für Honecker und die SED-Führung ist dieser Besuch ein Wert an sich - ungeachtet der konkreten Resultate dieser fünftägigen Arbeitsvisite. 55 Prozent der Bundesbürger glauben, ermittelte »Infratest«, daß die DDR-Bevölkerung mehr vom Honecker-Besuch profitieren wird als die Westdeutschen; 54 Prozent begrüßen die Visite ausdrücklich, ermittelte Emnid für den SPIEGEL (siehe Graphik Seite 21).

Seit Honecker Ende 1980 das neutrale Österreich besuchte und damit seine erste Westreise machte, wurde er in den Nato-Staaten Italien, Griechenland und den Niederlanden vorgelassen. Der DDR-Vorsteher war beim Reise-Papst im Vatikan und beim greisen Tenno in Tokio. In Ost-Berlin empfing er den britischen Außenminister Sir Geoffrey Howe und 1985 den damaligen sozialistischen französischen Premierminister Laurent Fabius.

Doch verglichen mit seiner prestigebeladenen Aufwartung in der Bundesrepublik, verblassen diese Begegnungen zu bloßen »Etappen« (Außenminister Hans-Dietrich Genscher). Honecker wird seinem Wunschziel nach der nächsten Woche ein gutes Stück näher kommen - Reisen zu den ehemaligen westlichen Siegermächten. Der ostdeutsche Staatschef strebt nach London, Paris, Washington. »Wenn der erst vor dem Weißen Haus steht«, malt ein CDU-Deutschlandpolitiker aus, »wird der amerikanische Präsident, wer immer das dann ist, nur noch über unsere Wünsche nach Wiedervereinigung lachen.«

Das Ende aller Wiedervereinigungsillusionen wird schon nächste Woche beim Arbeitsbesuch des schwierigen Gastes deutlich werden. Als »Vertreter der Spaltung Deutschlands« (so Franz Josef Strauß über Honecker) wird der DDR-Vorsteher solche Blütenträume schnell zerplatzen lassen: »Man kann mit ihm über alles reden«, erläuterte sein Vertrauter, der DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, »nur nicht über die Wiedervereinigung. »

Für Honecker »ist es geradezu ein Glück, daß es zwei deutsche Staaten gibt«. Vereinigungsdispute hält er für

»überflüssig« - natürlich mit einer Ausnahme: wenn der real existierende Sozialismus in der BRD »an die Tür klopfen« (Honecker) und wider Erwarten auch freundlichen Einlaß finden würde.

Daß der gebürtige Saarländer Honecker kein Partner für gesamtdeutsche Träumereien ist, wissen selbst eingefleischte Gegner der Ostverträge in der Union.

Nur mögen sie es nicht eingestehen, weil sie lieber über Formeln streiten als über Realitäten nachdenken. So haben viele Christdemokraten, die über Jahrzehnte die Anerkennung des für sie illegitimen »zweiten Staates in Deutschland« (CDU-Jargon) bekämpften, immer noch nicht verstanden, daß die politische Öffnung der DDR bis hin zu den Reiseerleichterungen für Bürger unterhalb des Rentenalters ohne die wachsende internationale Reputation der einstigen »Soffjetzone« (Adenauer) nicht möglich geworden wäre.

Spätestens beim Besuch des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Juli in Moskau, der aus »Gründen des Komments« (Genscher) der Honecker Reise vorgeschaltet war, hat die Moskauer Supermacht den Wiedervereinigungsvisionären hierzulande eine klare Absage erteilt.

Es machte und macht ja auch keinen Sinn: Warum sollte die Sowjetmacht ausgerechnet in einer schwierigen Phase innerer Reformen den äußeren Hegemonieanspruch fahrenlassen und dem Verbündeten in Ost-Berlin - zu schweigen von den anderen - freie Hand lassen?

Franz Josef Strauß, der den ostdeutschen Staatsgast Ende nächster Woche mit einer Ehrenhundertschaft der bayrischen Bereitschaftspolizei in München willkommen heißt, gehört zu den wenigen Konservativen, die solche Realitäten ungeschminkt aussprechen. Der CSU-Chef, der vor vier Jahren den ersten Milliarden-Kredit für die DDR einfädeln half und seither im Privatjet bei Honecker einfliegen darf, mahnte Mitte August seine politischen Freunde: »Wir müssen wissen, daß wir das Wesen der DDR nicht verändern können.« 1987 stoßt Strauß damit selbst in der Union kaum noch auf Widerspruch.

Jenseits aller feierlich-verblasenen Sonntagsreden hatte Strauß schon 1966 die Realität erkannt: »Ich glaube nicht an die Wiederherstellung eines deutschen Nationalstaates, auch nicht innerhalb der Grenzen der vier Besatzungszonen.«

Deutschland-Experten im Bonner Kanzleramt entsannen sich letzte Woche des frevlerischen Satzes aus einem »Zeit«-Interview; sie suchten dem Münchner Widersacher damit eins auszuwischen: Strauß habe den Honecker-Besuch protokollarisch noch höher ansiedeln wollen. Der CSU-Chef habe gewünscht, »Honecker hier wie ein ausländisches Staatsoberhaupt zu empfangen«.

Damit den Parteirechten solche Gedanken ausgetrieben werden, haben sich die Bonner Programmplaner allerlei Mätzchen einfallen lassen. So wurde das Bonner Diplomatische Korps von Staatsessen und Empfängen ausgesperrt. Damit werde klar, behauptete Claus-Jürgen Duisberg, der Leiter des »Arbeitsstabes Deutschlandpolitik« im Hause Kohl daß das »Ereignis« (Duisberg) kein internationaler Besuch sei. Klar?

Außenminister Genscher hingegen läßt es sich nicht nehmen, seinen DDR-Kollegen Oskar Fischer, der zunächst nur mit der Innerdeutschen Ministerin Dorothee Wilms vorliebnehmen sollte demonstrativ im Gästehaus des Auswärtigen Amtes auf dem Bonner Venusberg zu empfangen - ein Novum in den Beziehungen. Bisher hatten sich die beiden deutschen Außenamtschefs reichlich oft, aber nur im Ausland getroffen.

»Beide Außenminister«, fordert Genscher-Partner Fischer, »müssen mutiger werden.« Aber wie?

Hart an die Schmerzgrenze geht etlichen Status-Fetischisten, daß Bundespräsident Richard von Weizsäcker den DDR-Gast nicht nur zum Höflichkeitsplausch sehen, sondern bei einem Mittagsmahl in der Villa Hammerschmidt bewirten will. Diese Geste geht ebenso über den Rahmen eines üblichen »Arbeitsbesuches« hinaus wie die Absicht von Strauß, Honecker mit einer Eskorte aus 15 Motorradpolizisten zu ehren. In Bonn hat der Kohl-Gast, ganz Protokoll eines Arbeitsbesuches, nur sieben weiße Mäuse vor der Staatslimousine.

Strauß weigert sich aber beharrlich. Honecker zur Kranzniederlegung in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau zu begleiten. Statt dessen schickt er seinen Stellvertreter Karl Hillermeier zum Sühnetermin. Nun überlegt Helmut Kohl, der im Wahlkampf 1987 die Gefängnisse in der _(Oben: bei der Beerdigung des ) _(sowjetischen KP-Führers Jurij Andropow ) _(in Moskau; ) _(unten: in Leipzig. )

DDR mit den KZs der Nazi-Zeit gleichsetzte, seinen Ost-Berliner Gast nach Dachau zu begleiten. Sonst könnten, fürchten Kohl-Berater, Erinnerungen an die unselige Gedenkstunde auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg aufkommen.

Für Bonner Kleinlichkeitskrämer steht fest, daß alles dies keine »Status-Bedeutung« habe und »kein neues Element in der rechtlichen Situation der Deutschlandpolitik« sei.

Als ob es darum noch ginge. Tatsache ist, daß die Bonner dem DDR-Begehren nach einem Staatsempfang mit allem protokollarischen Pomp bereitwillig nachgaben - mit Grund: »Wir nehmen das sozusagen in Kauf«, gesteht der Deutschlandpolitiker und Staatssekretär Ludwig Rehlinger freimütig, »um mehr Bewegungsraum, mehr Freiheitsrechte für die Menschen zu erreichen.«

Das gelang ja auch. Erst vor vier Wochen einigten sich die Unterhändler Rehlinger (West) und Vogel (Ost) auf einen spektakulären Agentenaustausch. Rechtzeitig wurden nach jahrelangem Gefeilsche die Abkommen über wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit, zum Informationsaustausch beim Strahlenschutz und zum Umweltschutz unterschriftsreif. Und letzten Mittwoch verkündete Kohl die Absicht, Ostbesuchern künftig 100 Mark pro Jahr aus der Bundeskasse zu zahlen.

Die DDR zeigte sich, auch aus innenpolitischen Motiven, großzügiger bei BRD-Reisen für Bürger unterhalb des Rentenalters; in den ersten sieben Monaten durften über eine Million besuchsweise in den Westen (und nur 1390 blieben für immer hier). Ost-Berlin schaffte die Todesstrafe ab und kündigte eine allgemeine Amnestie an. Die DDR setzte - angeblich für die Dauer des Honecker-Besuches - den Schießbefehl entlang der Staatsgrenze aus, die Strauß schon zuvor für »fast unblutig« erklärt hatte.

Doch niemand weiß, was aus dem Besuch wird, wenn während Honeckers Aufenthalt im Westen ein Volksarmist die Sperranlagen in Berlin überwinden sollte: Auf NVA-Flüchtlinge ist von Grenzsoldaten immer zu schießen.

Oder was geschieht, wenn in der nächsten Woche DDR-Bürger die Gunst der deutsch-deutschen Harmonie nutzen und gleich dutzendweise in der westdeutschen Vertretung an der Hannoverschen Straße Einlaß mit der Bitte um Weitertransport in den Westen begehren?

»Das Eis ist immer noch sehr dünn«, weiß Staatssekretär Rehlinger. Von normalen Beziehungen sind die beiden deutschen Staaten noch ein gutes Stück entfernt.

Manche Fortschritte - etwa in den Wirtschaftsbeziehungen oder beim Reiseverkehr - sind kaum rückgängig zu machen. Doch wie es eigentlich weitergehen soll, welche Perspektiven sich in den Beziehungen zur DDR auftun - darüber gibt es in Bonn allenfalls diffuse und zum Teil widersprüchliche Vorstellungen.

Beispiel: die Bewußtseinsspaltung der christliberalen Regenten bei der Forderung nach weiteren Reiseerleichterungen für die DDR-Bürger.

Kohl rühmt sich, er selbst habe dem SED-Chef beim Treffen während der Beerdigungsfeierlichkeiten für den Sowjetführer Konstantin Tschernenko im Frühjahr 1985 die Zusage abgerungen mehr Ostdeutsche in den Westen fahren zu lassen - mit einem »phantastischen Ergebnis« (Kohl).

Politiker der Koalition werden nicht müde, noch mehr Reisemöglichkeiten einzufordern.

Doch über die Folgen machen sich die Bonner Reiseführer nur wenig Gedanken. Bislang kommen die Touristen aus dem Osten praktisch mittellos im Westen an. Die 15 Westmark Zehrgeld, die ihnen die DDR-Behörden mit auf den Weg geben, reichen gerade für ein Frühstück oder für die erste Busfahrt zu den Verwandten. Und das Begrüßungsgeld von Bund, Ländern und Gemeinden langt für ein paar kleine Mitbringsel für die Angehörigen daheim.

Für die armen Verwandten müssen die Gastgeber in der Bundesrepublik blechen; sie kommt der häufige Verwandtenbesuch aus der DDR auf Dauer teuer. Ein rheinischer Geschäftsmann, gutsituiert, machte nach dem Besuch seiner drei Brüder aus dem Osten Kassensturz: 3000 Mark hatten ihn die Verwandten gekostet. »Wenn das so weiterläuft wie bisher«, prophezeit ein Bonner Ministerialer, »dann können sich bald nur noch Reiche Kontakte nach drüben leisten.«

Der Beamte sieht den Tag nicht mehr fern, an dem die Stimmung im Lande umschlägt: Die reiselustigen Landsleute aus Deutsch-Ost könnten bald eine Anti-Stimmung erzeugen: »Rückt die Mischpoke aus Leipzig schon wieder an?«

Wie diese Entwicklung aufzuhalten ist, darüber macht sich kaum einer Gedanken. »Wir leiden in der Deutschlandpolitik«, klagt einer ihrer Akteure, »unter Pragmatismus. Wenn ein Problem ansteht, wird es gelöst - unter größtem Druck. »

Ein CDU-Experte fordert vom Kanzler die radikale Wende: »Wenn wir diese Deutschlandpolitik wirklich weitermachen wollen, dann müssen wir sie auch finanzieren, sonst geht sie schief.«

Die Wende käme teuer. Um die westdeutschen Gastgeber wirklich zu entlasten, reichen ja die 145 Millionen Mark, die Stoltenberg fürs höhere Begrüßungsgeld berappen muß, nicht aus. Bonn müßte jedem Gast aus der DDR mindestens 500 Mark zukommen lassen. Das macht bei rund 2,5 Millionen für dieses Jahr zu erwartende DDR-Besucher 1,25 Milliarden Mark West.

Die Finanzierungsmodelle für DDR-Besucher, an denen einige Bonner Experten

derzeit arbeiten, sind zu klein gehäkelt, um echte Abhilfe zu bringen. Sie reichen von Freifahrscheinen für die Bundesbahn bis zum Vorschlag, Touristenreisen in westdeutsche Feriengebiete über DDR-Reisebüros anzubieten - gegen Ost-Mark.

Der Reiseverkehr, so die Überlegung, sollte als Dienstleistung über den innerdeutschen Handel abgewickelt werden. Die Modellrechnung sieht für den Start 50000 Acht-Tage-Reisen im Wert von jeweils 1000 Mark vor. Erwünschter Nebeneffekt: Auf diesem Ticket könnten auch Ostdeutsche reisen, die weder Verwandte noch Freunde in der Bundesrepublik haben.

Der Plan hat einen Haken: Um nicht in die Miesen zu geraten, müßte die DDR umgekehrt die Urlaubsmöglichkeiten für Westler erweitern. Das aber setzt bei dem niedrigen Standard der Urlaubsangebote in der DDR (von der Unterkunft bis zur Verpflegung) erst einmal hohe Investitionen voraus. Die Millionen, die Ost-Berlin Jahr für Jahr für Dienstleistungen und Berlin-Transit erhält, will der SED-Staat aber lieber zur technologischen Modernisierung der Industrie ausgeben. Die braucht er dringend, um auf dem Weltmarkt nicht unterzugehen.

Den zählbaren Ertrag der Honecker-Visite schätzt Rehlinger skeptisch ein: »Man muß sehen, was ein solcher Besuch freisetzen kann.« Konkret ist es wohl nicht viel.

Denn die Vorwarnung des Kanzleramtsministers Wolfgang Schäuble im SPIEGEL (35/1987), »das schwierige und delikate Ereignis« nicht mit Erwartungen zu überfrachten, richtet sich nicht nur an die eigene Adresse, sondern auch an die DDR. Honecker kann nicht damit rechnen, in der Friedens- und Abrüstungspolitik, dem für ihn wichtigsten Thema seines BRD-Besuches, auf einen dialogbereiten Kanzler zu treffen.

Kohl will partout die Deutschland- nicht mit der Sicherheitspolitik verbinden. Nach seinem (Vor-)Urteil verfügt die DDR als bloßer Sachwalter sowjetischer Interessen über keinerlei sicherheitspolitischen Handlungsspielraum.

Dabei hätte sich der Regierungschef gerade letzte Woche belehren lassen können: Auch im Kanzleramt muß registriert worden sein, daß die DDR im Unterschied zur Sowjet-Union das Problem der Pershing-1A-Raketen der Bundeswehr politisch nicht hochspielte.

Ost-Analytiker sind sicher, daß Honecker nicht nur seine Reise von Belastungen freihalten wollte. Es habe sogar Signale der DDR-Führung an Moskau gegeben, die Pershing-Debatte werde sich - wie geschehen - von selbst erledigen. Pressionsversuche würden die Sache nur erschweren.

Und es gab noch einen Grund für Honeckers Verhalten: Er wollte die Moskauer Drohung unterlaufen, falls Bonn sich störrisch zeige, würden der DDR oder der UDSSR Raketen mit atomaren Sprengköpfen unter sowjetischer Kontrolle nach dem Zwei-Schlüssel-Modell der Pershing-Oldies angedient. Schließlich war es Honecker, der vom atomaren »Teufelszeug« sprach, das vom Territorium der DDR verschwinden sollte. Auch hatte er nach der Raketenstationierung 1983 zu einer Politik der »Schadensbegrenzung« aufgerufen und sich damit den Unwillen der Sowjets zugezogen.

Von einem solchen deutsch-deutschen Techtelmechtel unterhalb der Supermacht-Etage wollte und will Kohl nicht viel wissen. Immerhin fand er sich bereit, im März 1985 mit Honecker in Moskau eine Erklärung zu unterschreiben, von deutschem Boden dürfe »nie wieder Krieg kommen, von deutschem Boden muß Frieden ausgehen«.

Dieses Dokument betrachtet die DDR seither als ein Gütesiegel über den Grundlagenvertrag von 1972 hinaus. Bereits dort hatten sich die beiden deutschen Staaten in Artikel 5 verpflichtet, friedliche Beziehungen zwischen den europäischen Staaten (zu) fördern« und die »Bemühungen um eine Verminderung der Streitkräfte und Rüstungen in Europa« zu unterstützen.

Aber außer gelegentlichen Treffen der Abrüstungsbeauftragten beider Deutschlands und der Delegationsleiter bei internationalen Abrüstungskonferenzen blieb diese Verpflichtung aus dem Grundlagenvertrag seit der Bonner Wende unausgefüllt. Ex-Unterhändler Bahr: »Sie ist mehr als nur ein Auftrag zu bloßen Konsultationen.« So sieht es auch FDP-Außenminister Genscher. Er erinnerte Mitte August, ohne Kohl namentlich zu erwähnen, an Versäumnisse, die nun ausgeräumt werden sollten: _____« Es muß deutlich werden, daß beide deutschen Staaten » _____« entschlossen sind, ihre Beitrage zur Verbesserung des » _____« West-Ost-Verhältnisses und zu Abrüstung und » _____« Rüstungskontrolle zu leisten. »

Genschers Aufruf wurde von DDR-Medien nachgedruckt. Im Kanzleramt blieb seine Mahnung ohne Widerhall.

Dort liegt, bis heute unbeantwortet ein vertrauliches »Non Paper«, das DDR-Außenminister Fischer im März Kohls Amtsmeier Wolfgang Schäuble mitgegeben hatte. In fünf Punkten sind »gemeinsame oder parallele Schritte der DDR und der BRD« aufgeführt, darunter als wichtigster die - von der Kohl-Regierung bereits verworfene - »Idee eines atomwaffenfreien Korridors in Mitteleuropa«.

Laut Genscher wäre aber denkbar, daß Bonn und Ost-Berlin sich gemeinsam Gedanken über die Kontrollen beim Abbau der Mittelstreckenraketen oder der chemischen Waffen machen.

Doch Schäuble blockt im Sinne seines Chefs ab: »Die Deutschlandpolitik wäre verloren, wenn sie sich darauf einließe, westliche Kernpositionen in der Sicherheit gegen kurzlebige humanitäre Konzessionen einzutauschen.«

Von einer »systemöffnenden Kooperation«, die Bundespräsident von Weizsäcker im Vorfeld seiner Moskau-Reise anmahnte, will Helmut Kohl in der Tradition Adenauers nichts wissen. Die herrschenden Christdemokraten betonen, wenn es um politische Perspektiven geht, lieber das Trennende. Kohl hat keine Ambitionen, politische Spielräume, die zwischen den beiden deutschen Staaten ja durchaus liegen, wenigstens zu betreten.

Trotz neuer Rekordzahlen im Reiseverkehr, trotz freundlicherer Umgangsformen an der Grenze und zwischen den Politikern, in der Deutschlandpolitik wollen die Konservativen beim Bewährten bleiben, das doch schon bis 1966 den beiderseitigen Umgang lähmte - beim Status quo.

Das läßt den ehemaligen Bonner Vertreter in Ost-Berlin, Klaus Bölling, zur Prophezeiung kommen: »Am Tag nach der Verabschiedung des Gastes wird die Welt der Deutschen nicht anders aussehen.«

[Grafiktext]

VOLKSMEINUNG ÜBER HONECKER NEGATIV, ÜBER SEINEN BESUCH POSITIV Zum Besuch des Staats- und Parteichefs Erich Honecker in der Bundesrepublik Anfang September befragte Emnid 2000 Bundesbürger und stellte drei Antworten zur Wahl. Von je 100 Bundesbürgern erklärten: »Begrüße den Besuch« »Der Besuch ist mir egal« 54 39 »Bedaure den Besuch« 6 Für die Antwort »Begrüße den Besuch« entschieden sich von je 100 Wählern der CDU/CSU FDP SPD Die Grünen 47 72 57 61 Die EMNID-Interviewer nannten außerdem die Namen von sechs Partei-,Staats- oder Regierungschefs (je drei östlichen und westlichen) und baten, jeweils anhand einer Skala mit Werten von plus 5 ("sehr sympathisch") bis minus 5 ("sehr unsympathisch") anzuzeigen, was die Befragten von diesen Politikern halten. Es ergaben sich als Mittelwerte für Michail Francois Margaret Gorbatschow Mitterrand Thatcher (Sowjet-Union) (Frankreich) (Großbritannien) 1,7 1,5 0,5 Ronald Reagan Erich Honecker Wojciech Jaruzelski (USA) (DDR) (Polen) 0,4 -1,4 -2,1 Von 100 Bundesbürgern entschieden sich, als nach Honecker gefragt wurde, für den Wert (zum Vergleich die entsprechenden Werte von Gorbatschow) -5 -4 -3 -2 -1 1 2 3 4 5 15 9 13 15 15 16 8 6 1 - 3 1 4 4 7 17 22 22 10 9 Milliarden für die DDR? Eine weitere Frage war den Krediten aus der Bundesrepublik für die DDR gewidmet. Die Befragten wurden daraufhingewiesen, daß es in der Vergangenheit Kredite in Milliardenhöhe gab, und sie sollten sich darüber äußern, wie künftig verfahren werden solle. Von 100 Befragten sind Grundsätzlich für grundsätzlich dagegen Kredite an die DDR 22 11 nur dann dafür, wenn es im Gegenzug menschliche Erleichterungen gibt 65 »Denk ich an Deutschland..« Emnid wiederholte eine Frage, die 1979 die Forschungsgruppe Wahlen gestellt hatte: »Wenn von Deutschland die Rede ist, was ist das für Sie: Die Bundesrepublik, die Bundesrepublik und die DDR oder das ehemalige Deutsche Reich? Es antworteten (in Prozent, zum Vergleich die Ergebnisse von 1979). »Deutschland ist für mich ...die Bundesrepublik« 1979 57 1987 57 ... die Bundesrepublik und die DDR« 1979 27 1987 32 ... das ehemalige Deutsche Reich« 1979 11 1987 11

[GrafiktextEnde]

Oben: bei der Beerdigung des sowjetischen KP-Führers Jurij Andropowin Moskau;unten: in Leipzig.

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