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GENSCHER-REISE Ganz lange Zunge

Im fernen Südamerika entdeckte Außenminister Genscher, was er auch für einen innenpolitischen Knüller hält: die Vision vom weltweiten Engagement der Bundesrepublik.
aus DER SPIEGEL 48/1975

Hoch über dem Titicaca-See, beim Flug von Rio de Janeiro nach Lima. verteilte Hans-Dietrich Genscher im Gespräch mit seinen Reisebegleitern die Welt. Den USA und Japan wies er Asien als Einflußsphäre zu. die Bundesrepublik, vom Bonner Außenminister wie selbstverständlich in einer Reihe mit der westlichen Supermacht genannt, soll sich als »geborener Partner um die Mittelmeeranrainer in Südeuropa. Nahost und Nordafrika. um Schwarzafrika und Lateinamerika kümmern.

Bonn, so dozierte der AA-Chef, müsse als Führungsmacht Europas überall dort einspringen, wo die Amerikaner, Briten und Franzosen in der Dritten Welt aus ihren angestammten Positionen verdrängt werden.

Animiert von den Eindrücken aus einem unbekannt-exotischen Kontinent, bei Begegnungen mit dem rechtsautoritären Militärregime Brasiliens, der linken Generalsdiktatur in Peru und der Präsidialdemokratie im hochkapitalistischen Venezuela, übte sich der Deutsche als Weltpolitiker. Sein Rezept: die Bundesrepublik -- Statthalter des Westens in der Dritten Welt und Bannerträger der freien Marktwirtschaft, deren Nutzen für die Lösung aller Weltwirtschaftsprobleme Genscher bei keiner Zwischenlandung zu erwähnen vergaß.

Bei der Überwindung des Nord-Süd-Konflikts zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern sollen, so die Doktrin des Freidemokraten, deutsches Kapital und deutsches Know-how die Entwicklungsländer fähig machen zum Aufbau eigener Industrien. Arbeit und Brot für die unruhigen Massen Afrikas und Lateinamerikas, das sei Bonns wertvoller Beitrag gegen die Expansion des Kommunismus. »Die Bundesrepublik, sagt Genscher, »wächst zwangsläufig in eine weltpolitische Rolle.«

Das Konzept von neuer deutscher Weltgeltung hat für den FDP-Vorsitzenden auch einen innenpolitischen Be-Zug. Nach anderthalb Außenministerjahren glaubt Genscher nun das Thema gefunden zu haben, durch das er sich dem Wähler einprägen und mit dem Weltwirtschaftspolitiker Helmut Schmidt gleichziehen kann.

Er traut sich zu, den Bundesdeutschen ein gewandeltes Verständnis für die Dritte Welt zu vermitteln und ihnen klarzumachen, daß sie künftig »Verzicht auf eigenes Einkommen« leisten müssen -- im eigenen Interesse. Der Liberale: »Wir müssen unsere Öffentlichkeit reif machen für die Überwindung einer kleinkarierten, fast deutschnationalen Politik.«

Zugleich hofft Genscher, seiner FDP mit solchen Ideen das Image einer Fortschrittspartei zu erhalten, zumal die Freidemokraten nach seiner Ansicht »das Wählerpotential haben, das das am ehesten versteht«.

Die außenpolitische Tauglichkeit seines Plans wollte Genscher vor allem in Brasilien überprüfen, das ihm als »Schwellenmacht zum Industriestaat« (AA-Definition) als Testobjekt besonders geeignet scheint. Das Regime des deutschstämmigen Generals Ernesto Geisel versucht sich mit Macht aus der alten Abhängigkeit von Washington zu lösen und hält in Europa nach potenten Partnern für seine ehrgeizigen Industrialisierungspläne Ausschau.

Die Bundesrepublik gilt den Brasilianern als erste Wahl, denn die Deutschen halten im volkreichsten Staat Südamerikas (über 100 Millionen Einwohner) in der Rangliste ausländischer Investoren hinter den USA den zweiten Platz. Mehr als 500 westdeutsche Unternehmen produzieren bereits im Lande. Friedrich Wilhelm Christians, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und gemeinsam mit anderen Wirtschaftsgrößen in Genschers Begleitung, schätzt die Summe der westdeutschen Anlagewerte auf mittlerweile vier bis viereinhalb Milliarden Mark.

Erst recht als Schlaraffenland für Exporteure gilt Brasilien, seit es der deutschen Wirtschaft den fettesten Ausfuhrauftrag ihrer Geschichte versprochen hat: den Bezug von acht Kernkraftwerken samt Zusatzeinrichtungen im Wert von mindestens zwölf Milliarden Mark.

Politisch ist das Atomgeschäft nicht ohne Sprengkraft. Um den Vorwurf zu entkräften, Brasilien könne mit deutscher Hilfe künftig Atombomben bauen, machte die Bundesregierung ihre Zustimmung von einem Abkommen zwischen Bonn, Brasilia und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien abhängig, das regelmäßige Überwachungen durch IAEO-Inspektoren garantieren soll.

Damit geriet die Bundesregierung unversehens in Konflikt mit der verzwickten brasilianischen Innenpolitik. Denn starke nationalistische Gruppen fordern nun von der Regierung Geisel, sie müsse, um den Großmachtanspruch Brasiliens zu wahren, die Option für den Bau der Bombe offenhalten.

Unmittelbar nach Genschers Abflug reiste eine Bonner Expertendelegation an, die in Brasilia die dreiseitige Übereinkunft aushandeln soll. Prompt verbreiteten »gut unterrichtete Kreise« (Nachrichtenagentur Reuter), Brasilien werde sich gegen jede Verabredung wehren, die IAEO-Mitarbeiter jederzeit ins Land lasse. Setzen sich die Kontrollgegner durch, wäre das Atomgeschäft gefährdet, und Genscher, der die Nuklear-Allianz mit den Südamerikanern befürwortet, müßte erkennen, daß sich die Vision vom weltweiten Engagement der Bundesrepublik leichter entwickeln als durchsetzen läßt.

Auf seinem Südamerika-Trip konnten derlei Widrigkeiten die gute Laune des Bonner Chefdiplomaten nicht beeinträchtigen. Da sonnte er sich, zwischen Rio und Lima, im Gefühl, den großen Wurf gelandet zu haben. Bankier Christians: »Dem Genscher macht das richtig Spaß, der kriegt eine ganz lange Zunge.«

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