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VERLAGE »Ganz oder gar nicht«

Mathias Döpfner, 39, Vorstandschef des Axel Springer Verlags, über die Nachbeben der Kirch-Pleite und das Ende seiner TV-Pläne
aus DER SPIEGEL 52/2002

SPIEGEL: Als Sie vor einem Jahr Ihren Job antraten, starteten Sie gleich einen Angriff auf Ihren Großaktionär Leo Kirch. Den sind Sie nun los. Nebenbei haben Sie die größte Medienpleite der Bundesrepublik mit ausgelöst. Steckte hinter Ihrem Kampf ein großer Plan, oder war es Anfängerglück?

Döpfner: Wir haben diese Insolvenz nicht ausgelöst, aber wir hatten eine vertraglich abgesicherte Forderung an Kirch, die damals fällig wurde. Daraus entstand ein Konflikt, der entschieden werden musste. Dabei war es nie unsere Absicht, Kirch aus dem Verlag zu drängen. Dass die Auseinandersetzung am Ende in unserem Sinne ausging, ist ein Befreiungsschlag für dieses Unternehmen.

SPIEGEL: Das müssen Sie uns erklären. Von den fast 800 Millionen Euro, die Sie damals von Kirch für den Springer-Anteil an der ProSiebenSat.1 Media AG kassieren wollten, werden Ihnen die Insolvenzverwalter doch allenfalls einen Bruchteil überweisen.

Döpfner: Erstens: Den 11,5-Prozent-Anteil an der Senderfamilie besitzen wir immer noch. Wir haben uns während der Verhandlungen nie unter Druck setzen lassen und gehören deshalb zu den ganz wenigen Beteiligten, die im Zuge der Kirch-Insolvenz nicht verloren haben. Zweitens: Die Rechtmäßigkeit unserer Forderung ist gerade ohne Wenn und Aber vom Gericht bestätigt worden. Außerdem haben wir jetzt noch eindeutigere Mehrheitsverhältnisse als zuvor. Das gibt dem Verlag Ruhe und die Möglichkeit, sich wieder nur auf den Markt zu konzentrieren.

SPIEGEL: Ihre TV-Strategie glich bislang einem Slalomkurs: Mal sollte Springer ganz groß einsteigen, nun wieder will man sich sogar von Produktionsfirmen wie Schwartzkopff TV trennen.

Döpfner: Unsere Strategie war von Anfang an: Wir machen Fernsehen ganz oder gar nicht. Und wir machen es nur, wenn die Konditionen stimmen und die Risiken überschaubar sind. Jetzt sind durch die konjunkturelle Gesamtlage die Risiken eher größer geworden. Hinzu kommt: Nach monatelangen Verhandlungen mit den Insolvenzgeschäftsführern sehen wir kein Ergebnis, das uns zu einem Aufstocken der Anteile veranlasst. Wenn das so bleibt, dann ist die Entscheidung gefallen. Wir werden uns künftig ganz auf unser Kerngeschäft konzentrieren: Printmedien und das, was man auf digitalen Vertriebswegen daraus machen kann.

SPIEGEL: Ihre Flaggschiffe »Bild« und »Bild am Sonntag« leiden unter Auflagenrückgängen.

Döpfner: Beide sind journalistisch und wirtschaftlich kerngesund. »Bild« erreicht heute mit über zwölf Millionen Lesern mehr Menschen als je zuvor. Auch die Vertriebserlöse steigen seit zwei Jahren deutlich. Was zählt, ist rentable Auflage.

SPIEGEL: Von den Profiten der WAZ-Gruppe, die im Sommer bei Ihnen einsteigen wollte, ist Springer weit entfernt. Woran liegt das?

Döpfner: Wir hatten lange viel zu hohe Kosten. Und ein Portfolio, das etliche unprofitable und strategisch unwichtige Beteiligungen durchschleppte. Das waren unsere Hauptdefizite. Alarmierend war, dass Springer selbst in den Boomjahren keine zufrieden stellenden Zahlen ablieferte. Deshalb war der Handlungsbedarf in einem Krisenjahr wie 2002 umso größer. Wir haben 15 Aktivitäten verkauft und 16 Objekte eingestellt. Außerdem haben wir den bis Ende 2003 geplanten Personalabbau um zehn Prozent schon jetzt, also in der Hälfte der Zeit, fast vollkommen geregelt. Das bedeutet: Die Erlöse sind zwar weiter rückläufig, aber die Kosten sinken noch schneller.

SPIEGEL: Erst wollten Sie die WAZ nicht als Partner, dann wollte Michael Ringier Sie nicht. Ihr Plan, sich mit dem Schweizer Verleger zu verbünden, scheiterte im Herbst. Woran lag's denn nun?

Döpfner: Michael Ringier stellt sich seit mehreren Jahren die Frage, ob er sein Unternehmen in einen größeren Verbund einbringen möchte. Am Ende wollte er noch nicht loslassen. Ich kann das sehr gut verstehen. Wir sind in sehr freundschaftlicher Atmosphäre auseinander gegangen - so dass man jederzeit wieder miteinander sprechen kann.

SPIEGEL: Der Umgang mit Bankern und Insolvenzverwaltern scheint Ihnen inzwischen vertraut. Als Verleger aber konnten Sie sich bislang nicht profilieren.

Döpfner: Die erste Priorität des Vorstands ist der wirtschaftliche Erfolg und damit die Wertentwicklung des Unternehmens. Da sind wir noch lange nicht dort, wo wir sein möchten. Im Übrigen bedeutet »verlegerische Profilierung« ja nicht, Geld auszugeben, sondern mit guten Produkten Geld zu verdienen. Und die aktuelle Krise ist eine gute Zeit für kreative und neue Blätter ...

SPIEGEL: ... die doch meist große Entwicklungs- und Einführungsbudgets verschlingen, die auch Sie nicht mehr haben.

Döpfner: Genau das ist der Denkfehler. Wir brauchen nicht mehr große Marketing-Budgets, sondern eine innovative Experimentalkultur: kreativ, schnell, marktorientiert. Und Gespür für den Geist der Zeit. Der wird ernsthafter und spielerischer zugleich. Hier die Ablenkung durch pralle Unterhaltung, dort die Orientierung durch intellektuelle Substanz. Die sechziger Jahre hatten den »Stern«, die siebziger die »Zeit«, die achtziger die »Süddeutsche« und die neunziger »Max« und »Fit for fun«. Wer wird Anführer einer neuen Bewegung in Berlin?

SPIEGEL: Vorher müssen Sie sich noch einer Sonderprüfung erwehren, die auch Ihre Doppelrolle als Vorstandschef und Vertrauter von Verlagserbin Friede Springer untersuchen soll.

Döpfner: Auf diese Untersuchung freuen wir uns, damit die realitätsfremden Vorwürfe auch offiziell entkräftet werden.

SPIEGEL: Nervt es Sie mittlerweile, immer wieder über Ihr arg familiäres Verhältnis zu Frau Springer lesen zu müssen?

Döpfner: Neu ist: Es nervt nicht mehr.

INTERVIEW: FRANK HORNIG, THOMAS TUMA

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