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»Ganz schön kaputt sieht das alles aus«

DDR-Jugendszene (II): Umweltschützer und Künstlernachwuchs / Von Peter Wensierski und Wolfgang Büscher *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Abends, auf einer Fete bei Sally in Berlin-Mitte. 50 Leute stehen dicht gedrängt oder lagern auf alten Matratzen und selbstgezimmerten Sperrholzmöbeln. Ein Raum, eine Küche, Hinterhaus, zwei Treppen, Außenklo. Jemand sammelt Geld, um unten aus der Kneipe Bier zu holen. In der Küche steht ein Schmalztopf, mehr gibt''s nicht.

Es werden Zettelchen verteilt, ein Datum steht drauf, Uhrzeit und drei Treffpunkte. »Fahrraddemo«, erklärt einer, »wir teilen uns diesmal gleich auf drei Orte auf, damit wir ungestört durchkommen. Von Norden, von Osten und von Süden geht''s Richtung Stadtmitte.«

Die Behörden versuchen mit allerlei Tricks, solche organisierten Demos zu verhindern (siehe Kasten Seite 118).

Fahrradfahren ist auch in der DDR Markenzeichen für Umweltbewußtsein geworden. Alte Räder stehen hoch im Kurs, neue sind nur schwer zu bekommen - die SED hat das neue Bedürfnis nicht vorausgeplant. Fast überall in den Städten fehlen Radwege, obwohl viele auf das Fahrrad angewiesen sind: Auf ein Auto der Marke »Trabant« müssen DDR-Bürger etwa zehn Jahre lang warten.

Ein 50jähriger Vater berichtet: Seine Tochter sei jetzt 18, sie habe »keinen Bock«, schon jetzt ein Auto zu bestellen, sie wolle ihr Leben nicht auf acht Jahre im voraus planen. Im übrigen könne sie ohnehin auf einen qualmenden Trabi oder Wartburg verzichten, denn »die verpesten bloß unsere Luft«; und mit dem Geld lasse sich vieles verwirklichen, das ihr mehr Spaß mache.

Ihre Freundin will mit Gesinnungsgenossen eine Öko-Gruppe aufmachen. Einer sammelt seit Monaten die einschlägigen Berichte aus den volkseigenen Zeitungen. Thomas: »Das ist herzlich wenig, wenn auch wesentlich mehr als früher. Wenn von oben nichts kommt, müssen wir eben selbst was machen.«

Thomas hatte schon mal Ärger mit dem Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei. Im Hofdurchgang hing eines Tages ein Plakat: »Bürger schützt Eure Steige!« Darunter eine Photo-Serie, die unwirtliche Ost-Berliner Bürgersteige zeigte. Dieses Öko-Poster gibt es zwar gelegentlich auf FDJ-Veranstaltungen zu kaufen, im Hausflur war es jedoch unerwünscht.

Zweimal wurde es säuberlich abgekratzt, dreimal wieder angepappt. Dann blieb es hängen. Im Briefkasten von Thomas lag jedoch eines Morgens ein Schreiben: »Klärung eines Sachverhalts. Melden Sie sich am ...« Im Polizeirevier argumentierte er drei Stunden lang. Er erzielte einen Teilerfolg: Aus dem Hausflur mußte das Plakat verschwinden, aber am Fenster seiner Ladenwohnung durfte er es aushängen.

Meinungen über Ökologie werden nicht nur auf verräucherten Festen ausgetauscht, schon lange nicht mehr _(Links und oben: in Bitterfeld; unten: im ) _(Erzgebirge. )

nur hinter vorgehaltener Hand geäußert. Wer durch die Altbauviertel von Leipzig, Ost-Berlin oder Dresden geht, kann die Signale sehen: bemalte Fensterscheiben; Regenbögen und Wolken am blauen Himmel auf den Balkonen; Bäume, Blumen, Wiesen und Sonnenschein auf einst grauen Hofmauern.

Umweltpostkarten verkaufen sich in der Szene gut. Sie werden nicht nur bei kirchlichen Veranstaltungen gezeigt, selbst beim Pressefest des SED-Zentralorgans »Neues Deutschland«, im FDJ"Haus der jungen Talente« oder beim Festival »Rock für den Frieden« im Ost-Berliner Palast der Republik wurden sie angeboten.

Das Medium Postkarte zeigt, worum es den engagierten Öko-Freunden geht: Sie wollen im direkten Kontakt mit den Bürgern Denkanstöße geben, Aufklärungsarbeit leisten.

Vor vier Jahren wurden kirchlich engagierte Jugendliche in Schwerin zum ersten Mal konkret: Sie baten den volkseigenen Betrieb VEB Grünanlagen um Unterstützung für eine Baumpflanzaktion in einem kahlen Industrieviertel. Beim ersten Mal waren 50 Jugendliche dabei, beim zweiten Mal 100, später über 200. Das Beispiel hat überall in der DDR Schule gemacht.

»Als wir im November 1979 erstmals über eine Baumpflanzaktion in Schwerin berichteten, dachte wohl noch niemand daran, daß einmal eine ganze Reihe christlicher Umweltschutzgruppen entstehen würde«, resümierte die »Mecklenburgische Kirchenzeitung« im Mai dieses Jahres. »Ein Treffen aller Öko-Gruppen«, berichtete das Blatt weiter, sei erstmals im April 1983 in Wittenberg zustande gekommen. Über 30 Abgesandte waren von selbständig arbeitenden Öko-Gruppen in Rostock, Potsdam,

Berlin, Rötha, Leipzig, Dresden, Jena-Neulobeda, Karl-Marx-Stadt und Naumburg geschickt worden.

Auf einer Serie regionaler Kirchentage traten Öko-Freunde mit Informationsständen und Broschüren auf, die Podiumsdiskussionen über Luftverschmutzung in den Braunkohlegebieten um Halle und Leipzig, über das Waldsterben im Erzgebirge hatten großen Zulauf (SPIEGEL 30/1983).

Besonders rege sind Öko-Gruppen in Mecklenburg. Sie protestieren gegen den Bau einer neuen Autobahn, die bei Ludwigslust von der Strecke Hamburg-Berlin abzweigen und Schwerin mit der Küstenstadt Wismar verbinden soll.

Die Umweltschützer vermuten, daß Wismar als zweiter Schwerpunkthafen neben Rostock ausgebaut werden soll, damit die DDR weniger als bisher vom polnischen Ostseehafen Szczecin (Stettin) abhängig ist.

Die neue Trasse, so die Kritik der Öko-Gruppen, würde die Erholungsgebiete um den Schweriner See zerteilen. »Schon der Bau der Hamburg-Autobahn war ökologisch für diese Region absolutes Gift«, meint Bernd aus Schwerin bei einem Spaziergang am Müritzsee.

Er hat an einer Fahrraddemo teilgenommen, die entlang der geplanten Trasse von Schwerin aus durch mehrere Dörfer führte. »Dabei sind wir mit vielen Leuten ins Gespräch gekommen. Die hatten keinen blassen Schimmer, was hier passieren soll.« Die Initiative fordert von den Behörden deshalb mehr Information über die Planung.

Am ersten Juni-Wochenende luden die Mecklenburger aufs neue zur Fahrraddemo. Diesmal hatten sich etwa hundert Öko-Freunde aus anderen Regionen, die meisten aus Ost-Berlin, angesagt. Das war den Behörden zuviel. Wer per Fahrrad anreisen wollte, wurde schon am Bahnhof als Demonstrant identifiziert und festgenommen. Zwei Dutzend sammelten sich schließlich am verabredeten Ort.

Doch wenn es um Umweltschutz geht, verwischen sich die Grenzen zwischen Staatsverächtern und braven Bürgern.

Der Förster im Spreewald, der Jugendgruppen durch sein Revier führt, freut sich: »Ökologie mach'' ich schon seit 20 Jahren.« Das Leipziger Ehepaar, das mit den Kindern am Sonntag durch den Connewitzer Forst spaziert, wird gleich zweifach mit zerstörter Natur konfrontiert. Mitten durch das Wäldchen führen eine lärmende Straße und das Flüßchen Pleiße, auf dem häßliche gelblich-weiße Schaumberge treiben.

Der Vater erklärt den Kleinen, daß das Zeug im Fluß »Phenol« heiße. Die Mutter zerrt den vorwitzigen Sprößling vom Ufer zurück und erzählt zum zehntenmal die Geschichte von der alten Frau, die neulich in den Fluß gefallen und tot wieder rausgezogen worden ist: Sie sei nicht ertrunken, sondern am Gift gestorben.

Die SED hat 1980, um den Unmut zu kanalisieren, die »Gesellschaft für Natur und Umwelt« gegründet. Sie ist vor Ort meist nach dem üblichen Kaderplan aufgezogen: Die Partei legt fest, welche Genossen und Fachleute den Verein aufziehen sollen. Dann wird an die SED-Bezirksleitung gemeldet, die politische Arbeit sei nun erfolgreich auch auf den Bereich Umweltschutz ausgedehnt worden. Danach herrscht meist wieder Funkstille: Die oft drei- oder vierfach organisierten Mitglieder haben anderweitig dringende Verpflichtungen.

Das ist nicht überall so: In Leipzig oder Rostock etwa leistet die Umweltgesellschaft nützliche Arbeit. Kritische Geister, gesellschaftspolitisch Interessierte finden sich in der DDR eher bei den Natur- als bei den ideologiebefrachteten Sozialwissenschaftlern. Ein Potential engagierter Fachleute ist bereit, sich, je nach Präferenz, bei der Kirche oder in der staatlichen Umweltgesellschaft zu betätigen. Die kirchlichen Öko-Gruppen haben deshalb selten Schwierigkeiten, Referenten für Diskussionsabende zu finden.

So schätzen etwa die Rostocker kirchlichen Umweltschützer die Bemühungen der örtlichen SED-Umweltgesellschaft recht positiv ein: »Die setzen sich für ganz konkrete Sachen ein, Aufforstung, Grünanlagen und so.« Dafür arbeiten auch die christlichen Grünen: »Unser Projekt sind 700 Bäume an der Autobahn. Die haben wir selbst gepflanzt und hochgepäppelt.«

Solche Aktionen zum Anfassen gehen einigen kirchlichen Umweltschützern

nicht weit genug. Einer der Wortführer ist der religiöse Ökologe und Leiter des kirchlichen Forschungsheims Wittenberg, Peter Gensichen. Er gibt ein unregelmäßig erscheinendes Umweltinfo heraus und rief dieses Jahr zum Fasten zwischen Aschermittwoch und Ostern auf. Sein Fastenbrief, den etliche DDR-Kirchenzeitungen druckten, enthielt detaillierte Vorschläge zum Verzicht auf Fleisch, Kaffee und Alkohol. Gensichen will damit die Bürger zur »Einübung in einen einfacheren Lebensstil« bringen.

Anderen Umweltfreunden ist das viel zu idealistisch. Ein Ost-Berliner Theologiestudent: »Das schmeckt nach Kasteiung und Entsagung.« So könne man den Leuten nicht kommen, ein alternativer Lebensstil solle doch schließlich Spaß machen.

Spaß contra Beton ist die Handlungsachse eines neuen Films, der zwei Jahre unter Verschluß gehalten wurde und nun in den volkseigenen Kinos gezeigt wird: »Insel der Schwäne« - Regie Hermann Zschoche, Drehbuch Ulrich Plenzdorf, gedreht von der DDR-Filmgesellschaft Defa. Der Film war nicht durch die Abnahme gekommen, ein Lied, gesungen von Kindern des Ost-Berliner Neubauviertels Marzahn ("Das kommt davon, das kommt davon, jetzt hab''n wir den Beton"), mußte herausgeschnitten werden. Doch im wesentlichen blieb die Geschichte eines 13 Jahre alten Jungen erhalten, der mit seiner Familie vom Land ins Stadthochhaus zieht.

Das Betonviertel Marzahn kommt dabei nicht gut weg. Die Kinder und Jugendlichen, die in dem Film beschrieben werden, wollen sich nicht mehr wie selbstverständlich anpassen: Sie schleudern den Planierraupen, die ihren Spielplatz plattwalzen wollen, die Brocken entgegen. An das Hausmitteilungsbrett pappen sie, ohne Genehmigung, ein Plakat: »Wir wollen keinen Beton, sondern Tunnel und kleine Wiesen ...« Als sie zum Schluß nicht den versprochenen neuen Abenteuerspielplatz, sondern eine zubetonierte Fläche vorfinden, beginnen sie ihr Werk der Zerstörung.

Der Film läuft weiter in der DDR - und hat Kontroversen provoziert: Das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« nannte ihn einen »Kahlschlag gegen die typischen sozialistischen Züge unseres Lebens«. Die Ost-Berliner Zeitung »Der Morgen« dagegen war voll des Lobes für die »Insel der Schwäne«. Bei einer Vorführung in Leipzig spalteten sich die Besucher des FDJ-Clubs in zwei Lager. Die einen fanden »alles untertrieben«, denn es sei »ja wohl noch viel schlimmer in solchen Vierteln«. Die anderen bezichtigten den Film der Einseitigkeit.

In mehreren DDR-Zeitungen erschienen, einen Monat nach Anlaufen des Films, wie auf Bestellung ganzseitige Reportagen über die Vorzüge des Wohnens in Neubauvierteln. Das FDJ-Blatt »Junge Welt« druckte ein Dutzend Leserbriefe ab. Tenor: »Der Film wirft mit Betonbatzen nach uns! Warum erfindet die Defa eine kaputte Welt? Neubauwohnungen sind doch prima! Man muß doch über alles sprechen, nicht Plakate malen oder irgend etwas kaputtmachen. Wohin soll denn das führen?« Wohin das führt, hat ein 17jähriger für einen Plakatwettbewerb zum Thema Umwelt im thüringischen Gotha beschrieben. Er schlägt auf seinem Poster den volkseigenen Betonwerken in Schönheidau ein ironisches Alternativprogramm vor: Einfach alles zubetonieren, dann ist wenigstens alles schön ordentlich.

Schön ordentlich, so wollen es die Erwachsenen haben. Sie pochen auf ihren Lebensstandard im Wohlstandssozialismus, sie führen den aussichtslosen Konsumwettlauf mit dem Westen immer weiter. Jahrelang hat ihnen die SED jede Eigeninitiative ausgetrieben - Staat und Partei werden''s schon richten.

Freiwilliges gesellschaftliches Engagement ist in dieser Generation selten _(Oben: in Gotha; unten: Ost-Berliner ) _(Viertel Marzahn. )

geworden. Anecken erscheint als zu riskant, Anpassung an Behörden und Organisationen sichert das friedliche Leben am besten.

Dabei könnte Bürgerprotest von unten gegen Maßnahmen der mittleren und unteren Verwaltungsebenen produktiv und damit auch für SED-Funktionäre interessant sein. »Ohne Berücksichtigung der neuen Impulse von unten«, meint ein 42jähriger Uni-Assistent, »hat die traditionelle SED-Politik no future.«

Die DDR hat Bürgerbeteiligung durch verschiedene Gesetze ermöglicht, die SED läßt kaum eine Gelegenheit ungenutzt, die sozialistische Demokratie als der kapitalistischen weitaus überlegen darzustellen. Doch dort, wo am Schreibtisch die Mitarbeit sogenannter bürgernaher Massenorganisationen eingeplant wird, da wird sie auch erstickt. Spontaneität und Eigeninitiative geraten schnell in Verdacht.

Dennoch entwickeln vor allem junge Leute mehr Sinn für Mitsprache, die Behörden merken es an einer Flut von Eingaben. Eine Expertin im Ost-Berliner Umwelt-Ministerium: »Es mußten sogar neue Sachbearbeiter eingestellt werden.«

Der Ost-Berliner Professor Hanfried Müller fordert die Generation, die der heutigen DDR ihr Gesicht verpaßt hat, zu selbstkritischer Reflexion auf: »Haben wir vielleicht manchen unter unserer Jugend im Lernen überfordert und im Denken unterfordert, um den Preis, daß er nicht verstehen konnte, was er gelernt hatte? Haben wir einigen von ihnen materiell zu viel geboten und ideell zu wenig, so daß sie nun über ''Wohlstand'' klagen und zugleich Mangelerscheinungen an Bewußtsein und Charakter zeigen? Haben wir selbst zuweilen zu früh gemeint, nach unseren Kämpfen nun einmal Ruhe und Komfort verdient zu haben, uns mit dem Erreichten zu genügsam begnügt und so ein falsches Beispiel gegeben?«

Wenn diese Fragen weiter verdrängt würden, so der Professor, dann führe das unweigerlich »zum eigenen Schaden«.

Die meisten Genossen in Partei und Staatsführung verdrängen lieber, sie möchten sich die unzufriedenen Geister vom Halse schaffen. Doch so einfach geht das nicht mehr. Die Wertekrise trifft die gesamte Gesellschaft, sie hat unterschiedliche Auswirkungen: Ausreiseanträge, Alkoholismus, Aussteiger.

Sie ergreift immer mehr Leute: Daß der Staat sich exemplarisch einzelne Übeltäter herausgreift, sie verhaftet oder abschiebt, das hält die Jugendlichen immer weniger davon ab, dennoch aktiv zu werden. Der Rückgriff auf Repressionen wie in den fünfziger oder sechziger Jahren taugt nicht mehr: Die Abschreckung hat auch hier als Mittel der Politik längst versagt.

Selbst die offizielle Kunst der DDR entzieht sich zunehmend den ideologischen Vorgaben der Partei. Die große »Kunstausstellung der DDR«, die alle fünf Jahre in Dresden die heile Welt des Sozialismus und die Einheit von bildenden Künstlern und SED demonstrieren soll, zeigte bei ihrer IX. Auflage 1983 eine andere DDR. »Ganz schön kaputt sieht das ja alles aus«, kommentierten irritierte Besucher spontan nach einem Rundgang durch die Werkschau.

Statt der gewohnten Strahlebilder vom frohen Schaffen der Arbeiterklasse und vom unaufhaltsamen Fortgang des realen Sozialismus im eigenen Land diesmal echter Realismus selbst von arrivierten Staatskünstlern: Anklage gegen Einsamkeit, Entfremdung und eine verschandelte Umwelt.

»Ende des (Fernseh-)Abendprogramms« nennt Bernhard Heisig, einer der auch im Westen anerkannten Stars der DDR-Malerei, ein Bild, auf dem es von Unrat nur so wimmelt: »Schlafen Sie wohl!« droht den Betrachtern ein weit aufgerissener Mund, eher an einen Angstschrei erinnernd. Krieg, Umweltverschmutzung, Alkoholismus tauchen schemenhaft symbolisiert auf. Fröhliches _(Oben: vor seinem Bild »Die ) _(Beharrlichkeit des Vergessens«; ) _(unten: Gemälde von Ellena Olsen »Das ) _(große Hochzeitsmahl«. )

Theaterpublikum, zum Tanz aufspielende Musiker - im Hintergrund droht als zivilisationskritisches Mahnmal der Turm von Babylon - alles in allem eine Stimmung getreu der Liedzeile von Udo Lindenberg: »Immer heiter und vergnügt, bis der Arsch im Sarge liegt.«

Joachim Scholz, Jahrgang 1934, der bislang streng nach SED-Einheitslinie malte, zeigt vor dem Hintergrund von Fertigbau-Häusern einen teilweise abgerissenen Altbau, in dem eine alte Frau sitzt und vor sich hin starrt.

Sterbende Wälder und kranke Fische, triste Industrieanlagen und öde Stadtlandschaften immer wieder - Motive, die 30 Jahre lang verpönt waren. Nicht einmal die Freizeit ist mehr, was sie im Sozialismus mal war: Statt fröhlicher Gäste sind auf den Bildern von Ulrich Hachulla und Ellena Olsen nur saufende und fressende Gestalten beim Festbankett zu sehen.

Im Dresdner Ausstellungskatalog kommentiert Helga Möbius die kritisch-realistische Künstler-Optik: »Die bedingungslose Herrschaft rationaler Erkenntnis und Weltanschauung, das vernunftmäßige Durchorganisieren aller Lebensvorgänge vom Großen bis zum Kleinen ist eines der wichtigsten Ziele ... Das zieht aber ein verstärktes Bedürfnis nach sich, auch Spontaneität und Phantasie, Sinnlichkeit und existentielle Sinnfragen ebenso intensiv zu entwickeln.«

In dieser Erkenntnis treffen sich die Überlegungen der Berliner Kunstwissenschaftlerin mit dem Interesse der Punks vom Prenzlauer Berg und mit den Grübeleien des Uni-Professors. Sie ist nur konsequenter als der, wenn sie feststellt, daß man mit diesen nichtmateriellen Bedürfnissen des Individuums eben umzugehen lernen muß, und anschließend formuliert: »All diese Probleme können produktiv sein und müssen es eigentlich, da Entwicklung ohne den Antrieb der Widersprüche nicht stattfindet.«

Das könnte sich jeder Jugendfunktionär, jeder Städteplaner und jeder Lehrer in der DDR über den Schreibtisch hängen. Etliche denken wohl auch so - die Fachzeitschriften der Pädagogen, der Architekten, der Psychologen und der Kulturwissenschaftler sind voll von Klagen über technokratische Verplanung und »Keine Experimente«-Mentalität.

Jene Minderheit der DDR-Gesellschaft freilich, die den Ausbruch aus der Konformität kompromißlos versucht, kommt weder auf Kunstausstellungen noch bei den Kulturkritikern vor: Die Szene trifft sich in Privatwohnungen, Kellern oder Dachkammern zur Vernissage - zur Kenntnis genommen nur von der allzeit bereiten Staatssicherheit.

Im kulturellen Untergrund reden die Gäste so: »Ich sehe einen Haufen vom Staat gestützter Maler, ich sehe sie gelangweilt Programme absolvieren, ich sehe einen Standard, der sich so erhält. Ich sehe, wie sie sich sozialisieren für den Ohrring einer Ideologie.«

Die Zeiten, in denen man bei ungarischem Rotwein existentialistisch fröstelte, sind vorbei, also geht die Künstlerrede weiter: »Dieses monochrome gutfunktionierende Wesen wird in uns nach Bildern verlangen, nach Farben. Wir werden uns an die Grenze des Kitsches bewegen, um dieses Grau zu beleben.«

Und: »Ich weiß nicht, was Gesellschaft braucht, vielmehr was ich brauche und meine Freunde, denn wir leben und spiegeln diese Gesellschaft wider.«

Einige der Bilder, die auf einer solchen Ausstellung gezeigt werden, sind Produkte mehrerer Maler oder von Malern und Literaten. Der wilde Pinsel und der krakelnde Stift toben sich aus. Archaische Zeichen tauchen auf und Kritzeleien wie aus Marxens Exzerptheft oder von Mutterns Einkaufszettel.

Der Hunger nach »Spontaneität und Phantasie«, den Helga Möbius in Dresden beobachtete, ist bei diesen Parias des offiziellen DDR-Kulturbetriebs zur Gier angewachsen. _____« ich weiß keine weltanschauung keine fernfahrkarte » _____« oder weiteres ding worauf mehr als der preis geschrieben » _____« steht ich habe außer meiner sprache keine mittel meine » _____« sprache zu verlassen. »

So leitet der Ost-Berliner Lyriker Sascha Anderson seinen Gedichtband »Jeder Satellit hat einen Killersatelliten« ein, der 1982 in West-Berlin erschien. Junge Lyriker und Maler wie Anderson, Bert Papenfuß, Uwe Kolbe und Ralf Kerbach drücken den Kulturriß in der DDR aus, für dessen eine Seite sie selbst stehen.

Dieser Riß verläuft nicht zwischen Lübeck und Hof: _____« geh über die grenze auf der anderen seite steht ein » _____« mann und sagt: geh über die grenze ... »

Anderson wiederholt das, macht eine Endlosgeschichte daraus. Zusammen mit Kerbach reiste er 1982 durch die DDR, im Dezember ging Anderson noch einmal allein auf Winterreise, zusammen »mehr als 7000 Kilometer«.

Die Risse spürten die beiden in der eigenen Republik auf, jenseits der Westgrenze steht schließlich der uninteressante Doppelgänger »und sagt: geh über die grenze«.

Nicht das, was dahinter kommt, scheint die neuen Wilden der DDR-Poesie zu interessieren, sondern einfach das, was sie vor sich sehen und das sie am Weitergehen hindert: Die Grenze ein »erleuchtendes zeichen«, die Grenzer, die da »paarweise im sperrgebiet hocken« und am Sonntag den Gästen der

Harzquerbahn zuwinken, deutsche Geschichte »ineinandergekrallt«.

Resümee dieser Harzreise, bei der Heinrich Heine den Reiseführer abgab: _____« zwischen den dörfern elend und sorge vergällts mir » _____« die dichterei ganz die wirklichen grenzen bewirken nur » _____« einen hängenden schwanz. »

Ständig stolpern die Reisenden über Torsi aus der jüngeren deutschen Geschichte. Im Oderbruch stoßen sie auf farnüberwucherte Statuen aus der Hitlerzeit und auf Ribbentrops Putzfrau. In der Lausitz sind sie Zeugen einer industriellen Flurbereinigung. Bagger tragen den Galgenberg ab, ein tausend Jahre altes sorbisches Grabfeld.

Andersons Reiselyrik mündet in ein Manifest des Ausstiegs aus der fremden eigenen Geschichte: _____« Wenn ich nicht jedes verhältnis zur heimat verloren » _____« hätte, wenn ich die natur, die sich mit vulkanisch toten » _____« zeichen aus der sandsteindecke dieser landschaft » _____« errichtet hat, spürte, als stärke, die das herz, von mehr » _____« als dem schnellen aufstieg schwerer schlagen ließe, ich » _____« würde preisen die ruinen und türme, die kreuze und » _____« kreuzwege, namen und mengen, die der deutsche pflegt und » _____« fraktur-beschriftet an jedem punkt von einhundert metern » _____« überm spiegel des meeres. »

Der etablierten Literaturwissenschaft der DDR paßt so etwas nicht. Es sind nur wenige, wie Franz Fühmann mit seinem Nachwort für einen Gedichtband von Uwe Kolbe, die dem Neuen verständnisvoll zu begegnen versuchen.

Eher typisch ist ein Verriß in der »Neuen Deutschen Literatur«, in dem der Literaturwissenschaftler Klaus Jarmatz den unangepaßten Außenseitern nach bewährtem Kritikraster Individualismus und Abkehr von der Gesellschaft vorwirft. Gewisse junge Autoren, beklagt Jarmatz, »strapazieren« allzugern die »Risse« in der sozialistischen Gesellschaft. »Betroffene Befindlichkeit« einzelner werde ausgebreitet, »Selbstverwirklichung außerhalb der wirklichen Welt« angestrebt. Alles bleibe so »seltsam unbestimmt«.

Den kühlen Charme der Unbekümmertheit, der die »gewissen jungen Autoren« prägt, nimmt Jarmatz so wenig zur Kenntnis wie die meisten Literaturkritiker der DDR. Er paßt nicht in ihr sozialistisches Kunstklischee.

Diese Unbekümmertheit unterscheidet die Neuen von ihren älteren Vorbildern, etwa von Volker Braun oder Wolf Biermann. Sie gehen mit einer naiven Unverfrorenheit auf ihre nächste wie fernere Umwelt los, bei der manchem Älterem der Atem stockt. Die heute 20bis 30jährigen haben ein anderes Verhältnis zu ihrer Gesellschaft und zur Geschichte der DDR. Sie sind »hineingeboren« (Uwe Kolbe) und müssen sich nicht mehr mit der Frage plagen, ob sie denn nun 1945 oder 1952 oder 1961 die Weichen falsch gestellt hätten.

Es ist schon vertrackt, wie die SED ihr Erziehungsziel - die Identifizierung mit der DDR - bei diesen im Sozialismus Geborenen und Aufgewachsenen erreicht hat. Da drucken die Kulturbürokraten doch lieber Westliteratur nach, halten Schiller und Goethe in Ehren und rehabilitieren die ehedem reaktionäre Bagage: Luther, Bismarck, Karl May und demnächst auch Nietzsche.

Diese Reaktion bestärkt nur die Gegen-Literatur. Mit der »Beat-Generation« der fünfziger Jahre vergleicht Günter Erbe (FU Berlin) in einer literatursoziologischen Untersuchung die Lyrik Andersons, Kolbes und anderer junger DDR-Autoren. Die damalige Haltung »harter Passivität und neu gerichteter, gespannter Aktivität« (der West-Berliner Literaturprofessor Walter Höllerer) findet Erbe in ähnlicher Weise bei den jungen Ost-Berliner Dichtern.

Sie verstehen sich nicht mehr als Schriftsteller mit sozialistischem Anspruch, sondern, ganz klassisch, als Dichter. Uwe Kolbe: »Meine Generation hat die Hände im Schoß, was engagiertes Handeln betrifft.«

Und: »Ich kann noch weitergehen und sagen, daß diese Generation völlig verunsichert ist, weder richtiges Heimischsein hier noch das Vorhandensein von Alternativen anderswo empfindet.«

Diese Sätze druckte 1979 die DDR-Zeitschrift »Weimarer Beiträge« im Rahmen einer Umfrage unter jungen Autoren.

Andere sind näher an der Politik. Der 31jährige Lutz Rathenow zum Beispiel. Er lebt in Ost-Berlin. Seine deutsche Kritik am Militarismus weist ihn als den zeitgemäßen Typ des politischen Schriftstellers aus. Rathenow nutzt die Gelegenheit, bei kirchlichen Friedensveranstaltungen zu sprechen. Dort trägt er dann Texte vor wie seine »Gedanken über Schranken beim Thema Frieden«.

Spielzeugpanzer, zynische Sprüche von Unteroffizieren, die selbstbetrügerischen Zivilschutzübungen und der Bastelbogen für Kinder »Manöverspiel« sind das Material seiner »Gedanken«. Optimismus definiert Rathenow als »Glauben, daß der nächste Krieg noch nicht der letzte ist«. Das ist die Sprache der christlichen oder auch nicht-gläubigen Pazifisten.

Am 13. Mai 1983 sollte in der Nähe von Rostock ein politisches Experiment stattfinden. Das Friedensseminar in Kessin hatte zur Podiumsdiskussion geladen: den DDR-Friedensrat, die Rostocker

FDJ, zwei Naturwissenschaftler, einen Kirchenmann, Landesbischof Heinrich Rathke und Lutz Rathenow. Den Veranstaltern lag viel am Gespräch mit FDJ und offiziellem Friedensrat. Um so bemerkenswerter, daß sie auch Rathenow geladen hatten, der auf der Stasi-Liste mißliebiger DDR-Bürger weit oben steht.

Das Kessiner Experiment scheiterte halb: FDJ und Friedensrat kniffen schließlich trotz Zusage, den SED-Standpunkt vertraten die zwei Naturwissenschaftler. Rathenow las aus seinen Texten, die in der DDR nicht gedruckt werden dürfen.

Zwischen Lutz Rathenow und Sascha Anderson scheinen Welten zu liegen: Pazifismus und Boheme, Engagement und Avantgarde. Die Ost-Berliner Szene läßt jedoch solche Gegensätze nicht allzu schroff geraten.

Es sind dieselben Feten, bei denen man sich trifft und bespricht, dieselben Viertel, in denen man lebt, dieselben Knüppel, die dem Outsider zwischen die Beine geworfen werden.

Die gemeinsame Alltagswirklichkeit erfahren Bohemiens wie Aktivisten in Ost-Berlin vor allem im Stadtbezirk Prenzlauer Berg. »Diplomatenkuh« keift in Plenzdorfs neuem Film eine Göre die andere an, und die kontert: »Prenzlauer-Berg-Zicke!« In der DDR-Provinz reden die Bürger über diesen Stadtteil etwa so wie fränkische Dörfler über das West-Berliner Kreuzberg mit seinen Aussteigern und Türken. In den vergammelten Häuserblocks am Prenzlauer Berg hält sich die Creme der Ost-Szene, der Miefquirl von Honnis durchzugsarmer Republik.

Rathenow schildert die Arbeit einer Laientheatergruppe, die sich seit einem Jahr einmal pro Woche in einem Jugendklub am Prenzlauer Berg trifft. Ziel: »So etwas wie Theater zu proben, mit dem einmal auf Hinterhöfen aufgetreten werden soll.« Happenings, Aktionstheater, Straßentheater hieß so etwas einmal im Westen. Rathenow nennt es »Gedichtsinszenierung«, den Versuch, »Lyrik in ein anderes Medium zu bringen« oder »Hofgeschrei«.

Initiativen dieser Art sind zahlreich. Für kirchliche Jugendveranstaltungen proben überall in der Republik Dutzende Theater- und Musikgruppen. Ihre Themen kreisen meist um das Doppelleben zwischen Schule, Beruf und privater Welt.

Bei den Bluesmessen des evangelischen Jugendpfarrers Rainer Eppelmann im Ost-Berliner Stadtteil Friedrichshain wird dieser Konflikt in seinen alltäglichen Varianten durchgespielt. »Lustlosigkeit« hieß im vergangenen Jahr das Leitwort. Auf der Bühne stand die Attrappe einer im Frust zerdepperten Telephonzelle.

Beim Rostocker Kirchentag im Juni inszenierte eine junge Theatergruppe die Erfahrung von Mißtrauen und Anpassung in der Öffentlichkeit. Ein dickes Textheft voller Spielszenen war ihnen dazu eingefallen, nur einen Bruchteil davon konnten sie durchspielen.

Theater als Kommunikationsform - nicht nur christliche Jugendgruppen und Hippies in Hinterhöfen am Prenzlauer Berg haben dieses Medium entdeckt. Auch Profis sind auf den Geschmack gekommen.

Ost-Berlin, 30. Januar 1983. Im Palast der Republik läuft der dritte Abend des »Rock für den Frieden«-Spektakels. Veranstalter sind die FDJ, der Kulturbund _(Brecht-Schauspieler Ekkehard Schall ) _((l.), Chansonette Gisela May (2. v. r.); ) _(im Restaurant des Ost-Berliner ) _(Brecht-Hauses. )

und das Komitee für Unterhaltungskunst.

Anders als in den Jahren zuvor hat das DDR-Komitee für Unterhaltungskunst diesmal fast alle Etagen und Räume des Palastes für die dreitägige Session gechartert. Raum für jede Menge Selbstdarstellung: Plakate und Postkarten, auf denen - höflich, aber bestimmt - grüne Kritik artikuliert wird. Ein Graphikstand junger Künstler. Punker tummeln sich leibhaftig im Gedränge. Einträchtig kauen Punkpärchen am Palastimbiß in der vierten Etage Käseschnitten neben FDJ-Blauhemden und den Herren von der Palastwache.

Unten im Foyer falzen und beschriften derweil Jugendliche kleine Papierkraniche, um sie auf einen großen Pappglobus zu heften. Im Handumdrehen gerät der Kranichschwarm zum politischen Stillleben: Jeder kritzelt sein Bekenntnis auf die Papierflügel, die er auf die Weltkugel heftet. Vom strammen »Ich geh'' zur NVA!« bis zum soften »Make love, not war - John Lennon« findet sich alles. Auch die Parolen der vom Regime verfemten nichtstaatlichen Friedensbewegung: »Schwerter zu Pflugscharen«, »Frieden schaffen ohne Waffen«.

Das Treiben flaut ab, als die Stars des Abends angekündigt werden. Die Rockgruppe »Pankow« ist darunter. Die fünf haben sich zum heutigen 50. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung was Besonderes einfallen lassen. Im vollen großen Saal - er faßt 3000 - ist es dunkel. Bloß einer steht im Scheinwerferlicht: Andre Herzberg, Sänger der Gruppe, jüdischer Herkunft und angetreten zum Strip verkehrt.

Fast nackt ist er auf der Bühne erschienen und zieht sich jetzt unter vereinzelten Pfiffen des Publikums eine komplette deutsche Wehrmachtsuniform an. Inklusive Sturmgewehr und Stahlhelm. Die dreitausend im Dunkeln sieht man nicht, man hört nur ab und zu ihre Mißfallensäußerungen. Sie sind offenbar irritiert.

Dieses Gefühl verstärkt sich noch, als Herzberg zu reden beginnt. Er spielt den arbeitslosen Hitler-Wähler, den kleinen Mann, der auf SA und neue Ordnung baut. Dann setzt die Musik der Gruppe ein, das Licht geht an. »Komm aus''m Arsch!« lautet der Refrain, den Herzberg zu einem harten, schnellen Rhythmus herausschreit, tanzend in der deutschen Landsermontur.

Die Kombination von harter Rockmusik mit Punk-Accessoires, Alltagsrealismus in den Texten und Theaterelementen provoziert. Ob der Landser-Auftritt stattfinden konnte, war »bis kurz vorher unklar«, sagt einer der Organisatoren.

Selbst das Standardthema politischer DDR-Erziehung, der Faschismus, hat seine Reibungsflächen. Die Jungen wollen, wenn sie darüber sprechen, über Autoritäts- und Militärliebe in Deutschland nicht schweigen. »Seht her, deutsche Wertarbeit!« schreit der »Pankow«-Sänger und zeigt auf seine Wehrmachtsstiefel und »Ordnung muß wieder her in Deutschland!«

Kapitalismus führt zum Faschismus? Autoritäres Denken führt zum Faschismus? Kritische DDR-Bürger zeigen Besuchern aus dem Westen oft ein Buch aus dem Leipziger Reclam-Verlag: »LTI« (Lingua Tertii Imperii / Sprache des Dritten Reiches), Aufzeichnungen über die sprachlichen und alltäglichen Details der Hitlerzeit, erschienen 1947.

Der Autor Victor Klemperer über den Gebrauch des Wortes »historisch« durch die Nazis: »Historisch ist jede Rede, die der Führer hält, und wenn er hundertmal dasselbe sagt, historisch ist jede Zusammenkunft des Führers mit dem Duce, auch wenn sie gar nichts an den bestehenden Verhältnissen ändert ... historisch ist jedes Erntedankfest, historisch jeder Parteitag, historisch jeder Feiertag jeglicher Art.«

Kaum ein DDR-Jugendlicher, der dieses Buch verschlungen hat, würde Rot gleich Braun setzen. Aber daß ihre Lehrer beim Stichwort Faschismus das autoritäre Erbe der Deutschen außen vor lassen und immer bloß von den monopolistischen Geldgebern reden, das stinkt ihnen. Dem Hallenser Punker, der »das Deutschsein« haßt, dem Rocksänger, der anders darüber redet als in der Schule üblich, dem Lyriker, der sich von deutscher Tradition absetzt.

Wo diese Tradition öffentlich verdrängt wird, kann es mitunter skurril werden. Bei der Leipziger Dokumentarfilmwoche im November 1981 disputierten Filmemacher und SED-Kulturfunktionäre über einen westdeutschen Film zum Thema Neonazis. In der Debatte unterlief einem Diskutanten der Satz: »Und als dann in der BRD der Faschismus errichtet wurde ...«

Natürlich war die Weimarer Republik gemeint, aber weder stockte der Redner mitten im Satz, noch bemerkte irgend jemand in der Runde die Fehlleistung.

Im nächsten Heft

Kirchliche und autonome Friedensgruppen in der DDR - Die SED-Führung reagiert unsicher - Kontakte zwischen Pazifisten (Ost) und Pazifisten (West)

Links und oben: in Bitterfeld; unten: im Erzgebirge.Oben: in Gotha; unten: Ost-Berliner Viertel Marzahn.Oben: vor seinem Bild »Die Beharrlichkeit des Vergessens«;unten: Gemälde von Ellena Olsen »Das große Hochzeitsmahl«.Brecht-Schauspieler Ekkehard Schall (l.), Chansonette Gisela May (2.v. r.); im Restaurant des Ost-Berliner Brecht-Hauses.

P. Wensierski, W. Büscher
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