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Großstädte »Ganz schön übermütig!«

Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 42/1993

Es gibt Tage in diesem für ihn auch politisch trüben Herbst, an denen sich Andreas von Schoeler, Frankfurts Oberbürgermeister, früherer Erfahrungen erinnert. Alte Bilder werden wieder lebendig, die ihm noch aus dem schmerzlichen Wendejahr '82 erhalten geblieben sind. Da endete seine Karriere als FDP-Jungstar.

Hatte er nicht auch seinerzeit um eine große Sache, die sozialliberale Koalition, gekämpft, obschon ihm deren Untergang längst als unvermeidlich erschienen war? In Stunden der Anfechtung bedrückt ihn »das möglicherweise Analoge«, das er in seiner gegenwärtigen Lage erkennt.

In Frankfurt steht der 45jährige Jurist, der nach dem Bonner Umschwung zur SPD überwechselte, einem Rot-Grün-Bündnis vor - eine kaum noch lösbare Aufgabe. Was soll er sich vormachen, seit es ihm im September sogar die eigene Partei verwehrte, einen neuen, den Ökos angehörenden Umweltdezernenten in der Stadtverordnetenversammlung durchzusetzen.

Spätestens nach diesem »Putsch in der SPD-Fraktion«, wie es der grüne Oberrealo Daniel Cohn-Bendit ziemlich robust auf den Punkt bringt, schwebt nun wieder das »Gespenst« der Unregierbarkeit (Handelsblatt) über dem Römer genannten Rathaus. »Schoeler am Boden«, meldet die genüßlich stichelnde Frankfurter Allgemeine, und der schwer gebeutelte »OB« ist gewiß nicht ganz schuldlos an solchem Catcherstil.

Statt das Malheur herunterzuspielen, hatte der ansonsten gepflegt auftretende Adelsherr mächtig draufgedroschen, indem er die im Schutz der Wahlkabine zündelnden vier Saboteure schlicht als »Schweine« an den Pranger stellte. Das kam zwar vor allem von Herzen, gilt unter Polit-Profis indessen als Nervenschwäche.

Parallelen zu Volker Hauff deuten sich an, Schoelers Vorgänger, der vor gut zweieinhalb Jahren greinend die Flucht ergriff - aber wo ist der Ausweg? Liegt das Heil jetzt in einer Großen Koalition, wie es die Heckenschützen offenbar zu erzwingen beabsichtigen? Weder besitzen die auf 32 Prozent geschrumpften Sozis die innere Kraft dazu noch die kaum stärkeren Unionschristen.

So bleibt denn den Frankfurtern bis auf weiteres nichts anderes übrig, als sich an den Gedanken einer fortdauernd maroden Rot-Grün-Verbindung zu gewöhnen - und mehr: An den Schalthebeln des Stadtkämmerers sitzt mit dem 49jährigen Tom Koenigs ein ausgeprägter Alternativer, ehedem Revolutionsromantiker. Der soll die in der Bundesrepublik gewaltigste kommunale Schuldenlast von acht Milliarden Mark abtragen helfen.

Läßt sich der schleichend tiefgreifende Wandel hierzulande besser belegen als am Beispiel eines vermeintlich notorischen Außenseiters, dem um der schwierigen Mehrheitsbildung willen eine Schlüsselposition eingeräumt werden mußte? Irritierender gesellschaftlicher Mikrokosmos Frankfurt: Dort hantiert seit Monaten ein Großbürgersohn in der deutschen Finanzmetropole mit den kargen Steuergeldern, der einst sein Millionenerbe dem Vietcong auslieferte.

Aber das ist ja nur der eine und weniger wichtige Aspekt eines von der Bild-Zeitung als »Sensation und unglaublich« beschriebenen Vorgangs. Schwerer wiegt, daß sich mit diesem feingeistigen Umsteiger, Übersetzer etwa des Dichter-Heroen Gabriel Garcia Marquez, eine erstaunliche Neuorientierung seiner Partei verknüpft. Öko-Freaks und Spontis auf dem Trip zur verschärften Realpolitik.

Kaum eine Woche verstreicht seither in Koenigs Büro vis-a-vis der historischen Paulskirche, in der sich der Sproß einer Bankerfamilie nicht seiner Wurzeln erinnert, um mit immer neuen Knüllern aufzuwarten. Über dem problematischen 94er Haushalt brütend ("Ich habe dicke Bücher gern"), schmeichelt er nun dem Hochadel der ihn umgebenden Finanzwelt.

Zu seinen Dialogpartnern zählt der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, der ihm auf Kosten des mächtigsten deutschen Kreditinstituts einen Experten zur Seite gestellt hat. »Der Cash-flow muß in Ordnung gebracht werden«, erläutert der Kämmerer in dem für ihn typischen leisen Plauderton.

Um den auf 14 Prozent gekletterten Grünen »nicht allein die weichen Themen zu überlassen«, hatte von Schoeler das Amt ziemlich widerstandslos abgetreten - eine von Anbeginn waghalsige Entscheidung. Denn sosehr es seiner SPD einerseits durchaus zupaß kommt, den Partner auch in die nötigen Grausamkeiten einzubinden, nagt der Deal am Selbstwertgefühl.

Die Genossen leiden. Auf einem nach der verpatzten Dezernentenwahl eigens einberufenen Sonderparteitag wird dem Stadtregenten zwar die geforderte Rückenstärkung zuteil, aber der Beistand wirkt flau. Man möge »das Vorkommnis tiefer hängen«, rät der Altbürgermeister Rudi Arndt absichtsvoll uninspiriert. Blieben »die Kräfteverhältnisse, wie sie sind«, setzt der Wortführer der Linken, Dieter Dehm, den tristen Kontrapunkt, »ist das eine ausweglose Situation«.

Einander argwöhnisch fixierend wie immer, betrauern da im Preungesheimer Haus Ronneburg »Traditionalisten« und »Modernisierer« ihren synchron verlaufenden Bedeutungsverlust - Resultat auch einer wachsenden Dickfelligkeit des kleineren Teilhabers an der Macht. Hatte nicht gerade jener Tom Koenigs das grobschlächtige Bild vom »Seniorpartner mit Schlaganfall« unter die Leute gebracht? Das tut weh.

Natürlich entschuldigte er sich; aber die Lust am Piesacken ist dem selbstbewußten Kämmerer kaum auszutreiben. Im Flüsterton geht im Magistrat die Story von seinem Antrittsbesuch beim greisen Finanzmanager Hermann Josef Abs um, dem zur Legende gewordenen Vertrauensmann Konrad Adenauers. Auch ein anderer Großer aus dem Frankfurter Bankwesen, der ehemalige BfG-Chef und heutige Ehrenvorsitzende der SPD, Walter Hesselbach, belobigt des Grünen »Fachwissen«. Doch bei ihm war er bisher noch nicht.

Es sind für sich genommen keine dramatischen Begebenheiten, die in der einst unangefochtenen roten Hochburg peu a peu das Klima verändern. Vordergründig betrachtet, mag es ein Ausweis urbaner Weltläufigkeit sein, wenn sich etwa Joschka Fischer in Johnny Klinkes Variete-Theater Tigerpalast (frühere Streetfighter unter sich) mit dem FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg auf das angenehmste austauscht.

Aber wer denkt noch so arglos? Scheinbar beiläufig teilt der Oberbürgermeister mit, der für das Lokale der Zeitung zuständige Journalist sei »der wahre Oppositionsführer in unserer Stadt«. Hingebungsvoll blies der schneidige Blattmacher Schoelers Schweine-Spruch fast zur Staatsaffäre hoch. Und das bei bemerkenswerter Schonung der Grünen, die womöglich selbst einen Verräter in ihren Reihen hatten.

Frankfurt, das sich bei allen Rückschlägen gern seiner gesellschaftlichen Vorreiterfunktion rühmt, auf der Suche. Nachdem die FDP aus dem Kräftespiel verschwunden ist (und die Reps sich auszubreiten beginnen), heißt das Schlüsselwort der diffus-umtriebigen Avantgarde »Kreativität«. Um dem »Zukunftsmilieu« gerecht zu werden, so erörtert der »Multi-Kulti«-Dezernent Cohn-Bendit seine Lieblingsidee, bedürfe es notfalls einer »überparteilichen Sachkoalition«.

Die SPD vernimmt es zerknirscht. »Ganz schön übermütig!« ruft die Delegierte Helga Dierichs im Haus Ronneburg dem Juniorpartner zu. Aus der Warte der verunsicherten Sozialdemokraten gesehen, haben die in gediegenen Berufen emporgekommenen Stichwortgeber des ehedem »Revolutionären Kampfes« gut reden. Es ist ja nicht ihre Klientel - etwa aus dem verelendeten Gallusviertel oder Fechenheim -, die sich in Scharen den Radikalen zuwendet.

Den Genossen läuft im buchstäblichen Sinne des Wortes die Zeit davon. Jahre hatte es gedauert, ehe es dem damaligen Unterbezirkschef Martin Wentz wenigstens in Ansätzen gelang, seiner widerstrebenden Partei die Bedeutung der Dienstleistungsgesellschaft nahezubringen. Es galt, die »offenen, beweglichen Bürgerschichten« zu bedienen - und nicht mehr bloß den sprichwörtlich kleinen Mann, der in die Minderheit geraten war.

Das hat sich jetzt im Gefolge der deutschen Einheit gründlich geändert. Hinter Frankfurts Glitzerfassaden keimt die neue Armut, und in der SPD bricht der alte Zielkonflikt auf. Wie kriegt sie es hin, angesichts eines ohnedies explodierenden Sozialetats, ihre wiederentdeckte »Schutzmacht«-Rolle glaubwürdig zu vertreten?

Solche Ratlosigkeit fördert das Extremverhalten - zum einen die wachsende Lust am Eklat wie zugleich die Neigung, sich im Anschluß daran bis hin zum Kotau zu entblößen. Er könne die Grünen »nur um Entschuldigung bitten«, entfährt es nach dem Abstimmungsdesaster dem SPD-Fraktionsvorsteher Günter Dürr.

Dem Parteifreund Wentz, der inzwischen zum Planungsdezernenten aufgestiegen ist, erscheint das »ziemlich psychopathologisch«. Während er die Leute um Dürr als »das größte Sicherheitsrisiko für den Magistrat« attackiert, erregt ihn aber in einem Atemzug auch der Bündnispartner. Mächtig wurmt den Sozi, wie es die Ökos fertigbringen, sich das Image der »Preußen in der Koalition« anzudichten.

Erfunden hat die Metapher der belesene Koenigs, und der im Hintergrund wuselnde Stratege Fischer variiert sie nach Bedarf. »In der Seilschaft zu bleiben«, geht ihm nicht zuletzt im Hinblick auf die Bundestagswahlen angeblich über alles. »Grüne Vertragstreue« will er, wenn es denn sein muß, »mit zusammengebissenen Zähnen« verteidigen.

Doch es mehren sich die Zweifel an soviel Stehvermögen. Gegenläufige Signale sorgen im Römer für Unruhe, die auf Arbeitsteilung schließen lassen. Mal gibt der hessische Umweltminister den Ton an, der dem »öko-sozialen Projekt« das Flair eines Modellfalls auch für Bonn zu bewahren behauptet - mal sein Intimus Cohn-Bendit, dem es gefällt, abrupt die Kurve zu nehmen: »Wir kommen an die Grenzen von Rot-Grün«, sagt er heftig bewegt, »weil die Sozialdemokraten Rot-Grün nicht mehr aushalten.«

Kann es da verwundern, daß die Unionschristen und allen voran deren Spitzenkandidatin bei den Kommunalwahlen im letzten März, Petra Roth, eifrig mitzudenken beginnen? Die Berührungsängste weichen. Animiert erzählt die 49jährige vormalige Arzthelferin von einer Begegnung im Wiesbadener Landtagsrestaurant - Tischherr Fischer -, die »nicht ohne Charme« verlief.

Schwarz-Grün, eine Farbkombination, die im Munde zu führen vor Jahresfrist noch als obszön empfunden worden wäre, verliert ihren Schrecken. Zwar gehört es noch zu den Tugenden der selbsternannten »Preußen«, den CDU-Scharfmachern um Fraktionschef Bernhard Mihm stramme Rechtslastigkeit vorzuwerfen, aber das sind Pflichtübungen. Kribbelnder wird es, wenn sich die Dame Roth stärker in Szene setzen sollte - »eine hochanständige, nette Frau«, findet Cohn-Bendit.

Und die liberale Konservative aus Bremen, die sich anno '69 noch für Willy Brandt entschied, gibt die Komplimente in Richtung Koenigs zurück. Beeindruckt sieht sie in ihm einen »beinharten, zu seinen Überzeugungen stehenden Politiker«, dessen angekündigter Crash-Haushalt '94 ihren Beifall findet: »Da ist vieles von dem drin, was wir auch gedacht haben.«

So wäre der Etatentwurf, den der Kämmerer am Freitag dieser Woche seinem Magistrat präsentiert, bei der Opposition schon durch - und nur die SPD legt sich wieder in Teilen quer? Solche Prognosen mögen verfrüht sein, doch der Finanzchef kennt seine Widersacher: »Scheitere ich, scheitert auch der Herr von Schoeler.« Bei den drastisch weggebrochenen Gewerbesteuern werde er »allen schwer auf die Füße treten, und zwar über die Schmerzgrenze hinaus«.

Verwirrendes Frankfurt, in dem sich die Linien einer vielbeschworenen höheren Vernunft nur noch bedingt mit der jeweiligen Parteizugehörigkeit zu decken scheinen: Steht nicht auch (und vielleicht noch überzeugender als andere) der bedrängte Oberbürgermeister in diesem Bündnis, das »Klarheit und Wahrheit« fordert?

Hatte von Schoeler nicht schon im Wahlkampf drakonische Sparmaßnahmen gepredigt und das mit einem Stimmenverlust von 8,1 Prozent bezahlt? So ist es gewesen; weshalb er den häufig zitierten »Frankfurter Verhältnissen« jetzt trotzig die Stirn bietet wie weiland seinem das Lager wechselnden Vorturner Hans-Dietrich Genscher. »Aus dem Amt kippen«, weiß der bis 1997 inthronisierte OB, »kann mich nur die SPD - die tut das nicht.«

Aber was hilft das dem fröhlichsten Kämpfer, wenn ihm spürbar die Fortüne abhanden zu kommen droht? Natürlich entgeht dem nicht, daß in seinem Rathaus politische Kräfte - schwarz-grüne - einander entgegenwachsen, und er sieht noch andere Merkwürdigkeiten: In Frankfurt nehme »die Sehnsucht nach einem Übervater wie dem Walter Wallmann« zu.

Walter Wallmann, 61, auf dem Lerchesberg wohnender Frühpensionär, der in seiner Regierungszeit (1977 bis 1986) häufig befehdet wurde, als die neue Hoffnung? Der habe der Stadt, sagt der »rote Danny« Cohn-Bendit ungerührt, »eine Lebensidentifikation gegeben«.

So ändert sich die Welt zwischen Hibbdebach und Dribbdebach, und sie lockt einen Christdemokraten aus der Reserve, der sich eigentlich geschworen hatte, den Seinen keine Ratschläge mehr zu erteilen.

»Gesetzt den Fall«, sagt Wallmann, »die Grünen, die ja in einer Reihe von Fragen Kurskorrekturen vorgenommen haben . . .«; gesetzt den Fall, die arbeiteten noch weiter an sich und gewönnen »die Fähigkeit zu aus der Sache begründeten Kompromissen . . .«

»Dann halte ich Kooperation bis hin zur Koalition zwischen Union und Grünen für möglich.« Y

»Grüne Vertragstreue mit zusammengebissenen Zähnen«

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